Gottesdienst
Predigt

Gottesdienst

Christopher NorkChristopher Nork
Sonntag, 28. September 2025 · 10:00 Uhr
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Transkript

Zum Mitlesen oder gezielten Springen zu Passagen.

Ich erinnere mich noch ganz gut an ein Zeltlager, da war ich ungefähr 14 Jahre alt. Und wie das so ist, als Jugendlicher: Da hatte ich natürlich eine ganz schön große Klappe gegenüber den anderen Teilnehmern, aber auch gegenüber den Mitarbeitern. Ich habe immer sozusagen einen Spruch auf Lager gehabt und die waren – wie soll ich sagen – auch mal ganz schön frech. Dann an einem der Tage: Wir sollten eine Nachtwanderung machen. An einer Stelle blieben wir dann stehen, und von nun an sollte jeder ein Stück allein des Weges gehen. Mein Mundwerk war immer noch ziemlich vorlaut. Ich kannte es natürlich aus der Gemeinde – da wird einen erschrocken und so weiter – also hatte ich meinen Spaß weiter gemacht. Aber dann kam ein kleines Häkchen: Jeder bekam ein Zeichen auf die Stirn gemalt, und ich bekam ein V. Wer glaubt, wofür das stand? Vorlaut oder? Stolz. Es stand für vogelfrei. Jeder von uns hatte ein Zeichen bekommen, und dieses Zeichen symbolisierte: Wie intensiv durfte dieses Kind erschrocken werden. Und ich musste also diesen Weg – ich weiß nicht, wie lang das war, vielleicht 200 Meter oder 300 Meter – erstmal alleine weitergehen. Nach der Reihe musste man. Ich war nicht der Erste und hörte schon die Schreie. Und dann war ich dran: Im Wald stockdunkel und ich wusste: Irgendwo lauern sie, aber ich wusste natürlich nicht, wo. Ich wusste: Irgendetwas wird gleich passieren. Und dann – aber nicht was. Plötzlich war da meine Klappe gar nicht mehr so ganz groß. Die Mitarbeiter hatten sich einiges halt ausgedacht. Da stand zum Beispiel mitten auf dem Boden ein blinkendes Warnlicht. Ich war überzeugt: Genau an dieser Stelle wird gleich etwas passieren. Aber es ist nichts passiert. Es war nur eine Finte, denn kurz davor ist etwas passiert. Ein paar Meter weiter, im Gebüsch – eine Schaufensterpuppe. Im Halbdunkeln sah es so aus, als würde da jemand stehen und dann mich beobachten. Und ich dachte: Ja, da ist jemand und da wird gleich etwas passieren. Puste Kuchen – er kam von hinten. In diesen Augenblicken schlug mein Herz schneller, mir wurde immer wieder klar: Die legen mich hier rein. Während ich so Schritt für Schritt weiterging und auch das ein- oder andermal erschreckt wurde, redete ich laut vor mich hin und fing an zu pfeifen. So versuchte ich irgendwie die Stille und auch meine Nervosität irgendwie zu übertönen. Bis zum Ende der Strecke wurde ich dann – wie gesagt – mehrfach erschreckt: Mir wurde irgendwas Klebriges auf den Kopf gegossen, und ich wurde gefedert. Das war meine Lektion mit der Angst. Angst, die einen packt, wenn es dunkel ist, wenn man nicht weiß, was gleich passiert, wenn man sich irgendwelche Gedanken macht – und es passiert doch ganz anders. Man redet sich Mut vielleicht ein, man pfeift im Dunkeln, aber innerlich bleibt das Herz trotzdem unruhig. Es schlägt so heftig, dass der ganze Körper auch pocht. Und genau das kennen wir doch in anderen Situationen alle. Manchmal reicht schon die Ahnung: Da könnte etwas sein, was mir Angst macht – und die Angst ist schon da. Und auch wenn gar nichts passiert ist, kommt diese Angst, und wir versuchen stark zu wirken, reden uns ein – aber im Inneren klopft das Herz. Wir kommen nicht zur Ruhe, der Schlaf ist unruhig, die Gedanken kreisen sich immer wieder um die Sorgen und auch um die Ängste. Wir sind nicht mehr aufnahmefähig, können nur noch schwer uns konzentrieren – Entscheidungen zu treffen fällt uns schwer. Die Angst lehmt uns, und am liebsten würden wir weglaufen. Und genau das setzt Psalm 27 an: Der Beter kennt diese Spannung zwischen Zuversicht und Angst und er zeigt uns einen Weg, wie wir frei werden können – nicht indem die Angst verschwindet, sondern indem wir sie Gott hinhalten und ihm vertrauen. Angst, das ist also kein Randthema unseres Lebens. Jeder von uns kennt sie, und vielleicht fällt dir sofort eine Situation ein, in der sie dich so gepackt hat: Für die einen sind es Prüfungen – vielleicht weißt du noch, wie das damals war: Man sitzt da, Herzklopfen bis zum Hals. Der Kopf eigentlich voll und gleichzeitig leer. Man starrt auf die erste Aufgabe und denkt: Das habe ich doch gerade noch gelernt – aber wo ist das Wissen nun hin? Und plötzlich kann man sich nicht mal mehr an seinen eigenen Namen erinnern. Vielleicht so schlimm auch nicht, aber manchmal hat man ja so ein Blackout und muss erstmal zur Ruhe kommen, während einer Prüfungssituation. Und wer schon länger aus der Schule raus ist: Erinnert sich vielleicht an das erste oder an ein Vorstellungsgespräch. Man will souverän wirken, freundlich lächeln – aber die Hände sind feucht und während man innerlich noch denkt: Nicht zu schnell reden – redet man natürlich viel zu schnell. Und hinterher denkt man sich: Ich habe nur wirres Zeug geredet. Genau das macht Angst mit uns: Sie macht uns nervös, sie wirbelt alles durcheinander. Und manchmal haben wir es mit größeren Ängsten zu tun: Die Angst vor Krankheit – die Angst, den Job zu verlieren – die Angst um die Zukunft – die eigene oder der Kinder. Manchmal sind es leise Ängste: Die Angst nicht dazuzugehören – die Angst abgelehnt zu werden – die Angst nicht genug zu sein. Und manchmal sind es die tiefsten Ängste: Die Angst, ganz allein zu sein – einsam zu sein – oder sogar die Angst, dass Gott vielleicht immer schweigen wird. Genau diese Spannbreite greift König David im Psalm 27 auf: Da am Anfang dieses Gebets steht ein ganz starkes Bekenntnis: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil. Vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen.“ Das klingt erstmal nach einem Menschen, der vor gar nichts Angst hat – ein Glaubensheld, unerschütterlich, voller Zuversicht. Aber wenn man den ganzen Psalm liest: Merkt man, so einfach ist es nicht. Denn nach diesen kraftvollen Worten kommt plötzlich die Klage: König David, der Beter, schreit zu Gott: „Verbirg dein Angesicht nicht vor mir – verstoße mich nicht.“ „Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der Herr nimmt mich auf“ (Vers 9 und 10). Da ist er ganz ehrlich mit seinen Gefühlen, mit seiner Angst. Und das ist nicht der Glaube eines Menschen, der nie Angst hat – sondern der Glaube eines Menschen, der mitten in der Angst festhält: Trotz alledem will ich mich an Gott klammern. Genau da liegt die Kraft dieses Psalms von David: Er nimmt die Angst ernst, aber er zeigt einen Weg, wie wir mit ihr umgehen können. In seinem Psalm beschreibt David drei Gesichter der Angst – es gibt sicherlich noch viel mehr – aber diese drei Gesichter wollen wir heute mal beleuchten und vielleicht finden wir uns in dem einen oder anderen auch wieder. Als erstes beschreibt er die existenzielle Angst: Dass er nicht weiß, wie seine Zukunft aussehen wird. Da schreibt er im Vers 3: „Wenn sich auch ein Herr wider mich lagert – so fürchte ich dennoch mein Herz nicht.“ Also David, der Beter, weiß: Bedrohungen gibt es. Es gibt Kriege. Es gibt keine Verdrängung der Umstände – sondern eine bewusste Entscheidung: Ich lasse meinem Blick nicht nur auf der Angst ruhen, sondern auf Gottes Gegenwart. Und ganz ehrlich: Existenzielle Angst, das kenne ich auch aus meinem eigenen Leben. Als Student war das Geld oft – sehr oft – ganz schön knapp. Manchmal war es einfach weg, aber der Monat war noch nicht vorbei und dann hieß es irgendwie durchhalten: Bloß nicht irgendwas ausgeben müssen – nichts unvorhersehbares, was man plötzlich besorgen muss. Und es gab Wochen, da war ein normaler Einkauf im Supermarkt für mich nicht drin. Und da bin ich wirklich zur Tafel gegangen – und das war für mich nicht immer leicht: Weil ich dachte: Habe ich überhaupt dazu Anspruch? Diese Erfahrung hat mir gezeigt: Wie nah die Sorge sitzt, wenn man nicht weiß: Reicht das noch? Komme ich da irgendwie durch? Und eine viel krassere Erfahrung hat König David gemacht: Menschen trachteten nach seinem Leben. Er wusste: Dass ganze Heere gegen ihn aufstehen könnten – und es ging nicht um ein paar Tage bei ihm durchzuhalten bis zum nächsten Geld, sondern darum, ob er die Nacht überhaupt überleben würde – weil er so viele Feinde hat. Die Angst stand mit gezogenem Schwert vor seiner Tür. Und genau da hinein spricht er: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil – vor wem sollte ich mich fürchten.“ Und das ist kein billiger Mutmachsatz, den er da für sich ausspricht – das ist ein ganz bewusstes Bekenntnis mitten in der Bedrohung, in die er steht. Er sagt: Ich lege das alles Gott hin. Und das ist auch unser Weg: Angst nicht kleinreden – man kann sie bewusst in Gottes Hand geben, ihm zutrauen: Du bist da, auch wenn ich nicht weiß, wie ich da durchkomme. Als zweites beschreibt David eine weitere Angst: Die relationale Angst. Im Vers 10: „Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen – so nimmt mich doch der Herr auf.“ Denn diese Angst begegnet mir immer wieder, nicht nur in meinem eigenen Leben, sondern wenn ich Menschen beobachte, kennenlerne – und da auch sehe: Wie zerbrochen ihr Leben eigentlich ist. Paare, die einmal voller Liebe waren, aber dann auseinandergegangen sind. Familien, die irgendwann nicht mehr miteinander reden, weil etwas weggefallen ist. Freunde, die sich gestritten haben und nie wieder zueinander gefunden haben – weil Bitterkeit in das Herz gekommen ist und es verhärtet hat. Und manchmal gab es sogar gute Gründe dafür: Da wurden böse Worte gesprochen, manchmal sogar sehr böse Taten getan. Dinge, die man nicht einfach übergehen konnte. Da musste etwas beendet werden – weil es nicht mehr gesund war. Aber egal wie – es bleibt immer ein Schmerz zurück: Das Gefühl allein dazustehen – verlassen zu sein von Menschen, von denen man einmal gedacht hatte: Die bleiben, auf die kann ich bauen, auf die kann ich mich verlassen. Und David hat solche Verluste erlebt. In poetischer Form beschreibt er es so: „Selbst wenn Vater und Mutter mich verlassen würden – Gott bleibt. Er hält mich. Seine Treue zerbricht nicht, wenn menschliche Beziehungen zerbrechen.“ Und das soll uns nicht auf billige Weise irgendwie verfolgen – es soll ein tiefer Trost sein: Gott sagt nicht: „Das ist leicht“, aber er sagt: „Du bist nicht allein. Ich nehme dich auf in meine Familie.“ Und da kommen wir zur letzten Angst, die David in seinen Versen beschreibt: Im Vers 9 heißt es: „Verbirg dein Angesicht nicht vor mir – weise deinen Knecht nicht ab im Zorn.“ Vielleicht kennst du das: Du bist unterwegs, willst jemanden anrufen und genau dann hast du kein Netz. Funkloch. Verbindung ist abgebrochen. Du redest ins Handy, sagst deinen ganzen Satz – vielleicht sagst du sogar mehrere Sätze – und irgendwann merkst du: Da war ja gar keiner mehr auf der anderen Leitung. Der hat das gar nicht mehr mitbekommen. Alles, was ich gesagt habe, ist im Nirgendwo irgendwie verpufft. Und genauso fühlt sich manchmal Beten an: Du sprichst – du bittest – du klagst – und du hast das Gefühl: Die Worte gehen nur bis zur Zimmerdecke. Keine Antwort. Keine Resonanz. Funkloch zwischen mir und Gott. Und das ist schmerzhaft, das tut weh. Weil Beten ja eigentlich das Gespräch ist, in dem ich mich am meisten verbunden fühle mit Gott – und dann ist da plötzlich diese Stille. Und viele von uns kennen die Geschichten von David und was er alles mit Gott erlebt hat. Aber auch er kannte die andere Seite: Das Gefühl, dass Gott ganz weit weg scheint. Darum schreit er: „Verbirg dein Angesicht nicht vor mir.“ Das ist ein Hilfeschrei mitten aus diesem Funkloch – und das Tröstliche ist: Schon dieser Schrei ist wieder Glaube. Weil er nicht von Gott weggeht, sondern gerade im Schweigen zu ihm hin. Und genau da wird das Funkloch durchbrochen: Nicht weil sofort eine perfekte Verbindung da ist – sondern weil Gott schon hört, bevor wir es spüren. David leugnet seine Angst nicht und redet sie auch nicht klein. Aber sie wird verwandelt: Indem sie vor Gott ausgesprochen und in sein Licht gestellt wird – und das macht frei: Nicht frei von Angst an sich – sondern frei, die Angst nicht mehr das letzte Wort haben zu lassen. Nach all den Ringen, nach all der Klage endet David Psalm 27 nicht in der Angst. Sondern in einer mutigen Hoffnung: David betet am Ende: „Ich glaube aber doch – ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.“ „Hare auf den Herrn sei getrost und unverzagt – Hare des Herrn.“ David ist nicht naiv und behauptet: Alles wird gut. Morgen wird alles besser sein, dann ist die Angst verschwunden. Nein, er sagt: Ich glaube dennoch – trotz der offenen Fragen – trotz der Bedrohungen – trotz dem Herzklopfen in der Dunkelheit. Er entscheidet sich: Gott zu vertrauen – auch wenn die Zukunft ungewiss ist. Er sagt: „Hare auf den Herrn.“ Und das klingt zunächst nach Warten, nach Passivität. Aber im Hebräischen steckt da viel mehr drin: Es bedeutet nicht passives Ausharren – sondern eine aktive Haltung des Hoffens. Ein mutiges Festhalten an Gott – auch wenn die Angst noch nicht verschwunden ist. Hoffnung ist nicht das Gefühl, dass alles leicht wird. Hoffnung ist die Entscheidung: Mich an Gott dann festzuklammern – auch wenn die Umstände unsicher sind. Hoffnung ist ein Zeichen des Mutes: Weiterzugehen – auch wenn der Weg dunkel erscheint. Und genau hier liegt die Freiheit von Angst: Nicht darin, dass wir nie mehr Angst empfinden. Sondern darin, dass die Angst – wie gesagt – nicht das letzte Wort hat und unser Verhalten bestimmt. Das letzte Wort hat Gott: Sein Licht, seine Nähe, seine Treue. Darum bleibt am Ende dieser Aufruf, der auch an uns heute geht: „Hare auf den Herrn. Sei getrost und unverzagt – Hare des Herrn.“ Amen.