Gottesdienst
Predigt

Gottesdienst

Peter UnsinnPeter Unsinn
Sonntag, 17. August 2025 · 10:00 Uhr
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Transkript

Zum Mitlesen oder gezielten Springen zu Passagen.

Manche Helden und Heldinnen aus Gottes Geschichte werden uns ja in ihrem Leben vor Augen gemalt. Und manchmal sind die entscheidenden Begegnungen mit Gott oder auch die Tiefpunkte des eigenen Lebens besonders markant. So erlebt Petrus eine Situation, als Jesus ein Kohlenfeuer macht und schon Fisch und Brot bereit hat. Petrus war ja ein wilder Typ gewesen, der zuerst erkennt und bekennt: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Petrus steigt aus dem Boot, um auf dem Wasser zu gehen, aber als er den Blick von Jesus abwendet und auf die Wellen lenkt, sinkt er. Auch verspricht Petrus vollmundig: „Selbst wenn alle anderen fallen, werde ich dich nicht verleugnen – auch wenn ich mit dir sterben müsste.“ Doch dann verleugnet Petrus Jesus tatsächlich, hört den krähenden Hahn und wird von Jesus direkt angesehen. Daraufhin geht er hinaus und bricht in bittere Verzweiflung aus. Ich weiß nicht, wer von euch schon mal einen Moment tiefsten, bitteren Versagens erlebt hat – einen Moment, wo das Selbstbild, wie man sich selbst sieht oder gerne präsentiert, mit der Realität des eigenen Lebens überhaupt nicht mehr übereinstimmt. Ich denke, Petrus hatte nach seiner Verleugnung so etwas in seinem Leben. Er musste mit dieser Kluft zwischen seiner Vollmundigkeit und dem, was er oft tat – nämlich schnell dabei sein – sowie diesem Versagen und der Verleugnung irgendwie weiterleben. Es gibt keine Berichte darüber, ob Petrus die Kreuzigung Jesu miterlebt oder beobachtet hat. Die Bibel schweigt hierzu. Wir wissen nicht, ob er irgendwo in der Ferne stand oder sich vielleicht davongemacht hat. Erst mit der Auferstehung Jesu tritt Petrus wieder ins Bild. Petrus und Johannes sehen das leere Grab. Der Evangelist Lukas und der Apostel Paulus berichten sogar von einer separaten Auferstehungsbegegnung, die Petrus gehabt haben soll. Paulus sagt sogar, dass Petrus dem Auferstandenen zuerst ohne den anderen Jüngern begegnet ist – aber über diesen Auferstehungsbericht wird nirgendwo ausführlich berichtet. Und dann erlebt Petrus den Auferstandenen zweimal mindestens im Kreis der anderen Jünger. Während all dieser Erlebnisse der Auferstehung schleppt er ja trotzdem mit, was ihm passiert ist – seine Angst und sein Versagen im Moment der Herausforderung zu Jesus zu stehen. Nicht alle, deren Selbstbild zerstört wurde, haben sozusagen wie Petrus selbst das meiste verursacht. Manchmal wird unser Bild von uns selbst oder unser Selbstwert ja auch von außen zerstört – durch Menschen, die uns nicht wertschätzen oder die uns in einer gewissen Weise missbrauchen. Oder sie sagen Dinge, die unser Selbstbild zerstören. Also manchmal wird unser Selbstbild auch von außen korrumpiert und zerstört. Man sieht bei Petrus auf alle Fälle, dass er viele Begegnungen mit dem Auferstandenen gebraucht hat, bis der Moment kam, wo sein Inneres bereit war – oder wo Gott und Jesus die Zeit hatten, sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen. Und ich denke, bei uns ist es oft auch so: Dinge, die in uns kaputtgegangen sind, die wir verkehrt gemacht haben, die andere an uns verkehrt gemacht haben – diese werden eben oft nicht durch eine einzige Begegnung mit Jesus heil. Das braucht oft einen langen Weg, bis solches innerlich Zerstörte heilen kann. Manchmal denke ich auch so etwas wie wirklich einen göttlichen Moment – die Engländer sagen manchmal „Divine Appointment“ – etwas, was Gott schenkt und gibt. Ich lese euch den ersten Teil unseres heutigen Predigtektes, Johannes 21, 1 bis 14: „Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Cana in Galilea und die Söhne des Zebedeus und zwei andere seine Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: ‚Ich gehe fischen.‘ Sie sprechen zu ihm: ‚Wir kommen mit dir.‘ Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, aber in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: ‚Jungs, habt ihr nichts zu essen?‘ Sie antworten ihm: ‚Nein.‘ Er aber sprach zu ihnen: ‚Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden.‘ Da warfen sie es aus und konnten es nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da spricht der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: ‚Es ist der Herr!‘ Als Simon Petrus hörte: ‚Es ist der Herr!‘ da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt und warf sich in den See. Die anderen Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, etwa 200 Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: ‚Bringt von den Fischen, die ihr gefangen habt!‘ Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land voll großer Fische, 153. Und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz doch nicht. Spricht Jesus zu ihnen: ‚Kommt und haltet das mal!‘ Niemand aber unter den Jüngern wagte ihn zu fragen: ‚Wer bist du?‘ Denn sie wussten, es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt ihnen desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus sich seinen Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.“ Petrus und sechs andere Jünger sitzen am See zusammen. Das klingt irgendwie ganz entspannt – vielleicht nicht so ganz entspannt wie dort hinten, aber irgendwie wirkt es relaxt. Petrus hat die Idee: „Ich geh Fischen!“ Und die anderen sagen: „Ja, wir kommen mit.“ Und dann fischen sie eine ganze Nacht erfolglos. Jemand ruft sie vom Ufer an. Die Bibel wird oft übersetzt als „Kinder“, aber eigentlich ist dieses Wort so, wie wenn man heute sagt: „Hey Jungs, kommt mal rüber!“ Also werden sie vom Ufer angerufen: „Jungs, habt ihr nichts zu essen? Nichts? Dann werft euer Netz zur Rechten aus.“ Und dann erleben sie etwas, was sie schon einmal erlebt hatten – ein berstend volles Netz. Als Jesus ihnen gesagt hatte: „Werft euer Netz aus!“ Johannes schaltet als Erster und begreift: Das ist der Auferstandene Jesus. Und Petrus reagiert als Erster. Manche übersetzen, er war nackt – korrekt wäre es wohl eher so: Er war wenig bekleidet, wahrscheinlich nur mit einer Art Ländenschürze oder so etwas. Also zieht er sich sein Obergewand an, gürtet es mit dem Strick und ist der Erste, der springt, um Jesus zu erreichen. Und das ist was Erstes, denke ich, Wichtiges in dieser Geschichte: Trotz seines Versagens und obwohl zu diesem Punkt sein Selbstbild zwischen dem, wie er immer meinte zu sein, und dem, wie er dann in der Realität war, ganz weit auseinander ging – trotzdem stimmt die Richtung bei Petrus noch. Als er die Möglichkeit hat, dem Auferstandenen zu begegnen, ist er der Erste sozusagen, wie auch früher, der losdüst, um zu Jesus zu kommen. Und ich glaube, das ist bei uns auch was ganz Wichtiges: Die Dinge, die wir erleben – von kleinen, üblen Dingen bis zu wirklich dramatischen Sachen, die wir erlebt haben, bis zu so einem kompletten Versagenserlebnis – können reichen. Aber das Entscheidende ist immer sozusagen: Bleiben wir trotz unseres Scheiterns oder trotz irgendwelcher dunklen Punkte, die wir erlebt haben oder die uns angetan haben? Bleiben wir trotzdem auf Jesus ausgerichtet und ergreifen wir Möglichkeiten, ihm nahe zu kommen – durch einen Gottesdienst, durch Lesen zu Hause, durch Gespräche mit Leuten, durch Seelsorge, durch Gebet? Dann ist eigentlich schon der erste Entscheidende Schritt getan: Wenn die Richtung trotz allem auf Jesus bleibt. So, Petrus an Land und was entdeckt er? Ein Kohlenfeuer, auf dem Fisch und Brot grillen. Wann hat Petrus das letzte Kohlenfeuer gesehen? Das letzte Kohlenfeuer hat er gesehen, als er im Hof des Hohen Priesters war und ihn verleugnet hat. Dort wird berichtet, dass die Leute um ein Kohlenfeuer saßen. Also geht Petrus dort hinaus – ich denke, was er dort sieht, muss wie so ein Riesending von seinem tiefsten Versagen und den besten Sachen sein, die er mit Jesus erlebt hat. Denn das Kohlenfeuer erinnert ihn an seinen Verrat – aber eben auch an ein Auferstehungserlebnis: Als der Auferstandene noch mit durchbohrten Händen erscheint und sie bittet, ihnen im Fisch zu geben, zu essen. Also die nächste Erinnerung mit Jesus dem Auferstandenen und dann natürlich all die Geschichten der Brotvermehrung, der Vermehrung der Fische. Petrus springt Jesus entgegen – plötzlich ist er in dieser Spannung von Erinnerungen an sein Versagen durch das Kohlenfeuer und anderen fantastischen Begegnungen und Wundern, die er mit Jesus hatte. Und er reagiert sofort auf Jesus: Jesus bittet, holt von dem frischen Fisch – und Petrus ist der Erste, der springt und diese 153 Fische irgendwie an Land zieht oder vielleicht auch gezählt hat. Und danach empfängt er zusammen mit den anderen sechs Jüngern Brot und Fisch aus Jesu Hand. Das erinnert fast ans Abendmahl – was hier steht: „Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt ihnen desgleichen auch den Fisch.“ So, also Petrus hätte sozusagen sofort fliehen können. Aber er bleibt bei Jesus. Und auch als Jesus etwas direkt bittet, entzieht er sich dem nicht – sondern er reagiert darauf. Wenn ich es auf uns deute: Wir alle haben solche Formen von dunklen Punkten in unserem Leben – Dinge, die wir verkehrt gemacht haben, wo wir versagt haben, wo andere an uns versagt haben. Und manchmal lösen Begegnungen mit Jesus, mit seinem Wort, mit seinem Geist – auch in einem Gottesdienst, durch eine Predigt, in einem Seminar – diese Erinnerungen an die dunklen Dinge in unserem Leben aus. Und ich glaube, das ist so: Weil es Gottes tiefster Wunsch ist, dass wir solche Lasten eben nicht lange mit uns schleppen – vielleicht ein ganzes Leben lang. Sondern dass wir in den Momenten, wo wir sozusagen angerührt und angesprochen werden – wie Petrus konfrontiert wird mit seinem Versagen durch das Kohlenfeuer – dass wir in diesem Moment auf das hören, was Jesus uns sagt: Durch die Schrift, durch einen Menschen, durch unser Inneres. Bei Petrus ist es eine Bitte, der ihr Nachbarn bleibt in Gemeinschaft. Also trotz seines Verrats, den ja auch die anderen wussten – entzieht er sich nicht der Gemeinschaft mit den Jüngern, mit denen er jahrelang zusammen war. Sondern er bleibt mit ihnen: Er sitzt am Ufer mit ihnen, fischt mit ihnen und eben auch diese Begegnung mit Jesus, dieses von Jesus das Empfangen – wie es immer bei ihm war: Gemeinschaft haben beim Essen mit ihm – verweigert er sich nicht. Sondern er bleibt in Gemeinschaft. Und ich glaube, auch das deutet was an, was für uns ganz wichtig ist: Wenn wir solche dunklen Punkte, Erlebnisse, Lasten, was auch immer in uns haben – dass oft solche Dinge zur Heilung kommen, wenn wir in Gemeinschaft bleiben und nicht, wenn wir uns sozusagen in die Einsamkeit, ins Alleinsein zurückziehen. So, die Geschichte geht weiter. Jetzt kommt es zur direkten Begegnung zwischen Petrus und Jesus: Das ist Johannes 21, 15 bis 19: „Da sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: ‚Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese mich lieben?‘ Er spricht zu ihm: ‚Ja Herr, du weißt, dass ich dich liebe.‘ Spricht Jesus zu ihm: ‚Weide meine Lämmer!‘ Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: ‚Simon, Sohn des Johannes, hast du mich geliebt?‘ Er spricht zu ihm: ‚Ja Herr, du weißt, dass ich dich liebe.‘ Spricht Jesus zu ihm: ‚Hüte meine Schafe!‘ Spricht er zum dritten Mal zu ihm: ‚Simon, Sohn des Johannes, hast du mich geliebt?‘ Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: ‚Hast du mich geliebt?‘ und sprach zu ihm: ‚Herr, du weißt alle Dinge; du weißt, dass ich dich liebe.‘ Spricht Jesus zu ihm: ‚Weide meine Schafe!’ Wahrlich, wahrlich oder Amen, Amen – Ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest. Wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde.“ Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: „Folge mir nach!“ Jesus ergreift also – und das ist, denke ich, gut und oft unsere Chance – die Initiative. Er wartet nicht, bis wir sagen: „Jesus, muss ich mal mit dir über das und das reden.“ Sondern Jesus ergreift die Initiative und spricht Petrus an. Und das ist gut so, weil ich glaube, wir würden oft ewig warten, bis wir solche Wundepunkte in unserem Leben angehen. So – und er fragt ihn: „Simon, Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese mich lieben?“ In dieser Frage stecken zwei Aspekte. Der eine Aspekt ist: „Simon, liebst du mich mehr als die anderen Jünger hier?“ Denn das war ja oft Petrus’ Problem – dass er immer meinte: Alle werden dich verraten, nur ich nicht. Also er war der, der sich gerne im Vergleich setzte und sich auch sah wie besser als die anderen. Und Jesus fragt nach diesem wunden Punkt. Also Jesus ist ein Seelsorger, der da nicht zimperlich ist – sondern der gut aber die Punkte fragt, an denen wir sozusagen wund sind, heikel oder schwierig sind. So – wie reagiert Petrus? Petrus verweigert sich dem, er antwortet nicht drauf oder greift sich nicht auf. „Natürlich lieb ich dich mehr.“ Er will nicht mehr wie früher sein – besser als die anderen Jünger. Ja, das hat er schon gelernt: Ich liebe dich nicht mehr, Jesus, als die anderen. Dann steckt in dieser Frage Jesu noch etwas drin – das merkt man nur, wenn man sich die griechischen Wörter für „lieben“ anschaut würde. Da werden nämlich nicht dieselben Wörter im Fragen und Antworten gebraucht. Jesus fragt ihn: Wenn man das griechische Wort übersetzt: „Simon, liebst du mich mit der Agape-Liebe – der selbstlosen, bedingungslosen, aufopfernden Liebe wie Gottes Liebe zu den Menschen?“ Also er fragt ihn nach der höchsten möglichen Form der Liebe, wie Gott liebt. Und Petrus antwortet: „Ja Herr, also ich liebe dich.“ Und dann sagt er: „Du weißt, dass ich dich mit der Phileo-Liebe liebe.“ Das ist ein anderes Wort im Griechischen für „Liebe“ – und zwar das heißt die brüderliche, herzliche, freundschaftliche Liebe, voll von Zuneigung und Sympathie und Verbundenheit – wie gegenüber einem guten Freund oder einem Bruder. Also in dieser Antwort versteckt ist, dass Petrus wirklich demütig geworden ist. In Bezug auf seine Selbsteinschätzung: Ja, sein Selbstbild ist realistischer geworden. Er weiß, dass er nicht zu Gottes Liebe fähig ist – aber was er will und was er tut, ist dich lieben, Jesus, wie er es kann: Wie ein Freund, wie ein Bruder. So – jetzt geht es weiter. Jesus hat gehört, dass Petrus nicht mehr besser als die anderen Jünger sein will. Und seine zweite Frage ist schon abgeändert. Der Vergleich bleibt draußen: „Simon, liebst du mich mit der Agape-Liebe?“ Also er fragt ihn nochmal nach dieser höchsten Form der Liebe. Und Petrus widersteht der Versuchung, wieder so zu reagieren wie früher: „Ja, natürlich liebe ich dich so.“ Nein – er bleibt dem treu, was er gelernt hat. Und er sagt: „Ja Herr, du weißt, dass ich dich mit der Phileo-Liebe liebe.“ Brüderlich, herzlich und freundschaftlich liebe. Jesus hat gehört, dass Petrus bei dem bleibt, was er erkannt hat – bei der Demut. Dass er nicht plötzlich wieder das Großmal rauskehrt. Und jetzt passiert etwas Interessantes: In dem Jesus die dritte Frage stellt. Denn jetzt fragt er ihn: „Simon, liebst du mich mit der Phileo-Liebe?“ Brüderlich, herzlich und freundschaftlich – also geht Jesus auf die Ebene der Liebe, wie Petrus sagt: „So bin ich, so liebe ich dich.“ Und fragt ihn nur noch nach dieser Liebe. Aber natürlich auch für Petrus jetzt bitte – denn er hat dreimal verleugnet. Und Jesus stellt ihm nun sozusagen das dritte Mal die Frage nach seiner Liebe. Also: Jesus nimmt Petrus ernst. Er glaubt ihm, dass er nicht mehr werden will, was er vorher war. Dass er nicht mehr sein will als die anderen – dass er nicht die große Liebe verspricht, die er nicht halten kann. Aber gleichzeitig mutet er Petrus mit der dritten Frage, die natürlich so krass an das dreimalige Verleugnen erinnert: Er konfrontiert ihn mit seiner Vergangenheit. Er konfrontiert ihn mit seiner Verleugnung. Petrus wird zugemutet, die bittere Betroffenheit seiner Verleugnung auch emotional noch mal zu erleben. Es heißt, Petrus wird traurig bei dieser dritten Frage – aber eben: Er stürzt sich nicht wie früher jetzt in irgendwelche Beteuerungen und Beschwörungen und all solche Dinge. Sondern er bleibt bei dem, was er über sich erkannt hat. Er sagt: „Herr, du weißt alles. Du erkennst, dass ich dich mit brüderlicher Phileo-Liebe liebe.“ Und das Interessante ist: Er greift für dieses Wissen auf ein anderes Wort zurück – nämlich ein Wort, was fast identisch ist mit dem, was in der Bibel oft das Erkennen beschreibt – das tiefe Innere erkennen zwischen Mann und Frau. Also er sagt: „Du erkennst mich im Inneren, wie ein Mann seine Frau erkennt.“ Du hast mein Leben, meine Taten, meine Fehler und meine Liebe zu dir miterlebt. Du kennst mich, du erkennst mich durch und durch. So – und jetzt passiert ja sozusagen neben diesem Strang der Fragen etwas Zweites: Dass nach jeder Frage und nach jeder Antwort Petrus einen neuen Auftrag bekommt. Jede Antwort, die Petrus gibt, bestätigt Jesus mit Zusagen an Petrus – die auch immer variieren. Jesus sagt von sich selber: „Ich bin der gute Hirte.“ Und jetzt traut er Petrus erneut zu, auch ein Hirte zu sein: „Weide meine Lämmer“ – das heißt ernähre, versorge, füttere meine kleinen Lämmer. Dann bei der zweiten Antwort sagt er: „Hüte meine Schafe“ – das heißt leite, führe, schütze meine ausgewachsenen Schafe. Und dann zuletzt: „Weide meine Schafe“ – ernähre, versorge, füttere meine ausgewachsenen Schafe. Also erteilt Jesus Petrus mit diesen drei Antworten einen umfassenden Hirtenauftrag. Er traut ihm zu, so wie er Jesus selber der gute Hirte ist, auch ein guter Hirte zu sein. Und das bekräftigt Jesus mit einem zweifachen Amen, Amen – und dieser Profetie: „Ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest. Wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst.“ In unseren Ohren klingt das ja wirklich bedrohlich – keiner würde sich so eine Profetie für sein Lebensende wünschen. Aber was bedeutet diese Profetie für Petrus? Petrus hört das auf dem Hintergrund seiner Verleugnung. Und für Petrus ist das die tiefstmögliche Zusage: Denn sie sagt ihm ja eben: „Du wirst mich in Zukunft nicht mehr eigensinnig und unreif verhalten.“ „Du wirst dich nicht mehr eigensinnig und unreif verhalten.“ „Du wirst mich nicht mehr verleugnen – sondern es heißt: Du wirst deine Hände ausstrecken. Du wirst freiwillig deine Hände ausstrecken, wenn die Zeit kommt, dass du mein Schicksal teilst.“ Für Petrus war diese Profetie die Zusage und Bestätigung: „Ich werde nicht mehr versagen – ich werde Jesus nicht mehr verleugnen. Das, was ich einmal getan habe, wird nie wieder passieren.“ Und ganz am Schluss fasst Jesus das zusammen in diesem einen Auftrag und gleichzeitig der einen Verheißung: „Folge mir nach!“ Genauso, wie sein Leben mit Jesus begonnen hatte. So – ich weiß nicht, welche Last jeder von euch oder du auf deiner Seele mit dir trägst. Ob es wie bei Petrus ein Versagen ist – was vielleicht verständlich war aufgrund der Situation, was du dir aber selber nicht vergeben kannst. Ob dein Selbstbild wie bei Petrus einfach nicht mehr zusammenpasst zwischen dem, wie du dich erlebst und dem, wie du gerne sein würdest – und dem vielleicht, wie andere dich sehen und wie andere dich gerne hätten. Ob dein Selbstbild vielleicht einfach durch Menschen ruiniert worden ist, verdorben oder falsche Schlagseite bekommen hat. Welche dunklen Punkte es in deiner Biografie gibt – durch dich selbst oder durch andere – was dir Last ist: Das weiß ich nicht. Aber wenn ich die Geschichte anschaue, dann kann ich euch nur sagen oder ermutige euch: Diese Dinge, die euch Last machen – manchmal meint man, man könne damit leben. Manchmal sind sie so groß, dass man gar nicht drüber reden möchte. Aber Gott will nicht und Jesus will nicht, dass wir solche Dinge ein Leben lang, Jahrzehnte mit uns mitschleppen. Er will uns von solchen inneren Lasten freisetzen – wo unsere Psyche durcheinander gekommen ist, unser Selbstbild, wo wir Schuld getan haben oder andere an uns. Er will uns von solchen Dingen befreien. Und darum lade ich euch ein: Lasset euch neu auf die Begegnung mit Jesus ein. Manchmal kann das wirklich ganz alleine passieren – indem wir neu starten, zu beten, Schrift zu lesen, nachzudenken, zu schreiben, zu hören, vielleicht auch festzuhalten, was wir innerlich so hören. Manchmal werden wir, um an diese dunklen Dinge ranzukommen oder sie loszuwerden – das Gespräch brauchen mit Freunden, mit Vertrauten. Manchmal auch Seelsorge oder sogar Therapie. Aber egal, wie euer Weg ist, gewesen ist: Was ihr mit euch schleppst – definitiv ist: Jesus will eure Last, euer Selbstbild, wo es zerstört wurde oder nicht in Ordnung ist, die dunklen Punkte von eurer Biografie heilen. Er will das heilen und er will euch neu berufen in das, wo er sagt: „Da passt ihr voll und ganz.“ Das ist euer Platz in meinem Reich.