Liebe bleibt
Predigt

Liebe bleibt

Christopher NorkChristopher Nork
Sonntag, 24. November 2024 · 10:00 Uhr
Psalm 90
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Transkript

Zum Mitlesen oder gezielten Springen zu Passagen.

Manchmal hat das Leben einen bestimmten Ton, einen bestimmten Klang. Es gibt Zeiten, in denen es hell klingt und leicht klingt, wie vielleicht ein fröhlicher Song oder ein beschwingliches Lied, das uns den Weg auch so begleitet. Doch es gibt auch jene Momente, in denen unser Leben eher wie ein Blues klingt. Eine Musik, die tief aus der Seele spricht, die von Sehnsucht, Verlust und Vergänglichkeit erzählt. Der Blues ist keine Musik des Aufgebens, sondern des ehrlichen Sehens, des Hinsehens. Er benennt die Dunkelheit, das Vergehen der Zeit, die Trauer, den Schmerz, die Zerbrechlichkeit. Es ist die Kunst, Schmerz in Worte und Melodie zu fassen, ohne dabei auch die Hoffnung zu verlieren. Vielleicht klingt der Blues deshalb so oft gerade in solchen Momenten, in denen wir das Leben und den Tod spüren, in denen wir Abschied nehmen müssen oder uns der Endlichkeit bewusst werden müssen. Heute, am Totensonntag, bringt uns diese Stimmung ganz nah an den Psalm 90. Dieser Psalm ist wie der Blues der Bibel. Er singt von der Vergänglichkeit des Lebens, aber auch von der Ewigkeit Gottes. Er lässt uns den Schmerz der Endlichkeit spüren und lenkt unseren Blick zugleich auf den Trost, den wir in Gott finden können. Lass uns gemeinsam in diesem Psalm eintauchen und hören, wie seine Worte uns heute vielleicht tragen können. Ich lese den Psalm 90 aus der Luther-Übersetzung bis Vers 14, ein Gebet des Moses, des Mannes Gottes: > Herr, du bist unsere Zuflucht für und für. > > Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurde, > > bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. > > Der du die Menschen lässt sterben und sprichst: > > "Kommt wieder, Menschen, Kinder!" > > Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, > > der gestern vergangen ist, > > und wie eine Nachtwache. > > Du lässt es sie dahin fahren wie einen Strom; > > sie sind wie ein Schlaf, > > wie das Gras, das am Morgen noch spross, > > das am Morgen blüht und spross > > und es abends welkt und verdorrt. > > Das macht dein Zorn, > > dass wir so vergehen; > > und dein Grimm, > > dass wir so plötzlich dahin müssen. > > Denn unsere Missetat selbst du vor dich, > > unsere unerkannte Sünde ins Licht > > vor dein Angesicht, > > darum fahren alle unsere Tage dahin durch deinen Zorn. > > Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz; > > unser Leben wäre 70 Jahre > > und wenn es hoch kommt, so sind es 80 Jahre > > und was daran köstlich scheint, > > ist doch nur vergebliche Mühe, > > denn es fährt schnell dahin, > > als flögen wir davon. > > Wer glaubt aber, dass du so sehr zürnest? > > Und wer fürchtet sich vor dir in deinem Grimm? > > Leere uns bedenken, dass wir sterben müssen, > > auf dass wir klug werden. Herr, kehre dich doch endlich wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig. Fülle uns früher mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang. Leere uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden, heißt es in Vers 12. Doch wie schwer fällt uns das oft? Das ist ein Gedanke, den wir im Alltag gerne zur Seite schieben. Vielleicht vergessen wir, wer wir sind: vergängliche, sterbliche Wesen. Viele Menschen leben so, als würde es immer so weitergehen. Wir leben, als hätten wir unendlich viel Zeit und verdrängen die Tatsache, dass unser Leben wie ein Hauch ist, flüchtig und schnell vergehend. Wenn ich mir so die Welt anschaue und auf Social Media rumsurfe, dann sehe ich die Jugend, die keineswegs an ihre Endlichkeit denkt, das Vergnügen im Hier und Jetzt. Aber dann gibt es vielleicht diese Momente, die uns deutlich machen, dass wir nicht ewig leben. Denn wenn jemand Geliebtes verstorben ist, dann wenn es nicht mehr so geht wie früher vielleicht, dann wenn alles schwer wird, dann wenn wir zurückblicken und uns erinnern, dann sind vielleicht diese Momente erreicht, wo wir merken: Wir sind vergängliche Wesen. Und heute ist auch einer dieser Momente, in denen wir uns erinnern. Es ist einer dieser Momente, in dem wir bedenken, dass auch wir sterben werden. Der Mensch ist endlich, aber Gott ist ewig. Und das stellt der Psalmbeter fest: "Er, die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit", so heißt es in Vers 2. Hier wird die Ewigkeit Gottes der Flüchtigkeit des menschlichen Lebens entgegengesetzt. Während Gott ohne Anfang und Ende ist, gleicht unser Leben für Gott einen kurzen Augenblick. Und diese Spannung ist manchmal schwer auszuhalten, aber sie ist wichtig, weil sie uns daran erinnert, dass unser Platz im Großen und Ganzen dieser Weltgeschichte einfach begrenzt ist. Das Bild, das ihr auf den ausgeteilten Karten seht – das was auch die Julia schon angesprochen hatte – greift auch diese Wahrheit auf: Vier Herzluftballons steigen in den Himmel. Sie sind leicht und schwebend und doch wissen wir, dass sie irgendwann entschwinden. Sie stehen für die Flüchtigkeit unseres Lebens. Die Herzen symbolisieren, wie sehr uns das Leben am Herzen liegt, wie wichtig uns die Menschen und auch die Momente mit ihnen gewesen sind. Und doch: Wir können es nicht festhalten. Es steigt auf und fliegt davon. Und der Psalmbeter weiß, dass das Vergängliche kein Zufall ist. Es ist eine Konsequenz, eine Konsequenz aus der Sündere, unser Abkehr zu Gott. Wir vergessen, wer wir sind, und tun oft so, als läge das Leben allein in unserer Hand, als könnten wir über unser Leben so bestimmen und es so verwalten. Und dabei haben wir diese Macht gar nicht. Und wir tun so, als hätten wir sie und spielen damit selber, als wären wir Gott. Aber Gott ist der, der der Ewige ist, und wir Menschen, wir sind die, die vergänglich sind. Aber was bleibt von einem Leben? Was bleibt von einem Leben, das nur so dahin geflogen ist? Was bleibt von einem Leben, das wir loslassen mussten? Auf der Innenseite der Karte stehen die Worte aus dem ersten Korintherbrief 13, Vers 13. Wenn ihr die Karte mal aufschlagt, dann seht ihr: Glaube, Liebe und Hoffnung. Glaube – ja, so sollte man meinen, würde die Bibel loben als das, was bleibt. Vertrauen, dass Gott das Leben und alles in der Hand hält. Und wir sagen auch ganz gerne: "Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand." Aber manchmal geht es einem auch im Glauben, oder manchmal geht einem im Glauben auch die Luft aus, wie dem Luftballon, der zu lange in den Ästen zwischen Himmel und Erde hängt. Hoffnung ist das, was bleibt, sagen ganz viele Menschen. Man soll die Hoffnung nicht aufgeben, aber Hoffnung worauf? Eines Tages braucht man nicht mehr hoffen – dann ist das Schlimmste auf dieser Welt eingetreten. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man. Lesen wir den ganzen Vers aus 1 Korinther 13: "Bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe; diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen." Die Liebe, sagt die Bibel, ist das, was bleibt – was dir niemand nehmen kann. Die eigene Liebe nicht, die du gegeben hast, und auch nicht die Liebe, die du im Leben empfangen hast, die du angesammelt hast, die dich gewärmt hat, sei es nun von Mitmenschen oder von Gott, die jeden Tag dich hat leben lassen und dich erfreuen hat lassen. Die Liebe ist die größte unter ihnen. Heute, am Totensonntag, schauen wir der Liebe und den Leben nach. Für viele von uns ist es vielleicht schon einige Monate her, dass wir Abschied nehmen mussten; für andere liegt dieser Moment erst wenige Wochen zurück, als sie am Grab standen. Trauer folgt kein festem Zeitplan. Sie kommt in Wellen, taucht plötzlich auf und kann einfach genauso schmerzhaft sein wie am ersten Tag. Mitten im Alltag werden wir an einen geliebten Menschen erinnert, und der Schmerz ist da. Wir sehen ein Bild, ein Gegenstand, und wir denken an diesen Menschen. Wir laufen durch die Straßen und merken: Hier war ich immer, mit ihm, mit ihr. Plötzlich und auf einmal sind wir aus dem Alltag herausgerissen und fühlen das nach, was wir vielleicht schon mal empfunden haben. Und dann gibt es diese Tage, so wie heute, in denen man genau dahin geführt wird. Und da zeigt sich die Trauer auf unterschiedliche Weise. Und vielleicht fragen sich einige: Wohin geht die Liebe, wenn sie geht? Die einen spüren: "Ich hätte noch so viel Liebe für sie oder ihn gehabt – und wohin jetzt damit?" Diese Liebe gehört doch dem, der im Grab liegt, der gegangen ist. Sie bleibt fest zwischen Himmel und Erde und weiß nicht, wohin sie soll. Andere fühlen sich festgefahren und fragen sich: "Wie viel Liebe war da überhaupt? Was soll ich jetzt eigentlich empfinden?" Und auch das ist möglich zu sagen – es ist gut, wie es gewesen ist. Ich wurde geliebt und es hat mich gestärkt, und dafür kann man dankbar sein; dafür kann ich dankbar sein, aber jetzt lasse ich los. Wohin geht also die Liebe, wenn sie geht? Bleibt die Liebe in unserem Herzen und Gedanken? Und manche Menschen schicken ja wirklich Gedanken – so wie Luftballons – nach oben in den Himmel und hoffen, dass die geliebten Menschen einhören. Sind die da oben, im Himmel, so sagt man ja auch den Kindern oft: "Die dann Luftballons steigen lassen mit Wünschen." Die oft in den Bäumen dann hängen bleiben oder erstmal davonfliegen. Eine Weile bleiben sie vielleicht wirklich zwischen Himmel und Erde. Sie leuchten rot als Gruß vom Himmel und zaubern ein Lächeln ins Gesicht derer, die sie entdecken. Nun aber: Bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe – diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Die Bibel sagt: "Die Liebe vergeht nicht; sie bleibt, selbst dann, wenn alles andere verschwindet." Vielleicht bleibt sie in den kleinen Dingen des Alltags, die plötzlich Bedeutung bekommen. Der Stuhl am Esstisch, der immer ein wenig schief stand, weil er genau dort am liebsten saß. Und da bekommt dieser Gedanke eine große Bedeutung. Oder die Zeitung, die immer halb gelesen liegen geblieben ist und über die man sich vielleicht doch immer so geärgert hat, dass der Liebste das nicht aufgeräumt hat. Jetzt sieht man sie mit anderen Augen – und selbst der Ärger wird zur Erinnerung voller Zuneigung. Manchmal bleibt die Liebe auch als Sehnsucht, als das, was nicht mehr gesagt oder gezeigt werden konnte: Diese letzten Worte, die vielleicht nicht perfekt, nicht groß genug waren – ein "Danke für einen Schluck Wasser" oder ein "Tut mir leid, dass Raum für so vieles mehr gelassen hätte." Die Liebe bleibt in der Suche nach Bedeutung, im Verlangen nach mehr. Auch wenn die Erinnerungen mit der Zeit vielleicht verblassen, überdauert diese Liebe. Sie hält sich in einer Stimme auf einer alten Nachricht, die man vielleicht nicht löschen möchte – aus Angst, was Unwiederbringliches zu verlieren. Sie zeigt sich in Gesten und Blicken der Kinder oder Enkelkinder: In einem Augenaufschlag, der wie von ihm oder ihr stammt; in einem Lächeln, das ganz ihr stammt. Die Liebe hat die Kraft, selbst die schwierigen Momente in neues Licht zu tauchen. Streit und Unordnung werden in der Rückschau fast kostbar – weil sie zeigen: Da war Leben, da war auch Nähe. Da sind wir beieinander geblieben, auch wenn wir uns gerieben haben. Die Liebe bleibt, wenn alles geht, weil sie das Leben überlebt. Die Liebe bleibt, wenn alles geht, weil sie das Leben überlebt. Darum ist sie die Größte unter ihnen. Am Totensonntag blicken wir mutig der Tatsache ins Gesicht, dass unser Leben endlich ist. Das Leben fliegt dahin, wie der Psalm es auch beschreibt: Wie ein Schlaf, wie das Gras, das am Morgen blüht und abends dann wieder verdorrt ist. Und doch bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe. Der Blues unseres Lebens, von dem ich am Anfang sprach, endet nicht mit Trostlosigkeit. Der Blues hat immer auch einen Klang der Hoffnung. Er schaut der Vergänglichkeit ins Gesicht und sagt trotzdem: "Aber alle anderen Tage werden wir leben." Diese Erkenntnis ist keine Verdrängung – sondern erst mal eine Einladung. Eine Einladung, die Tage, die uns bleiben, bewusst zu leben, in der Liebe, die bleibt, und in der Gnade Gottes, die uns auch tragen will. Wer, kehre dich doch endlich wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig. Fülle uns früher mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang. Auch wenn wir eines Tages sterben, dürfen wir in der Zwischenzeit die Musik des Lebens spielen. Der Blues endet nicht mit Moll – sondern mit einem stillen, aber festen Dur. Darin liegt die Gewissheit: Die Liebe überdauert, stärker als unsere Vergänglichkeit, größer als unser Vergehen und fest verwurzelt in der Ewigkeit Gottes. Und für euch, die heute trauern, sei gesagt: Es ist nicht nur Totensonntag – es ist auch Ewigkeitssonntag. Die Liebe, die euch mit eurem Verstorbenen verbindet, bleibt in Gottes Ewigkeit bewahrt. Eure Lieben sind nun geborgen in der unendlichen Liebe Gottes, dort, wo kein Schmerz, keine Vergänglichkeit mehr ist. Und diese Hoffnung trägt euch: Dass die Liebe stärker ist als der Tod und ihr in Gottes Ewigkeit einander wiederfinden werdet. Amen.