Wer von euch kennt noch den Film von 1955 mit dem Titel, den ihr dort hinten seht? Denn sie wissen nicht, was sie tun. Hand hoch, wer ist schon alt genug, dass er den noch kennt? Ja, also sind mehr so die älteren Herrschaften, die den kennen. Alle, die ihn nicht kennen, lohnt sich durchaus anzuschauen.
Googelt man mal diese Phrase – also diesen Titel, „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ – dann erscheint, je nachdem, wie man die Frage stellt, zumindest in den meisten Ergebnissen noch der Hinweis, dass es sich dabei um ein Zitat von Jesus handelt. Allerdings: Wenn man die Frage irgendwie anders stellt, erscheint auch manchmal nur noch „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ – und das wäre von James Dean und hätte nur mit dem Film zu tun.
Dabei hat dieses Zitat durchaus eine Wirkungsgeschichte entfaltet. Wenn man das googelt, dann erscheinen nämlich alle möglichen Abwandlungen dieses Zitates. Das kann dann heißen: „Denn sie wissen, was sie tun.“ Oder: „Denn sie wissen, was sie nicht tun.“ Oder: „Denn sie wissen, was sie wollen.“ „Denn sie wissen nicht, was passiert.“ Auch nicht: „Denn sie tun nicht, was sie wissen.“ Andere Variante: „Denn sie wissen nicht, was sie nicht tun.“ Und dann wird es schon ein bisschen biblischer bei einer: „Herr vergib ihnen nicht, denn sie wissen, was sie tun.“ Und das krasseste: „Vergiss nie, was sie dir angetan haben, denn sie wissen genau, was sie tun.“
Fast alle diese Zitate oder Abwandlungen, die ich gefunden habe, verkürzen oder verdrehen das ursprüngliche Wort von Jesu. Das ist das erste der so genannten sieben Worte Jesu am Kreuz. Und bei Jesu heißt es: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Wenn man dieses Wort im Kontext – und das ist die Kreuzigung Jesu – anschaut, dann ist einerseits offensichtlich, dass Jesus dieses Wort auf das bezieht, was er selbst gerade in und durch die Kreuzigung erleidet. Er hängt am Kreuz, als er dieses Wort spricht. Und diese ganze Kreuzigungsgeschichte ist ja wie eine Aneinanderkettung von Tun von Menschen, wo gilt: Wissen sie, was sie tun? Also angefangen von der Menge, die jubelt, als Jesus einzieht und die ihn gleichzeitig mit Erwartungen belegt, die er nie versprochen hat zu erfüllen. Dann Konfrontation, Provokation durch die religiösen Führer, dann Todesangst, Einsamkeit schon vor der Kreuzigung, seine müden, gebetsunfähigen Jünger, die einschlafen in der höchsten Herausforderung, dann Verrat durch den Kuss eines Jüngers, eines Mannes, der ihn jahrelang begleitet hat. Alle seine Jünger fliehen, dann die Anklagen, Hohn und Spott, angespuckt, geschlagen, ausgepeitscht, gekreuzigt – und selbst am Kreuz noch den Hohn: „Hilf dir selbst!“ Und dann Verzweiflung und Todesqualen am Kreuz.
Und in diese Situation hinein spricht der „Vergib ihnen, Vater, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Es bleibt aber offen – oder unsere Interpretation sozusagen vorbehalten und überlassen – für wen Jesus denn eigentlich den Vater um Vergebung bittet für dieses grausame Tun aus Unwissenheit. Die meisten Ausleger sagen: Diese Bitte umfasst alle, die daran beteiligt sind. Angefangen von Judas, den flüchtenden Jüngern, dem verleugneten Petrus, den hohen Priestern und die religiöse Elite, das wankelmütige Volk, die politischen Führer – eigentlich sogar weiter. Im Grunde genommen alle Menschen aller Zeiten: „Denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Fast wie ein Grundzustand unseres menschlichen Daseins, dass wir im besten Fall immer nur Aspekte unseres Daseins, unserer eigenen Gründe, warum wir Dinge tun oder lassen verstehen – und genauso das auch bei anderen Menschen oder in Gruppen von Menschen.
Ich höre hier einen Jesus, der um Vergebung bittet, wirklich für uns alle. Für all die Momente, wo wir im Vollgefühl des Richtigen zu tun genau das Falsche tun, weil uns eben das entscheidende Quäntchen – Durchblick, die Fähigkeit über uns und auch selbst unsere Dimension, unsere Zeit hinauszuschauen – fehlt. Der Durchblick, den immer nur Gott schenken kann.
Die religiöse Elite zurzeit Jesu kommt ja bei dieser Kreuzigungsgeschichte sozusagen schlecht weg. Aber ich bin sicher: Die Frommen, Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten – sie waren zutiefst überzeugt, dass sie genau das Richtige tun, nämlich den Gotteslästerer, der sich aus ihrer Sicht Gott gleich gemacht hat, mit der nötigen Strafe, dem Tod zu bestrafen. Aber es fehlte ihnen eben der entscheidende Durchblick und Wissen, was nur Gott schenken kann: dass dieser Jesus eben tatsächlich Gott in einer einmaligen, einzigartigen Weise widerspiegelte.
Ich glaube: Ohne Gott geraten wir immer wieder – selbst mit den besten und den edelsten Motiven – in diese Gefahr aus purer Unwissenheit, aus Beschränktheit, weil wir befangen sind in uns, weil wir Dinge eben nicht komplett durchblicken können, weil wir vielleicht gar nicht fragen: Was ist Gottes Perspektive dazu? In so einem Komplex von Schuld, von Nichtwissen, von Versagen und allem Verhalten, was daraus resultiert.
Für Jesus selbst ist die Kreuzigung im Grunde genommen wie die bitterste, die finale Nagelprobe für all das, was er sein Leben lang verkündigt hat. Denn er hat sein Leben lang Vergebung gelehrt und verkündigt – in konkreten Situationen, in Gleichnissen, in Geschichten.
Das fängt an mit der Verkündigung des Vaters im Himmel, der barmherzig ist, und wo Jesus einlädt: „Sei barmherzig wie er.“ Das geht weiter in die Ermutigung, nicht zu richten, nicht zu verdammen und zu vergeben. Das Gipfel in der Vaterunser: „Bitte vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigen.“ Vergebung passiert, wenn der Menschen heilt – gelähmte, denen er sagt: „Deine Schuld ist dir vergeben“ – oder Ehebrecherinnen, ausgestoßenen Frauen am Rand der Gesellschaft, denen er Schuld vergibt.
Die Verkündigung und das Leben von Jesus quillt geradezu über von gelebter Vergebung und von leerer Übervergebung. Von den Antworten, wie Petrus fragt: „Wie oft muss man denn vergeben?“ Bis zu dem herausfordernden Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht, dem eine gewaltige nie zurückzahlbare Schuld vergeben wird – und der bei 50 Cent Schulden den anderen beginnt zu knechten und zu schlagen. Und im Herzen ein Hartherziger bleibt.
Und jetzt hängt Jesus selbst am Kreuz: die entscheidende Nagelprobe, was macht er, der ein Leben lang Vergebung gelebt und verkündigt hat? Wird Jesus – wenn ihm die Wucht von Schuld, die Schuld anderer und (als Christen glauben wir) die Schuld der ganzen Welt mit einer selbstzerstörerischen Wucht trifft oder lebenszerstörenden Wucht trifft – wird er jammern, winseln, flehen? Gottes Zorn auf die Folterknechte, die Verräter und die Unwissenden herabfluchen?
Jesus tut es nicht. Stattdessen sind die sieben Worte, die er am Kreuz spricht – und das ist das Wort, dass diese sieben Worte beginnt – fast wie eine Anleitung zu einem versöhnten Leben oder in seinem Fall zu einem versöhnten Sterben.
Wir sind dieses Wort so gewohnt, dass uns manchmal gar nicht mehr auffällt: Dass Jesus ja nachdenkenswerterweise nicht betet: „Vater, ich vergebe allen, die an mir schuldig geworden sind.“ Sondern er sagt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Ich denke, das ist ein nachdenkenswerter und auch entscheidender Unterschied. Man könnte sagen: Jesus übergibt sowohl die Schuld, die ihm zugefügt wird, als auch die Fragen dahinter – nach Schuld und Vergebung – in die Hand Gottes, in die Hand seines Vaters.
Und ich glaube: Ringsum dieses Thema von Vergebung, von Konflikten (wie wir das am Anfang gehört haben), mit manchmal bis zum Zerreißen gespannten Bändern zwischen Menschen – da ist das etwas, was manchmal die letzte Möglichkeit ist, eben das Schuldthema nicht zu lösen, sondern es final in Gottes Hand zu geben.
Ich weiß nicht, wer Situationen von euch schon erlebt hat. Aber ich habe es in Ehegesprächen, Beziehungsgesprächen, in Gemeindekonflikten erlebt: dass ich die Frage stelle – wie sind Dinge entstanden? Wie ist ein Konflikt entstanden? Wer hat begonnen? Wer hat wie darauf reagiert? Wer hat dort etwas falsch gemacht? Wer hat dort falsch reagiert? Was war Ursache und Wirkung, dass sich das zu so einem komplexen Geflecht von Ursache, von Wirkung, von Schuld, von Verletzung, von Kränkung, von nicht zur rechten Zeit Erfolgen, Reaktion oder Wort verknüpft kann – dass das am Ende wie ein riesiges Knäuel ist, das man überhaupt nicht mehr entwirren kann.
In vielen Beziehungen ist es so. Es gibt gar keine Chance, wenn man versuchen wollte, dieses Geflecht von Fehlverhalten, von Schuld, von Ursache, von Wirkung – von „Wann hast du?“, „Wann habe ich?“ – wegen dir und so weiter zu entflechten. Keine Chance.
Denn schon unsere Erinnerung an solche Dinge ist gefärbt und ist nicht mehr objektiv und ist nicht mehr in der Lage, Dinge wirklich wieder zu regenerieren. Die Dinge sind schon verwoben.
Wir hatten in unserer ersten Gemeinde so einen Knödel von Konflikt, der über – weit über zehn Jahre ging, mit wechselnden Leitern und Parteien involviert, immer dasselbe Thema. Das war am Schluss unmöglich, das noch zu entwirren.
Da gab es Punkte, wo man als Einzelner sagen konnte: „Jemand anders – ich bitte dich um Vergebung“, wenn einem was konkret deutlich oder klar geworden ist. Es gab Punkte, wo jemand kam und das bei einem tat. Aber es war unmöglich, dieses Geflecht jemals wieder auseinanderzubringen.
Wir konnten es nur gemeinsam Gott bringen und sagen: „Vater vergib uns miteinander mit dem, was wir da angerichtet haben – in unserer Beschränktheit zu hören und zu verstehen – und angemessen, wie du es willst, aufeinander zu entwirren.“
Das ist etwas Entscheidendes, was Jesus tut. Natürlich gibt es Situationen, wo wir direkt zu Gott kommen und sagen: „Vater vergib mir“, oder wo man direkt zum Ehepartner oder in der Familie zu jemandem kommt und sagen kann: „Vergib mir.“ Aber manchmal ist wirklich der entscheidende Schritt – der bleibt nur noch – das Gott zu geben und zu sagen: „Vater, vergib Menschen, die einem vor Augen stehen“, oder: „Vergib uns“, weil du bist der Einzige, der das überhaupt zu irgendeiner Lösung, zu irgendeiner Klärung führen kann.
Wenn man anschaut, wie Jesus stirbt, dann meine ich, dass dieser erste Schritt von ihm – „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ – das ermöglicht, was dann bei seiner Kreuzigung weiter geschieht. Das ist so etwas wie: Jesus kommt mit dieser unfassbaren Schuld, die ihm da angetan und angelastet wird, in einer übernatürlichen Art und Weise ins Reine.
Und er kann in seinem Todeskampf sozusagen gleichzeitig loslassen. Und nachdem er dieses erste entscheidende Wort der Vergebung oder der Bitte um Vergebung gesprochen hat, ist er nicht mehr wie ein Gequälter – sondern wie ein Versöhnter am Kreuz.
Denn auch das sogenannte zweite Wort Jesu am Kreuz ist ein Wort der Vergebung. Es ist ein Wort der Zusage an einen anderen, einen der Verbrecher, der neben ihm am Kreuz hängt: Der mit seiner ganzen Existenz gescheitert ist und von Menschen als schuldig proklamiert wurde – und dafür ans Kreuz genagelt wurde.
Dem spricht Jesus zu: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“
Jesus lässt los, was ihm an Schuld angetan wurde. Und er wird in diesem Todeskampf fähig, einem anderen zuzusprechen: Deine Schuld ist befreit. Du wirst mit mir – trotz deines Lebens – im Paradies sein.
Und diese Linie setzt sich weiter. Nachdem Jesus diese Schuld, die ihn tötet, weggegeben hat, dem Nächsten neben ihm Vergebung zugesprochen hat, übernimmt er am Kreuz sogar noch mal Verantwortung für andere Menschen: Er wendet sich seiner Mutter zu, er wendet sich seinem Lieblingsjünger zu – er ordnet die Beziehungen zwischen den beiden für die Zeit ohne ihn.
„Frau, siehe, da ist dein Sohn. Siehe, da ist deine Mutter.“ Und der Jünger nahm sie zu sich seit dieser Zeit und stand dann noch dabei.
Und danach kommt Jesus noch mal auf sich zurück: Er stirbt eben nicht wie Menschen in so Situationen – wohl oft sterben mit Jammern und Winseln und Fluchen und Verfluchen und Drohungen. Sondern er kommt zurück zu dem, was ein Leben lang seine Lebensquelle gewesen ist.
Auch seine tiefste Not, seine tiefste Verlassenheit, seinen tiefsten Zweifel bringt er zu seiner Lebensquelle zurück: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und wir als Christen sagen ja und glauben ja, dass Jesus wirklich ganz Mensch war. Und das sieht man in dem nächsten Wort: „Mich dürstet.“
Jesus wird reduziert auf die letzten Reste von Menschsein – körperliche Bedürfnisse: „Mich dürstet.“
Und dann das finale Wort: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Was angefangen hat mit dieser Bitte: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, endet mit Frieden vor Gott. „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“
Jesus hat sich und sein Leben unlösbar ein Leben lang mit Vergebung verknüpft: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“
Vielleicht ist die Schuld, die andere dir zugefügt haben, so immens, so niedermachend, überwältigend, grausam gewesen – dass du im Grunde genommen, wie Jesus nur bitten kannst: „Vater vergib ihnen oder ihm oder ihr“, weil es zu groß ist, was Menschen dir angetan haben, dass du es vergeben kannst. Aber du kannst es in Gottes Hand legen und sagen: „Vater, regel du das. Vergib, bringst zu Gnade, bringst zu Gerechtigkeit.“
Vielleicht lebst du in Situationen und Beziehungen – da ist die Frage von Schuld und wer was getan hat eben nicht wie am Anfang: Ein schönes Band, gradlinig und man kann rechts und links halten. Sondern es ist ein riesiges Gummikneul geworden, was in sich verwirrt ist – und wo nicht nur zwei Parteien, sondern viele Parteien an allen Ecken ziehen und zerren und ihren Anteil an Recht haben wollen oder an Schuld oder Nichtschuld nicht haben wollen.
Dafür gilt das Gleiche. Auch hierfür ist es eine gute Bitte: Vergebung auszusprechen – wo einem eigene Schuld klar wird, aber gemeinsam vor Gott zu kommen und zu sagen: „Vater vergib uns“ – oder eben auch manchmal die Schuld anderer in so einem Komplex loszulassen und zu sagen: „Vater, nimm du das in die Hand. Vergib ihnen.“
Vielleicht steht ja auch deine eigene Schuld scheinbar riesig vor Augen an einem Thema – oder wenn du dein Leben anschaust und du fühlst dich wie ein Judas oder wie ein Petrus, wo das was du getan oder unterlassen hast dir riesig vor Augen steht. Dafür gilt das Gleiche.
Gott ist immer da, um vor ihn zu kommen und zu sagen: „Vater, vergib mir“, was mir riesig unlösbar erscheint.
Und ich denke, es gilt immer – egal wie unsere Lebenssituation ist: Was mit der Vergebungsbitte an Gott beginnt, hat die Verheißung, wie bei Jesus, dass das zu einem versöhnten Leben führt und im Idealfall auch zu einem versöhnten Sterben, wo ich in Friede zu Gott zurückkehren kann.
Ich mache euch Mut: Geht dieses Geschenk der Vergebung neu an – egal ob es die riesige Schuld anderer ist, ein scheinbar unentrinnbarer oder unentwirrbarer Knäuel oder eigene Schuld, die euch vor Augen steht. Kommt vor Gott, kommt vor den Vater und bittet ihn im Namen Jesu um Vergebung, um Weiterführung, um Hilfe, um Befreiung.
Amen.