Im Namen Jesu, herzlich willkommen und herzlich willkommen jetzt zur Predigt. Wer von euch war denn vorgestern Abend hier, als die Liveband und der Chor von Adonir das Musical "Petrus" aufgeführt haben? Zeig doch einfach mal. Ja, also ganz viele von uns. Und für die, die nicht da waren: Es war rappelvoll. Und ich habe gedacht, wie gut es die Gemeindeleitung und auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für diesen Festmonat geschafft haben, einfach mal wieder eine große Veranstaltung zu wagen. Nicht weil Größe oder ein volles Haus automatisch gut oder mehr wert ist. Nein, ich dachte: Es ist gut, dass wir das mal wieder gemacht haben, weil es Mut macht zu sehen, Mensch, wir können das. Wir kriegen so eine Veranstaltung auch gut organisiert. Ja, wir haben den Spaß dran, die Freude dran und dann ist es ein gelungener Abend.
Denn umgekehrt: Wenn so eine Gemeinde wie unsere früher mal deutlich mehr Mitglieder hatte, die Gottesdienste sehr gut besucht waren, der Chor und die Musiker breit begabt, die Sonntagsschule voll und die Jugend groß – dann sehen wir, wenn wir in einer anderen Phase von Gemeindeleben sind, viel zu oft und viel zu schnell das halbleere Glas. Das ist dann alles, was früher mal war und was nicht mehr ist.
Und dieses Sicht aufs halbleere Glas der Vergangenheit: Das kann man nicht nur als Gemeinde machen, sondern auch in anderen Gruppen oder auch persönlich – man kann dieses halbleere Glas betrachten, wie toll doch früher mal das eigene Leben war oder jetzt eben nicht mehr ist. Aber entscheidend ist eben nicht die Schau auf das Vergangene, sondern was und wer Gott ist und wie er durch die Zeit uns gebracht hat und mit uns heute genauso ist.
Eine erste Beschreibung Gottes: Psalm 86,15. "Du aber, Herr Gott, bist barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue." Gott ist barmherzig, gnädig, geduldig, von großer Güte und Treue – wenn wir in der Blütezeit einer Gemeinde oder auch unseres eigenen Lebens uns empfinden. Er wird aber nicht auf einmal unbarmherzig, gnadenlos, ungeduldig, wenn wir durch Krisen gehen, egal ob das eine Gemeinde ist oder ob es persönliche Krisen sind. Er wird nicht auf einmal ungnädig, wenn es eine schwierige Phase in unserem Leben gibt oder wir Abschied nehmen müssen – auch vielleicht einfach durch alt werden von Dingen, die früher ganz selbstverständlich waren.
Gott bleibt immer derselbe, quer durch die Zeit und durch die Geschichte: er bleibt barmherzig, gnädig, geduldig, gütig, treu. Wer sich mal die Geschichte unserer Gemeinde anschaut, wird sehen, dass das kein stetes, kontinuierliches, immer fröhliches Auf war, sondern das war sehr gemischt – wie so eine Geschichte verläuft.
1878 gab es die erste Abendversammlung in der Wohnung. 1879 und 80 fünf Taufen in zwei Jahren. Und dann 1882, also ein paar Jahre später: Die Gemeinde hatte schon fast 100 Mitglieder. 1884 auch nicht weit weg – drei Sonntagsschulen mit 200 Kindern. Also ein fulminanter Anfang! Aber dann, so bis 1900, schrumpft das Ganze wieder leicht, so auf 80 Mitglieder.
Dann kommt der Grundstückskauf für die erste Kapelle – der Kapellenbau: Die Gemeinde wächst auf etwa 100 und ist 1909 auch fast pleite. Die Baptistengemeinde Frankfurt muss die Schulden übernehmen, das Grundstück und die Kapelle, um die Gemeinde pleite abzuwenden.
Und dann kommen die Krisen von außen: Es kommt der Erste Weltkrieg, es kommt die große Weltwirtschaftskrise, es kommt das Dritte Reich, der Zweite Weltkrieg – und die Gemeinde geht durch diese Zeit. Aber auch gebeutelt durch diese Zeit! Und wenn ich es richtig sehe: Sie wächst in dieser Zeit so ganz langsam, aber kontinuierlich immer ein bisschen trotz der schwierigen Umstände.
Und dann nach dem Kriegsende kommt eigentlich der Wachstumsschub – und zwar ganz stark einfach durch Geflüchtete und Vertriebene, die nach dem Krieg dann nach Wiesbaden kamen. Und die Gemeinde so in den 50ern steigt auf einmal auf 350 Mitglieder. In den nächsten 30 Jahren wächst das dann noch mal so auf die 400 – und in dieser Phase wird dann auch dieses Haus gebaut.
Also: Wenn man sich die Zeit unserer Gemeinde anschaut, dann ist es durchaus auch eine wilde Zeit – ein Auf und Ab mit inneren Krisen, mit äußeren Krisen, mit Wachstum, mit Widerschrumpfen, mit finanziellen Schwierigkeiten und dann wieder mit Lösungen von diesen Schwierigkeiten.
Wenn man so auf so eine Zeit zurückschaut: Was kann man dann sagen? Mensch, super Leistung unserer Gemeinde – was die da in diesen Jahrzehnten oder über 100 Jahre gelebt hat. Natürlich viel Treue von Menschen – aber das Entscheidende ist: Gott ist immer treu seinem Volk und auch dieser Gemeinde geblieben, trotz allem äußeren und inneren Krisen.
Egal ob die Gemeinde steil wuchs, ob sie mal wieder schrumpfte, ob sie langsam und stetig auf dem Weg war – ob die Finanzen äußerst schwierig waren: Gott ist immer dieser Gemeinde treu gewesen. Und drum denke ich: Gilt, wenn man auf so eine Zeit zurückschaut, in erster Linie sozusagen Gott – der Lobpreis.
Das zweite Wort aus 5. Mose 32: Das ist dieser Lobgesang von Mose. Da heißt es: "Den Namen des Herrn preise ich, gebt unserem Gott die Ehre. Er ist der Fels, vollkommen ist sein Tun, alle seine Wege sind recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm, gerecht und wahrhaftig ist er."
Als Mose dieses Lob anstimmt: Da steht er an der Grenze des verheißenen Landes. Aber was hat er hinter sich? Über 40 Jahre sozusagen eines wilden Kurses zwischen Wundern und massiven Krisen, zwischen Glaube und Unglaub.
40 Jahre Leiter eines oft extrem widerspenstigen Volkes – das überhaupt nicht wollte, wie Gott wollte zwischendrin – erst recht nicht, wie Mose wollte. Und dann steht er, als er dieses Loblied anstimmt: Er steht kurz vor seinem Tod – und er selbst wird dieses Land nicht mehr betreten.
Und trotzdem ist sozusagen sein geistliches Resümee oder sein geistliches Erbe, das er weitergibt: Gott preise ich. Er ist treu, gerecht, wahrhaftig. Und ich denke: Das ist ein gutes Resümee – auch für Gemeinde, Gemeinde Geschichte, auch für dieses Haus, wo wir uns darüber freuen.
Gott war und ist treu – egal ob wir Erweckung haben, ob wir schnell wachsen, ob wir nur stetig wachsen. Er ist treu, wenn wir Herausforderungen sind, wenn wir in Krisen sind, wenn alles irgendwie ganz zäh ist und wir innerlich und äußerlich das Gefühl haben: Das ist irgendwie wie ein Brei – egal wie wir drauf sind, individuell oder als Gemeinde.
Gott bleibt sich treu und er ist treu. Das hebräische Wort für Treue heißt "emet". Das kann Treue oder mit Wahrheit auch manchmal übersetzt werden – aber im Hebräischen ist "emet" im Sinne von Treue oder Wahrheit kein abgelöster, losgelöster intellektueller Begriff. Es ist ein Beziehungsbegriff.
Emet bezieht sich zum Beispiel auf Menschen: Und wenn die als emet beschrieben werden – dann heißt das sie sind zuverlässig, sie sind glaubwürdig in ihren Beziehungen und ihrem Charakter.
Und "emet" wird dann in einer anderen Form dieses Wortfeldes auch zum konkreten Handeln. Emen – da steckt dieses Wort wieder drin: Das heißt dann glauben und vertrauen – oder so übersetzen wir das ganz oft.
Gibt es eigentlich eine Treue ohne Gegenüber, ohne Beziehung zu jemand oder etwas? Also wäre ich zum Beispiel auf einer Insel gestrandet – könnte ich einfach nur die Eigenschaft treu haben, genauso wie Glatze oder blonde Haare oder was auch immer?
Ich würde sagen: Nein. Aus Mangel an Menschen könnte ich vielleicht Gott treu bleiben, vielleicht auch mir selbst – vielleicht könnte ich einem gestrandeten Gut als Ding die Treue halten und es benutzen. Aber Treue beschreibt immer sozusagen – mir ist kein besseres Wort eingefallen – ein Beziehungsgeschehen.
Das ist kein abstrakter intellektueller Begriff. Treue beschreibt immer was in einer Beziehung passiert und die biblische Treue, letztlich die beschreibt Gottes Treue: Sie prägt unser Inneres. Gottes Treue prägt, wie wir uns anderen gegenüber verhalten – und wiederum unsere Treue ist nicht nur etwas, was wir glauben oder für wahr halten, sondern es ist etwas, was wir handeln, was wir tun – was dann eben mit diesem Verb "glauben", "vertrauen": Wo wir auf Gottes Treue reagieren, auf seine Wahrhaftigkeit, auf seine Verlässlichkeit.
Früher war die Aussage: Du bist eine treue Seele. Ein Lob in puncto Beziehungsfähigkeit – speziell der Fähigkeit an der Beziehung festzuhalten, an jemanden.
In Kirchengemeinden, egal welcher Prägung, beinhaltete die Betitelung als "treues Gemeindemitglied" oft so was wie eine moralische Wertung. Und in Klammern unausgesprochen dahinter waren die nicht so treuen Gemeindemitglieder.
Heute: Ich habe überlegt – ich meine, ich bin ja selber oldschool. Aber heute glaube ich: Klingt Treue eher für viele Leute nach altbacken, langweilig – so Babyboomer-Generation wie ich und noch älter, oldschool.
Aber die Frage ist: Kann Treue langweilig oder altbacken oder oldschool sein, wenn es zutiefst Gottes Wesen beschreibt und die Art und Weise sozusagen, wie er Beziehungen lebt – und wie wir darauf reagieren?
Von Abraham wird gesagt: "Abraham glaubte dem Herrn." Wörtlich könnte man das auch übersetzen: "Abraham machte sich fest in Jave" oder auch "Abraham nahm seinen Stand in Jave ein."
Das heißt: Abraham hatte nicht nur irgendein intellektuelles Glaubensgebäude, sondern er machte die Verheißung Gottes zu seinem Lebensfundament – zur Grundlage, wie er handelte, wie er entschied.
Hier ist eben für "Glauben" wieder dieses Wort emett in einer anderen Form drin. Und dieses Wort kann neben Treue oder Wahrheit eben auch Stabilität, Verlässlichkeit, stabil, ausgeglichen, positioniert sein – auf einem festen Grund schreiben.
Deswegen: Wie hier auch wiedergegeben, schlägt ein Übersetzer vor, man kann "glauben" eben mit diesem sich festmachen in Gott oder einen Stand in Gott einnehmen übersetzen.
Und wenn man sich das mal so anschaut – was für ein treues Geschehen zwischen Gott und Abraham hier beschrieben wird: Dann ist das alles andere als langweilig oder old school. Abraham ist auf Gottes Verheißung ausgezogen, aus seiner Heimat – jetzt ist er alt, ohne Nachkommen – und Gott spricht ihm zu oder mutet ihm zu: "Seh in den Himmel, zähl die Sterne, kannst du sie zählen? So zahlreich sollen deine Nachkommen sein."
Das ist echt eine Zumutung, wenn man weit im Rentenalter nach unserem Verständnis ist. Aber Abraham lässt sich darauf ein – er lässt sich damit auf Gott ein, auf das, was Gott ihm sagt – und er macht es trotzdem zum Fundament, zur Hoffnung, zur Ausrichtung von seinem Leben.
Und wenn man diese Geschichte weiterverfolgt: Dieses treue Verhältnis ist in keinster Weise langweilig. Sondern eine Beziehung, die immer wieder auch im Neuen Testament als musterhaft beschrieben wird – wie Abraham und Gott miteinander waren.
Diese Linie der Treue zieht sich aber auch bis zu Jesus. In Offenbarung 3,14 heißt es: "Der Armen heißt, der treue und wahrhafte Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes." Unser "Armen" stammt übrigens auch aus dieser Wortfamilie emet.
Es ist auch etwas, das ist gewiss – das ist sicher: So ist es, so soll es sein. Und Jesus wird als der Treue und Wahrhafte – was er auch in diesem Wort schon drinsteckt – Zeuge bezeichnet.
Und auch wenn man mal hier schaut – was passiert denn in diesem Beziehungsgeschehen, das da zwischen Jesus, dem treuen Zeugen und der Gemeinde ist: Dann ist das wirklich auch nicht langweilig oder altbacken oder oldschool oder was auch immer.
Denn Jesus sagt in dieser Beziehung: "Ich kenne deine Werke – dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärst! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt werde ich dich ausspeien aus meinem Munde."
Aber obwohl das von ihm so angemahnt wird als Konsequenz: Passiert eben hier Treue. Es kommt nicht der Abbruch oder der Zerbruch der Beziehung als letztes – sondern die Einladung zur Umkehr, zur Erneuerung der Beziehung zu ihm.
Jesus sagt: "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun – zudem werde ich hineingehen, das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir."
Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen.
Also auch Jesus bleibt dieser Gemeinde treu – obwohl sie in einer Phase des lauwarmen war. Und Jesus sagte: "So kann es nicht weitergehen mit dir." Ich denke: Es lohnt sich ganz neu über dieses alte Wort "Treue" nachzudenken und zwar "Treue" als die Beschreibung von Beziehung.
Gott ist barmherzig, gnädig, geduldig, von großer Güte und Treue uns gegenüber – und wir sollen dadurch zuverlässig, glaubwürdig geprägt werden: In unseren Beziehungen, in unserem Charakter. Wir sollen sozusagen – weil Gott treu ist – können wir glaubend handeln, müssen wir uns nicht beschränken auf unsere Möglichkeiten, sondern dürfen vertrauen: Gott hat immer mehr Möglichkeiten als die, die wir sehen.
Wenn die Treue Gottes so aussieht – wie bei Abraham oder bei Jesus – dann könnte man mal grübeln: Wie könnte denn in so einer Gemeinde wie unserer sozusagen eine Kultur der Treue im Umgang miteinander, zwischenmenschlich, im Umgang mit der Gemeinde als etwas, was Reich Gottes als Leib baut – wie könnte denn diese Treue sozusagen neu aussehen?
Ich habe überlegt: In unserer Zeit, wo Dinge so irre schnell wechseln und sozusagen so ein riesiges Angebot von Möglichkeiten immer ist – könnte Treue sowas wie sozusagen eine Ausrichtung sein, die Frieden gibt, die Schwerpunkte gibt, die Dinge einfacher macht. Weil wir eben nicht dort und dort und dort und dort und dort und dort – sondern weil wir Schwerpunkte setzen in Beziehungen, wo wir diese Treue leben.
Zum Schluss als Frage für die Woche: Wenn unsere Treue Gottes Treue widerspiegelt und wenn es eine Beziehungsantwort auf Gottes Treue ist – was folgt daraus? Für dich persönlich, für uns oder auch für unsere Gemeinde – auch wenn es dort keinen Platz mehr hatte.
Also: Wenn unsere Treue Gottes Treue widerspiegelt, wenn es eine Beziehungsantwort auf Gottes Treue ist – was folgt daraus?
Und damit Amen.