Wir kommen aus Lübeck, wir sind Hanseaten. Wobei Christo eigentlich nicht in Lübeck geboren ist, sondern ein bisschen weiter in Bad Ollisdorf. Ich weiß nicht, hat er das mal erzählt? Hat er gar nichts erzählt, oder doch? Hat er mal erzählt. Gut, also wie gesagt, wir kommen aus Lübeck. Vor 25 Jahren – so lange ist es schon her – hat man mich gezwungen, für Geld hier zu arbeiten. Das Leben ist manchmal hart, und zwar in Wiesbaden. Ich habe tatsächlich dann hier in Wiesbaden gearbeitet, fünf Jahre. Meine Frau und ich, wir hatten dann eine Wochenendehe geführt, und das war keine wirklich gute Entscheidung. Wir haben dann nach fünf Jahren tatsächlich den Schnitt gemacht und gesagt: „Komm, wir ziehen jetzt hierher“, und sind dann in Mainz hängen geblieben. Seit fünf, zehn Jahren bin ich selbstständig.
Was soll ich sagen? Ich bin seit 1979 in der Nachfolge, mit 17 bin ich zu Jesus gekommen. 1979 wurde ich getauft – das ist also schon zwei, drei Tage her. Was sind meine Hobbys, also was heißt „Hobbys“, was mag ich gerne in der Gemeinde? So muss ich mal zusagen: Ich gehe hin und wieder in Klöster oder Kloster. Ich mag Meditation; Spiritualität finde ich eines der wichtigsten Dinge. Und ich habe viel gelernt von den Mönchen, Mönche haben ein sehr tiefes Wissen über Gott. Und das ist auch eine meiner großen Fragen, die ich habe: „Gott, wer bist du?“ Dieses unbekannte Wesen, dieses Geistwesen, das fasziniert mich. Und da möchte ich gerne mit euch auch heute drüber sprechen.
Schattenbox. Bei Boxkämpfen ist es ja immer so, dass der Champion eine Herausforderung erhält. Irgendeiner fordert ihn heraus und du bist heute der Champion. Du bekommst also heute eine Herausforderung. Ich bin nicht der Herausforderer, ich bin es nicht. Um uns dem Thema zu nähern, habe ich deshalb für heute Morgen einen meiner Lieblingsbibel-Texte mitgebracht. Und dieser Text zeichnet sich schon durch eine sehr tiefe Spiritualität aus. Er berührt mich emotional. Er regt mich an zum Nachdenken. Und er enthält gleichzeitig auch einen Riesentrost.
Es ist ein kurzer Bericht von Abraham, der später nachher auch Abraham genannt wurde. Und Abraham hatte eine Gotteserscheinung. Gott sprach zu ihm und hat ihm gesagt: „Deine Nachkommen will ich dieses Land geben.“ Und mit diesen Zusprüchen, mit diesen Segen zog er los. Und dann lesen wir im ersten Mose 12, 18 – das wird uns jetzt kurz eingespielt.
Ich lese das mal vor:
„Danach brach er Abraham von dort auf ins Gebirge östlich vom Bethel und schlug sein Zelt auf, sodass er Bethel im Westen und Ai im Osten hatte.“
Was sagst du? Super Text, oder? Ist doch faszinierend, oder nicht?
Ich würde sagen: Begeisterung sieht anders aus, oder? Begeisterung sieht anders aus, ja. Stell dir das einmal vor: Ein Mann lebt zwischen Bethel und Ai.
Und ich weiß jetzt genau, was du denkst: Was für eine mega Story. Wäre ich bloß heute Morgen im Bett geblieben. Was ist das da eigentlich für ein Kasper, der da begeistert ist von einem Text, wo ein Mann zwischen zwei Orten lebt? Ich kenne auch einen, der wohnt zwischen Wiesbaden und Mainz, aber das haut mich nicht vom Hocker.
Nun, vielleicht kann ich deine Aufmerksamkeit gewinnen, wenn ich noch zwei Dinge obendrauf setze. In diesem Text, in diesem einen Satz, liegt dein ganzes Leben. In diesem einen Satz wirst du viele deiner Warum-Fragen beantwortet finden. In diesem einen Satz.
Ja, und das ist eigentlich nur zu verstehen, wenn ich mal kurz übersetze, was da auch steht. Das will ich auch kurz tun:
Die Ortsangabe Bethel setzt sich aus zwei Silben zusammen: Beth und El. Beth steht für Haus und El ist die Kurzform von Elohim – das heißt Gott. Und so übersetzen wir das mal kurz: Das heißt also, Bethel heißt „Haus Gottes“. Und Ai ist eine Übersetzung, der Aja – das heißt Trümmerfeld.
Und jetzt lesen wir den Satz nochmal:
„Danach brach er von dort auf ins Gebirge östlich vom Haus Gottes, schlug sein Zelt auf, sodass er das Haus Gottes im Westen und das Trümmerfeld im Osten hatte.“
Abraham lebte also zwischen dem Gottes-Haus auf der einen Seite und dem Trümmerfeld auf der anderen Seite. Auf der einen Seite die Herrlichkeit Gottes und auf der anderen Seite das Trümmerfeld menschlicher Existenz. Auf der einen Seite göttliches Licht und auf der anderen Seite Finsternis, die Schatten menschlichen Daseins.
Und spätestens jetzt – spätestens jetzt sehen wir, dass dieser Satz nicht einfach eine Ortsangabe ist. Es ist eine Metapher, ein Bild, ein Bild unseres eigenen Lebens, denn auch wir leben in so einem Spannungsfeld: angezogen vom Licht Gottes auf der einen Seite und festgehalten von den Schatten unserer Menschlichkeit.
Eine Kraft, die es nicht zulässt, dass wir wirklich vollständig in diese Herrlichkeit Gottes eintauchen. Und genau über dieses Spannungsfeld, diesen beiden Polen möchte ich heute mit euch nachdenken. Ich möchte den Blick einerseits richten auf die Herrlichkeit Gottes und andererseits auf unsere Schatten.
Was sind das für Kräfte, die uns festhalten? Und wie gehen wir mit ihnen um? Welchen Kampf, welchen Boxkampf müssen wir mit unseren Schatten austragen?
Unsere Schatten fordern uns heraus. Das ist der Herausforderer. Und nun weißt du, warum der Titel dieser Predigt „Schattenboxen“ heißt.
Was tat denn nun Abraham in diesem Spannungsfeld zwischen Gottes Haus und Trümmerfeld? Das wird uns auch jetzt mal als Text eingespielt – und da lesen wir dann weiter:
„Und er baute dort dem Herrn einen Altar und rief den Namen des Herrn an.“
Das war das, was er tat. Er baute einen Altar und er betete Gott an.
Also los. Dann werfen wir mal einen Blick auf dieses Spannungsfeld. Es scheint uns herauszufordern. Dann nehmen wir die Herausforderung auch mal an.
Schau dich bitte einmal um in diesem Raum. Vielleicht siehst du die Fenster, die schönen Farben, die Decke deiner Nachbarn, deiner Nachbarin. Darf ich dir eine einfache Frage stellen? Warum siehst du das alles?
Die Antwort wird wahrscheinlich sein: „Weil es hell ist.“ Ja, weil es hell ist – denn wäre es dunkel, könnten wir nicht sehen, oder? Wäre es dunkel, könnten wir nicht sehen. Das scheint auf den ersten Blick logisch zu sein, ja, aber ist die Antwort wirklich richtig?
Was würde passieren? Vielleicht hast du das schon mal gesehen: In so Stadien – diesen Fußballstadien – gibt es doch diese großen Flutlichter. Habt ihr schon mal gesehen? Die baue ich jetzt hier auf. Drei, vier, fünf Stück und dann mache ich die Dinge an.
Dann ist der Raum hell. Wieviel siehst du dann?
Nichts. Nichts? Du siehst überhaupt gar nichts. Obwohl es hell ist – siehst du nichts, weil zu viel Licht macht uns blind. Es ist wieder bei der Belichtung eines Bildes im Fotografieren: Ist es zu hell, dann ist es überlichtet. Ist es zu dunkel, dann ist es unterbelichtet.
Erst eine Mischung aus hell und dunkel macht das Bild zum Kunstwerk. Wir brauchen also die richtige Belichtung.
Und die Antwort auf meine Frage – warum siehst du etwas? – die müssen wir vielleicht ein bisschen korrigieren: Wir sehen, weil es momentan richtig belichtet ist. Wir brauchen also eine Mischung aus hell und dunkel. Wir brauchen eine Mischung aus Licht und Finsternis.
Pointiert kann man es auch so formulieren:
Im Grunde brauchen wir nicht nur Licht, sondern auch Dunkelheit, um etwas zu sehen. Das klingt paradox, aber eine Funken Wahrheit ist da drin.
Hat dieses Spannungsfeld zwischen Licht und Finsternis – zwischen Herrlichkeit Gottes und den Schatten menschlichen Daseins, zwischen Geist und Dir – einen tieferen Sinn?
Nun: Gott hat uns einen Heiligen Geist gegeben und er hat uns zu neuen Menschen gemacht – das ist das Zeugnis des Neuen Testaments. Und Paulus ruft es den Galatern ja auch zu:
„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Siehe: Das Alte ist vergangen; Neues ist geworden.“
Aber wo ist das Neue? Wo ist der neue Mensch?
Ist unsere Erfahrung nicht vielleicht eine andere? Hängen wir nicht häufig in den alten Gedanken und Leidenschaften? Kann das sein?
Schon im Alten Testament finden wir eine interessante Antwort. Mose informiert die Israeliten über Einzelheiten des Gesetzes. Und bevor er auf die Einzelheiten eingeht, macht er eine interessante Einleitung.
Das wird uns mal als Text auch eingespielt:
Ich lese das mal vor: „Und gedenke des ganzen Weges, den dich der Herr dein Gott geleitet hat diese 40 Jahre in der Wüste, auf dass er dich demütige und versuche, damit kundwürde, was in deinem Herzen ist.“
Damit er dich demütige und versuche – damit kundwürde, was in deinem Herzen ist.
Und ich glaube: Es ist kein Zufall, dass Mose die Demütigung und Versuchung nun in den Blickfeld rückt. Denn es sind doch die Demütigung und Versuchung, unter denen wir leiden. Demütigung und Versuchungen finden wir als Zeiten der Finsternis.
Das ist Dunkelheit für uns: Dunkle Momente unseres Lebens, über die wir auch gar nicht so gerne reden – und über die wir häufig den Mantel des Schweigens legen. Aber diese dunklen Momente geben Auskunft darüber, wer wir sind. Wer wir sind.
In manchen dunklen Momenten ist man ja doch irgendwie überrascht: Also ich bin doch manchmal überrascht – was mir alles durch den Kopf jagt. Und vielleicht du auch. Die dunklen Momente lassen uns sehen, was in unserer Seele ist.
Aber warum müssen wir uns auf diese Art und Weise kennenlernen?
Nun: In den letzten Jahrzehnten haben die Psychologen eine ganze Reihe an Forschungen vorgenommen – und einen guten Überblick darüber verschafft, wie unsere Seele aufgebaut ist, wie wir empfinden, was wir denken und was wir wissen und was wir nicht wissen.
Manches menschliche Verhalten ist eben gesteuert durch unser Bewusstsein. Aber manches eben auch durch unser Unterbewusstsein – da kommen wir nicht ran. Vieles von deinem Verhalten ist im Unterbewusstsein – und da kommen wir nicht ran. Da kommen wir einfach nicht ran.
Wir alle sehen die Welt wie durch einen Filter. Und dadurch haben wir in der Regel ein sehr verzerrtes Bild von der Wirklichkeit: Wir sehen die Wirklichkeit nicht, wie die Wirklichkeit ist. Wir sehen die Wirklichkeit nicht, wie die Wirklichkeit ist.
Und offensichtlich sind wir auch nicht in der Lage, ein wirklich kritisches Selbstbild von uns selbst zu haben. Da gibt es interessante Studien drüber:
Man gab beispielsweise Probanden in einer psychologischen Studie die Aufgabe, konkrete Gefahrensituationen einzuschätzen: Zum Beispiel Rauchen und Krebserkrankungen; zu schnelles Fahren und Unfallgefahr.
Und die Aufgabe bestand darin, die Gefahren – einerseits für eine fremde Person – einzuschätzen und für sich selbst. Nun hätte man eigentlich erwarten können, dass die Einschätzungen gleich sind. Waren sie aber nicht:
Die Probanden haben Folgendes gemacht: Sie haben die Gefahren für eine fremde Person relativ realistisch eingeschätzt. Für sich selbst aber nicht. Für sich selbst haben sie diese Gefahren nicht richtig eingeschätzt. Da waren sie eigentlich viel zu gut eingeschätzt.
Dann hat man sie aufgeklärt über die Gefahren nochmal – und den Test nochmal durchgeführt. Nun hätte man ja spätestens jetzt sagen können: „Es müsste gleich sein.“ Da muss noch was passiert sein. Nein, das Ergebnis ist komplett gleich gewesen:
Für die Fremden, ja – da können wir es gut einschätzen. Für eine fremde Person können wir Gefahren gut einschätzen. Aber eben für uns selber nicht.
Fremdeinschätzung: Ja. Selbsteinschätzung sind wir Nieten. Wir sind wirklich Nieten da drin.
Und wir belügen uns in der Regel in Bezug auf drei Punkten:
Das wird auch mal eingespielt:
In der Regel – erstens haben die meisten Menschen ein unangemessen positives Bild von sich selbst. Ein unangemessen positives Bild von sich selbst.
Zweitens: Die zweite Lüge besteht darin, dass die meisten Menschen denken, dass sie viel mehr Kontrolle über ihr Leben haben, als es tatsächlich der Fall ist.
Und drittens: Die meisten Menschen sind davon überzeugt, dass die Zukunft besser sein wird – als die Faktenlage der Gegenwart des Rechtfertigen würde. Wir täuschen uns tagtäglich. Wir reden uns die Welt schön; das lieben wir. Wir rechtfertigen unser Verhalten in inneren Dialogen.
Auf der Bühne deines inneren Lebens bist du immer der Held, die Heldin. Und du bist in deinen inneren Dialogen immer der Sieger, die Siegerin. In deinem inneren Dialogen: Ja, wir rechtfertigen das.
Ganz in unserer Nähe ist eine Schule:
Haben wir eigentlich Lehrer unter uns? Ist jemand Lehrer?
Ja, hier.
Was passiert morgens um 8 Uhr vor der Schule? Wer taucht da auf – in den SUVs?
Da lacht ihr. Da tauchen die Eltern auf: Die Eltern bringen ihre Kinderlein morgens im SUV zur Schule. Am liebsten noch hineinfahren in den Klassenraum.
Da gibt es Eltern, die beobachten; die tragen den Ranzen der Kinder. Und ich denke: Das kann nicht sein. Doch – das machen die. Das machen die jeden Morgen.
Meine Nachbarin hat das auch jeden Morgen gemacht: hat den Sohn zur Schule gebracht – zu Fuß. Der könnte das auch alleine machen können. Nein, nein, nein, nein, nein. Und sie trägt den Ranzen. Ich denke: Was macht die da? Sie tut es.
Würde man sich fragen – würde folgende Antwort kommen?
Ja: „Ich will ja meinem Kind was Gutes tun.“
„Ich möchte ja auch, dass mein Kind sicher zur Schule kommt.“
Es ist ja auch viele Gefahren da draußen; weil dann einfach alles passieren kann. Immer, weil es ist wichtig, dass mein Kind richtig gut behütet ist.
Ja – das ist die offizielle Antwort:
Die Eltern tun das nicht für ihre Kinder. Sie tun das für sich selber. Sie tun das für sich selber, um ein gutes Gefühl zu haben: gute Eltern zu sein.
Es ist ein klassisches Beispiel von Selbsttäuschung.
Sich das aber einzugestehen – wirklich, sich das einzugestehen – ist eine schwere Lektion:
Wir sehen die Wirklichkeit nicht, wie die Wirklichkeit ist. Und das fühlt sich manchmal seltsam an. Das erfordert auch Mut: das wirklich einzugestehen.
Spätestens jetzt aber drängt sich doch eine Frage auf: Wie kann man das ändern? Also: Wie sehe ich die Wirklichkeit, wie die Wirklichkeit wirklich ist?
Wie kann ich zumindest in irgendeiner Form eine Änderung in diesem Verhalten durchführen?
Was verändert mich denn überhaupt?
Und es gibt zwei wesentliche Treiber von Transformation – von Personal- oder Personentransformation; Charaktertransformation:
Die eine Kraft ist Leiden. Leiden verändert uns.
Und die zweite Kraft, die zweite Kraft ist überwältigende Liebe.
Wir ändern unser Verhalten, wenn wir leiden. Und wir verändern unser Verhalten, wenn wir Liebe empfangen – wenn wir geliebt werden und wenn wir wieder leben.
Liebe und Leiden sind zwei wesentliche Treiber für die Veränderung – und ich könnte auch statt „Liebe und Leiden“ sagen: „Licht und Finsternis.“
Kommen wir auf Moses Aussage zurück:
Demütigung und Versuchung zeigen uns die Landkarte unserer Persönlichkeit.
Aber warum tun wir, was wir tun? Warum reagieren wir, wie wir reagieren?
Bisweilen ist es jetzt an der Zeit: das eigene Verhalten zu reflektieren – und in eine Seelenarbeit einzutreten. Seelenarbeit:
Menschen leiden oder Eifersucht; Menschen sind zerfressen von Ehrgeiz, sind getrieben von Machtfantasien oder sexuellen Begehrlichkeiten.
Aber woher kommen diese Kräfte?
Warum bin ich für das eine empfänglich und mein Nachbar nebenan lässt das völlig kalt? Was regt dich auf – was dein Nachbar nebenan völlig kalt lässt? Was berührt dich, was triggert dich – was andere völlig unberührt lässt?
Warum ist das gerade bei dir so – und bei dem anderen nicht?
Warum ist das so?
Wofür bin ich empfänglich – und wofür sind die anderen nicht?
Welche Ängste treiben mich – und welche Sehnsüchte treiben uns und die anderen nicht? Warum ist das so? Warum ist das so? Warum ist das so? Warum ist das so? Warum ist das so?
Wieso hast du dir diese Frage einmal gestellt: „Warum bist du, wie du bist?“ „Warum handelst du, wie du handelst?“ „Warum reagierst du, wie du reagierst?“
Die Antwort darauf ist sicherlich individuell – so wie jeder Mensch einzigartig ist. Aber doch: Die Antwort auf diese Frage gibt doch erst den Hintergrund; gibt doch eigentlich erst die Richtung an, von was wir befreit werden müssen.
Denn wenn wir diese Fragen nicht beantworten können, dann wissen wir doch gar nicht, wovon wir befreit werden sollen – dann wissen wir doch gar nicht, was in unserer Seele heil werden soll.
Aber diese Seelenarbeit: Ich weiß nicht, wie es dir geht. Da machen wir doch alle manchmal gerne einen Bogen drum, gell? Das ist nicht so; das ist Arbeit, das ist wirklich Arbeit.
Die häufigste Reaktion vieler Menschen ist die Verdrängung – Verdrängung hat viele Gesichter: Eine geht so:
Wir erkennen ein Fehlverhalten, vielleicht eine Sünde, irgendetwas. Wir bitten Gott um Vergebung; ja und fertig. Also: Vergebung und fertig.
Das machen wir nochmal und nochmal. Das machen wir ein Jahr, zwei Jahre – das machen wir Jahrzehnte. Und wir hängen dann in diesen Dingern drin.
Warum? Weil wir nur Symptome bearbeiten; nur Symptome bekämpfen – aber nicht an die Wurzeln gehen.
Wie wäre es denn: Wie wäre es denn, wenn wir ab heute mal etwas anders machen?
Wenn wir mit Demütigung, Versuchung und Sünde einmal ganz anders umgehen – und im Gebet den Mut aufbringen, sich diesem Gegner zu stellen? Gemeinsam mit Gott zu fragen:
„Woher kommt denn eigentlich meine Eifersucht; mein Neid? Warum bin ich stolz? Warum ist Gier in mir oder warum habe ich keine so ausgeprägte Selbstbeherrschung – woher rührt das?“
So gesehen bleiben Demütigung und Versuchung finstere Zeiten. Aber sie tragen etwas sehr Kostbares in sich.
Verachte die Zeit der Finsternis nicht, denn sie ist dein bester Lehrmeister. Verachte die Zeit der Finsternis nicht – sie ist dein bester Lehrmeister.
Was hatten wir doch noch eingangs gesagt: Wir sehen erst durch Finsternis?
Die Veränderung unserer Persönlichkeit ist kein rein intellektueller Akt. Es ist ein Prozess, der die ganze Person umfasst:
Wir denken uns nicht in ein neues Leben; wir leben uns in ein neues Denken.
Wir denken uns nicht in ein neues Leben; wir leben uns in ein neues Denken.
So herum – so funktioniert es. Und das ist der entscheidende Unterschied und deshalb ist die Seelenarbeit so wichtig.
Auf dem Weg zu einem reifen Christsein werden wir nicht umhin kommen, uns den Herausforderungen unseres Lebens und unserer Schattenseiten zu stellen. Für ein reifes Christsein ist es unumgänglich, dass wir unsere Schatten ansehen – und ich hatte euch ja erzählt: Dass ich gerne ins Kloster gehe.
Die Mönche in den Klöstern haben da eine ganz entscheidende Erkenntnis:
Sie sagen: „Es wird nichts erlöst, was du nicht vorher angeschaut hast.“
„Es wird nichts erlöst, was du nicht vorher angeschaut hast.“
Es gibt keine Zwangserlösung; du musst dich vorher damit auseinandersetzen.
Aber es ist da gar nicht so leicht, in die Abgründe unserer Persönlichkeit hineinzuschauen. Aber ich möchte dir Mut machen – und vielleicht spielst du uns das nochmal ein: Die Niveau hat.
Ich möchte dir Mut machen; wie ein Trainer seinen Champion mut macht:
Die Sünde ist für Gott kein Problem. Die Sünde ist für Gott kein Problem. Jesus sprach am Kreuz: „Es ist vollbracht, endgültig und vollständig.“ Da kannst du auch nichts mehr hinzutun – das Ding ist fertig; Erlösung ist fertig.
Das mag ein guter Ansatz sein, dass du noch was dazu beitragen magst. Super! Aber der Job ist getan.
Zweitens: Du kannst Gott durch dein Verhalten nicht überraschen. Du kannst Gott durch dein Verhalten nicht überraschen – auch nicht enttäuschen.
Wer Jesus nachfolgt, hat den Geist und dieser Geist bleibt; er bleibt tatsächlich – und er kennt deine Persönlichkeit, dein Bewusstes und dein Unterbewusstes: Gott kennt dich besser, mehr als du dich selber kennst.
Drittens: Du wirst es nicht schaffen. Ich auch nicht. Wir werden es nicht schaffen – egal was wir tun; den Entschluss Gottes ist: Wir werden es nicht schaffen durch dein Verhalten und durch mein Verhalten, Gott davon abzubringen, den Entschluss, den er gefasst hat dich zu retten, dich nach Hause zu bringen. Dieser Entschluss ist ein für allemal getroffen – und davon lässt sich Gott nicht abbringen; er lässt sich davon nicht abbringen: dieser Entschluss steht fest – er bringt dich nach Hause.
Und viertens: Die Gabe des Heiligen Geistes ist ein Siegel, dass Gott seinen Plan, dich zu retten, umsetzen wird. Und weil das alles so ist; weil das alles so ist, können wir den Mut fassen, in die Abgründe unserer Persönlichkeit hineinzuschauen.
Deswegen können wir im Spannungsfeld zwischen Licht und Finsternis – zwischen herrlich Zeit Gottes und den Trümmern unserer menschlichen Existenz – zwischen Geist und Gier: Dem Herrn einen Altar bauen und ihn anbeten. Deshalb und so schließe ich den Kreis.
Und ich bin wieder am Ausgangspunkt meiner Präsenz angelangt:
Beim Menschen, der zwischen zwei Orten lebte und dort Gott anbetete – und dieser Mensch: Das bist du; und das bin ich.
Ich wünsche dir Gottes Segen. Amen.