Am letzten Tag, dem höchsten Tag des Festes, trat Jesus vor die Menge und rief: "Wer durst hat, soll zu mir kommen und trinken. Wenn jemand an mich glaubt, werden aus seinem Inneren, aus seinem Körper, wie es in der Schrift heißt, Ströme von lebendigem Wasser fließen." Er sagte das im Hinblick auf den Heiligen Geist, den die empfangen sollten, die an Jesus glaubten. Der Geist war zu jenem Zeitpunkt noch nicht gekommen, weil Jesus noch nicht in seiner Herrlichkeit offenbart worden war.
Im letzten Juli war ich mit einem Lateinkurs auf einer Exkursion in Trier. Wir wollten uns dort die römischen Bauten anschauen. Und es war gerade in diesen ganz heißen Tagen – ihr erinnert euch vielleicht noch, dass die Temperatur stieg bis auf 36 Grad, die Sonne brannte gnadenlos vom Himmel und wir kamen tüchtig ins Schwitzen. Und während wir so durch die Straßen zogen, da fühlten wir vor allem eines: Durst. Wir wollten trinken, trinken, trinken.
Zum Glück gibt es in Trier an mehreren Stellen Trinkwasserspender. Bei normalem Wetter stehen die ganz unbeachtet da, aber jetzt wurden sie zu einem Hauptanziehungspunkt. Wenn man da nämlich auf einen Knopf drückte, dann gaben sie einen Strahl von frischem, klarem Wasser von sich. Die Schüler spritzten sich gegenseitig mit dem Wasser ab, sie füllten sich ihre Trinkflaschen auf oder ließen den Wasserstrahl direkt in ihren Mund laufen. Wie gut das tat – den Durst löschen zu können.
Durst hatte auch das Volk Israel, damals auf dem langen Marsch durch die Wüste. Einige Zeit waren sie schon unterwegs gewesen und als sie endlich an einem Lagerplatz ankamen, gibt es dort kein Wasser. Die Kehlen sind ausgedürstet – der Durst quält. Die Menschen, vor allem auch die Kinder, schreien nach Wasser. Aber es gibt keins.
In dieser ausweglosen Situation greift Gott ein. Er lässt Wasser aus einem Felsen fließen. Das Wasser kann das Volk trinken und neue Kraft schöpfen. Diese Versorgung durch Gott wird in Israel bis heute jedes Jahr gefeiert beim Laubhüttenfest. Man baut dann Hütten aus Zweigen in Anlehnung an die Zelte während der Wüstenwanderung und man denkt daran, wie Gott mit seiner Hilfe und Fürsorge das Volk durch die heiße trockene Wüste in das verheißene Land geführt hatte.
Wieder einmal war es Laubhüttenfest. Tausende von Menschen waren in Jerusalem versammelt. Auch Jesus war da. Und am letzten Tag, dem Höhepunkt des Festes, stand er auf und rief: "Wer Durst hat, sehr sehr soll zu mir kommen und trinken."
Was für eine Aufforderung ist das? Wer Durst hat, soll zu mir kommen und trinken.
Den Zuhörern war sofort klar, dass es hier um mehr ging als nur um den physischen Durst. Denn so quälend der Durst nach Wasser auch sein kann – es treibt uns möglicherweise ein viel tieferer Durst um: Der Durst nach Leben, nach Erfüllung, nach Gott.
Wieder schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele Gott zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott – betet der Psalmist. In irgendeiner Form kennt jeder diesen Durst. Denn wir Menschen merken, dass uns etwas fehlt, dass wir uns selbst nicht genug sind.
Es gibt eine Leere in uns, die wir füllen möchten und doch wissen wir oft gar nicht wie. Einige versuchen das mit der Beschäftigung mit Philosophie und wollen so den Sinn des Lebens ergründen. Andere nehmen an Spiritualität und geistigen Übungen teil und um sich so mit dem Grund des Daseins verbinden zu können.
Die meisten aber versuchen durch Arbeit, durch Urlaub, Hobbys und alles was sonst noch so Spaß macht den Durst zu überdecken. Und so kommt es, dass viele scheinbar mit sich zufrieden sind mit ihrem Alltag, ihrem täglichen Lebensumfeld und gar kein Bedürfnis nach etwas Höherem verspüren.
Wenn wir andere Leute auf Gott hin ansprechen, dann können die oft mit diesem Thema gar nichts anfangen. Offensichtlich kann man den Durst verdrängen, aber der Mangel bleibt trotzdem bestehen. Wir kennen ja das Phänomen, dass alte Menschen oft viel zu wenig trinken, weil sie gar keinen Durst empfinden. Und doch leiden sie unter Flüssigkeitsmangel und gefährden dadurch ihre Gesundheit.
Und so geht es auch vielen Menschen heute: Sie kommen scheinbar gut ohne Gott aus. Ihr Denken ist sowieso weithin materialistisch ausgerichtet. In ihrem Weltbild ist für Gott und für eine geistliche Wirklichkeit kein Platz. Und so können sie auch keinen echten tieferen Sinn finden.
Diese Sinnlosigkeit des Seins zeigt sich in den verschiedenen Facetten – in Ängsten, die die Menschen umtreiben, in Süchten, die sie gefangen nehmen, im Verfall von Werten und Normen, in einer allgemeinen Orientierungslosigkeit. Deutsche Bundesbürger, so sagt eine Statistik, verbringen knapp 72 Stunden in der Woche online. Bei jüngeren Menschen sind es sogar 93 Stunden.
Könnte es sein, dass der oft suchthafte Umgang mit den digitalen Medien nicht nur darin begründet liegt, dass sie so attraktiv sind – sondern dass wir sie vielleicht auch deshalb so intensiv nutzen, weil wir ohne sie eine große Leere in uns spüren würden? Eben diesen undefinierbaren Durst.
Es trifft genau zu, was Gott durch den Propheten Jeremia gesagt hat: "Mein Volk tut eine doppelte Sünde. Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und das Wasser nicht halten."
Und vielleicht muss Gott uns manchmal das beißende Salz der Schwierigkeiten des Lebens und die bittere Seite des Lebens schmecken lassen – damit wir wieder den Durst in uns bewusst wahrnehmen.
Wer Durst hat, ruft Jesus: "Soll zu mir kommen und trinken."
Nach 2000 Jahren Kirchengeschichte entgeht uns wahrscheinlich die Ungeheuerlichkeit dieser Aussage. Denen, die Durst haben nach innerer Erfüllung, nach Gott, bietet Jesus keine Philosophie an, keine religiösen Lehren – sondern er verweist auf sich selbst, auf seine Person.
Er offeriert sich selbst als Durstlöscher für den Durst der Menschen, für diesen Durst, der in den vielen Religionen in allem Suchen nach Sinnerfüllung und in dem Streben nach Glück zum Ausdruck kommt.
Besondere Präsenz erhält die Aufforderung Jesu – "Komme zu mir" – aufgrund der Tatsache, dass er diese Aufforderung am höchsten Tag des Laubhüttenfestes machte. Es gab nämlich den Festbrauch, in einem goldenen Krug Wasser aus dem Teich Siloa zu schöpfen und feierlich zum Tempel zu tragen. Dort wurde das Wasser in eine Schale gegossen, aus der es dann auf den Opferaltar strömte.
Dieses Ritual erinnerte an das Wasser, das Gott hatte aus dem Felsen fließen lassen. Zugleich klang da auch die Verheißung durch den Propheten Jesaja an: "Siehe, Gott ist mein Heil; sie wird mit Freuden Wasser schöpfen aus den Brunnen des Heils."
Vor diesem Hintergrund nun ruft Jesus: "Wer Durst hat, soll zu mir kommen." Damit erhebt er den Anspruch, dieser Brunnen aus dem Heil und Rettung fließt – dieser Brunnen bin ich.
Und wenn es bei Jesaja heißt: "Gott ist mein Heil," dann ist von mir die Rede. In mir begegnet ihr dem lebendigen Gott selbst.
Und darum ist der Ruf Jesu hier nicht einfach ein unverbindliches Angebot, ein nice to have, das man je nach Belieben annehmen oder ausschlagen kann. Sondern es ist eine Einladung, die mit größter Dringlichkeit ausgesprochen wird – eine Aufforderung mit göttlicher Autorität.
Sie galt den Menschen damals beim Laubhüttenfest und sie gilt uns allen heute.
Vielleicht denkst du jetzt: "Naja, das habe ich ja schon längst gemacht. Ich bin zu Jesus gekommen, als ich mich für ihn entschieden habe." Das ist erledigt – dahinter kann ich einen Haken machen.
Ich habe das eine ganze Zeit lang so geglaubt. Wenn ich auf einer christlichen Konferenz war, der mich eine Predigt sehr angesprochen hat und ich Jesus besonders intensiv erlebt hatte, dann meinte ich: "Jetzt ist alles geregelt – jetzt bin ich fertig. Jetzt bleibe ich immer ganz nah bei Jesus – alles ist paletti."
Aber dann kam der Alltag und bald merkte ich, dass ich schnell wieder so eine Distanz zu Jesus hin entwickelt hatte.
Und irgendwann kam dann der Zeitpunkt, wo ich mich wieder neu Jesus hinwenden musste. Und dann wieder und wieder und wieder.
In der Beziehung ist es so wie mit einer Freundschaft und in der Ehe: Jeden Tag neu muss man sich für den Partner entscheiden. Jeden Tag neu einen Schritt auf ihn zumachen. Sonst besteht die Gefahr, dass man sich auseinanderlebt.
Und dabei ist zu sagen, dass im Hinblick auf Jesus diese Gefahr der inneren Distanz nur von uns Menschen ausgeht. Aber immer wieder sollen und dürfen wir zu Jesus kommen. In allen Lebenslagen dürfen wir seine Nähe suchen.
Jeden Morgen, wenn wir aufwachen, können wir uns ihm zuwenden und ihm sagen: "Dass wir diesen Tag mit ihm leben wollen." Und wenn wir merken, dass wir uns innerlich von ihm entfernt haben – dürfen wir uns wieder zu ihm hin orientieren. So soll unser ganzes Leben ein einziges Kommen, ein Hinwenden zu Jesus sein.
Von Anfang an in der Kirchengeschichte haben Christen auf gute Gewohnheiten Wert gelegt. Und es ging immer dabei darum, dass da ein Aspekt des Kommens darin liegt:
Eine geistliche Übung besteht darin, dass wir in die Stille kommen – in die Stille, wo wir Gottes Wort hören, wo wir uns im Gebet ihm zuwenden.
Eine weitere geistliche Übung besteht darin, dass wir zum Gottesdienst kommen. Denn wo zwei oder drei Christen in seinem Namen zusammen sind, da ist auch Jesus selbst gegenwärtig.
Und dann gehört dazu, dass wir an den Tisch des Herrn kommen. Denn da können wir ihm in besonderer Weise begegnen.
Alle diese geistlichen Übungen sind kein Zweck in sich selbst – sondern sie schaffen eine Grundlage, dass unsere Herzen mit Jesus in Berührung kommen können.
Jesus ruft uns zu sich, jeden Einzelnen von uns. "Wer Durst hat, der soll zu mir kommen und trinken." Dieser Ruf gilt für uns heute, für morgen, für jeden Tag unseres Lebens.
Und so dürfen wir kommen – mit unserem Durst, mit unserem Mangel, mit unserem Versagen und mit unserer Schuld.
Allen, die so kommen, gibt Jesus eine großartige Verheißung. Jesus sagt: "Wenn jemand an mich glaubt, werden aus seinem Inneren, dort steht, aus seinem Körper, wie es in der Schrift heißt, Ströme von lebendigem Wasser fließen."
Wahrscheinlich wären die meisten von uns ganz zufrieden damit gewesen, wenn Jesus gesagt hätte: "Wer zu mir kommt – wer an mich glaubt – wird keinen Durst mehr haben. Ich fülle seinen Mangel aus." Aber Jesus geht hier viel weiter.
Er sagt: "Wer an mich glaubt, der wird nicht nur genug haben, um seinen eigenen Durst zu löschen – sondern er wird Wasser in solch einer Fülle erhalten, dass regelrecht Flüsse von lebendigem Wasser aus seinem Inneren fließen."
Und er fügt hinzu: "Dass dies in der Heiligen Schrift so vorhergesagt war." Tatsächlich durchzieht dieses Motiv – dieser Fluss mit lebendigem Wasser – die gesamte Bibel.
Sie wird schon von Anfang an am Garten Eden beschrieben in 1. Mose 2: "Es geht aus von Eben ein Strom, das den Garten zu bewässern und teilt sich von da in vier Hauptströme."
Gerade im Nahen Osten – wo der Wassermangel ein riesiges Thema ist – bietet ein Fluss die Grundlage für Leben, Wachstum und Überfluss. So ist der Garten Eden, wo Gott den Menschen unmittelbar begegnet, ein Ort der Fruchtbarkeit, der Fülle des Segens.
Jahrhunderte später beschreibt dann der Prophet Hezekiel einen Fluss – wir haben das in der Schriftlesung gehört – der direkt aus dem Tempel in Jerusalem herausfließt. Zuerst ist er ganz niedrig, doch im weiteren Verlauf wird er so tief, dass man nicht mehr darin stehen kann.
Dieser Fluss fließt dann hinab ins Jordantal und mündet schließlich in das Tote Meer. Das Tote Meer hat ja solch einen hohen Salzgehalt, dass dort kein Leben möglich ist. Aber durch die Flut von klarem frischem Wasser, das sich nun dort hinein ergießt, wird das Wasser des Toten Meeres süß.
Und dort – wo bisher kein Leben möglich war – wimmelt es nun von Fischen. An den Ufern des Flusses wachsen immer grüne Bäume, jeden Monat tragen sie Früchte und ihre Blätter haben heilende Wirkung. Alles soll gesund werden und leben, wohin dieser Strom kommt.
Und schließlich ganz am Ende der Bibel greift der Seher Johannes diese Verheißung aus dem Buch des Propheten Hezekiel auf – als er das neue, das himmlische Jerusalem beschreibt.
Johannes sieht einen Strom von lebendigem Wasser, wie Kristall, der ausgeht vom Thron Gottes und des Lammes. Mit dem Lamm ist Jesus gemeint. Auch hier stehen Bäume an den Ufern des Flusses, die jeden Monat Frucht bringen – und die Blätter dienen zur Heilung der Völker.
Alle drei Bibelstellen betonen: dass der Fluss aus der direkten Gegenwart Gottes kommt – aus dem Paradies, aus dem Tempel, vom Thron Gottes. Und es wird hervorgehoben, dass der Fluss Leben bringt: Frucht, Fülle und Heilung.
Mit dem Fluss wird ein paradiesischer Zustand beschrieben – die Zeit, wenn Gott seine Herrschaft aufrichten wird.
Nun wendet Jesus aber die Verheißung des lebensspendenden Flusses auf das Leben derer an, die ihm vertrauen: "Wenn jemand an mich glaubt, werden aus seinem Inneren, wie es in der Schrift heißt, Ströme von lebendigem Wasser fließen."
Das heißt doch: Die Fülle, der Segen, das Heil – diese Merkmale des Reiches Gottes sollen jetzt schon an uns sichtbar werden. Nicht in Vollkommenheit, aber zumindest doch ansatzweise.
Spätestens an dieser Stelle zucken wir wohl innerlich etwas zusammen und nehmen mal schnell eine Ist-Soll-Analyse unseres Lebens vor. Und vielleicht ist das Ergebnis eher ernüchternd: Ströme des lebendigen Wassers – ist das nicht etwas hochgegriffen? Wir sind doch schon froh, wenn es überhaupt einen Rinnsal gibt – einen kleinen Bach von Segen, der von unserem Leben ausgeht.
Es kann durchaus einmal heilsam sein, sich die Frage zu stellen: "Was ströme ich? Welche Atmosphäre ströme ich eigentlich aus?" Welchen Einfluss habe ich auf andere?
Und da haben wir wieder das Bild vom Fluss – der Einfluss, den wir auf andere, auf das haben. Was ist es denn, was von uns aus in das Leben anderer Menschen fließt?
So kann man sich fragen: Erfahren andere durch mich Hilfe, Ermutigung, Segen? Spreche ich heilende Worte oder verletze ich andere – indem ich sie nieder mache und ständig kritisiere? Verbreite ich eine Atmosphäre der Wertschätzung, in der sich andere angenommen fühlen – oder lehne ich Menschen ab, aus welchen Gründen auch immer?
Strömen Liebe, Freude und Frieden aus meinem Leben, Geduld, Freundlichkeit, Güte?
So wertvoll und hilfreich so eine Selbstanalyse sein kann: So ist hier aber auch Vorsicht geboten. Denn Jesus präsentiert uns gerade hier nicht einen Katalog von Forderungen.
Die Forderung – die Jesus hier stellt oder besser die Aufforderung, die er macht – ist zu ihm zu kommen und zu trinken. Das ist unsere Aufgabe. Aber für die Flüsse, die von unserem Inneren ausgehen, ist zunächst einmal er verantwortlich. Sie sind eine Folge davon, dass wir zu ihm gekommen sind.
Darum soll unser Blick nicht in erster Linie auf uns selbst gerichtet sein – sondern auf Jesus. Denn die Gemeinde ist ja kein Selbstverbesserungsverein und keine Selbstoptimierungsgesellschaft, sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die zu Jesus kommen, die mit ihm leben und ihn in ihrem Leben wirken lassen.
Wenn wir also Defizite bei uns feststellen – und das ist sicher bei uns allen so – dann sollte uns das dazu veranlassen: erneut und immer wieder zu Jesus zu kommen und seine Gegenwart zu suchen. Denn gerade dort, in der Gegenwart Gottes, entspringt der lebensspendende Fluss.
Dort entspringen die Ströme lebendigen Wassers, die Jesus verheißen hat.
Aber worum handelt es sich genau bei diesen Strömen? Der Evangelist Johannes – der uns das Wort Jesu überliefert hat – gibt uns hier einen deutlichen Hinweis. Er schreibt: "Er, Jesus sagte das im Hinblick auf den Heiligen Geist, den die empfangen sollten, die an Jesus glaubten."
Zu Jesus zu kommen und zu trinken bedeutet also: Den Heiligen Geist zu empfangen.
Das geschieht, wenn wir Christen werden – grundsätzlich. Aber dann geht es darum, dass wir immer wieder neu mit dem Heiligen Geist erfüllt werden. So wie Paulus es an die Epheser schreibt: "Lasst euch beständig, ständig mit dem Heiligen Geist erfüllen."
Als Christen stehen wir nämlich in der Versuchung, dauernd die Wirksamkeit des Heiligen Geistes zurückzuschrauben – indem wir ihn aus Bereichen unseres Lebens ausschließen. Und darum ist es nötig, dass wir uns immer wieder neu ihm öffnen und seiner Herrschaft unterstellen.
Und wenn wir um das Erfülltsein mit dem Heiligen Geist bitten, dann dürfen wir fest damit rechnen, dass Gott dieses Gebet erhört – denn es ist ein Gebet nach seinem Willen. Je mehr der Heilige Geist in uns Raum hat, desto mehr wird der Einfluss, den wir auf andere haben, von ihm bestimmt sein.
Er lässt Ströme von lebendigem Wasser fließen.
Und ich habe Menschen kennengelernt – auch in unserer Gemeinde – bei denen das der Fall war und ist. Menschen, die vergeben, obwohl ihnen Unrecht angetan wurde. Menschen, die dankbar sind, obwohl sie durch schwierige Zeiten gehen müssen. Menschen, die sich um andere sorgen, obwohl sie selbst genug eigene Probleme haben.
So zu leben – das kann man nicht aus eigener Kraft; sondern das gelingt nur, wenn wir immer wieder zu Jesus kommen und bei ihm trinken.
Aber das Ganze hat einen Preis. Wenn ich in ein Restaurant gehe und etwas trinken möchte, dann muss ich das Getränk selbstverständlich bezahlen. Man weiß ja: Besonders teuer ist das an Flughäfen. Ich habe mal nachgesehen, wie da so die Preise sind.
Am Frankfurter Flughafen kostet eine halb Liter Flasche Mineralwasser 4,75 Euro. Am Berliner Airport sind es 5,90 Euro und in Istanbul zahlt man ganze 6 Euro für ein halb Liter Wasser. Das sind stolze Preise – aber so ist das nun mal.
Wer etwas haben will, der muss bezahlen. Aber bei Jesus ist das anders: Wir dürfen zu ihm kommen und bei ihm trinken – umsonst. Umsonst für uns – aber nicht für ihn.
Der Evangelist macht das sehr deutlich, dass es für Jesus einen Preis kostet – indem er die Erklärung hinzufügt: "Der Geist war zu jenem Zeitpunkt noch nicht gekommen, denn Jesus war noch nicht in seiner Herrlichkeit offenbart worden."
Die Vorbedingung dafür, dass der Heilige Geist ausgegossen werden konnte, war, dass Jesus in seiner Herrlichkeit offenbart wurde.
Was heißt das aber – dass Jesus in seiner Herrlichkeit offenbart wurde? Wahrscheinlich denken wir zuerst an die Himmelfahrt Jesu, als er in den Himmel aufgenommen wurde und in die Herrlichkeit zurückkehrte. Aber Johannes setzt in seinem Evangelium hier einen anderen Akzent: Für ihn ist die Erhöhung Jesu nicht seine Aufnahme in den Himmel – sondern es ist seine Erhöhung am Kreuz.
Denn dort strahlte die Herrlichkeit Jesu auf, denn die Menschen konnten dort das Wesen Jesu sehen – seine Liebe und Gehorsam seinem Vater gegenüber – und das wurde in vollkommener Weise dort sichtbar. Das Kreuz bedeutete darum nicht das Scheitern Jesu; sondern dort brachte er seinen Auftrag zur Vollendung – und dort zahlte er den Preis, dass der Heilige Geist von denen empfangen werden kann, die mit ihrem Durst zu Jesus kommen.
Und so berichtet Johannes von einem weiteren Fest: Es ist das Passafest. Wieder stehen viele Menschen um Jesus herum; sie stehen unter dem Kreuz. Und wieder ruft Jesus laut – aber dieses Mal ruft er: "Ich habe Durst, mich dürstet."
Er, der anderen die Fülle des lebendigen Wassers angeboten hatte, wird nun selbst vom Durst gequält.
Er leidet den Durst der Menschen – eines Menschen, der am Kreuz hängt, völlig ausgetrocknet und bis zum Letzten erschöpft. Er leidet den Durst einer Menschheit, die den Zugang zu den ewigen Quellen verloren hat und darum dem Tod geweiht ist.
Aber das ist der Preis dafür – dass mein und dein Durst nach Leben gestillt werden kann.
Und kurze Zeit später fließt Wasser aus seinem Körper. Soldaten haben ihn in die Seite gestochen. Es ist kein Wasser des Lebens, das hier herausströmt; sondern dieses Wasser zeigt an, dass der Tod eingetreten ist. Aber es ist die Bedingung dafür – dass nun Ströme von lebendigem Wasser von unserem Körper aus fließen können.
Die Aufforderung Jesu "Kommt zu mir und trinkt" und seine Verheißung, dass Ströme lebendigen Wassers von uns ausgehen, sind nicht einfach so dahergeredet – sondern dahinter steht der volle Einsatz Jesu, der in seiner Liebe einen hohen Preis dafür bezahlt hat.
Und darum verdienen diese Worte von uns, von dir und von mir eine klare Antwort.
Es war wirklich heiß im Juli in der Exkursion in Trier. Der Schweiß ran uns von der Stirn – und der Durst brannte in unseren Kehlen. Damals waren die Trinkwasserspender unsere Rettung.
Und genau das will Jesus für uns sein: Mehr noch, er will uns zu einem Trinkwasserspender für andere machen.
Kommen wir zu ihm immer wieder und lassen wir uns von ihm füllen. Amen.