Wenn Gott durch seine Schöpfung spricht
Predigt

Wenn Gott durch seine Schöpfung spricht

Christopher NorkChristopher Nork
Sonntag, 9. Februar 2025 · 10:00 Uhr
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Transkript

Zum Mitlesen oder gezielten Springen zu Passagen.

Du gehst auf einen staubigen Weg entlang, die Sonne scheint warm auf deine Haut, und plötzlich siehst du ihn – einen kleinen Regenwurm, der sich über diesen Weg schlängelt. Und die meisten würden wahrscheinlich achtlos darüber hinweggehen oder ihn gar nicht bemerken, aber ein Mann tut es nicht: Franz von Assisi. Er bleibt stehen, beobachtet das kleine Geschöpf, wie es sich mühsam vorwärtsarbeitet, und dann ganz behutsam nimmt er es in seiner Hand, sanft setzt er es in das hohe Gras am Rand fort – damit die Füße der vorbeigehenden Menschen ihn nicht zertrampeln. Für Franz von Assisi war dieser Wurm nicht einfach nur ein kleines Kriechtier. Die Würmer haben für ihn etwas ausgelöst, und gleich verrate ich auch warum. Da müsst ihr noch kurz gespannt sein. Ich denke, viele von uns kennen das: Wir gehen durch die Natur – vielleicht am frühen Morgen, wenn der Tau noch auf den Blättern liegt – oder wir stehen plötzlich vor einem mächtigen alten Baum, hören das Rauschen eines Flusses oder sehen den Sonnenuntergang entgegen, der den Himmel in Gold taucht. In diesem Moment spüren wir: Es gibt irgendwie mehr. Da ist irgendwie mehr. Irgendetwas ergreift uns – oder es lässt uns an etwas erinnern. Es ist nicht nur die Schöpfung selbst, die zu uns spricht, sondern gibt es da vielleicht noch mehr? Etwas dahinter steht? Mal so Hand hoch: Das hatte ich letztens auch in der Bibelstunde gefragt: „Wann habt ihr das letzte Mal so in der Natur innegehalten und etwas Größeres gespürt?“ Also, bei wem war das heute Morgen? Eine Person. Okay, zwei – so im Laufe der letzten Woche. So, da kommen schon ein paar mehr Hände hoch: so im letzten Monat. Also die, die in der letzten Woche auch dabei waren, dürfen sich nochmal melden – das zählt ja dazu. So, überhaupt mal so in der Natur gewesen zu sein und man hat … war da so ergriffen von etwas? Ein Großteil ist schon von der Natur so ein bisschen ergriffen worden. Wir befinden uns gerade in einer Predigtreihe, die heißt „Wenn Gott spricht“. Gott ist einer, der mit uns kommunizieren will. Er ist nicht still und nicht irgendwo weit weg – sondern er redet. Er möchte mit uns reden, und ich glaube, dass er das auf viele Arten und Weisen nutzt, um mit uns in Kontakt zu kommen. In dieser Predigtreihe werden wir Gottes Stimme auf vielfältige Weise entdecken – und heute geht es darum: Wie redet Gott durch das, was er geschaffen hat? Welche Spuren seiner Handschrift finden wir in der Natur? Und wie können wir lernen, besser hinzuhören? Vielleicht kennt ihr das: Wenn Kinder zum ersten Mal einen Regenwurm auf der Hand haben. Erst kommt das Zögern, dann die Neugier und dann das Staunen. Dieser Regenwurm ist ja ganz weich – er zieht sich zusammen, wenn man ihn berührt. Das lebt ja: dieses kleine Ding. Genauso können wir ganz viele Dinge in der Natur wahrscheinlich entdecken und darüber staunen – und auch Gottes Stimme darin wahrnehmen. Aber dafür müssen wir genauer hinsehen. Dafür müssen wir das, was Gott in der Natur gemacht hat, erkennen. Aber wie können wir sein Sprechen in dieser Schöpfung wahrnehmen? Und bevor jetzt jemand denkt: „Ich wäre hier auf so einem esoterischen Trip“, lasst mich euch zeigen, dass diese Idee – dass Gott durch die Schöpfung spricht – direkt aus der Bibel kommt. Die Bibel ist nämlich angefüllt mit Aufforderungen, aufmerksam zu sein gegenüber Gottes Schöpfung und zuzuhören, was er uns durch die Natur sagen möchte. Schon im Psalm heißt es: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und das Firmament verkündigt seine Handwerk.“ (Psalm 19, Vers 2 – etwas ältere Übersetzung.) Und Paulus schreibt im Römerbrief: „Gottes unsichtbare Eigenschaften, sein ewiges Wesen, seine Kraft und Göttlichkeit werden seit der Erschaffung der Welt in seinen Werken, also in der Schöpfung, wahrgenommen.“ Also können wir in der Schöpfung Gottes Kraft, Gottes Herrlichkeit und die Göttlichkeit von Gott sehen. Und auch Hiob stellt fest: „Fragt die Tiere – sie werden dich lehren. Fragt die Vögel des Himmels – sie werden es dir sagen.“ Die Schöpfung ist also nicht stumm; sie ist ein Echo der Stimme Gottes. Und Gott benutzt seine Schöpfung als Kommunikationsmittel, um mit uns in einen Dialog zu kommen. So kann uns die Natur auf irgendeine Weise emotional berühren – und wir werden etwas von Gottes Wesen bewusst. Das, was wir sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken oder tasten, kann ein Gleichnis für Gottes Wahrheiten werden. Jesus selbst hat genau das aufgegriffen: Er hat oft im Freien gelehrt – vielleicht weil er dort direkt zeigen konnte, was er mit seinen Bildern auch meinte. Wer weiß, ob nicht die Vögel um seinen Kopf kreisten, als er von Gottes Fürsorge über seine Geschöpfe sprach? Oder ob er nicht auf echte Blumen zeigte, als er von ihrer Schönheit sprach. Immer wieder hat er Bilder aus der Natur genutzt, um tiefe geistliche Wahrheiten zu vermitteln: Er sprach vom Weinstock und den Reben – um die Beziehung zu Gott zu erklären. Er zeigte auf die Lilien des Feldes – dass wir uns keine Sorgen machen müssen, weil Gott für uns sorgt. Das Senfkorn wurde zum Sinnbild für den Glauben, der klein beginnt, aber riesig wachsen kann. Und wenn er vom Seemann sprach, der Saat ausstreute, dann sprach er gleichzeitig über das menschliche Herz und das Aufnehmen seines Wortes. Ich komme jetzt mal zurück auf Franz von Assisi. Er war berühmt dafür, dass er sich um die Würmer gekümmert hat – sie haben ihn nämlich an eine Beschreibung des gedemütigten Erlösers im Psalm 22 Vers 7 erinnert: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volk.“ Franz von Assisi wurde durch die Schöpfung von Gott erinnert an ein Bibelwort – und so ist er achtsamer durchs Leben gegangen. Diese Würmer waren für ihn ein Gleichnis, ein Symbol für Jesus selbst. Antonius, geboren um 251 – ein Wüstenvater, der durch die Schriften des Athanasius berühmt geworden ist – wurde einmal gefragt: „Wie kannst du zufrieden sein, Vater, ohne den Trost der Bücher?“ (Also das Studium.) Antonius antwortete: „Mein Buch ist das Wesen der geschaffenen Dinge. Und immer wenn mir danach ist, die Worte Gottes zu lesen – dann sind sie schon da.“ Gott nutzt die Schöpfung, um sich sichtbar zu machen. Warum? Weil die Natur ein Spiegel ist, der Gottes Wesen und auch seine Wahrheiten, seine Prinzipien offenbart. Und ich denke: Als Freikirchler – und auch als Baptisten – sind wir ziemlich verkopft unterwegs. Vieles findet auf einer intellektuellen Ebene statt – und so nehme ich es ebenfalls wahr. Ich weiß nicht, wie es bei euch ist – dabei übersehen wir oft, dass Gott uns nicht nur durch Worte oder Theologie begegnet, sondern auch durch unsere Sinne: durch das, was wir sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken. Die Schöpfung ist ein vielschichtiges Zeugnis seiner Gegenwart – dass wir nicht nur mit dem Kopf, sondern mit den ganzen Sinnen erfassen können. Wir machen uns viel zu wenig klar: Was die Natur, die Schöpfung in uns auslöst – das kann auch Gottes Stimme sein. In der jüdischen Tradition so wie auch in der Kirchengeschichte – vor allem im Mönchtum – bindet man die Schöpfung in sein Glaubensleben mit ein. Dinge werden dabei etwas verdeutlicht, und dabei spielen die Sinne eine zentrale Rolle. Ich habe sie eben schon genannt: Wie heißen die Körpersinne? Nochmal so: Wir gehen noch mal in die Grundschule zurück – wer kann die aufzählen? Fühlen. Schmecken. Riechen. Hören. Sehen. Tasten. Denken wir doch einmal an das Tasten: Die rauen Kanten eines Steines oder die Glätte eines Blattes könnten uns vielleicht daran erinnern, wie vielfältig die Schöpfung ist – und damit an Gottes kreative Handschrift. Oder das Hören: Der Wind, der durch die Bäume rauscht, oder das Plätschern eines Baches. Beides kann uns an Gottes beständige Gegenwart erinnern. Und Mönche haben daher schon sehr früh in der Kirchengeschichte angefangen, Gebetsspaziergänge zu machen. Auch das Schmecken spielt eine besondere Rolle – und das haben wir auch im Abendmahl. Jesus setzte Brot und Wein als sichtbare und schmeckbare Zeichen für seinen Opfer ein: „Nehmt und esst, das ist mein Leib“, sagt er. Der Geschmack des Brotes auf der Zunge, das Aroma des Weines – all das erinnert uns leibhaftig an die Realität des Evangeliums: dass Jesus auf die Welt gekommen ist, dass er für unsere Sünde gestorben ist. Im jüdischen Passafest wird dies noch intensiver erfahrbar. Jede Speise soll mit ihrer Form, ihrem Geschmack oder ihrer Symbolik an etwas ganz Bestimmtes erinnern: Der bittere Geschmack der Kräuter symbolisiert die Härte der Sklaverei. Das süße Carosel erinnert an den Lehm der Ziegel, die Israeliten in Ägypten geformt haben. Und selbst der Geruch des gerösteten Lammes ruft die Geschichte Gottes mit seinem Volk ins Gedächtnis. Ein gekochtes Ei erinnert daran: Wie zerbrechlich unser Leben eigentlich hier auf dieser Welt ist – und wie zerbrechlich oder hinfällig auch unsere Pläne sein können. Und gleichzeitig steht das Ei auch für die Fruchtbarkeit und neues Leben, das in Gottes Hand liegt. Und all das – das ganze im Passafest – erinnert einerseits an die Trauer und gleichzeitig an das Neuwerden mit Gott. Und durch diese sinnlichen Erfahrungen spricht Gott. Er spricht auch zu uns: Er erinnert uns an Dinge, die er getan hat, und zeigt uns, wer er ist – dass er ein Gott der Befreiung ist, ein Gott, der mitten in unseren Realitäten gegenwärtig ist und uns auf allen Ebenen begegnen möchte. Vieles von der Herrlichkeit Gottes ist in den einfachen täglichen Momenten unseres Lebens verborgen – in dem wir es vielleicht einfach nur sehen, berühren oder schmecken. Und wir müssen nur unser Lebenstempo drosseln, um das stärker wahrzunehmen. Nicht einfach aus Stress an den Dingen vorbeilaufen oder fahren. Nicht in Hektik alles schnell-schnell in sich reinschaufeln. Dass „drosseln“ nämlich auch bedeutet: Sich bewusst Zeit zu nehmen – und zu gucken, zu hören, zu spüren. Möchte Gott vielleicht auch dadurch mit mir in Kontakt treten? In den Vorbereitungen las ich von einem Christen, der folgendes Zeugnis berichtete: „Am späten Nachmittag ging ich spazieren und nahm im kühlen Wind und in den Farben der Blätter die ersten Anzeichen des Herbstes war. Während ich allein unter grauem Himmel ging, hatte ich plötzlich das überwältigende Gefühl: dass Gott mit mir ging. Ich musste an 1. Mose 3 Vers 8 denken: ‚Am Abend, als es kühler wurde, hörten sie, wie Gott der Herr durch den Garten ging‘. Als ich über diese Verse nachdachte, konnte ich wahrnehmen: Wie Gott in meinem Herzen sagte: ‚Ich wandle immer noch mitten in meiner Schöpfung.‘ Mit dieser neuen Einsicht wurde mir bewusst: dass Gott überall im Mitten seiner Schöpfung in Bewegung ist – sei es im Dschungel von Thailand, auf den Bergen Nordirlands, entlang der Atlantikküste Europas oder sogar hier im Park um die Ecke. Ich war überwältigt von dem Gefühl der Präsenz Gottes, das ich in diesem Moment verspürte. Vor meinem geistigen Auge konnte ich sehen: Gott spazierte täglich mitten seiner Schöpfung – mit dem Wunsch, dass ich ihn dabei begleiten würde.“ Also, ich finde dieses Bild wirklich wunderschön: Mit Gott spazieren gehen. Wenn wir unterwegs sind und wissen, dass Gott bei uns ist – und dass er unterwegs ist – und mit uns in einen Dialog treten möchte. Man ist dann achtsam auf Gottes Reden durch das, was man in seiner Schöpfung wahrnimmt. Große Frage ist meistens auch: Wie geht das? Wie funktioniert das? Und ich denke, da müssen wir das Rad nicht neu erfinden. Wir können aus der Kirchengeschichte und der Kirchentradition aus Jahrhunderten Erfahrungen entnehmen – und für uns fruchtbar machen. Bonaventura, ein Anhänger von Franz von Assisi, schlägt folgende Schritte vor, mit denen wir uns darin schulen können: Gott in der Natur zu suchen, ihm zu begegnen und wahrzunehmen, was er mit uns – ja, was er uns zu sagen hat. Zunächst sollen wir die Größe der Schöpfung vor Augen halten. Also: Wir sind einfach da. Die Berge, der Himmel und die Meere spiegeln die unendliche Macht, Weisheit und Güte des dreieinigen Gottes wieder. Und dann sollen wir die Vielfalt der Schöpfung betrachten. In einem Wald gibt es mehr Pflanzen- und Tierarten, als wir je in unserem Leben erforschen könnten – und das zeigt uns, dass Gott unendlich viel auf einmal tun kann. Und wer sich fragt: „Wie Gott all die vielen gleichzeitig gesprochenen Gebete hören kann?“ – War vielleicht lange nicht mehr in einem Wald. Und schließlich sollen wir auf die Schönheit der Schöpfung blicken. Die Schönheit der Felsen in ihren verschiedenen Formen, Farben und Schattierungen; die Schönheit einzelner Dinge – zum Beispiel die Blumen – und die Schönheit ganzer Einheiten wie Wälder. Und wir könnten ja heutzutage – haben wir ja sogar aus dem Weltall Bilder – da können wir auch noch eine prächtige Schönheit sehen: Die Einheit, wie ein ganzes Sonnensystem zusammenhängt. Gottes Schönheit kann nicht durch eine Form allein offenbar werden. Sie ist so groß und unendlich, dass sie eine ganze Welt mit Wundern füllt. Und wie wäre es, wenn du dir diese Woche Bewusstsein nimmst – einen Spaziergang zu machen – und dabei auf Gottes Reden durch die Schöpfung zu achten? Wenn das noch zu mystisch oder schwärmerisch für dich vorkommt: Kann auch erst mal Gottes Reden durch die Bibel intensiver wahrgenommen werden, indem man die Bibel auch in der Natur liest. Das war auch mein Vorschlag in der letzten Bibelstunde. Die Bibel ist nämlich dazu da – auch draußen gelesen zu werden. Viele Bilder und Anspielungen im Alten Testament oder in den Evangelien beziehen sich auf die Natur. Wir haben es ja schon bei Jesus gesehen: Nur im Kontext der Natur gewinnen sie ihre Bedeutung und beginnen auch Kraft zu entfalten. Der Begriff „Strom des Lebens“ entwickelt seine überwältigende Kraft erst richtig, wenn wir am Ufer eines schnell dahinfließenden Flusses stehen. „Grüne Auen“ hört sich vielleicht erst mal so nach einer Postkarten-Idylle an – bis man vielleicht wirklich auf einer blühenden grünen Wiese steht: die weit weg ist vom Lärm der Autobahn oder des Radios, von grüllenden Fußballfans. Gott spricht. Gott spricht durch sein Wort, durch Menschen – aber eben auch durch seine Schöpfung. Er hat seine Handschrift überall hinterlassen – und wenn wir bereit sind hinzusehen und hinzuhören, dann können wir ihn wahrnehmen. Und gleich werden wir Kristallsteine durch die Rallen geben. Und Klara hat gestern so ein bisschen gealbert und gesagt: „Vielleicht üben wir das Steinigen.“ Nein – das üben wir heute nicht. Die Steine haben verschiedene, unterschiedliche Formen, unterschiedliche Farben – so wie sie in der Schöpfung selbst vorkommen. So wie die Schöpfung auch selbst vielfältig und einzigartig ist. Und ich lade euch ein: Euch einen Stein auszusuchen und zu nehmen. Lasst ihn euch eine Erinnerung sein: Vielleicht erinnert dich die Farbe deines Steins an den Sonnenuntergang, an das Meer oder an das satte Grün der Bäume. All das sind Bilder für Gottes Schönheit. Vielleicht liegt ein Stein glatt in der Hand – oder hat auch irgendwelche Kanten und Ecken: So wie unser Leben nicht immer gleichförmig ist, aber Gott trotzdem darin spricht. Nimm diesen Stein mit – leg ihn an einen Ort, wo du ihn sehen kannst. Und wenn du ihn ansiehst, dann erinnere dich daran: Gott spricht. Vielleicht durch einen Sonnenstrahl, durch den Wind in den Bäumen oder durch ein feines Detail eines Blattes – oder sogar durch einen Regenwurm. Er spricht und er lädt dich ein: hinzuhören.