Im Namen Jesu begrüße ich euch zur Predigt. Wir haben von Hartmut schon gehört; heute startet eine neue Predigtreihe. Es wird immer um Freiheit gehen und immer wird ein Psalm die Textgrundlage sein. Heute Psalm 32, und die Predigt trägt den Titel „Frei von Schuld“. Ich lese euch die ersten zwei Verse:
„Ein Psalm Davids. Glücklich, wem Verfehlung vergeben, wessen Sünde zugedeckt ist. Glücklich der Mensch, dem Gott die Schuld nicht zur Last legt, der durch und durch aufrichtig ist.“
Verfehlung, Sünde, Schuld vor Gott – alles Begriffe, die so gar nicht unserem Zeitgeist entsprechen. Und ich nehme an, viele unserer Zeitgenossen würden diese genannten Begriffe vermutlich mit einem sehr konservativen, moralisierenden und nicht mehr zeitgemäßen Christentum verbinden. Also: Wären wir denn einfach freier und glücklicher, wenn wir solche Begriffe wie Verfehlung, Sünde, Schuld – generell alles, was Wertungen darstellt – aus unserem Denken und unserem Sprachgebrauch streichen würden?
Also: Wir streichen zum einen natürlich die sieben alten Todsünden. Hochmut, Neid, Zorn, Habgier, Trägheit, Völlerei und Wollust. Und die modernen Tugenden könnten wir auch streichen. Also Toleranz, Solidarität, Weltoffenheit, Authentizität, Nachhaltigkeit, Empathie, Resilienz – wir streichen sie alle. Werden wir leichter oder würden wir leichter glücklich, wenn wir das machen würden? Wären wir freier, wenn wir auf solche Tugenden und Werte verzichten würden – oder ganz einfach gut, böse, positiv, negativ, schön, hässlich im Fühlen, Denken und Tun streichen würden?
Da könnte man jetzt weitergehen und würde eine Menge von philosophischen Abhandlungen finden, die überlegen, woher. David lebte lange vor solchen philosophischen Grundüberlegungen. Für David war klar: Es gibt Gott, und es gibt von Gottes Seite Wegweisungen und Gebote, die zum Leben führen und Leben schützen und ermöglichen. Und dabei ist er kein frommer Theoretiker gewesen; sondern was er beschreibt, ist etwas zutiefst existenzielles. Er hat an seiner eigenen Verfehlung – zum Beispiel an seinem Ehebruch mit der schönen Bazeba – erlebt, wie diese Sünde ihn weitergeführt hat: zu Manipulation, zu Machtmissbrauch, zu verdeckten Mord und zu beschönigender Lüge über das Ganze. Und er hat erlebt, dass diese Sünde zum Beispiel Kreise über ihn zog; dass sein erster Sohn sterben musste – und dass auch in seine Familie so etwas wie Unordnung hineingekommen ist.
Und in Bezug auf diese gravierendste Sünde, den Ehebruch, schreibt David in einem anderen Psalm: „Sei mir gnädig Gott nach deiner Gnade; tilge meine Vergehen nach der Größe deiner Barmherzigkeit. Wasche mich völlig von meiner Schuld und reinige mich von meiner Sünde, denn ich erkenne mein Vergehen oder meine Vergehen – und meine Sünde ist stets vor dir. Gegen dich, gegen dich allein habe ich gesündigt und getan, was böse ist in deinen Augen.“ So Psalm 51, der die Situation des Ehebruchs direkt anspricht.
So das ist sozusagen die Ausgangssituation. Und was David in diesem Psalm beschreibt – besonders in den Anfangsversen –, das könnte sehr gut etwas sein, was beschreibt, was er danach erlebt hat: Sozusagen, wie er Gottes Antwort auf seine massive Verfehlung existenziell erlebt hat. „Glücklich wem Verfehlung vergeben; wessen Sünde zugedeckt ist. Glücklich der Mensch, dem Gott die Schuld nicht zur Last legt – der durch und durch aufrichtig ist.“
Aber bevor David zum Letzten kommt, was hier beschrieben ist: „durch und durch aufrichtig vor Gott zu sein“; bevor er zur Befreiung von seiner Verfehlung, seiner Schuld, seiner Sünde kommt; bevor er eben durch und durch sich Gott öffnet – ohne Entschuldigungsversuche –, beschreibt er, was passiert in einer Situation, in der Sünde und Schuld nicht gelöst sind, sondern offen sind. Das kommt in den Versen 3, 4 und auch in 10: „Solange ich schwieg, verfiel auch mein Leib; denn unaufhörlich schrie es in mir – denn Tag und Nacht lastete deine Hand auf mir, meine Lebenskraft vertrocknete wie Wasser in der Glut des Sommers.“ Und dann ganz am Ende des Psalms: „Wer ohne Gott lebt, schafft sich viel Schmerz; aber wer Gott vertraut, wird seine Gnade erfahren.“ Vers 10 ist das Ende dieses Psalms und es ist vielleicht eine kurze, prägnante Zusammenfassung von Davids persönlicher Lebenserfahrung: „Wer ohne Gott lebt, schafft sich viel Schmerz; aber wer Gott vertraut, wird seine Gnade erfahren.“
Er behauptet also: Leben ohne oder gegen Gott verursacht Schmerz – und zwar wie eine Art Selbstverletzung, die immer wieder passiert, die wir immer wieder vollziehen durch falsches Tun oder Denken, was nicht Gott entspricht. Und er setzt als Gegenpol: Leben im Vertrauen darauf, dass das, was Gott sagt – was er in den großen Geboten oder in den kleinen Ausführungen gibt – weil wir vertrauen, dass das Wahrheit ist, passt, richtig ist; dass das Gnade in unserem Leben freisetzt. Geschenktes Leben, was uns zukommt, ohne dass wir dafür kämpfen und arbeiten. Also: Leben ohne Gott oder gegen Gott entfaltet Schmerz, raubt Lebenskraft – und das, wie er hier beschreibt, innerlich und manchmal sogar körperlich.
Jetzt könnte ein Atheist einwenden: „Da ist sie also wieder – oder da sind sie wieder – die Moral der strafende Gott, der Angst und schlechtes Gewissen macht.“ Ich persönlich glaube nicht, dass es Gott überhaupt nötig hat, uns Angst oder ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich denke nicht, dass es Gott nötig hat, sozusagen hinter jeder Sünde persönlich strafend hinterherzulaufen und wie mit der Fliegenpatsche sozusagen dem nachzuschlagen.
Wenn Gott tatsächlich – wie wir glauben – der Schöpfer ist; der Grund von allem komplexen, vernetzten Leben, aller Energie, aller Zusammenhänge, aller Wechselwirkungen von Gesetzmäßigkeiten und Garantien, die in diese Schöpfung eingebaut sind: Wenn das so ist, dann ist es eigentlich geradezu logisch oder zwingend, dass ein Leben sozusagen Gott entgegen, gegen ihn, ohne ihn – dass das Schmerz bereiten muss; dass es mühsam sein muss.
Ich glaube: Gott hat schon vor seinem Wort in seiner Schöpfung unzählige Ordnungen verborgen, die unser Leben entfalten, wenn wir ihnen entsprechend leben – oder unser Leben mühsam und beschwerlich machen, wenn wir ihnen entgegenleben. Gott hat zum Beispiel die Schöpfung so geschaffen: Sicherlich unterschiedlich, je nachdem, wo wir auf unserem Planeten leben – dass es den Wechsel von Tag und Nacht gibt; von Jahreszeiten oder zumindest Monsoonzeiten; dass es Ruhezeiten gibt in der Pflanzen- und Tierwelt; dass es Wachstumszeiten gibt; dass es sowas wie Saat und Frucht oder Vermehrung gibt.
Wenn wir allein schon so etwas, was in der Schöpfung angelegt ist, permanent entgegenleben – also unser Leben keine oder kaum noch Ruhe hat, alle Rhythmen des Lebens durcheinanderkommen oder beliebig werden; wenn wir zum nur noch permanenten Arbeiten kommen oder vielleicht auch umgekehrt nur noch zum Ruhen – ohne dass noch etwas entsteht und wird: Allein sowas wird schon in unserem Leben Wirkung zeigen – und ich glaube, keine gute.
Wie viel mehr, wenn Gott direkt zu uns redet – und ich glaube, das kann er auf vielfache Weise. Wir wissen aus der Schrift, dass Gott sich Menschen offenbaren kann. Ich glaube: Er kann auch unseren Verstand und unsere Erkenntnis gebrauchen, um etwas über ihn zu begreifen; Menschen können uns Dinge deutlich machen – unser Gewissen, manchmal auch Träume – aber natürlich in erster Linie sein Wort. Und das fasst er ja für uns sozusagen genial zusammen: Wir haben die 10 Gebote, wir haben das Doppelgebot der Liebe und dazu eine Fülle von Erklärungen; auch Detailerklärungen von Lebensbeispielen und Detailwissen.
So David kannte Gottes Wort – das was zu seiner Zeit verfügbar war – und er wusste: dass sein Ehebruch Sünde war. Er wusste, dass alles, was danach kam – sein Versuch zu manipulieren; diesen Mann dann an vorderster Front töten zu lassen; und das Ganze dann zu beschönigen – er wusste, dass alle diese Dinge Schuld und Sünde sind. Aber trotzdem versuchte er zuerst mal: Gott gegenüber zu schweigen und sich zu verstecken – wie wir später hören werden.
Und dieser Versuch, das was er getan hat, einfach irgendwie abzukapseln; zu versenken in seinem, in den Tiefen seines Bewusstseins – dieser Versuch beschreibt: Er beginnt sein Leben innerlich und körperlich zu zerstören.
Ich glaube nicht alles, was in unserem Leben in uns frisst, was wie so ein permanentes inneres Schreien ist, wie er hier beschreibt; nicht alles ist Sünde. Es gibt auch andere Dinge natürlich, die in uns schreien: Manchmal ist es die Schuld anderer an uns, die in uns schreit – und der, wo wir Gott gegenüber schweigen. Manchmal sind es einfach Lasten des Lebens, die beschwert in uns liegen; zu denen wir schweigen vor Gott. Manchmal sind es unsere Sehnsüchte und Wünsche, die wir uns gar nicht trauen, Gott gegenüber zu benennen – und ihm zu sagen: wie es uns ums Herz ist im Bezug auf das, was wir uns wünschen.
Manchmal bringen wir die Klage, die in unserem Leben ist; über Situationen in unserem Leben, unsere Familie, unser Umfeld. Ja, wir verschweigen sie; wir bringen sie nicht vor Gott – und natürlich auch Sünde, die wir leben oder gelebt haben.
Und David tut in dieser Situation, wo ihn das innerlich auffrisst, das einzig Richtige: nämlich er bricht sein Schweigen – und wie es anfangs schon mal hieß: Er wird durch und durch aufrichtig vor Gott. Da heißt es in den Versen fünf: „Ich bekannte dir meine Sünde; ich gab es auf, meine Schuld zu verstecken. Ich sagte: ich will bewusst, ich wollte bewusst zu Gott gehen – und du, du hast mir die Schuld meiner Sünde vergeben.“
Das klingt doch fast zu einfach, um wahr zu sein. Er beschreibt diese innere Qual seines Tuns; und dann ganz einfach: „Ich bekannte dir meine Sünde. Ich gab es auf, meine Schuld zu verstecken. Ich will bewusst – ich wollte bewusst – zu Gott gehen – und du, du hast mir die Schuld meiner Sünde vergeben.“
Was im Alten Testament nur sozusagen vereinzelt beschrieben ist (manchmal fürs ganze Volk; wenige Beispiele für einzelne) – ist bei David am ausführlichsten beschrieben: wie ein Du-Verhältnis zu Gott entsteht, wie diese Vergebung zu einer tiefen inneren Gewissheit wird – trotz seines Lebens, das an Punkten vollkommen krass an Gott vorbei gegangen ist.
Und selbst dieser Psalm spiegelt noch sprachlich einen Hauch des Überwältigseins von der Vergebung, die er erlebt, wieder: Die Elberfelder übersetzt das sehr schön: „Und du, du hast vergeben.“ Im Hebräischen kann man – oder kann David auch allein durch die Konjugation des Verbes – „das du“ ausdrücken. „Naza“ heißt tragen; heben; auf sich nehmen; wegnehmen. Im Kontext von Sünde wird es dann: die Schuld wegnehmen, die Schuld vergeben. Also Gott trägt oder entfernt die Sünde; sie lastet nicht mehr auf der Person.
Und David sagt dann auf Hebräisch „Nazata“ – du trägst, du nimmst auf dich, du vergibst. Aber er betont das nochmal: indem er das Personalpronomen „das du“, das es im Hebräischen gibt („Ata“), noch davor setzt. Also er macht sprachlich deutlich: „du, du hast mir die Schuld meiner Sünde vergeben.“
Und wenn man sich rings um Jesus anschaut – dann wird das, was David vielleicht wie fast ein Vorbild in dieser persönlichen Weise erlebt hat, rings um Jesus zu einer Selbstverständlichkeit oder zu einem wiederkehrenden Geschenk: verschiedenste Variationen der Lebensumkehr; der Sündenerkenntnis; der Vergebung.
Frauen, die weinend über ihr Leben sich zu Jesu Füßen werfen. Ein Zöner, der auf ganz andere Weise sein Leben radikal ändert. Petrus, der nach seinem Verrat bitterlich weint – und von Jesus trotzdem neu in die Berufung genommen wird. Ein verurteilter Verbrecher, der noch direkt am Kreuz im Sterben mit dieser Bitte an Jesus denkt: „Denke an mich“ – in das Reich der Vergebung kommt. Und ein Saulus, der zum Paulus wird und darüber staunt; diese Begegnung mit Jesus immer wieder beschreibt.
Und Jesus selbst entfaltet Gottes Wesen hinter all diesen Einzelschicksalen programmatisch im Gleichnis vom verlorenen Sohn: Das ist eins der längsten Gleichnisse. Der verlorene Sohn, der umkehrt; einsieht, was er getan hat – gegen den Vater als Bild für Gott gehandelt hat. Und dann der Vater, der entgegenläuft, umarmt, vollständig vergibt: dem Sohn die Scham nimmt, die Würde wiedergibt und ein Fest feiert.
David hat es wie prophetisch vorher erlebt: „Ich bekannte dir meine Schuld; und gab es auf, meine Schuld zu verstecken. Und du, du hast vergeben die Schuld meiner Sünde.“
Als Christen glauben wir, dass durch Jesus sozusagen dieses Angebot Gottes – dass du, du mein Sohn, du meine Tochter, du mein Kind – ein Angebot wird für jeden Menschen: der sagt: „ja Vater; ja Jesus, ich komme zu dir mit meinem Leben, allem was ist, in voller Aufrichtigkeit dessen, was mein Herz bewegt.“
Der Psalm schließt: „Deshalb soll jeder, der dich liebt, zu dir beten – zu der Zeit, da du zu finden bist. Fluten die Wogen des Unheils heran; ihn werden sie nicht erreichen. Du bist mein Schutz, bewahrst mich vor Not, rettest mich und lässt mich jubeln über deine Rettung.“
Wann ist denn eigentlich die beste Zeit, um das Schweigen Gott gegenüber – egal um was es geht – oder das Verstecken vor Gott zu beenden? Wann ist eigentlich die beste Zeit, Lebenslast, Fragen, Sehnsüchte, Klagen; die missbrauchende Schuld anderer oder die eigene Sünde und Schuld vor Gott zu bringen?
David sagt: Wir sollen zu Gott beten – zu der Zeit, da er zu finden ist oder da du zu finden bist. Und diese Sicht oder diese Zeit ist aus Gottes Sicht – und das betonen ein paar andere Bibelstellen – die beste Zeit für sowas: heute und jetzt. Vielleicht gibt es manchmal Zeiten, wo noch etwas passieren oder geschehen muss; was nötig ist. Aber ich glaube: Gottes liebste Zeit ist das Heute und das Jetzt.
Und was auch immer jeden von euch persönlich belastet – von Dingen, die von außen kommen; von Dingen, die im Inneren sind; von eigener Sünde: heute und jetzt ist immer der beste Zeitpunkt, damit anzufangen – vor Gott zu reden und das eigene Herz aufrichtig zu öffnen.
Und das könnt ihr tun: ganz für euch alleine, in der persönlichen Stille; in diesem Gottesdienst, nach diesem Gottesdienst; heute Nachmittag, heute Abend zu Hause. Das könnt ihr tun im Gespräch oder Gebet mit anderen – die euch vertraut sind – mit einem Seelsorger, den ihr kennt; nach unserem Gottesdienst im Gebet heute.
Und ich denke: das ist immer der Anfang von dem, was David hier eben auch beschreibt. Ja, den Schutz, den wir von Gott erleben; die Bewahrung vor Not – so was wie Rettung; so was wie Jubel – oder das Unheil, nicht mehr so die Gewalt über uns hat (oder gar nicht mehr hat), wie wir es vielleicht momentan erleben.
So: An meinem Schluss schließt David mit einem Wort, das wie eine Prophetie in der Ich-Form Gott reden lässt. Und diese kleine Prophetie enthält drei Verheißungen und eine – wie ich finde – offensichtliche; fast humorvolle und gleichzeitig ernste Ermahnung: die eigentlich jedem einleuchten sollte.
„Ich will dich unterweisen“ (Verheißung 1); „dir den Weg zeigen, den du gehen sollst“ (Verheißung 2); „ich will dich mit meinen Augen leiten“ (Verheißung 3). Für jeden, der sich auf den Weg macht – Gott gegenüber aufrichtig zu werden.
Und die eine Ermahnung: sei nicht wie ein Pferd oder ein Maultier, das Zaumzeug und Zügel braucht, damit es folgt. Klar verständlich. Amen.