Das Kreuz Jesu geliebt, verkündigt, gehasst, umstritten und in unzähligen Schriften und Büchern erklärt und widerlegt, zu Theologien entfaltet, verteidigt oder auch vermeintlich geändert und aktualisiert. Heute an Karfreitag ein paar Denkanstöße zum Kreuz.
Das Kreuz hat sich als DAS Symbol des christlichen Glaubens etabliert und ist auch für alle Kirchen selbst bis in die Freikirchen hinein zum zentralen Symbol geworden, das in fast jeder Kirche irgendwie zu finden ist. Als Kreuz abgebildet, gemalt, aufgehängt, projiziert.
Dabei war das Kreuz bis zum vierten Jahrhundert das verhasste Zeichen des römischen Reiches, der Grausamkeit, des Todes, der Christenverfolgung, der Kreuzigung. Erst seit dem vierten Jahrhundert unter Kaiser Konstantin vollzog sich der Wandel. Konstantin und sein Heer sollen ein Kreuz aus Licht über der Sonne mit den Worten gesehen haben durch dieses Siege. Und in der Nacht vor der Schlacht habe Christus Kaiser Konstantin im Traum angewiesen, das Kreuz als Siegeszeichen gegen seine Feinde einzusetzen. Konstantin habe daraufhin befohlen, ein Christus Monogramm als Feldzeichen seiner Soldaten zu verwenden, auf die Schilder zu malen und er siegte.
Damit begann im Grunde genommen die verhängnisvolle Geschichte des Kreuzes als eines Machtsymbols. Wenn wir einen Blick ins Neutestament werfen, dann finden wir das Wort Kreuz oder Kreuzigen bei den, ich sag mal eher wörtlichen Wübelübersetzungen, so um die 50 mal. Davon aber etwa 35 bis 40 mal in den Evangelien natürlich, in den Passionsberichten im Schwerpunkt. Das heißt insgesamt nur um die etwa zehn Stellen, wo Kreuz oder Kreuzigen beschrieben wird.
In der Apostelgeschichte kommt das Wort Kreuz nur einmal vor, in der Offenbarung kommt es gar nicht vor und in den Briefen nur so 12, 13 mal. Als Vergleich im Zusammenhang mit dem Tod Jesu, der Erlösung oder in der Vergebung wird in den Briefen viel öfter zum Beispiel vom Blut Jesu geredet, etwa 30 mal, allein in den Briefen.
Die Aussagen zum Kreuz sind also nur ein kleiner Teil der Erklärungen, der Verheißungen oder auch der Aufforderungen rings um den Tod Jesu. Auf was weist das Kreuz hin? Das erste: Das Kreuz sagt Christus allein. Das Kreuz symbolisiert die Zuspitzung, das Ziel von Jesu Leben und es zeigt gleichzeitig all das, was wir nicht tun können, all das, was der Vater im Himmel und Jesus allein getan haben. Nichts davon haben wir angestoßen. Nichts davon könnten wir auch nur irgendwie tun oder leisten.
Alles beginnt ganz ohne uns. Allein durch Gott, allein durch Christus. Kolosse eins: „Denn es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen – Christus – und durch ihn alles zu versöhnen, zu ihm hin. Es sei auf Erden oder im Himmel, in dem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.“
Oft beziehen wir besonders so bei uns Freikirchlern den Tod und das Kreuz ganz schnell und ganz individualistisch auf uns: Unsere Schuld und Sünde, Jesu Opfer für uns. Jesu Tod, der uns von der Macht der Finsternis loskauft. Jesus, mit dem wir in der Taufe sterben und auferstehen. Jesus, der uns von der Knechtschaft der Sünde befreit, der uns wirklich frei macht.
Aber egal, welche Erklärung oder Verheißung des Todes und des Kreuzes Jesu wir biblisch auch nehmen, es beginnt nie mit uns. Keine der Deutungen des Todes Jesu beginnt mit uns. Es beginnt immer mit Christus allein und mit dem Vater allein.
Es geht in der Schrift auch nicht zuallererst ganz individualistisch um unser Seelenheil. Es geht zuerst um das, wie es der Kolosser sagt: Es geht um das, was Gott gefällt. Es geht um die Fülle, die er allein in Christus wohnen lassen wollte. Es geht darum, alles zu versöhnen, was im Himmel und was auf der Erde ist. Es geht um umfassenden Frieden für die ganze Schöpfung und für uns kleine Individuen drin.
Und das alles wird ganz ohne uns jeden menschlichen Verstand überschreitend im Kolosserbrief durch das Blut Jesu am Kreuz bewirkt. Es sprengt jeden Verstand, und auch das Motiv, was die Bibel dahinter beschreibt, ist genauso jeden Verstand übersteigend.
Gottes Liebe zu uns ist daran sichtbar geworden, dass Gott seinen einen und einzigartigen Sohn in die Welt gesandt hat, um uns durch ihn das Leben zu geben. Darin besteht die Liebe nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er seinen Sohn in die Welt gesandt hat, dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Schuld gesandt hat.
Also: Das Kreuz zuerst mal nur der Vater allein, nur Christus allein – keinerlei Initiative von uns. Das zweite: das Kreuz zeigt, Christus ist für uns.
Unter Kaiser Konstantin wurde das Kreuz zum Zeichen der Macht für Jahrhunderte. Jesus selbst erklärt sein Tod am Kreuz ganz anders, nämlich als das größte Zeichen seiner Liebe: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ Johannes 15.
Dietrich Bonhoeffer beschreibt die Liebe Jesu mit folgenden Worten: „Jesu Liebe ist die Liebe, die aus der Ewigkeit kommt und auf die Ewigkeit zielt. Sie hängt nicht an zeitlichen Dingen, sondern sie umfasst uns, weil wir ewig sein sollen. Sie lässt sich durch nichts hindern; sie ist Gottes ewige Treue zu uns. Jesu Liebe scheut keinen Schmerz, keinen Verzicht, kein Leiden. Es ist die Liebe, mit der uns allein um unsere Seelen geliebt hat, dafür auf Erden den Spott und Hass der Menschen auf sich geladen hat und am Kreuz starb.“
Das Kreuz Christi zu erkennen als die unüberwindliche Liebe Gottes zu allen Menschen – zu uns wie zu unseren Feinden. Das ist die beste Klugheit.
Jesu Liebe ist keine „lass mal gut sein“-Liebe, auch keine „schwamm drüber“-Liebe, auch keine „alles halb so wild“-Liebe und auch keine „wir sind doch alle Sünder“-Liebe. Hans Urs von Balthasar, ein katholischer Priester und Theologe, sagte: das Kreuz ist der Ernstfall der Liebe.
Jesus – unser Freund, unser Bruder, unser Hirte, sogar der Diener, der uns die Füße wäscht. Jesus – der Heiland, der uns heilt und uns verlorene Söhne und Töchter zum Vater zurückruft. Jesus – der Gottesknecht, verunstaltet, leidend um unsere Seelen. Jesus – unser hoher Priester, der mit Schwachheit oder unter unserer Schwachheit leidet. Versucht wurde wie wir, aber ohne Sünde.
Was, wenn hinter diesen vielen biblischen Deutungen des Todes Jesu eigentlich nur ein zentrales Motiv steckt – nämlich Gottes innerster Wesenskern? Gott ist Liebe. Gottes Liebe, die nicht erträgt, dass seine Schöpfung ächzt und stöhnt unter der gegenwärtigen Realität des Bösen. Gottes Liebe, die nicht erträgt, dass Menschen durch Unwahrheit, Ichbezogenheit und Sünde wie in sich verkrümmt leben und sich gleichzeitig Schaden zufügen.
Gottes Liebe, die daher einen Weg wählt, der unseren Verstand sprengt: Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn und einzigartigen Sohn für sie hergab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht ins Verderben geht, sondern das ewige Leben hat.
Das Kreuz. Es zielt auf etwas – nämlich Christus in uns. Paulus hat wie kein anderer versucht zu verstehen, zu beschreiben und auch zu leben, was aus dem Tod Jesu folgt. Ich lese drei seiner Aussagen, nämlich aus Römer 6:6, Galater 2:20 und Philippenser 3:7 bis 11 hintereinander, weil ich finde, es lässt sich kaum besser sagen, was aus dem Kreuz und dem Tod Jesu für uns folgt:
„Der alte Mensch, der wie früher war, ist mit Christus am Kreuz gestorben. Unser von der Sünde beherrschtes Ich ist damit tot. Und wir müssen nicht länger Sklaven der Sünde sein.“
„Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Was ich jetzt und hier lebe, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich dahin gegeben hat.“
„Alles, was mir früher außerordentlich wichtig war, betrachte ich jetzt als wertlos angesichts dessen, was Christus getan hat. Alles erscheint mir wertlos, verglichen mit dem unschätzbaren Gewinn: Jesus Christus meinen Herrn zu kennen. Durch ihn hat alles andere für mich seinen Wert verloren. Ja, ich halte es für bloßen Dreck. Nur noch Christus besitzt für mich einen Wert – ihn zu haben und mit ihm eins zu werden.“
„Ich verlasse mich nicht mehr auf mich selbst oder auf meine Fähigkeit Gottes Gebot zu folgen, sondern ich vertraue auf Christus, der mich rettet. Ich möchte nichts anderes mehr kennen als Christus. Ich möchte die Kraft seiner Auferstehung teilen. Ich möchte sein Leben, sein Leiden mit ihm teilen. Mit ihm gleich geworden in seinem Tod hoffe ich auch zur Auferstehung der Toten zu gelangen.“
„Ich will nicht behaupten, ich hätte dies alles schon erreicht oder ich wäre schon vollkommen, aber ich arbeite auf den Tag hin, in dem ich das alles mein Eigen nenne, weil auch Christus mich ja jetzt schon sein Eigen nennt. Nein, liebe Freunde, ich bin noch nicht alles, was ich sein sollte, aber ich setze meine ganze Kraft für dieses Ziel ein. Indem ich die Vergangenheit vergesse und auf das schaue, was vor mir liegt, versuche ich das Rennen bis zum Ende durchzuhalten und den Preis zu gewinnen, für den Gott uns durch Christus, Jesus bestimmt hat.“
Paulus beschreibt in diesen drei Texten eine ganz eigenartige Spannung. Einerseits beschreibt er als Tatsache: „Christus lebt in mir oder ich bin ein neuer Mensch.“ Das heißt, alte Prägungen, alte Gewohnheiten – alles was uns von Gott ferngehalten hat – sagt er, ist tot. Wir müssen nicht mehr zwanghaft zündigen, uns nur auf uns selbst verlassen, unseren Willen durchsetzen oder durch Unwahrheit und Ichbezogenheit und Sünde uns in uns selber vergraben.
„Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Und er sagt: „Alles andere hat seinen Wert verloren.“
Aber zusätzlich zu dem, was er als Tatsache schildert und beschreibt, benennt Paulus sozusagen, wo er hin will – was die Richtung von seinem Leben ist. Er sagt: „Ich möchte nichts anderes kennen als Christus. Ich möchte die Kraft seiner Auferstehung erfahren. Ich möchte sein Leiden mit ihm teilen.“
„Ich bin noch nicht alles, was ich sein sollte, aber ich vergesse, was hinter mir liegt und schaue auf das, was vor mir liegt. Ich setze mein ganzes Leben für das Ziel ein: Christus gleich zu werden – in ihm zu sein – und mein Leben wie ein Rennen zu laufen, das zur Auferstehung führt.“
Das Kreuz symbolisiert also einmal das, was nur Christus und der Vater tun können: Versöhnung, Frieden durch sein Blut für die ganze Schöpfung und für jeden Einzelnen. Das Kreuz zeigt uns Gottes tiefstes Wesen und Motiv – Liebe.
Und das Kreuz gleichzeitig begründet die alles entscheidende Realität: Christus in uns. Und gleichzeitig begründet es sozusagen die Lebensspannung, die Antriebskraft unseres Lebens:
„Ich möchte nichts anderes kennen als Christus.“
„Ich setze mein ganzes Leben für das Ziel ein: Christus gleich zu werden.“
„Ich laufe mein Leben als ein Rennen zur Auferstehung.“ Amen.