Auch ich hatte Zeiten in meinem Leben – und diese waren nicht einmalig, sondern es waren Momente oder Situationen, da bin ich auch an meine eigenen Grenzen gekommen und vielleicht auch manchmal darüber hinaus. Momente, in denen ich gedacht habe: „Ich kann nicht mehr.“ Ich habe dann einfach nur noch so funktioniert, ohne Freude oder Energie – als hätte jemand die Luft zum Atmen mir weggenommen. Nur noch der nächste Punkt auf der Liste abhaken – das war dann mein Arbeitsauftrag, den man erledigen musste: einfach nur fertig werden.
Oder es waren Momente, wo ich mich auf Klausuren vorbereitet hatte und irgendwie nur noch den Stoff in mich aufgenommen habe. Aber innerlich war ich schon fertig. Oder Hausarbeiten schreiben musste – da gab es Deadlines, und wenn die näher rückten, wurden die Nächte länger oder man hat sogar die ganze Nacht durchgearbeitet.
Manchmal habe ich wie gesagt alles durchgearbeitet und saß dann so vor dem Bildschirm. Ich startete auf die Texte, die ich lesen wollte oder auch schreiben wollte – aber es passierte trotzdem nichts. Ich war wie erstarrt, einfach leer und es kam auch nichts mehr. Es war nichts wirklich in mir drin: Ich habe zwar gelebt – man könnte sagen physisch, körperlich war ich da – aber innerlich war nichts mehr da.
Vielleicht habt ihr ähnliche Erfahrungen oder Gefühle in eurem Leben: du bewegst dich, tust, was getan werden muss, redest mit Menschen, gehst von Termin zu Termin. Und trotzdem ist da etwas wie ein innerer Stillstand – als würde deine Seele so auf Standby-Modus laufen.
Man könnte fast sagen: man ist in einem Zombie-Modus – äußerlich unterwegs, innerlich aber tot. Du atmest, dein Herz schlägt – aber das Leben, das du eigentlich spüren willst, ist nicht da. Es ist weit weg.
In solchen Zeiten, wenn ich nur noch so auf dem Zahnfleisch unterwegs war, habe ich mir so sehr gewünscht: einfach rauszukommen – raus aus dem Stress, raus aus dem Druck, einfach mal durchatmen und widerspüren: ja, ich lebe.
Und jetzt, in den Sommerferien machen viele Urlaub. Familien sind unterwegs – gerade vielleicht auch zurückgekommen. Letzten Sonntag hat Natascha angesprochen, dass wir hier im Gottesdienst den Urlaub bekommen haben. Wie ihr seht: Es ist hier auch schon ein bisschen was aufgebaut – aber es heißt nicht, dass wir Mitarbeiter nichts mehr machen oder Pause machen.
Wir haben diese Predigtreihe: „Urlaub fürs Herz.“ Manchmal braucht nicht nur der Körper eine Pause, sondern auch unser Herz braucht eine Pause. Weil wir durchs Leben gehen wie im Autopiloten – wir tun, was getan werden muss, aber wir spüren nichts mehr, fühlen nichts mehr.
Vielleicht sitzt du im Büro, beantwortest E-Mails und führst Gespräche – am Ende des Tages merkst du: da war überhaupt gar keine Verbindung. Gar nichts. Es ist, als ob du lachst, obwohl innerlich nichts da ist – als würdest du durch einen Tag ziehen, der für niemanden wirklich lebendig ist.
Und ich habe mal so ein bisschen rumgelesen: Forscher nennen diesen Zustand „funktionale oder hochfunktionale Depression“. Man funktioniert. Alles läuft äußerlich – scheint alles gut zu sein. Aber innerlich ist man leer. Und wenn man zu Hause ist, ist man für nichts mehr zu gebrauchen.
Menschen, die äußere Pflichten erfüllen: Beruf, Familie, Alltag – all das und dabei innerlich eigentlich komplett ausgebrannt sind. Sie fühlen sich leer, erschöpft – sie funktionieren, aber fühlen sich eigentlich isoliert, als ob sie hinter einer Milchglas-Scheibe oder so leben.
Da ist Leben im Körper – aber das Herz ist abgekoppelt, die Freude ist versiegt.
Ein anderes Bild: In manchen Studien erzählen Menschen, sie erleben sich wie in einem Tunnel oder unter einer Glasglocke. Die Welt ist noch da – aber sie fühlen sich abgeschnitten, eingeengt und finden da auch gar keinen Weg heraus.
Und da ist dieses Gefühl einer inneren Leere: nicht wie Traurigkeit, sondern wie ein Niemandsland im Inneren. Alles wirkt neutral – als wäre der Schalter im Kopf einfach umgelegt. Keine Gedanken, keine Gefühle. Wenn jemand etwas sagt oder tut, dann löst das gar nichts in einem aus.
Nicht Wut noch Freude: es ist alles irgendwie gleichgültig. Nicht weil du innerlich stark oder gelassen bist – sondern weil da drinnen nichts mehr ist, das überhaupt reagieren könnte. Die Kraft ist weg und alles fühlt sich belanglos und gleichgültig an.
Wenn du das kennst – dieses fließende Leben, in dem du wie ein Smartphone im Energiesparmodus bist: es funktioniert, aber es läuft nicht mit voller Kraft – dann bist du nicht allein. Ich denke, jeder von uns hatte schon mal Momente oder Situationen, wo einfach so war.
Und vielleicht steckst du aktuell auch in dieser Situation. Das heißt nicht, dass du grundsätzlich schwach bist. Es ist ein Zeichen von Überforderung, von großem Druck oder von einem inneren Entzug.
Gerade in Zeiten, in denen du viel Verantwortung trägst oder auch leisten musst – während in dir der Gedanke kreist: „Ich muss einfach weitermachen“ – genau dann kann es passieren, dass du innerlich einen Stecker ziehst und dich dann auch abkoppelst.
Und ich wünsche mir, dass du jetzt spürst: da ist jemand, der dich versteht. Da ist Gott, der dich sieht – auch dein Innerstes. Er sieht dein Ausgelaugtsein und hört deinen Ruf: „Ich kann nicht mehr.“
Und ich glaube, er antwortet dir: komm heraus, lebendig heraus.
Ich möchte heute mit euch eine Geschichte durchgehen im Johannesevangelium Kapitel 11. Da ist eine der eindrücklichsten Geschichten, die Johannes über Jesus aufgeschrieben hat.
Aber bevor wir in den eigentlichen Moment einsteigen: Ich will euch den Rahmen erzählen – damit ihr spürt, was da eigentlich los war.
Da sind drei Geschwister: Maria, Martha und Lazarus. Freunde von Jesus – Menschen, bei denen er oft zu Gast war, wo er sich wohlgefühlt hat und er sie wirklich mochte.
Doch eines Tages wird Lazarus krank – so krank, dass seine Schwestern jemanden zu Jesus schicken, um ihn zu holen. Aber Jesus kommt nicht sofort – und während sie warten, stirbt Lazarus. Vier Tage liegt er schon im Grab, als Jesus endlich in Betanien eintrifft, wo sie lebten.
Und wenn man die Geschichte liest: man kann diese Spannung fast greifen. Martha läuft ihnen entgegen – und man hört den Schmerz in ihrer Stimme: „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“
Später kommt auch Maria weinend – und Jesus bleibt da nicht distanziert oder verteidigt sich. Er ist tief bewegt und er weint mit ihnen.
Das ist der Moment, in dem wir jetzt ansetzen: Wir steigen ab Vers 38 ein. Also wer das nachschlagen möchte, kann gerne jetzt seine Bibel aufschlagen – im Johannesevangelium ab Vers 38.
Da steht jetzt Jesus vor dem Grab – es ist ein Felsengrab mit einem schweren Stein davor. Und es wird so beschrieben: dass er den Tod dort schon riecht. Alles in dieser Szene schreit „zu spät“, keine Chance, Ende Gelände. Genau hier an diesem Punkt, an dem jeder sagt: da geht nichts mehr – macht Jesus etwas, das niemand erwartet.
Aber lasst uns noch einen Moment am Grab stehen bleiben, bevor wir auf das Unerwartete eingehen:
Diese vier Tage, in denen Lazarus tot im Grab liegt, sind kein Zufall. In jener Zeit gab es den Glauben, dass die Seele die ersten drei Tage nach dem Tod um den Körper kreist – als würde sie hoffen, dort wieder zurückzukehren.
Erst wenn der Verfall sichtbar wird – also die Haut beginnt sich zu ändern – zieht die Seele sich endgültig zurück. Und stell dir vor: man glaubt da irgendwann umkehren zu können. Aber vier Tage, fünf Tage – da heißt es Schluss, endgültig vorbei, keine Rückkehr mehr.
Und genau in diesem Moment kommt Jesus. Er kommt nicht früher, er kommt nicht rechtzeitig, er kommt nicht, bevor es aussichtslos wird – sondern er kommt, nachdem es aussichtslos wurde.
Gerade dann stellt er sich an das Grab: er riecht den Gestank des verwesenden Leichnams – obwohl ein schwerer Stein vor diesem Grabeingang liegt. Er fühlt den Schmerz und weint mit den Schwestern mit.
Und dann macht er dieses Unerwartete: er sagt einfach: „Komm heraus.“
Er wartet dann nicht weiter ab, er ruft – und sein Ruf durchbricht dann diese Dunkelheit, die sich im und um das Grab gelegt hat. Schwere Verzweiflung und Trauer.
In diesen Augenblick entfaltet sich die Kraft des Glaubens: dort, wo alle Erwartungen begraben sind, sagt Jesus: es ist nicht vorbei.
Und mit diesem Ruf zeigt er: nichts ist für mich endgültig – auch nicht das, was wir als auswegslos sehen. Er steht vor der Dunkelheit, spürt vielleicht auch die Rivalität der Mauern und der Finsternis, die dort ist – aber er ruft Licht in diese Situation hinein.
Die Szene ist aber noch nicht vorbei: Lazarus kommt tatsächlich heraus. Stell dir das mal vor: er steht da, noch umwickelt mit Leichentüchern, das Gesicht mit einem Tuch bedeckt. Er kann wahrscheinlich kaum sehen – die Bewegungen sind eingeschränkt, jeder Schritt ist mühsam – er ist ja auch eingewickelt.
Und Jesus sagt: „Bindet ihn los und lasst ihn gehen.“
Jesus hätte diese Binden auch selbst lösen können – hätte ja hingehen können und das alles abwickeln können. Aber er wendet sich an die Menschen um ihn herum, bindet sie mit ein: „Löst die Binden und lasst ihn gehen.“
Lazarus steht da – das Gesicht noch verhüllt, die Arme und Beine umwickelt. In diesen Tüchern hätte er keinen Schritt oder nicht viele Schritte machen können.
Er brauchte jemanden, der nahe genug an ihn herantritt, um ihn zu befreien – und ich finde das stark: Jesus schenkt das Leben, aber er bezieht auch die Umstehenden ein, die das Wunder miterlebt haben. Dieses Zeichen seiner Macht.
Er will, dass wir einander losbinden von dem, was uns noch fesselnt: von alten Mustern, Lügen und Ängsten – von allem, was verhindert, dass wir in der Freiheit gehen, zu der er uns auch ruft.
Nach der Befreiung von Buchenwald 1945 standen viele Kinder ohne Familie da. Einige schwiegen tagelang, andere reagierten mit Misstrauen oder wurden zornig und aggressiv – weil ein normales Leben nicht mehr für diese Kinder da war: sie waren so traumatisiert.
Dann kam Judith Hemmendinger, eine jüdische deutsche Frau, die noch rechtzeitig geflohen ist nach Frankreich. Sie kam mit einer französischen Hilfsorganisation, USE, in ein Heim in Frankreich und übernahm die Leitung für eine Gruppe Jugendlicher Überlebender.
Sie blieb bei den Jungen, aß mit ihnen, brachte ihnen Tagesabläufe ein und hielt kleine Rituale am Leben. Genau das gab Halt – und öffnete nach und nach Räume fürs Vertrauen. Sie konnte Traumata mit diesen Kindern aufarbeiten.
Schritt für Schritt, langsam kehrten sie ins Leben zurück: einige begannen wieder zu lachen, andere fanden später einen Beruf und wirkten aktiv im Gemeindeleben mit – darunter sind Schriftsteller gewesen und sogar ein Nobelpreisträger. Hemmendinger hat diese Zeit dokumentiert und das auch aufgeschrieben.
Neues Leben ist ein Geschenk – doch oft brauchen wir auch Menschen, die uns helfen: die alten Fesseln abzulegen, damit wir den Weg in die Freiheit auch wirklich gehen können.
Gott, Jesus lässt uns da nicht außen vor. Er nutzt uns.
Was hier geschieht, ist ja mehr als nur eine historische Begebenheit in dieser Geschichte. Johannes will nicht nur erzählen: wie ein Mann vor 2000 Jahren aus einem Grab kam – er will zeigen: wie Jesus wirkt.
Er kommt genau an dem Punkt, an dem alle sagen: es ist eigentlich zu spät. Und er spricht dann Worte, die stärker sind als jede Grenze – selbst als der Tod. Er lässt neues Leben nicht halb beginnen – er will, dass es sich entfaltet und dass es auch frei wird.
Dieser Ruf kommt heraus – das bindet ihn los: gehören in dieser Geschichte auch zusammen. Der Erste öffnet die Tür zum Leben, der Zweite macht den Weg frei – darin dann auch zu gehen.
Das ist das Muster, wie Gott handelt: er ruft heraus aus dem, was uns festhält – und stellt Menschen an unsere Seite, die mithelfen, uns zu lösen. Und diese Wahrheit bleibt – ob es um den körperlichen Tod geht, um den Verlust jeder Hoffnung oder um innere Gefangenschaften, die schon lange andauern.
Bei Jesus gibt es keinen Punkt, an dem er sagt: hier kann ich nichts mehr tun.
Vielleicht gibt es bei dir gerade etwas, das sich wie ein verschlossener Raum anfühlt. Vielleicht ohne Fenster – wo die Sonne nicht rein strahlen kann. Etwas, das schon so lange tot scheint, dass du innerlich den Stein davor gerollt hast – aber du kannst es riechen.
Etwas, wo du dir selbst sagst: da rührt sich nichts mehr in mir – das Thema ist durch.
Aber genau da hinein kann Jesus sprechen. Verlass das Grab – und vielleicht ist das heute der Moment, an dem er dich ruft.
Manchmal bedeutet das, dass du einen ersten Schritt machst – aber dann noch Hilfe brauchst: weil die Binden noch da sind. Du brauchst Menschen, die dich begleiten, mit dir beten, dir helfen, wieder frei zu werden.
Vielleicht ist es dran, jemanden aus der Gemeinde, einen Freund oder eine Freundin anzusprechen und zu sagen: „Ich will raus – ich will raus aus dieser Situation. Hilfst du mir? Hilfst du mir, diese Binden zu lösen.“
Und vielleicht bist du heute nicht der, der herausgerufen wird – sondern der, der an der Seite eines anderen steht: derjenige, der die Binden löst – der nicht nur den Sieg feiert, sondern mit Geduld hilft, dass der andere wirklich ins neue Leben hineinwächst.
Was wäre, wenn wir heute auf Jesus' Stimme hören? Egal, ob er uns ruft oder uns beauftragt: andere zu helfen. Stell dir doch vor: du stehst dort wie die Menschen damals vor dem Grab – und hörst Jesus' Stimme. Und sie gilt dir.
Vielleicht heißt es für dich heute: „Komm heraus! Komm heraus aus der Angst, komm heraus aus der Ausweglosigkeit – und vor allem komm ins Licht.“
Und dann hörst du, wie Jesus zu den anderen sagt: „Bindet ihn los.“
Vielleicht heißt das: lass dir helfen. Öffne dich. Mach dich verletzlich.
Oder sei du derjenige, der andere die Binden löst – indem du geduldig bist, indem du liebst, indem du beten kannst und jemanden im Alltag begleitest und ihm hilfst.
Was wäre, wenn wir heute nicht nur diese Geschichte hören – sondern sie erlebt hätten? Wenn wir nach diesem Gottesdienst nicht nur sagen: „Ach, das war eine schöne Predigt“ – sondern jeder von uns an seinem Platz das tut, wozu Jesus uns gerade ruft. Er ruft dich beim Namen – ins Leben, in die Freiheit.
Wer seine Stimme folgt, entdeckt Schritt für Schritt: er löst die Binden und holt dich wie Lazarus ins Leben zurück.
Amen.