50 Jahre Gemeindezentrum – das sind 50 Jahre Lebens- und Glaubensgeschichte, die Gott mit Menschen geschrieben hat. Wie viele Menschen werden in diesen 50 Jahren hier ein- und ausgegangen sein? Wie viele Menschen haben hier gelacht und sich gefreut? Wie viele Tränen sind geflossen – hier in den letzten 50 Jahren? Wie viele Gebete sind gesprochen worden? Wie viele Menschen haben Gottes Gegenwart erlebt, sein Wort gehört, ermutigt und gestärkt aus diesen Räumen wieder hinausgegangen in ihren Alltag?
50 Jahre Glaubens- und Lebensgeschichte – auf die man dankbar zurückblicken darf. Und so ein Jubiläum, das ihr schon einen Monat lang feiert, ist ja auch immer die Chance, einmal innezuhalten, einmal stehen zu bleiben aus dem Alltag, der sonst so hektisch und vielschichtig ist: einmal anzuhalten und zurückzuschauen auf das, was war – auf die Geschichte, die Gott mit euch hier in Wiesbaden geschrieben hat, mit jedem Einzelnen, mit euch als Gemeinde. Dankbar zu schauen, welche Segensspuren ausgegangen sind und wie Gott Menschen hier berührt hat.
Und gleichzeitig ist so ein Jubiläum nicht nur ein Punkt, wo man zurückschaut und die Vergangenheit verklärt – wie schön, wie toll und wie gut alles war. Vielleicht auch manchmal ein bisschen wehmütig zurückschaut: Wie das einmal alles war. So ein Jubiläum ist auch ein Punkt, eine Zäsur, wo man nach vorne schaut, wo man sagt: „Gott, wir wollen auch mit dir in die Zukunft gehen! Wir wollen nicht nur dankbar die Vergangenheit anschauen, sondern wollen mit dir in die Zukunft gehen. Mit dir Zukunft gestalten – mit dir Reich Gottes hier in Wiesbaden bauen.“
Und so wünschen wir euch als Landesverband, dass ihr diesen Blick dankbar zurück immer wieder habt und genauso mutig und hoffnungsvoll im Glauben nach vorne schaut: „Gott, was hast du mit uns vor? Wie willst du uns gebrauchen? Was ist unser Auftrag und unser Platz hier in dieser Stadt? Wo können wir Licht und Salz für die Menschen sein – zu denen du uns gesandt hast?“
Und ich möchte heute morgen in der Predigt ein bisschen mit euch nach vorne schauen, wie das geschehen kann. Wenn man so wie ihr jetzt aus einem Jubiläumsmonat kommt und viel gefeiert hat (was wir ja gerade eben noch mal gesehen haben – die verschiedenen Festivitäten), dann ist es so: dass einem das geistliche Leben in Gemeinschaft und beim Feiern oft recht leicht fällt. Also wenn man Gottesdienst feiert, sonntags morgens zusammen ist – und dazu noch mit einem Jubiläum verbunden ist man gut drauf – dann fällt es einem oft gar nicht so schwer, zu glauben und den Glauben in sein Herz aufzunehmen.
Aber wenn man dann wieder in den Alltag kommt: der Montag kommt, der Dienstag – und man begegnet wieder den vielen Menschen, die so herausfordernd sind. Die gar nicht so nett und lieb wie die meisten (zumindest in der Gemeinde) einem begegnen sind – dann wird das manchmal schwer. Das, was man am Sonntag noch so inständig geglaubt, gebetet, gehofft und gehört hat: dann im Alltag am Montag wieder umzusetzen.
Vor einigen Jahren lief in Deutschland und in der Schweiz eine interessante Initiative mit dem spannenden Namen „Glaube am Montag“. Aus unterschiedlichen Kirchen und Gemeinden hatten sich Menschen zusammengefunden, um eben genau diesen Gedanken auch lebendig zu machen: den Glauben über den Sonntag hinaus in den Alltag zu retten – und im Alltag zu leben. Denn wie gesagt: sonntags morgens im Gottesdienst zu sitzen und zu glauben, fällt einem oft nicht so schwer.
Dem einen begegnet Gott besonders in der Predigt, dem Hören auf sein Wort; er ist angesprochen – und es bewegt ihn von dem, was Gott ihm zeigt. Der andere erlebt vielleicht Gottes Gegenwart in den Liedern, im Lobpreis; er ist emotional berührt von dem, wie Gott in sein Leben hineinwirkt. Ein anderer spürt vielleicht beim Abendmahl ganz neu die Kraft Gottes – die spürbar und erlebbar wird im Gedächtnis an das, was Jesus für uns getan hat.
Und so gibt es die unterschiedlichen Begegnungen und Formen, wie wir den Glauben am Sonntag erleben. Und dann wird es manchmal herausfordernd am Montag.
Ich möchte uns mit hineinnehmen in einen Text, wo uns zwei Personen begegnen werden – die auf ganz unterschiedliche Art und Weise ihren Glauben gelebt haben und ihren Glauben gestaltet haben – und die ganz unterschiedliche Ausdrucksformen gefunden haben, wie ihr Glaube aussieht.
Ich möchte euch einige Verse vorlesen aus dem Markus-Evangelium, Kapitel 5: die Verse 21 bis 36. Markus-Evangelium, Kapitel 5, die Verse 21 bis 36. Dort heißt es:
„Jesus fuhr mit dem Boot wieder ans andere Ufer – wo sich bald eine große Menschenmenge um ihn versammelte. Er war noch am See, als einer der Synagogenvorsteher kam: ein Mann namens Jairus. Er warf sich vor Jesu Füßen nieder und flehte ihn an: ‚Meine Tochter liegt im Sterben – komm, leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt!‘ Jesus ging mit ihm. Eine große Menschenmenge schloss sich ihm an und drängte sich um ihn herum.
Unter den Leuten war auch eine Frau, die zwölf Jahre an schweren Blutungen litt. Sie war bei vielen Ärzten in Behandlung gewesen – und hatte dabei viel gelitten; ihr gesamtes Vermögen ausgegeben. Aber es hatte nichts genützt. Im Gegenteil: ihr Leiden war immer schlimmer geworden.
Diese Frau hatte von Jesus gehört. Nun drängte sich die Menge von hinten an ihn heran – und nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand. Denn sie sagte sich: ‚Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, dann werde ich gesund!‘ Und wirklich: im selben Augenblick hörten ihre Blutungen auf – und sie spürte, dass sie von ihrem Leiden geheilt war.
Im selben Augenblick merkte auch Jesus, dass eine Kraft von ihm ausgegangen war. Er hielt inne und fragte die Leute: ‚Wer hat mein Gewand berührt?‘ Seine Jünger erwiderten: ‚Du siehst doch, wie sich die Menschen hier um dich herum drängen – und du fragst: Wer hat mich berührt?‘ Aber Jesus blickte in der Menge umher, um zu sehen, wer es gewesen war.
Zitternd vor Angst trat die Frau vor. Sie wusste ja, was mit ihr geschehen war. Sie warf sich vor Jesu Füßen nieder und erzählte ihm alles – ohne etwas zu verschweigen. Meine Tochter sagte Jesus zu ihr: ‚Dein Glaube hat dich gerettet! Geh in Frieden. Du bist von deinen Leiden geheilt!‘
Während Jesus noch mit ihr redete, kamen einige Leute vom Haus des Synagogenvorstehers. ‚Deine Tochter ist gestorben!‘ sagten sie zu Jairus. ‚Was bemühst du den Meister noch weiter?‘ Jesus hatte zugehört. Er wandte sich zu dem Synagogenvorsteher und sagte: ‚Du brauchst dich nicht zu fürchten – glaube nur!‘“
Ich weiß nicht, an welchem Wochentag sich diese Geschichte, diese Begebenheit aus der Bibel abgespielt hat. Ob am Montag, Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag: keine Ahnung. Sicherlich war es jedenfalls kein Sabbat – der Sonntag der Juden damals. Denn Jesus war bereits mit dem Boot über den See Genesaret gefahren – was nicht gerade eine typische Sabbat-Tätigkeit war.
Und außerdem lesen wir das einige Verse später: „Jesus in die Synagoge ging, um zu lernen.“ Es muss also Alltag gewesen sein, als sich diese Situation damals abgespielt hat. Umso erstaunlicher, wie viele Menschen sich um Jesus versammelten – um zu hören, was dieser Mann zu sagen hatte.
Und auf zwei der Menschen aus der ganzen Menge wirft unser Text nun einen besonderen Blick. Und man spürt: Wie hier zwei Personen vorgestellt werden, die ganz unterschiedlich in ihrem Leben und ihrem Glauben sind.
Unser Text berichtet uns von zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten:
Da ist zunächst der Synagogenvorsteher Jairus – eine bekannte Persönlichkeit in Capernaum. Als Synagogenvorsteher war er eine feste geistliche Größe in Capernaum: Die Menschen kannten ihn, wussten, wer er war.
Er war verheiratet, hatte eine zwölfjährige Tochter – also ein geordnetes und gutes Familienleben. Und da er ein Haus besaß, war er offensichtlich auch nicht ganz unvermögend. Jairus: ein Mann, der es im Leben zu etwas gebracht hat. Jemand, der mit beiden Beinen mitten im Leben stand – zu dem die Leute aufschauten; der es zu was gebracht hatte, der im Leben angekommen war.
Das ist die eine Person, die Jesus begegnet.
Die andere Person: die ist ganz anders. Von dieser Person kennen wir nicht einmal den Namen. Die Frau, von der hier die Rede ist, bleibt anonym – sie ist viel zu unbedeutend und unbekannt, als dass man ihren Namen erwähnen müsste. Sie ist eine von vielen. Von einem geregelten Familienleben kann man bei ihr nun wirklich nicht reden – anders als bei Jairus.
Bei Jairus Familie- und Kinderglück; bei ihr Krankheit, Not und Elend. Und alles, was sie einmal an Vermögen gehabt hatte, war im Laufe der Jahre draufgegangen: für Arztbesuche, für Hoffnungen – vielleicht für Medikamente und Medizin, die am Ende alles nichts genützt hatten.
Und noch dazu kam, dass die Frau als Bluterin nicht nur körperlich litt, sondern auch gesellschaftlich ausgegrenzt wurde. In 3. Mose 15 wird sehr ausführlich beschrieben, wie man zur damaligen Zeit mit Frauen umzugehen hatte, die unter so einer Krankheit litten: Sie waren ausgeschlossen vom sozialen, vom gesellschaftlichen – und vor allem auch vom kultischen und religiösen Leben. An Gottesdiensten teilnehmen, gemeinsam mit anderen den Glauben feiern – das war für diese Frau unmöglich.
Der öffentliche Umgang war den Menschen damals streng verboten.
Da ist also auf der einen Seite Jairus: ein Mann mit Familie, der in der Gesellschaft und besonders in der Synagogengemeinschaft zu etwas gekommen war; der mit beiden Beinen mitten im Leben steht. Und auf der anderen Seite die von Krankheit und Not gezeichnete Frau – die sowohl sozial wie auch gesellschaftlich und religiös völlig am Rande steht, einsam und isoliert.
Unterschiedlicher könnten die beiden Personen nicht sein, die uns hier in dieser Geschichte vorgestellt werden. Unterschiedlicher könnten Lebensgeschichten und Biografien eigentlich nicht verlaufen.
Und dann passiert etwas ganz Interessantes: Es kreuzen sich nämlich die Wege dieser beiden Personen – und die Schnittstelle, an der sie sich begegnen, das ist Jesus. Bei ihm begegnen sich diese beiden Personen. Er ist die Anlaufstelle für diese beiden so unterschiedlichen Menschen mit ihren so unterschiedlichen Lebensgeschichten.
Denn so unterschiedlich sie auch sind und so unterschiedlich sie auch erlebt haben – eine Sache hatten sie doch gemeinsam: Nämlich eine Not und eine Sorge, die ihr Leben betrifft. Bei Jairus war es die todkranke Tochter; bei der Frau, wie wir wissen, ihre Krankheit, die sie so sehr mitgenommen hat.
Aber neben der gemeinsamen Not war da auch der feste Glaube: dass dieser Jesus – von dem sie gehört hatten – derjenige sein könnte, der in ihr Leben hineinwirkt und der ihrer Not und ihrem Elend ein Ende macht. In all ihrer Hoffnungslosigkeit und Angst wenden sie sich an den, von dem sie gehört haben, dass er Wunder tun kann.
Und sie setzen all ihr Vertrauen – und all ihre Hoffnung auf diesen Mann aus Nazareth: Der Glaube, dass Jesus die Macht und die Kraft hat, etwas in ihrem Leben ganz konkret zu verändern; sie aus ihrer Not zu befreien und ihnen Gutes zu tun. Das setzt diese beiden so unterschiedlichen Personen in Bewegung – und sie machen sich aus ganz unterschiedlichen Kontexten auf und treffen sich bei Jesus.
Damit zu rechnen, dass Jesus in ganz konkrete Lebenssituation hinein etwas zu sagen hat – und zu glauben, dass seine Kraft auch in unserem Leben etwas bewirkt: Das ist Glaube am Montag. Das ist Glaube im Alltag.
Und in dem Augenblick, wo sich beide auf den Weg machen, wird aus dem theoretischen Glauben – der Dinge für möglich hält und der weiß, dass es theoretisch Wunder gibt und das theoretisch Gott Dinge machen kann – eine hoffnungsvolle Bewegung hin zu Jesus: von dem sie erwarten, dass er ihr Leben verändert.
Und auf einmal wird aus einem theoretischen Glauben ein ganz praktischer hoffnungsvoller Glaube. Das ist Glaube am Montag: Dass ich das, was ich sonntags bekenne, auch montags noch glaube. Dass ich das, was ich sonntags bekenne, auch montags noch glaube.
Beide Personen setzen sich in Bewegung – machen sich auf den Weg. Der eine kommt aus einer heilen Welt mit Synagoge und Familie; die andere kommt aus einer kaputten Welt mit Einsamkeit und Krankheit. An Jesu Seite ist Platz für beide. An Jesu Seite ist Platz für unterschiedliche Menschen: Nicht nur für denen, denen es gut geht – die stabil sind, die gesund sind und fit sind – sondern auch für die, die mühselig und beladen sind.
Ich glaube, für beide war es nicht einfach, sich auf den Weg zu machen. Aber in dem Moment, wo sie sich auf den Weg machen, haben sie sich dafür entschieden: dass ihr Glaube im Alltag ankommen soll.
Viele Jahre hatte die Frau stillgelitten – bis sie endlich den Schritt wagte, raus aus der Einsamkeit und sich auf den Weg zu Jesus machte. Und wer weiß, ob der Frommelier Jairus aus gutem Hause sich jemals so hingebungsvoll vor Jesus niedergeworfen hätte – wenn nicht die Sorge um seine Tochter ihn herausgefordert hätte: dass sein Glaube auch im Alltag auf die Probe gestellt worden wäre.
Manchmal ist ein erster, bewusster Schritt nötig, um den Alltag wieder neu für den Glauben zu öffnen. Aber wie oft passiert das – dass wir mit den Dingen, mit den Fragen und Sorgen uns doch alleine rumschlagen?
Ich weiß nicht, wie es euch geht. Ich erlebe das in meinem Leben und habe das immer wieder erlebt: dass man es doch zunächst erst mal selbst versucht – irgendwie die Fragen und Probleme des Lebens doch in eigener Kraft und eigene Regie unter die Füße zu kriegen.
Erst versucht man es mal selbst hinzukriegen – und irgendwie hofft man auf ein gutes Ergebnis. Ich weiß nicht, wie es dir geht: Wenn du das letzte Mal tatsächlich eine notvolle Situation direkt mit Jesus besprochen hast?
Zwei Dinge finde ich sehr herausfordernd:
Nämlich, dass der Sonntag uns oft so mutig macht – und wir dann am Montag oft so ängstlich sind.
Und ich möchte euch herausfordern: vielleicht zwei Dinge euch bewusst zu machen. Kurz zu überlegen: Welche zwei Dinge in den letzten Tagen, Wochen und Monaten euch in besonderer Weise herausgefordert haben? Vielleicht in der Familie – vielleicht auf der Arbeit – vielleicht in der Gemeinde – vielleicht eure eigene Gesundheit betreffend.
Lasst uns einen ganz kurzen Augenblick Zeit nehmen und überlegen: Welche zwei Dinge haben dich in den letzten Tagen und Wochen am meisten herausgefordert?
Vielleicht betest du schon eine ganze Zeit für diese Dinge, die dir durch den Kopf gegangen sind. Vielleicht hast du diese Not schon eine längere Zeit vor Gott gebracht – und dann will ich dich ermutigen: dran zu bleiben, nicht aufzugeben – sondern Gott weiter zu vertrauen, dass er einen guten Weg mit dir geht.
Vielleicht ist aber auch bewusst geworden, dass die beiden Dinge, die dir jetzt gerade eingefallen sind, eigentlich noch gar nicht mit Gott besprochen worden sind. Dass du schon lange irgendwie innerlich mit dir rumträgst – dass dich irgendwie auch belastet und nervt – und Schwierigkeiten in deinem Leben hervorbringt.
Aber dass du ernsthaft fragst: „Gott, wie kannst du mir in der Situation jetzt helfen? Wie kann ich das mit dir klären? Wie kannst du in mein Leben hineinwirken, dass sich diese Situation ändert?“ Dass dieser Gedanke vielleicht noch gar nicht so präsent in deinem Leben ist.
Ich möchte dich Mut machen: dich auf den Weg zu machen – so wie diese Frau und wie der Jairus. Und zu sagen: „Jesus, mein Glaube soll nicht nur sonntags morgens sichtbar werden, wenn ich hier sitze und bete und singe und zuhöre – sondern ich möchte dich einladen in meinem Alltag mit den Fragen, mit den Sorgen, die gerade mir das Wasser bis zum Hals stehen lassen. Mit diesen Dingen möchte ich jetzt bei dir ankommen.“
Ich leg dir das einfach hin: meine Situation auf der Arbeit; meine finanziellen Nöte, die ich gerade habe; mein Stress in der Ehe; der Streit mit den Kindern – all das, was mich belastet; die Fragen und die Sorgen der Zukunft betreffend.
„Ich habe so lange alleine rumgewurstelt und es versucht irgendwie hinzukriegen. Aber ich merke: Es ist nicht besser geworden. Hilf mir diese Dinge auch im Alltag mit dir zu besprechen! Ich will dir vertrauen, ich will mich auf den Weg machen.“
Am Sonntag hören wir oft alle eure Sorgen – werfen sie auf ihn – und dann kämpfen wir am Montag doch auf selbst.
In der Theorie bist du vielleicht schon immer gut gewesen: kennst die Glaubenssätze der Bibel in- und auswendig. Aber dann im Alltag?
Ich weiß wovon ich rede. Ich habe manche Herausforderungen in den letzten Jahren zu bewältigen gehabt – und es hat eine ganze Zeit gedauert, bis ich gemerkt habe: dass ich es mit eigener Kraft nicht hinkriege.
Ganz im Gegenteil – sondern dass Gott meine leeren Hände füllt; damit Neues wachsen kann. Damit Wunden, die ich und andere mir zugefügt haben, heilen können.
Ich möchte dich einladen: diesen Mut zu haben – und zu Jesus zu kommen.
Interessant ist aber in dieser Geschichte nicht nur, dass sich zwei Menschen aus unterschiedlichen Lebenssituationen und Lebensgeschichten auf dem Weg zu Jesus machen – die den Mut finden, ihren Glauben im Alltag ankommen zu lassen. Sonst interessant ist noch ein zweiter Gedanke: nämlich die Art und Weise, wie diese beiden Personen nun ihren Glauben gegenüber Jesus sichtbar und deutlich werden lassen.
Die Formen, wie die beiden ihren Glauben nämlich ausdrücken – ihre Frömmigkeit gestalten – sich auch völlig unterschiedlich. Denn so unterschiedlich wie ihre Lebenssituation, wie ihr sozialer Status: genauso unterschiedlich ist auch ihre Frömmigkeit.
Schauen wir zunächst noch mal auf Jairus:
Er lebt seinen Glauben ganz offen und selbstbewusst aus. Er sucht den direkten Kontakt zu Jesus – er spricht Jesus direkt an; er fällt vor Jesus nieder – er ist fast schon theatralisch in der Art und Weise, wie er seinen Glauben zu Jesus hinausschreit:
„Jesus, hilf mir! Meine Tochter liegt im Sterben – ich brauche dich!“
Er findet klare, deutliche Worte, um zu sagen: was sein Herz berührt; was gerade los ist mit ihm. Und er wendet sich ganz konkret und direkt an Jesus.
Ihm ist in dem Augenblick egal, was die Menschen von ihm denken – dass ein Synagogenvorsteher sich plötzlich auf den Boden wirft und seine Not heraus schreit. Ihm ist es egal: sein Glaube ist ganz spürbar, sichtbar und sehr offen und klar erkennbar.
Für Jairus spielt an diesem Morgen – an diesem Montag oder Dienstag (oder wann auch immer) – keine Rolle, was die anderen über ihn denken. Jairus bekennt frei heraus seine Hilfsbedürftigkeit und bittet Jesus öffentlich um Hilfe.
Das ist die Art des Jairus: offen und selbstbewusst. Es macht ihm nichts aus, vor anderen Menschen seine Anliegen – und seinen Glauben – vor Jesus zu formulieren.
Der Glaube der Frau ist ganz anders. Ich bewundere nicht nur diesen offenen und starken Glauben des Jairus, der so frei herauskommt – sondern ich bewundere auch den Glauben der Frau: die krank und gebeutelt vom Leben ist.
Ihr Kontakt mit Jesus ist so gänzlich anders als der des Jairus. Sie kommt nicht einfach mit Pauken und Trompeten zu Jesus, platzt mit ihrem Anliegen heraus:
„Hallo, hier bin ich! Kannst du mir helfen?“
Nein. Man spürt förmlich ihre Scham und ihre Unsicherheit: wie sie sich ganz vorsichtig Stück für Stück von hinten Jesus in der Menge nähert.
Sie sieht diesen Mann – aber sie traut sich nicht, ihm anzusprechen. Sie traut sich nicht, ihm in die Augen zu schauen. Auf keinen Fall! Zu oft ist sie schon abgewiesen worden; zu oft enttäuscht worden – und außerdem ist sie natürlich bewusst: dass sie als Bluterin ja überhaupt gar keinen Kontakt mit Jesus haben darf.
Jesus direkt zu berühren, wäre ein Sakrileg und würde den Mann Gottes nach alttestamentlicher Vorstellung verunreinigen. Und jetzt ist sie in einem echten Konflikt – denn auf der einen Seite will sie nichts mehr als bei Jesus sein: ihm am liebsten um den Hals fallen; seine Nähe spüren, seine Gegenwart erleben.
Und gleichzeitig weiß sie aber auch: dass das im Moment in ihrer Situation sie völlig überfordern würde. Sie weiß: „Jesus kann mir helfen – er hat die Kraft mein Leben zu bewirken.“ Aber dem Glauben auf der einen Seite steht ihre Unreinheit und Ausgrenzung – und ihr vom Leben gekennzeichnete Geschichte auf der anderen Seite gegenüber.
Und man spürt, wie sie ringt – und wie sie dann immer näher und immer näher sich zu Jesus vortastet. Und dann irgendwann steht sie direkt hinter Jesus – und dann macht sie etwas in unseren Augen völlig unspektakuläres und Belangloses: Sie berührt ganz kurz das Gewand von Jesus.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Kein spektakulärer Kniefall vor Jesus; kein öffentlicher Hilferuf; keine sonstigen anderen Glaubensbekundungen. Einfach ganz heimlich still und leise das Gewand von Jesus berühren: Das ist ihre Form, ihren Glauben auszudrücken.
In dieser kleinen Geste setzt sie all ihre Hoffnung – all ihre Liebe – all ihren Wunsch, Jesus nah zu sein – um; und berührt ihn für alle anderen nicht erkennbar.
Und wisst ihr, was das Besondere jetzt ist? Dass Jesus diese Berührung gespürt hat. Er wusste ganz genau: dass es keine belanglose dahergewanderte Berührung war (wie sie sonst hundertfach passiert, wenn man in der Menschenmenge bedrängt wird) – sondern er spürte den Glauben und die Liebe und die Sehnsucht und die Hoffnung dieser Frau, die ihn so vorsichtig von hinten nur am Gewand berührt.
Nichts als eine kurze Berührung an der namenlosen Frau. Ihre Fremdigkeit und ihr Glaube bleiben für das menschliche Auge verborgen. Jesus allein spürt diesen Glauben, der ihm da so entgegengebracht wird: Ein Glaube, der in aller menschlichen Schwachheit das ergreift, was gerade da ist – und wenn es der Mantel von Jesus ist.
Die Frau verzichtet auf alle großen Gesten; auf alle äußeren Formen (was sie damit völlig überfordert hätte in dem Moment). Ihr Herz sehnt sich nach Jesus – und deshalb reicht diese kurze Berührung. Und die Kraft von Jesus geht aus in ihr Leben.
Welcher Glaube ist nun größer? Welcher Glaube ist nun besser? Welcher Glaube ist der, der mehr Wirkung mit sich bringt: Der Gestenreiche des Jairus – oder das menschliche Auge unsichtbare der Frau?
Man kann den Glauben dieser beiden Personen nicht gegeneinander ausspielen oder aufwiegen. Beide haben einen echten tiefen Glauben an die Macht und an die Wirkung Jesu – und beide verleihen ihrem Glauben auf ganz unterschiedliche Art und Weise Ausdruck: Der eine selbstbewusst mit offenen und großen Gesten; die andere unscheinbar und still (für das menschliche Auge kaum erkennbar).
Jesus hat sich zu beiden Glaubensformen bekannt – weil er sowohl den großen Gesten des Jairus, wie auch der schüchternden zurückhaltenden Gesten der Frau den Glauben abgespürt und angenommen hat.
Wie oft beurteilen wir den Glauben des anderen nur, weil er sich so ganz anders darstellt – als wir es gewohnt sind? Weil er sich so sehr von meiner persönlichen Glaubenspraxis unterscheidet?
Gibt es in unserer Gemeinde, in unseren Gemeinden Raum für unterschiedliche Frömmigkeitsstile? Für unterschiedliche Formen den Glauben zu gestalten und zu leben?
Wie gehen wir mit Menschen um – die nicht so eine fromme Sprache haben; die vielleicht ganz andere Worte und ganz andere Lieder benutzen, als wir es gewohnt sind?
Vor einigen Jahren in der Gemeinde in Gießen hatten wir einen Taufgottesdienst. Und ich weiß nicht, wie ihr das handhabt – wir hören dann oft die Taufzeugnisse der Taufenden noch mal morgens im Gottesdienst.
Und ich stand da vorn – und dann kam eine ältere Dame und erzählte aus ihrem Glaubensleben: wie sie zum Glauben gekommen war. Und berichtete, wie sie bei einem Bach-Oratorium in einer großen Kirche in der Bank saß – und wie diese Musik und die Texte in ihr Leben hineingewirkt hatten; sie berührt hatten.
Und in diesem Moment wusste sie: „Es gibt diesen Jesus – und ich kann ihm vertrauen.“ Diese Bach-Kantate hat ihr Herz berührt. Und das hat mich auch berührt.
Eine Person danach, die das Zeugnis gab, war ein junger Mann, Anfang 20 – bisschen flippig; bisschen cool. Und er erzählte uns in der Gemeinde: Er war vor ein paar Wochen auf einem Technokonzert gewesen (einem christlichen Technokonzert) und da wäre eine solche Musik gewesen, die sein Herz berührt hätte – und die Texte hätten so in sein Leben hineingesprochen. Und jetzt könnte er gar nicht anders: diesem Jesus zu vertrauen.
Ich habe nur da gestanden und gedacht: „Ach du meine Güte – wie soll das denn werden? Wie kriegen wir die beiden, die Bach-Kantate und die Technomusik in unserem Gottesdienst irgendwie vereint? Wie soll denn das funktionieren?“
Wir haben die beiden getauft. Und was mich berührt hat: dass wir es geschafft haben – als Gemeinde für unterschiedliche Frömmigkeitsstile, für unterschiedliche Glaubensformen einen Platz zu finden.
Nicht jeder muss Bach-Kantaten toll finden; nicht jeder muss Technomusik hören. Aber beide kommen gemeinsam zum Kreuz und wissen sich in Jesus verbunden – und das ist das Geheimnis von Gemeinde: Das ist das Geheimnis von Glaube im Alltag, dass wir uns nicht auseinanderdividieren lassen.
Und das ist das Geheimnis von einer Gemeinde, die auch die nächsten 50 Jahre hier in diesen Räumlichkeiten Glauben und Leben gestalten will. Dass man ein weites Herz hat für die unterschiedlichen Menschen mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen; mit ihren unterschiedlichen Prägungen; mit ihren unterschiedlichen Geschichten; mit ihren unterschiedlichen Frömmigkeitsstilen.
Und das wünsche ich euch von ganzem Herzen hier als Gemeinde: dass wenn ihr weiter euren Glauben gestaltet – dass ihr es schafft, den Glauben immer wieder neu in den Montag, in den Alltag mit hineinzunehmen. Dass Gott euer Herz und euer Leben berührt – und es mit euren Fragen und Sorgen und Nöten über den Sonntag hinaus erlebt; dass Jesus in euer Leben hinein wirkt.
Und ich wünsche euch als Gemeinde, dass ihr es schafft: dass ihr immer mehr ein Ort werdet, wo unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Glaubenserfahrungen – Glaubensvorstellungen eine geistliche Heimat haben. Lasst euch nicht auseinanderdividieren und zerstreiten wegen dieser und jener Formfrage – sondern trefft euch immer wieder am Kreuz und sagt: „Das ist der Mittelpunkt.“
„Das ist das, was uns vor 50 Jahren zusammengebracht hat“ – mit der Immanuel Baptist Church (die ja auch so ganz anders ist als wir) – trotzdem schaffen wir es gemeinsam zusammen zu sein.
Das wünschen wir uns als Landesverband; das wünschen wir euch als Gemeinde. Und möge Gott seinen Segen dazu geben, dass der Alltag im Glauben lebendig, spürbar und praktisch wird.
Gott segne euch. Amen.