Frei von Bitterkeit
Predigt

Frei von Bitterkeit

Peter UnsinnPeter Unsinn
Sonntag, 12. Oktober 2025 · 10:00 Uhr
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Transkript

Zum Mitlesen oder gezielten Springen zu Passagen.

Ich freue mich, euch zu sehen und begrüße euch herzlich in Jesu Namen zur Predigt. Heute, wie ihr schon gehört habt, frei von Bitterkeit, Psalm 73, ein Psalm Asafs. Asaf stammt aus dem Stamm Levi, also der Priesterlinie in Israel. Er wurde von König David als einer der Hauptmusiker für den Gottesdienst im Tempel eingesetzt – gibt es in 1. Chronik 25 eine Notiz dazu – und er war der Begründer vermutlich einer Musikerfamilie, die im Tempeldienst auf Jahrhunderte eine wichtige Rolle spielen sollte. Seine Nachkommen, die Söhne Asafs, werden noch nach dem Exil, also 400 Jahre etwa oder mehr als 400 Jahre nach seiner Zeit als Tempelsänger erwähnt. Er ist auch der Autor von zwölf Psalmen, und diese Psalmen beschäftigen sich oft mit der Frage nach Gottesgerechtigkeit, dem Umgang mit Leid oder dem Fragen: Was für einen Sinn gibt denn all die Ungerechtigkeit? Also ein begabter und fähiger Musiker, der in diesem Psalm 73 eine massive Lebenskrise beschreibt. Doch beinahe wäre ich irre geworden, hätte den Boden unter den Füßen verloren, denn ich habe die stolzen Menschen beneidet, als ich sah, wie gut es ihnen trotz ihrer Bosheit ging. Lebenskrise, Irre werden am Leben – der Boden unter den Füßen verlieren. Alles Mögliche kann uns den Boden unter den Füßen wegziehen: eine lange Krankheit persönlich oder in der Familie, Schicksalsschläge, Tod von geliebten Menschen, Abhängigkeiten, Sünde, die wir nicht loswerden, berufliches Scheitern, Finanzprobleme, Schulden, Zerbruch von Beziehungen – aber auch wiederkehrende Ungerechtigkeit oder wenn Menschen permanent Geringschätzung erleben. Missbrauch und alles rings um uns: gesellschaftliche Krisen, politische Krisen, Krieg, Angst – wie wird es denn mit dieser Welt und der tollen Schöpfung Gottes weitergehen? Asaf wurde an einem Punkt irre, das zog ihm den Boden unter den Füßen weg, wenn er die Stolzen und Bösen sich ansah und sah, wie gut es denen ging. Sie leben ihre Tage ohne Sorgen, müssen sich nicht wie andere plagen. Hochmut ist ihr Schmuck, Gewalttat umhüllt sie wie ein Gewand. Sie triefen vor Fett, tun was sie wollen, spotten, drohen, verhöhnen andere, reden als käme es vom Himmel. Was sie sagen muss gelten auf Erden. Eine ziemlich drastische und plastische Beschreibung der Mächtigen, Reichen und Schönen seiner Zeit. Was er dort sieht und erlebt, droht ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Er verbittert unbemerkt, wie er später erkennt und beschreibt. Er kann die Widersprüche, die er rings um sich sieht – und das, was er glaubt und die Existenz Gottes – nicht mehr zusammenbringen. Sein Leben, habe ich den Eindruck, es verengt sich; es fixiert sich auf diese sorglosen, nicht geplagten, hochmütigen, gewalttätigen, fetten, stolzen, gottlosen, wie er sie an anderer Stelle dieses Psalms nennt. Auf mich wirkt diese Aufzählung, die fast – finde ich – irgendwie dahin jagt in einer Anreihung negativer Eigenschaften, wie so eine Art psychischer und geistlicher Tunnelblick, der nur noch diesen Widerspruch sehen kann, der ihm den Boden unter den Füßen wegzieht. Aber wenn ich seinen Tunnelblick mal anders herum betrachte: wäre es besser, wenn er oder wir angesichts der Kluft von Arm und Reich den Gerechten und den gewalttätigen Ungerechten einfach abstumpfen, resignieren? Wenn wir uns die Widersprüche, die wir sehen, einfach fromm schönreden nach dem Motto: Gott wird schon wissen, was er da macht und zulässt. Denn Asaf bügelt das nicht irgendwie fromm weg. Er leidet an dem, was er an Ungerechtigkeit wahrnimmt, und er beginnt, sich Fragen zu stellen: War es denn völlig umsonst, dass ich mein Herz rein und meine Hände frei von Schuld hielt? Ich werde ja doch täglich geplagt. Jeder Morgen bringt mir neuen Kummer. Aber wenn ich so reden wollte wie Sie, die Gottlosen, würde ich alles verraten oder alle verraten, die zu Dir gehören. Also fragt sich: Ist mein Glaube nicht eigentlich umsonst? Ist es umsonst, dass ich versuche, als Gerechter vor Gott zu leben – zu tun, was Gott als gerecht beschreibt – und dass ich da aber versuche, mein Herz, mein Inneres und auch meine Hände reinzuhalten. Was bringt es, Gott zu dienen, wenn ich doch nur täglich Plage und Kummer dadurch erlebe? Wäre es nicht einfacher, mit den Wölfen zu heulen – zu denken und zu reden wie die Ungerechten? Und er beschreibt an anderer Stelle des Psalms, was die sagen: Die sagen, Gott kümmert sich doch um nichts. Wie sollte er auch? Er thront ja weit oben und weiß nicht, was hier unten vor sich geht. Asaf entscheidet sich in dieser Lebenskrise – und trotz dieser Lebenskrise – trotzdem sein Glaubensboden unter den Füßen wankt. Er entscheidet sich gegen einen Lebensentwurf, der sagt: Gott irgendwo da weit oben, aber der kümmert sich um nichts, was hier bei uns abgeht. Er denkt weiter nach. Er versucht zu verstehen. Da sah ich nach, um all das zu verstehen – doch es war zu schwer für mich – bis ich in Gottes Heiligtum ging und erkannte: wie ihr Leben endet. Du stellst sie auf schlüpfrigen Boden und lässt sie ins Leere fallen. Ein ganz tolles altes Wort finde ich: Nachsinnen oder auch nachdenken. Versuchen zu begreifen. Erkenntnis suchen übersetzt uns manche andere. Das wäre für mich – oder das klingt für mich wie ein Weg weg vom Tunnelblick, neu in die Weite, weg von der einen Frage, weg von den Warum-Fragen, die nirgends wohin führen. Versuchen breiter zu verstehen. Ich persönlich liebe es nachzudenken und die Dinge auch mit dem Verstand zu begreifen. Ich sehe es so: Gott hat uns den Verstand geschenkt. Und der ist natürlich geprägt von unserer Umwelt, unserer Gesellschaft. Aber Gott, finde ich, benützt auch oft unseren Verstand, um uns Dinge klar zu machen. Mir zumindest geht es oft so, dass wenn etwas beginnt, mich wiederkehrend zu beschäftigen in den Gedanken, im Nachdenken – und immer wieder so auch aufpoppt aus heiterem Himmel – dann sind das ganz oft Themen bei mir wenigstens, wo Gott mir etwas sagen möchte, mich auf etwas aufmerksam macht. Aber eben bei mir beginnt das zuerst mal im Verstand. Aber ich weiß: es ist natürlich ein Weg mit Grenzen. Und so massive Lebenskrisen – die brauchen vermutlich fast immer mehr als Verstand. Asaf muss konstatieren, es war zu schwer für mich. Wörtlich steht da wohl: es war eine Plage für mich. Ja, das zu verstehen, zu versuchen. Er findet seine Antwort erst in Gottes Nähe. Das heißt ja: Da bis sich in Gottes Heiligtum ging und erkannte, wie ihr Leben endet. Und Heiligtum zu seiner Zeit – noch vor dem Tempel, da zu Davids Zeit war die Stiftshütte, wo es einen Vorhof gab, wo auch er als Musiker dann eben sein durfte. Und er bekommt dort eine Erkenntnis, eine Antwort auf seine Frage. Und die ist: Es gibt einen Zusammenhang von Tun und von Ergehen. Das kann er anscheinend auch beobachten. Die Stolzen kommen zu Fall. Er schreibt an anderer Stelle im Psalm: ganz plötzlich ist es aus mit ihnen. Sie nehmen ein Ende mit Schrecken. Wenn Gott sich erhebt, verschwinden sie – wie die Bilder eines Traums beim Erwachen. Und unausgesprochen in dem Ganzen steckt für mich, was ganz wichtig ist: Asaf akzeptiert diese Antwort als eine Antwort von Gott. Obwohl sie nur eine der möglichen Antworten auf seine Frage ist. Und obwohl es selbst in Gottes Wort auch andere Antworten auf diese Fragen gibt. Jesus macht zum Beispiel in zwei Gleichnissen deutlich – dem Gleichnis vom reichen Kornbauern und von dem Reichen, vor dessen Tür der Lazarus sitzt und verdirbt – dass es der Tod in manchen Situationen sowas wie eine Lösung oder eine Gerechtigkeit bringen wird. Und dass manches hier definitiv offen bleibt: Nicht alle Diktatoren sterben elend. Manche leben auch satt und munter und im Überfluss und in Frieden bis an ihr Ende. Und diese Möglichkeiten werden beschrieben in der Schrift. Also sind auch Gottes Antworten die Realität beschreiben. Aber er bekommt die eine: Es gibt einen Zusammenhang von Tun und Ergehen. Und diese Antwort akzeptiert er. Und er hält sich an sie. Und er stoppt sein Grübeln. Er hält sich an dieser einen möglichen Antwort, die Realität ja auch beschreibt, fest. Und ich glaube: Bei uns ist manchmal diese Frage – wir bekommen eine Antwort von Gott. Akzeptieren wir die dann auch und sagen: Ja, das ist jetzt deine Antwort? Oder legen wir sie beiseite und fangen an weiter zu grübeln und zu fragen und zu bohren und kommen dadurch nie zur Ruhe? Bei Asaf passiert Folgendes: Das Akzeptieren dieser Antwort Gottes macht ihn frei zur Selbsterkenntnis. Er beschreibt, da erkannte ich, wie verbittert ich war, welcher Zorn in mir aufstieg – wörtlich es mich in meinen Nieren stach. Wie dumm und unwissend bin ich gewesen – und dennoch bleibe oder bin ich stets bei dir. Du hältst meine rechte Hand. Erst als Asaf in der Nähe Gottes ist, erkennt er in seinem Inneren Verbitterung in seinem Herzen. Er nimmt die Gefühle wahr, die in seinem Inneren über diesen permanenten Widerspruch sind. Hier wird es mit aufsteigenden Zorn beschrieben. Andere Übersetzungen sprechen von tiefer Verletzung, bohrenden Schmerz, von Kummer verzehrt, von Schmerz durchbohrt. Wörtlich steht im Hebräischen als Beschreibung dieses Zustands: es stach mich in den Nieren. Asaf beschreibt die Folge dieses Dauerzustands – seiner Lebenskrise, seines Neids auf die sorglosen Bösen, dieser permanent beobachten Widersprüche und unbeantworteten Fragen als Verbitterung. Ich habe mal eine KI gefragt: Wie beschreibt denn die Verbitterung? Eine KI Antwort war: Verbitterung ist ein Gefühl – genauer gesagt eine Emotion – die durch erlebte Ungerechtigkeit, Kränkung oder Vertrauensbruch ausgelöst wird. Es handelt sich um eine komplexe Mischung aus Emotionen wie Wut, Zorn, Feindseligkeit, Enttäuschung und Hilflosigkeit, die über eine kurzzeitige Emotion wie Bitterkeit hinausgeht und länger anhält. Zu meiner Überraschung – und erstmalig fand ich: dass es zu Verbitterung sogar eine klinisch beschreib- und diagnostizierbare Erkrankung mit Tendenz zu chronischem Verlauf gibt. Das nennt sich dann posttraumatische Verbitterungsstörung. Und die kann ziemlich exakt mit einem Fragebogen erfasst werden oder beschrieben werden, was sich bei dieser Verbitterungsstörung tut – zum Beispiel der Hass auf den Verursacher der Kränkung, bis hin zu Mordfantasien an dem, der die Kränkung und die Bitterkeit ausgelöst hat. Und das Phänomen, dass diese Krankheit von heute auf morgen sich manifestieren kann, ohne dass es sozusagen eine psychische Vorlaufsgeschichte geben kann – nachdenkenswerterweise gibt es eine Behandlungsform, die bei dieser Erkrankung der Verbitterungsstörung gut anzuschlagen scheint. Ist, finde ich, noch nicht so bekannt: Die nennt sich nämlich Weisheitspsychotherapie oder auch Weisheitstherapie. Fand ich ungeheuer nachdenkenswert. Denn Asaf findet ja seine Weisung, seine Weisheit bei Gott. Sie besteht in dieser Antwort – es gibt einen tun-ergehenden Zusammenhang. Weisheit besteht in der Erkenntnis seiner Verbitterung, seiner Gefühle, auch der Unvernunft, der Gefangenheit, die er vorher in seiner Verbitterung erlebt hat. Weisheit ist auch die Erkenntnis oder der Entschluss: Und dennoch bleibe ich bei dir – du hältst meine rechte Hand. Dass es bleiben oder ich bin heißen kann, hängt am Hebräischen. Dort kann man nämlich manchmal einfach das Verb weglassen. Dort steht im Grunde genommen: Ich aber immer bei dir. Gibt kein Verb in diesem Satz. Und das "Ich aber" ist ganz oft so eine Entgegnung – sozusagen auf etwas, was vorher war – eine Abgrenzung. "Ich aber" oder "ich dennoch". Also er hier: "Ich aber immer bei dir." Das kann man ja sozusagen doppelt sehen: Wir sind immer bei Gott und Gott ist immer bei uns. Selbst dann, wenn wir fast irre werden, wenn es uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint – die Widersprüche und Fragen unlösbar scheinen oder uns schwerwiegende Lebensereignisse in Verbitterung geführt haben: Immer gilt "Ich aber immer bei dir". Gott ist bei mir, wir sind bei ihm – selbst in so einer Krise. Und gleichzeitig steckt ein Entschluss drin. In dem Moment, wo ich übersetze: Ich aber bleibe immer bei dir. Da bekommt das auch den Charakter eines Entschlusses. Und dennoch bleibe ich stets bei dir. Das ist Asafs Resümee in seiner Lebenskrise und gleichzeitig auch der Weg, wie er neu Boden unter den Füßen gewinnt. Er fasst es am Schluss dieses Psalms zusammen: Doch mir tut Gottes Nähe gut. Ich fand meine Zuflucht bei Gott dem Herrn. Ich will erzählen von all deinem Tun. Asaf erlebt ein Geschenk, eine Gnade – nämlich dass ihn die Nähe zu Gott, die Antwort Gottes sozusagen direkt zu einer tiefen Erkenntnis über sich selbst geführt hat und ihn gleichzeitig einen neuen Ausweg gezeigt hat: einen Fokus, den er neu auf Gott richtet. Manchmal ist es so – wir begegnen Gott und spontan und übernatürlich passiert etwas. Wir werden innerlich getroffen, wir werden befreit, wir werden geheilt. Manchmal wird Verbitterung, Gebet nötig haben: mein eigenes, das von anderen, von Freunden, seelsorgerliche Begleitung – Vergebung wird oft eine Rolle spielen, aber auch Freisprechung im Namen Jesu wird passieren müssen. Manchmal braucht es auch klinische Therapie. Man schätzt, dass zwischen zwei bis fünf Prozent der Leute in Deutschland so eine Verbitterungsstörung mit sich rum schleppen. Asaf fand seine Befreiung in der wohltuenden Nähe Gottes. Er akzeptiert die Antwort, die ihm Gott gegeben hat – obwohl es nur eine der möglichen Antworten war. Er bleibt nicht bei den Fragen stehen, sondern er findet einen neuen Fokus. Und dieser Fokus ist: ich will erzählen, was Gott tut. Amen.