Gottesdienst mit Abendmahl
Predigt

Gottesdienst mit Abendmahl

Christopher NorkChristopher Nork
Sonntag, 3. August 2025 · 10:00 Uhr
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Transkript

Zum Mitlesen oder gezielten Springen zu Passagen.

Die Geschichte beginnt vielleicht erst mal ganz unscheinbar: Da ist die Mittagshitze, ein Brunnen, und Jesus, der Durst hat. Eine Frau kommt allein, mitten am Tag, um Wasser zu holen – nicht wie die anderen Frauen morgens oder abends, wenn es kühler ist. Wahrscheinlich, weil sie gemieden oder auch verachtet wird. Jesus sitzt dort, müde von seiner Reise, und spricht sie an: „Gib mir zu trinken.“ Das ist ein einfacher Satz. Aber für die damaligen Verhältnisse ein absoluter Tappenbruch – denn Jesus ist Jude, und sie, die Frau, ist Samaritanerin. Ein Mann spricht eine fremde Frau an, und das noch in der Öffentlichkeit: Das macht man nicht. Schon gar nicht als jüdischer Rabbi. Vielleicht wäre das heute so, als würde ein bekannter, großer Pastor von einer großen Kirche sich mitten in ein Straßencafé setzen und ein Gespräch mit einer Prostituierten führen – oder einen Obdachlosen aufsuchen – an einem öffentlichen Platz. Nicht einfach heimlich, sondern sichtbar für alle. Und das irritiert: Es irritiert die damaligen Leser und die, die das mitbekommen haben. Der macht jetzt hier deutlich: Jesus möchte hier eine Grenze ganz bewusst überschreiten. Die Frau reagiert genauso irritiert, wie man es vielleicht erwarten würde – nicht höflich, sondern vielleicht sogar eher schroff abwertend: „Wie kannst du mich um etwas zu trinken bitten? Du bist doch ein Jude und ich bin eine Samaritanerin.“ Diese Frau hat aus dem geschichtlichen Hintergrund und vielleicht auch aus ihrem persönlichen Hintergrund Mauern aufgebaut. Also spricht sie es nicht ohne Grund so an: Sie kennt die Spannungen zwischen Juden und Samaritanern, und es könnte sein, dass sie auch mit Männern keine guten Erfahrungen gemacht hat – oder sie ist es leid beurteilt und beäugt zu werden. Was hier passiert, ist keine typische Alltagssituation. Aber es geschieht in ihrem Alltag, im Alltag der Frau. Und deswegen ist diese Situation so besonders: Nur ein kurzer Satz von Jesus – und doch ist es dann ein Türöffner für ein längeres Gespräch. Jesus sieht sie. Er sieht sie wirklich – nicht nur als eine Frau, nicht nur als Samaritanerin, sondern er sieht sie als einen Menschen. Die Frau hat sich zurückgezogen, vielleicht auch innerlich so eingemauert, verletzt. Sie ist vorsichtig, sie ist skeptisch. Und genau da setzt Jesus an: Nicht mit einem Urteil, nicht mit ganz viel Druck – sondern mit einem einfachen Gespräch. Und was Jesus hier tut, zeigt echten Respekt. Auch Respekt gegenüber jemandem, mit dem er eigentlich sonst nichts zu tun hat. Er bricht nicht nur ein Tabu; er durchbricht dann auch ihre aufgebauten Schutzmauer: Nicht weil er Vorwürfe macht – sondern mit echtem Interesse an ihr. Und wie oft erleben wir das Gegenteil? Wir werden in Schubladen gesteckt, weil wir zu einer Gruppe gehören, weil jemand unsere Geschichte kennt oder sie auch nicht kennt, weil jemand einen Namen weiß, ein Foto sieht oder nur einen kurzen Moment wahrnimmt – und nicht das große Ganze. Es gibt Studien, die das Ganze nüchtern dann auch belegen: Wenn zwei Frauen zum Beispiel exakt den gleichen Lebenslauf haben und sich bewerben – die eine heißt Anna Fischer, die andere Marianne Schahin –, dann bekommt Anna deutlich öfter eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, weil ihr Foto und ihr Name schon gleich anders klingen. Noch klarer wird es gesagt, wenn die Miriam sogar noch ein Kopftuch trägt: Dann bekommt sie im Stift nur etwa jede zwanzigste Einladung – während Anna fast jede fünfte dann erhält, obwohl alles schriftlich gleich ist, außer Name und Foto. Und das erfahren wir in unserem Alltag immer wieder: Wir werden oberflächlich einfach beäugt, beurteilt, bewertet und irgendwo hineingesteckt. Diese Erfahrung machen wir alle – vielleicht ist uns das nicht so bewusst, dass Menschen uns vielleicht in Schubladen stecken – und der ein oder andere leidet darunter. So schnell stecken wir also Menschen in Kategorien. Manchmal merken wir es selber ja nicht, wenn wir andere Menschen da hineinstecken. Jesus versucht das zu durchbrechen; er möchte das nicht: Er bleibt nicht an der Oberfläche – er fragt nicht „Was hast du gemacht?“, sondern „Wirst du gesehen? Wirst du verstanden?“ Und diese Szene – das ist dann auch nicht irgendwie etwas trockenes, irgendwie keine Lehre über den Glauben. Sie trifft nämlich mitten ins Leben, ins Leben dieser Frau: Da ist jetzt jemand, der von sich aus ein Gespräch sucht, der nicht fordert, sondern bittet: „Gib mir zu trinken.“ Damit beginnt eine Begegnung, die diese Frau nie wieder vergessen wird. Die Frau beginnt sich zu öffnen. Sie bleibt im Gespräch; sie fragt nach – sie spürt: Da ist jemand, der mich wirklich meint. Der nicht bloß Smalltalk macht – und dann kommt dieser Moment, der alles auch verändert: Jesus sagt: „Geh, ruf deinen Mann.“ Und sie antwortet: „Ich habe keinen Mann.“ Und Jesus entgegnet: „Du hast recht. Fünf Männer hast du gehabt und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“ Und das klingt auf den ersten Blick wie ein bloßstellender Satz. Aber wer genauer hinhört, merkt: Jesus sagt das nicht, weil er sie verurteilen möchte. Er sagt es ganz ruhig – in Wahrheit und voller Würde. Er führt ihr Leben nicht vor; er hält es ihr einfach hin – und er deckt etwas auf, aber ohne sie bloßstellen zu wollen: Er kennt nämlich ihre Geschichte – und er bleibt dennoch. Ich bin ja vor ein paar Jahren nach Wiesbaden gezogen. Und ich weiß nicht, wie das bei euch ist – aber ich habe immer noch ein paar Umzugskartons im Keller stehen; hatte jetzt auch meinen Urlaub dazu genutzt, ganz vieles auszusortieren. Und da sind dann so Umzugskartons, die sind nicht ausgepackt: Da sind Sachen drin, die brauche ich gar nicht mehr – und die vermisse ich wohl auch gar nicht mehr, sonst hätte ich sie ja schon rausgeholt. Aber man gewöhnt sich irgendwann daran, dass sie unten im Keller stehen – und da sieht sie unten auch keiner. Aber manchmal denke ich: Wenn man so an den Karton vorbeigeht: Was ist da eigentlich noch mal drin? Alte Dinge, Dinge, die ich damals nicht wegwerfen wollte – aber auch nicht so richtig ins neue Leben mitnehmen konnte. Und genau so geht es doch vielen: Wir tragen Geschichten mit uns rum. Erfahrungen, Verletzungen – vielleicht auch Dinge, für die wir uns auch schämen. Jesus aber sagt: „Ich will da nicht mit der Taschenlampe rein, um dich vorzuführen, um das irgendwie rauszuholen und dann mit dem moralischen Zeigefinger auf dich zu zeigen und zu sagen: Ah, was für ein schlechter Mensch bist du?“ Nein. Jesus sagt: „Ich komme nicht, um mich bloß zu stellen – ich komme, um bei dir zu bleiben.“ Auch dann, wenn du mir zeigst, was du sonst vielleicht niemanden zeigst: Das, was du in den Keller gestellt hast; das, was im Dunkeln bleiben soll. Und manchmal ist es, als hätte man eine alte Wunde. Man hat sie abgedeckt – damit niemand sie sieht, vielleicht sogar selbst verdrängt. Und dann kommt jemand, der guckt nicht weg, der fragt nicht neugierig, sondern mitfühlend: „Tut das eigentlich noch weh? Merkst du das noch?“ Und er möchte dabei dich nicht bloßstellen – er will sich um dich kümmern; er will sich um uns kümmern. Das ist etwas, das viele Menschen kaum kennen: Dass jemand sie wirklich kennt und trotzdem nicht geht. Jesus verpackt seine Liebe nicht in Harmonie, sondern in Wahrheit. Aber eine Wahrheit, die uns dann auch heilen soll: Denn wahre Annahme bedeutet nicht alles ist egal – sondern ich kenne dich und ich will dich trotzdem. Für diese Frau beginnt genau da. Genau da beginnt für die Frau etwas ganz, ganz Neues: In dem Moment, wo nichts mehr versteckt ist – und sie ist trotzdem nicht weggeschickt worden. Kein Schamurteil von Jesus; kein „Du musst es erst ändern und dann darfst du wiederkommen“ – sondern: Du darfst bleiben, du darfst leben, du darfst aufatmen. Manche Begegnungen sind wie ein Spiegel: Du merkst, der andere sieht dich nicht nur, wie du dich gibst, sondern wie du wirklich bist. Und genau da beginnt es zu kippen – Scham und Sicherheit oder auch so ein Fluchtreflex. Und bei Jesus läuft es anders: Er sieht die Frau – und er bleibt bei ihr. Er kennt ihre Geschichte – und sagt trotzdem nicht „Du musst dein Leben aufräumen“; sondern: Ich rede mit dir. Ich bin da – und ich möchte dir etwas geben. Ich möchte dir etwas schenken. Er nimmt sie also ernst in ihrer Situation. Und die Frau versucht noch das Thema zu wechseln, redet über Religion, über den richtigen Ort der Anbetung – aber Jesus geht nicht auf eine Debatte ein: Er spricht von einem Gott, der nicht an Orte gebunden ist, sondern an Menschen. Er sagt: „Gott sucht Menschen, die ihm im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Und das bedeutet: Gott sucht Herzen. Er sucht keine Fassaden; er sucht nicht irgendwas vorgespieltes. Und da kommt dieser eine Satz ganz schlicht – aber gewaltig: „Ich bin es, der mit dir spricht.“ Er sagt nicht „Ich richte dich“ – er sagt: „Ich bin es, ich spreche mit dir.“ Und das ist nicht nur eine Information, die er irgendwie so mitgeben will; sondern er sagt es, damit sie sich angenommen fühlt, damit sie Nähe erfährt. Und das ist Liebe, die nicht wegsieht und die auch nicht wegläuft. Was in dieser Frau passiert, ist dann auch nicht großspektakulär: Da ist nichts Großes – keine Pauken und Trompeten; aber es trifft sie mitten in ihrem Kern. Sie stellt sich nicht nur dem Gespräch; sie stellt sich seinen Blick. Und sie merkt: Ich bin gemeint, ich bin gesehen – und obwohl ich diese Geschichte habe, bin ich gewollt. Die Geschichte endet nicht an diesem Brunnen. Denn die Frau lässt den Krug stehen und läuft in die Stadt. Vielleicht ein Detail, das fast untergeht – aber es ist stark: Sie kam, um Wasser zu holen; jetzt lässt sie ihren Krug zurück. Das, was sie vorher gesucht hat, ist nicht mehr das, was sie jetzt bewegt. Sie läuft los – nicht mehr versteckt, nicht mehr isoliert, nicht mehr beschämt. Sie sucht die Menschen, vor denen sie sich offenbar ein Leben lang versteckt hatte. Und sie sagt: „Kommt, seht einen Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe.“ Und dann stellt sie die Frage: „Ist das vielleicht der Messias?“ Und das ist der Satz eines Menschen, der erlebt hat: Ich bin nicht zerbrochen an der Wahrheit – sondern ich bin aufgerichtet worden mitten in dieser Wahrheit. Und genau das macht Begegnung mit Jesus: Er deckt auf – aber um zu heilen. Er sieht tief – aber er hält liebevoll fest. Er spricht die Wahrheit – aber ohne sie wie eine Waffe zu benutzen. Und das verändert Menschen. Es passiert nicht sofort; nicht alles ist gleich an Umständen anders. Aber es fängt etwas an im Inneren des Menschen, das bleibt: Wie ein Ton, der noch lange nachklingt. Und das erlebt diese Frau: Sie wird zu Zeugin – obwohl sie vorher lieber geschwiegen hat. Sie wird zu Einladenden – obwohl sie wahrscheinlich selbst kaum irgendwo eingeladen wurde. Und sie wird mutig – nicht, weil sie alles verstanden hat; sondern weil sie erfahren hat: Ich bin gesehen, ich bin gemeint, ich bin geliebt. Diese Geschichte ist nicht nur eine von vielen, die wir in der Bibel finden. Und sie ist der Anfang unserer kleinen Sommerreise: Begegnung mit Jesus – die verändern. Und eventuell spürst du schon jetzt, wie wahr das ist: Jesus begegnet dieser Frau nicht distanziert; sondern wirklich ganz, ganz nah. Er verurteilt sie nicht; er begegnet ihr mit Respekt und mit Blickkontakt – und er hält sie nicht zurück. Was er gibt, geht direkt dann auch ins Herz hinein. Vielleicht hast du auch so eine Sehnsucht: Nicht nach einfach H2O – sondern nach echtem Leben, nach mehr; nach einer Begegnung, nach einem, der wirklich deinen Durst stillt im Inneren. Nicht nur für einen Moment – sondern für das Innerste der Seele und was für immer bleibt. Ich glaube, wir kennen alle diesen Durst: Manchmal merken wir es nur erst, wenn es wirklich heiß wird; wenn das Leben anstrengend wird; wenn wir innerlich leer laufen. Jesus spricht vom lebendigen Wasser. Etwas, das mitten ins Herz trifft – für jetzt, für dich. Und Jesus sagt: „Komm zu mir.“ Ich will dir geben, was du wirklich brauchst. Diese Frau lässt ihren Wasserkrug stehen. Möglicherweise, weil sie spürt: Das, was ich eben gefunden habe, ist kostbarer als alles, was ich tragen kann. Vielleicht ist das auch deine Einladung heute: Einen Moment zu bleiben – dich von Jesus anschauen zu lassen; ihm zu sagen, was du wirklich brauchst. Und gegebenenfalls auch etwas stehen zu lassen, was du nicht mehr tragen musst. Denn wenn Jesus dir begegnet, bleibst du nicht zurück. Du wirst hineingenommen in ein neues Leben – das jetzt schon beginnen kann.