Früher, als junger Mensch, als Teenager, Jugendlicher – da bin ich mit meinen Freunden häufig auf den Rummel gegangen. Ich weiß nicht, hier nennt man das wahrscheinlich eher so: Kirmes oder Kerb. Also bei uns im Norden wird es oft "Rummel" genannt. Wir sind dann auf den Rummel gegangen oder halt in den Freizeitpark. Bei uns in der Nähe in Lübeck war dann der Hansa-Park. Und ihr kennt ja vielleicht so die Kirmes und auch Freizeitparks, was da so alles ist: Achterbahn und so weiter. Aber heute möchte ich auf eine Sache eingehen, die wir immer sehr lustig fanden. Und zwar eine Attraktion, die wir als Freunde immer so gemacht haben und dann haben wir uns gegenseitig ausgelacht. Vielleicht kennt ihr das: So ein Spiegelkabinett, wo einige Sachen verkrümmt sind, gewählt oder verzerrt – und dann ist das Ganze komisch. Gestern hatte ich mich mit ein paar Teenies getroffen und dachte mir, die Technik ermöglicht es ja, dass man das auch mit dem Handy machen kann. Und da habe ich mal ein paar Fotos mitgebracht von mir: Wie ich so verzerrt, ein bisschen mollig, dick und so weiter aussehe – ein bisschen kugelig, rund wie ein Ball und so weiter. Früher fanden wir das lustig, sind dahin gegangen, haben unser Spiegelbild gesehen und das war einfach großartig in diesem Alter für uns: Einfach witzig. Wir sahen uns, aber halt nicht so, wie wir wirklich sind.
Tobi hat schon gesagt, seit Anfang des Jahres haben wir ein Jahresthema. Was hat er gesagt? Jesus – nicht Christus. Wir haben "Jesus" gesagt, wobei man natürlich auch "Christus" sagen kann. "Jesus ähnlicher werden." Das war das Jahresthema und wir hatten vier Werte darunter gestellt: Wer könnte die noch mal aufzählen? Ich höre aber nicht. Ihr lacht, alle schmunzelt, ihr lest – aber ich höre euch nicht.
Wertschätzen, begeistert sein, mutigen und Hoffnung bringen. Genau, das sind die vier Werte, die wir damals für uns genommen haben. Das ist natürlich nur eine Auswahl. Jesus ist natürlich viel mehr als nur, dass er diese Werte verkörpert: wertschätzen, ermutigen, begeistert sein und Hoffnung bringen. Jesus ist da viel mehr – aber wir haben gesagt: Diese vier Werte wollen wir uns dieses Jahr genauer angucken.
Unser Ziel war es ja im Laufe des Jahres, Jesus ähnlicher zu werden. Deswegen auch dieses Jahresthema. Wir haben uns gefragt: Wie können wir in unserem Leben, in unserer Gemeinschaft hier, in der Gemeinde, in unserem Alltag – da wo wir sind, in unserem Umfeld – Jesus widerspiegeln? Und das klingt groß, aber es beginnt oft mit kleinen Schritten erstmal. In dem, was wir in uns selbst sehen und wie wir uns auch selber wahrnehmen.
Und jetzt sind wir halt so im Spätsommer angekommen und es ist eine gute Zeit, um einmal in den Spiegel zu schauen: Was ist aus unserem Vorhaben geworden? Wie haben sich unsere Bemühungen so entwickelt, Jesus in unserem Leben und in unserem Alltag wieder zu spiegeln?
Vielleicht denken wir manchmal, dass wir auf dem richtigen Weg sind und Jesus schon – dass wir Jesus schon ziemlich gut widerspiegeln. Doch manchmal kann unsere Wahrnehmung von uns selbst ein wenig verzerrt sein. Ähnlich wie im Spiegel im Kabinett, die uns ein verzerrtes Bild zeigen, können auch unsere eigenen Vorstellungen darüber, wie wir Jesus widerspiegeln, nicht immer der Realität entsprechen.
Wir sind überzeugt, dass wir ihn vielleicht ganz gut darstellen – aber vielleicht sehen wir nur die halbe Wahrheit. Unser Verhalten, unsere Reaktionen und unser Umgang miteinander sind oft subtil – und es ist nicht immer einfach, sich dann auch selbst objektiv zu betrachten.
Der Spiegel Jesu, den wir anstreben, ist ein klarer, ehrlicher Blick auf uns selbst. Er zeigt uns nicht nur unsere Stärken, sondern auch die Bereiche, in denen wir noch ein bisschen Potenzial haben nach oben.
Und es geht dabei nicht darum, uns selber dabei niederzumachen oder die anderen dabei niederzumachen und den Spiegel vor die Augen zu halten – so: "Guck mal, wie schlecht du eigentlich bist." Darum geht's gar nicht. Es geht nicht um kritisieren, sondern es geht darum, dass wir uns bewusst werden: Wo wir uns befinden, wo wir uns weiter entwickeln können, um Jesus noch ähnlicher zu werden.
Und hier kommt der Heilige Geist ins Spiel. Es ist nicht nur unsere eigene Kraft oder unser eigener Wille, der uns ja verändert. Das ist ein guter Ansatz – aber der Heilige Geist wirkt in uns, um Jesus in uns Gestalt gewinnen zu lassen.
Der Heilige Geist hilft uns, klarer zu sehen und uns von innen heraus zu verändern, sodass wir mehr von Jesu Liebe und auch seinen Mut und seine Liebe widerspiegeln können. Paulus beschreibt es in einer Art Kreislauf: Wie Gott in uns wirkt und was das für Auswirkungen hat – und das recht konkret mit dem Thema trösten und ermutigen.
Und so schreibt er an die Christen im Korinth, im 2. Korintherbrief 1, die Verse 3 bis 4: "Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in all unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selbst getröstet werden von Gott."
Ich weiß nicht, wie es dir mit diesen Versen jetzt geht, wenn man das so sieht. Vielleicht kannst du das erstmal theoretisch so unterschreiben – aber vielleicht ist es noch nicht so lebendig genug. Es ist noch so ein bisschen so eine Wolke, ganz nebulös und man kann sich dahinter gar nicht vorstellen: Was ist denn jetzt die Bedrängnis? Was ist denn jetzt der Trost eigentlich, von dem Paulus hier spricht?
Es ist noch ziemlich unkonkret. Schauen wir uns doch mal Paulus' Leben an – malen wir uns eine Situation vor Augen, damit diese Verse für uns noch lebendiger werden.
Paulus hat diese Gemeinde in Korinth gegründet: 18 Monate lang hat er sich um diese Menschen gekümmert, hat sich in diesen Ort und in diese Menschen in die Gemeinde investiert. Er hat alles aufgebaut – und dann kam die Zeit, wo er danach weitergegangen ist, um an anderen Orten ebenfalls von Jesus zu reden und zu predigen.
Und auf seinen Missionsreisen war er mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert: die ihn sowohl körperlich als auch emotional und geistlich belasteten. Auf seinen Reisen erlebte Paulus wiederholt Verfolgung, Gefangennahme und Bedrohung seines Lebens.
Wenn man weiter den Korintherbrief, den zweiten Korintherbrief liest – dann in Kapitel 11 beschreibt er es detailliert: Welchen Schwierigkeiten er ausgesetzt war. Er wurde mehrfach ausgepeitscht, gesteinigt, er litt Schiffbruch und war oft ohne Nahrung und Schlaf.
Und besonders in Korinth hatte er nicht nur mit äußeren Widrigkeiten zu kämpfen – sondern auch mit inneren Konflikten in der Gemeinde, die ihn dann auch tief, tief trafen. Ein besonderer schwerer Moment für Paulus war wohl, wo er erfuhr: dass die Lehren, die er dort gepredigt hatte, jetzt in Frage gestellt wurden.
Viele seiner Gegner – sogenannte Superapostel – griffen seine apostolische Autorität an. Was nicht nur seinen Glauben, sondern auch seine persönlichen Leidenschaft für diese Gemeinde erschütterte. Das brachte ihn in auch in einen inneren Konflikt: der sein Vertrauen in diese Gemeinde auf die Probe gestellt hat.
Paulus' Leiden war also einerseits physisch, körperlich – aber er hatte tiefgreifende seelische Konflikte, mit denen er sich auseinandersetzen musste.
Wenn Paulus also schreibt: "Gott allen Trostes und der uns" – und "uns" bedeutet: wie ich, Paulus und meine Wegbegleiter, die mit mir jetzt gerade auf den Missionsreisen unterwegs sind – also: "der uns tröstet in aller Bedrängnis," dann hat er Gott beim Schiffbruch, beim Auspeitschen, beim Steinigen und bei allen Anfechtungen Gott erfahren. Gott, der tröstet.
Wir müssen also nicht allein durch schwere Zeiten – sondern Gott ist in diesen Zeiten und bei diesen Leiden bei uns. Er hält zu uns und er sagt: "Ich liebe dich." Er tröstet uns.
Das griechische Wort, das wir mit "trösten" übersetzen, kann ganz wörtlich auch heißen: Jemanden herbeirufen – jemanden zu sich rufen. Wenn Gott uns tröstet, dann ruft er uns also zu sich. In Jesaja heißt es: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein." Gott tröstet uns. Er ist der Gott allen Trostes – und das heißt: Gott selbst ist der Ursprung der Grund jeglichen Trostes.
Also wenn er als Vater des Trostes beschrieben ist, dann ist er der Urgrund, von dem der tröstet. Und mögen die Umstände und das Leid auch noch so katastrophal und ausweglos erscheinen: Gott ist der Grund unserer Zuversicht. Er ist der Grund unserer Hoffnung – der der Perspektive dann gibt.
Er ist also der, der uns dann tröstet. Auch im Jesaja-Brief heißt es: "Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen" – also unsere Probleme sollen weggehen. "Aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen," spricht der Herr, dein Erbarmer.
Gott ist mit uns unterwegs. Aber noch mehr: Das griechische Wort hat noch ein größeres Bedeutungsspektrum als nur "Trösten". Paulus benutzt verschiedene Formen des Wortes Parakaleo. Ich weiß jetzt ein bisschen theoretisch – ein bisschen gehen wir mal in die Sprache rein – und es kommt gleich ein anderes Wort: Paraklet.
Und einige, die vielleicht schon ein bisschen länger unterwegs sind im Glauben, die haben das Wort "Paraklet" schon mal gehört. Und wer wird als Paraklet bezeichnet? Der Heilige Geist. Also hier sehen wir auch wieder eine Verbindung – eine Wortverbindung.
Paraklet und wer sich damit schon ein bisschen auseinandergesetzt hat, der weiß: Es heißt nicht nur "trösten" oder "der Tröster" oder "getröstet werden". Es ist viel weiter. Es heißt auch jemanden gut zusprechen – oder auch ermutigen, ihn bitten weiter zu machen.
Und Paulus erlebt also nicht nur Trost – sondern viel viel mehr. Er erlebt auch durch Gott, durch den Heiligen Geist Ermutigung. Es ist eine Kraft, die in ihm plötzlich frei wird: Die ihm etwas Größeres vollbringen lässt.
Als er inmitten all seiner Schmerzen stand – geschunden, wahrscheinlich vom Auspeitschen, erschöpft von dem Nahrungsmangel oder auch Schlafmangel – war es nicht nur Gottes sanfte Nähe, die ihn hielt. Sondern dann wahrscheinlich auch das: Was Gott ihm zuflüsterte.
"Geh weiter, mach weiter." Der Weg ist noch nicht zu Ende. Er fühlte sich also da noch dazu aufgerufen: In seiner Bedrängnis nicht nur zu verharren – sondern weiter zu gehen, vorwärts zu gehen.
Jede Wunde, die er trug, wurde für ihn ein Zeichen: Dass Gottes Kraft ihn dann auch trug. Mit jedem Schritt, den er machte – trotz des inneren Drucks, der ihn manchmal wahrscheinlich auch überwältigen drohte – fühlte er sich von Gott getragen, fest von ihm gehalten.
Und er wusste: "Ich kann mit Gott weitermachen." Und das war für ihn kein billiger Trost oder ein stiller Trost – sondern ein drängendes Vorwärts, ein Drängen, seine Mission weiterzuführen. Denn er hatte diesen inneren Drang: Ja, viele Menschen müssen eigentlich noch von Jesus erfahren.
Und Gott ermutigte ihn, nicht aufzugeben, als seine Feinde ihn bedrängten – oder als die Superapostel seine Autorität in Frage gestellt haben. Er spürte, dass seine Schwäche in Gottes Hand zu einer Quelle der Stärke werden würde.
Gott möchte auch uns trösten, etwas Gutes zusprechen und uns auch ermutigen. Auch wir sind ja manchmal traurig – wir sind kraftlos oder auch verzweifelt. Gott ist auch in seiner Not da, in unser Not da, in deiner Not da – und will dich aufbauen und ermutigen.
Wir werden von Gott nicht aber nur getröstet und ermutigt, damit wir uns dann wohlfühlen – sondern um tröster und ermutiger zu werden und zu sein. Wir werden von Gott nicht getröstet, damit wir uns wohlfühlen – sondern um tröster und ermutiger zu werden und zu sein.
Die deutsche Übersetzung gibt es leider nicht so gut wieder. Es kommt nämlich das nächste griechische Wort: Im Griechischen steht hier etwas, was der deutsche Text mit "können" einfach übersetzt – mit "dynamai." Und da hört man vielleicht schon raus: "Dynamit" – und das bedeutet Kraft, Stärke.
Als Verb bedeutet es dann also: Man wird fähig gemacht. Man wird – also man bekommt das Vermögen dazu, dass es gelingt. Gott gibt uns also die Kraft – ich sage jetzt mal die Power – dass wir andere Menschen trösten und ermutigen können.
Einen Menschen zu trösten ist ja manchmal gar nicht so leicht. Man weiß gar nicht so: Was man sagen kann – und was da vielleicht auch gerade in der Situation richtig ist. Und ich kenne das ja auch, wenn man mit Leuten im Gespräch ist – dann fühlt man sich manchmal auch ganz schön unmächtig denen gegenüber – und dann rattert das im Kopf.
Was kann ich sagen? Welche Bibelverse passen? Und dabei geht es gar nicht: Dass man jetzt den anderen mit ganz viel Bibelversen irgendwie ranklatscht – und irgendwelche Lösungen präsentiert – und irgendwelche Zitate macht. Eigentlich braucht es ganz viel Nähe und Mitgefühl.
Und das erinnert mich an eine Geschichte von Theo Sorg: Der sagt euch wahrscheinlich nichts, das ist ein evangelischer Pfarrer gewesen, war auch Prälat – und irgendwann auch Bischof – und er wurde eines Tages schwer krank, war im Krankenhaus und wurde selbst von Zweifeln und Schwäche überrollt und wusste nicht mehr weiter.
Und er war ja eigentlich Pfarrer, er war Theologe – und in dem Augenblick war er Prälat: Also es war so eine Art Bezirksbischof in der Region, wo er gewesen ist. Und eigentlich hätte er sich doch selber gut zusprechen können – aber das konnte er in diesem Augenblick nicht.
Und er wusste eigentlich auch alles: So "Gott ist bei mir" und so weiter. Und da kam ein hörgestellter Bischof dann zu Besuch – und der hat nicht viel geredet, sondern einfach sich ans Bett gesetzt und war still.
Und dann, bevor er ging, schaute er dem Theo tief in die Augen und sagte: "Ich lasse dir nur ein Wort da, das dich stärken soll." Der Herr, mein Gott, macht meine Finsternis Licht. Der Herr, mein Gott, macht meine Finsternis Licht.
Mehr hat er nicht gesagt. Dieses eine Wort wiederholte er – und dann ging er. Für Theo Sorg war das wie Wasser auf trockenem Boden. Dieses Wort hat ihn durch seine Krankheit getragen und ihm Kraft gegeben: Die er so dringend in dieser Situation brauchte.
Es war nicht die Menge an Worten, sondern die Kraft, die in diesem einen Wort Gottes lag.
Aus all dem – wie groß Gottes Trost für uns ist – ergibt sich etwas für uns. Wir können danach Gott auch loben und preisen. Es ist dieser Kreislauf, den ich beschrieben habe: Fängt damit an, dass Gott tröstet – dass wir Tröster werden – und Menschen durch uns sozusagen auch getröstet werden – dass auf Gott zurückweist.
Und in all dem kann Gott gelobt und gepriesen werden. So beginnt Paulus ja auch unserem Bibeltext, unseren Abschnitt: "Gelobt sei Gott," sagt er. Wir haben allen Grund, Gott zu loben, der uns nicht allein lässt – sondern uns ganz nah bei sich hält und trägt.
Wie wunderbar ist doch dieser Gott, dass wir ihn loben können und dass wir ihn preisen können dafür: Dass er uns aufbaut, dass er uns ermutigt, dass er uns stärkt. Wenn wir in den Spiegel Jesu schauen – sehen wir vielleicht ein verzerrtes Bild von uns selber: Wo wir sagen: "Da ist noch Luft drin." Aber wenn wir genau hingucken – dann will uns Jesus aber etwas ganz anderes zeigen.
Er möchte uns zeigen, wie wir sein können – wie wir ihn widerspiegeln können. So, wie wir die Ebenbildlichkeit wieder gewinnen von ihm.
Und meine Hoffnung ist – beziehungsweise dazu möchte ich euch ermutigen: Lasst uns als Gemeinde Menschen sein, die nicht nur ja diesen Trost von Gott in Anspruch nehmen – sondern auch diesen Trost weitergeben. Wenn wir als Gemeinde ja den Blick auf Jesus richten – dann sehen wir ja nicht nur uns selbst – sondern wir sehen auch den anderen Menschen.
Und sein Bild soll letztendlich in uns und in dem anderen immer klarer werden: Wenn wir durch den Alltag laufen – und wir wollen dann seine Liebe, seinen Trost und seine Hoffnung anderen weitergeben. Lasst uns als Gemeinde wachsen, damit wir immer mehr ein Spiegel seiner Liebe in dieser Welt werden.
Amen.