Bei Gott ist nichts unmöglich. Wenn mich jemand gefragt hätte: „Wo steht denn das?“, dann hätte ich mit Sicherheit gesagt: „Ganz klar, das ist ein Wort von Jesus – also aus den Evangelien.“ Und tatsächlich gibt es zumindest zwei Stellen, die ähnlich klingen:
1. Einmal sagt Jesus: „Bei den Menschen ist es unmöglich; bei Gott aber sind alle Dinge möglich.“
Das klingt schon ziemlich so, aber das ist in Matthäus 19,26 Jesu Antwort, dass die Reichen zwar schwer, aber immerhin wie ein Kamel durch ein Nadelöhr in den Himmel kommen können.
2. Und dann gibt es noch ein zweites Wort: „Für den, der glaubt, ist alles möglich.“
Das ist aber in einer ganz anderen Situation und auch mit einer ganz anderen Intention oder Thema. Das ist die Antwort Jesu an den Vater eines kranken Kindes, als dieser zweifelt, ob denn Jesus etwas kann.
So – wer von euch weiß denn, wo dieses „Bei Gott ist nichts unmöglich“ steht? Also ich nehme mal hier: Du hast dich als erste gemeldet. Was sagst du, wo steht’s?
Genau! Das ist in der Weihnachtsgeschichte drin oder im Grunde genommen in der Vorweihnachtsgeschichte – also in allem, was sich da Monate vorher ereignet. Also das ist das Wort des Engels an Maria.
Und alle drei Schlüsselfiguren, die in diesem Kapitel Lukas 1 vorkommen – Maria, Elisabeth und Zacharias – erleben auf verschiedene Weise, dass bei Gott nichts unmöglich ist.
Also zuerst mal: Zacharias und Elisabeth. Es heißt von den beiden: „Zacharias und Elisabeth lebten nach Gottes Willen und hielten sich in allem genau an seine Gebote und Ordnungen.“ Sie hatten kein Kind, weil Elisabeth unfruchtbar war und beide waren hochbetagt.
So – Zacharias. Zacharias war Priester und er wirkte dementsprechend im Tempel – also im Grunde genommen im Zentrum der Gegenwart Gottes. Er war, wie der Text beschreibt, authentischer Fromme. Er war ein Profi in geistlichen Dingen, aber er hatte, wie es später im Text heißt, eine persönliche Last für diese Kultur: Klassisch – dass er als Mann keinen Sohn hatte.
Und ich vermute, das hatte Zacharias schon unzählige Male vor Gott gebracht.
So und jetzt im Tempel – eigentlich nicht unerwartbar – begegnet ihm tatsächlich Gott. Wie reagiert er?
„Da erschien ihm ein Engel des Herrn zur Rechten des Räucheraltars.“
Zacharias erschrak von Furcht gepackt. Doch der Engel sagte: „Hab keine Angst, Zacharias! Gott hat dein Gebet erhört. Deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn schenken; den sollst du Johannes nennen. Er wird dir Freude und Wonne sein – und viele werden sich über seine Geburt freuen.“
Zacharias, der geistliche Profi, immer im Tempel, im Zentrum von Gottes Gegenwart, reagiert erschrocken, voll Furcht, als er den Engel Gottes stehen sieht.
Vielleicht ist es was ganz Typisches für alle Frauen aller Zeiten: dass wir alle wissen, dass Gott weise, gerecht, mächtig ist – dass Herrlichkeit bei ihm ist, dass Gnade, dass Liebe bei ihm ist. Das wissen wir alle und wir glauben es und bekennen es.
Aber wenn Gott uns dann in irgendeiner Weise direkt begegnet, kann das immer wie bei Zacharias zutiefst bewegend bis sogar erschreckend sein.
So – der Engel tut sein Bestes, diese Erschütterung zu begegnen. Er entfaltet alle Verheißungen, die es für den Johannes geben wird. Er spricht ja dem Zacharias noch ausdrücklich zu: „Er wird dir Freude und Wonne sein. Viele werden sich freuen.“ Und er entfaltet eigentlich ein ganz positives Szenario.
Wie reagiert Zacharias?
„Woher soll ich erkennen, dass es wirklich so kommen wird? Denn ich bin ein alter Mann und meine Frau ist auch schon betagt.“
Der Engel erwiderte: „Ich bin Gabriel. Ich stehe vor Gott und bin von ihm gesandt, mit dir zu reden und dir diese gute Nachricht zu bringen. Weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, wirst du stumm sein und nicht mehr reden können – bis das Kind geboren ist.“
Also Zacharias reagiert, finde ich, ganz klassisch: Er schaut auf seine Möglichkeiten, auf die seiner Frau. Er schaut auf sein Alter. Er schaut auf den biologischen Zyklus und damit auf die menschlichen Möglichkeiten und sagt: „Das ist doch eigentlich unmöglich – dass in unserem Alter sowas noch passieren kann.“
Verständlich – der Engel findet es nicht so verständlich.
Von da an hat Zacharias jetzt gut neun Monate Zeit, über die Gottesverheißungen des Engels, den sich rundenden Bauch seiner Frau und sich selbst stumm nachzudenken. Erst als Zacharias bei der Beschneidung dann per Schreibtäfelchen die Namensgebung – die der Engel ihm gesagt hat – ablehnt und er damit den Auftrag des Engels erfüllt, öffnet sich sein Mund: Seine Stummheit ist zu Ende.
Er wird vom Heiligen Geist erfüllt, heißt es, und er bricht in einen prophetischen Lobgesang aus.
Der erste: Elisabeth – wie mag das für Sie ausgesehen haben? Also Zacharias war wohl eine Woche – das scheint der Rhythmus gewesen zu sein – eine Woche im Tempel. Also ihr Mann Zacharias kommt nach einer Woche Tempeldienst stumm nach Hause. Das ist vielleicht bei Männern nichts ungewöhnliches, dass die stumm sind, aber der blieb auch stumm.
Und wie das Volk am Tempel sofort einschätzt – da gab es eine Gottesbegegnung, nehme ich an – wird auch Elisabeth gewusst haben: Da ist beim Tempeldienst eine Begegnung mit Gott passiert. Aber Zacharias schläft dann wohl mit ihr – was angesichts ihrer Geschichte und ihres Alters vielleicht auch schon eine Seltenheit war.
Und was passiert danach?
Bald darauf wurde seine Frau Elisabeth schwanger, und sie zog sich fünf Monate völlig zurück: „Sie sagte: Der Herr hat mir geholfen. Er hat in diesen Tagen gnädig auf mich geschaut und mich von der Schmach befreit, mit der ich unter den Menschen beladen war.“
Elisabeth hatte keine Engelserscheinung; sie hatte keine erklärenden und ermutigenden Worte eines Engels – nur einen stummen Mann, der mit ihr schlief. Wir wissen nicht, ob er versucht hat, irgendwas auf ein Täfelchen zu kratzen oder ob er einfach ohne Erklärung stumm blieb.
Und bald darauf: Die seit Jahrzehnten erbetene und erhoffte Schwangerschaft – das auch wieder typisch für die damalige Kultur: Das Ende von Schmach und Schande der Unfruchtbarkeit.
So – wie reagiert Elisabeth auf dieses Wunderhafte Handeln Gottes?
Ganz anders. Sie zieht sich fünf Monate zurück, und wenn man diesen kleinen Text nimmt:
„Sie freut sich über Gottes Hilfe; sie freut sich über Gottes Gnade; sie freut sich, dass Gott sie anschaut; sie freut sich, dass ihre Schmach – unter der sie gelitten hat – von ihr genommen ist.“
Und nach diesen fünf Monaten wird sie wie ihr Mann vom Geist Gottes erfüllt und auch sie bricht in einen prophetischen Lobpreis aus. Nicht nur über ihr Kind, sondern eben auch das Kind, das Maria da schon in ihrem Leib hatte.
„Als Elisabeth Marias Gruß hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib – und sie rief: von Gottes Geist erfüllt – gesegnet bist du unter den Frauen; gesegnet ist das Kind in deinem Leib. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Als ich deine Stimme hörte, da hüpfte das Kind in mir vor Freude. Gesegnet bist du, weil du geglaubt hast, dass der Herr tun wird, was er gesagt hat.“
Damit zu Maria: Wie reagiert sie auf die Begegnung mit Gott und Gottes Handeln in ihrem Leben? Sie ist jung – im Gegensatz zu den beiden anderen. Sie ist in ihrer Verlobungszeit mit Josef; die Ehe steht vor der Tür, also sozusagen mitten im Fluss ihres jungen Lebens.
Bis ein Engel zu ihr kommt: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir.“
Erschrocken überlegte Maria, was der Engel damit wohl meinte.
„Hab keine Angst, Maria – du hast Gnade bei Gott gefunden. Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären; Jesus soll er heißen. Er wird groß sein. Man wird ihn Sohn des Höchsten nennen. Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird ewig über Israel herrschen. Sein Reich wird nie enden.“
Maria reagiert im Grunde genommen sehr rational auf die Verheißungen des Engels mit einer ganz offensichtlichen Frage: „Wie kann das sein? Ich bin mit keinem Mann zusammen!“
Der Engel erklärt, dass der Heilige Geist und die Kraft des Höchsten sie umhüllen wird – dass ihr Sohn heilig und Gottes Sohn sein wird. Und der Engel nennt ihr ein bestätigendes Zeichen: Die betagte, früher unfruchtbare, jetzt im sechsten Monat schwangere Verheißung.
Und dann schließt der Engel seine Rede mit wie einem Fazit und einer Verheißung: „Bei Gott ist nichts unmöglich.“
Und Maria antwortet: „Ich gehöre ganz dem Herrn. Möge alles, was du gesagt hast, wahr werden – und mir geschehen!“
Darauf verließ sie der Engel.
Bald darauf machte sich Maria auf den Weg; eilte in eine Stadt in den Bergen Judäas, ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth.
Maria nimmt nach der ersten, sehr vernunftbetonten Skepsis das unmögliche Handeln von Gott an – aber sie macht sich auch so bald als möglich auf den Weg, um das Zeichen, das ihr der Engel versprochen hat, zu überprüfen und zu sehen, ob bei Elisabeth das Unmögliche tatsächlich geschieht. Also: Sie nimmt das Wort ernst, aber sie prüft gleichzeitig das Zeichen, das versprochen ist.
Maria erlebt dabei Elisabeths Kind – das bei der Begegnung von Freude im Mutterleib hüpft.
Sie hört Elisabeths geistfüllte Worte als bestätigende Zusage und sie bricht genauso wie die anderen beiden in einen Lobpreis Gottes aus.
Elisabeths Schlusswort: „Gesegnet bist du, weil du geglaubt hast, dass der Herr tun wird, was er gesagt hat.“
Maria: „Gelobt sei der Herr! Wie freue ich mich an Gott, meinem Retter. Mir seiner geringen Dienerin hat er Beachtung geschenkt. Von nun an werden mich künftige Generationen selig preisen. Heilig ist der Mächtige – der Großes an mir getan hat.“
Alle drei – Zacharias, Elisabeth und Maria – erleben, dass bei Gott nichts unmöglich ist.
Engelbegegnungen, Stummheit, Geisterfüllung, Wunder, unglaubliche Verheißungen, die weit über das persönliche Leben hinaus reichen. Und jeder der drei reagiert anders und auf seine persönliche Weise, auf die scheinbaren Unmöglichkeiten.
Zacharias will ein Zeichen gegen die Fakten der eigenen Unmöglichkeiten des Alters – und er bekommt sein Zeichen: neun Monate Stummheit.
Elisabeth zieht sich fünf Monate zurück; freut sich über Gottes Hilfe, seine Gnade, das Ende der Schmach und das Kind in ihrem Leib.
Maria kontert zuerst mit dem Faktum ihrer Jungfräulichkeit – aber nimmt dann das unmögliche Handeln Gottes an. Sie prüft es aber auch so bald als möglich an dem, was der Engel ihr als Wort und Zeichen gegeben hatte.
Alle drei sind in ihrem persönlichen Leben damit zutiefst betroffen, was Gott macht. Aber gleichzeitig ist es eben nicht nur etwas Persönliches – sondern: Gott nimmt sie rein in seine ganze Geschichte der Erlösung dieser Welt. Johannes wird der Wegbereiter Jesu; Jesus der Erlöser der Welt.
„Bei Gott ist nichts unmöglich.“
Dieses Wort ist keine Ausnahmezusage, gibt es ein paar Mal im Alten und im Neuen Testament ähnliche Stellen – die das mit diesem Wort der Möglichkeit oder dass Gottes Handeln und Denken seine Perspektive ganz anders ist. Es wird wie eine rote Linie gezeichnet.
Also: Es ist nicht nur etwas, was solchen Ausnahmegestalten passiert – sondern dass Gott Unmögliches nach unseren Perspektiven möglich macht. Das ist einer der Grundzüge seines Handelns.
Wie reagieren wir und wie antworten wir, wenn Gott uns herausfordert, uns etwas verheißt, uns einen Auftrag gibt, der uns vielleicht unmöglich scheint – oder eine Veränderung, die uns unmöglich scheint – aber für die gilt: „Bei Gott ist nichts unmöglich“?
Nehmt diese eine Frage mit in die Woche.
Wie reagierst du? Wie antwortest du, wenn Gott dich herausfordert und dir gleichzeitig verheißt: Bei ihm ist nichts unmöglich.
Amen.