Weihnachten steht Kopf
Predigt

Weihnachten steht Kopf

Christopher NorkChristopher Nork
Mittwoch, 24. Dezember 2025 · 16:00 Uhr
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Transkript

Zum Mitlesen oder gezielten Springen zu Passagen.

Schaut euch das mal hier vorne an. Gerlinde hat es eben schon angedeutet, aber wir müssen glaube ich noch mal ein bisschen näher hinschauen – ein bisschen zu meiner Rechten. Was ist hier komisch? Ja, der Baum, Lina, du hast dich auch gemeldet: „Ja, du nix.“ Der Baum steht auf dem Kopf. Ich glaube, unser Deko-Team hat sich vielleicht ein bisschen schwindlig geworden oder hat die Anleitung für diesen Baum irgendwie verkehrt herum gehalten. Der hängt falsch herum – die Spitze ist nach oben und der Stamm ragt nach unten, die Spitze nach unten und der Stamm nach oben. Das sieht irgendwie verrückt aus, oder? Und das irritiert. Die Welt gerät an Weihnachten aus den Fugen, und das ist irgendwie komisch: Ist es seltsam? Ist es unnormal? Denn in unserer Welt läuft es doch ganz anders herum – da läuft das Spiel ganz anders. Da wächst alles von unten nach oben. Schaut euch die Blumen an im Frühling: Die bohren sich aus der Erde und recken sich dann nach oben, sie wollen das Licht, sie wollen die Sonne. Oder auch die Bäume im Wald – die wollen hoch hinaus. Wer am höchsten wächst, der kriegt auch am meisten Licht ab. Und sind wir mal ganz ehrlich: Bei uns Menschen ist es doch ganz ähnlich. Wer von euch Kindern möchte später groß und stark werden? Mach Hand hoch! So, da sehe ich ein paar – ein bisschen zaghaft. Okay, da oben kann ich leider nicht so sehen, ich bin ein bisschen geblendet. Aber da … ich glaube, ich sehe ein paar Hände. Also: Ich merke, keiner von euch wird irgendwie sagen: „Ach nö, keine Lust – ich will lieber winzig und zwergig bleiben.“ Sondern ihr wollt auch irgendwie größer werden. Und wir Erwachsenen? Wir haben das Spiel auch ein bisschen verfeinert: Wir wollen immer noch nach oben. Wir wollen auf der Karriereleiter klettern, wir wollen dass andere zu uns aufschauen, wir wollen bedeutend sein – wichtig, angesehen. Nach oben, ankommen – das ist der Antrieb, der in unserer Welt einfach läuft. Ich stelle mir das so vor: In unserem Leben wie eine riesig große Baustelle voller Leitern. Ich habe mal hier eine Leiter mitgebracht – so stelle ich es mir ungefähr vor: Viele Leitern, jeder hat seine eigene und schleppt sie mit, stellt sie auf und jeder von uns möchte gerne hoch hinaus, darauf klettern, Sprosse für Sprosse. Warum machen wir das? Warum strengen wir uns an da hoch zu klettern? Weil wir glauben: dass das Glück ganz oben liegt. Wir wollen nach den Sternen greifen – wir denken: Da oben über den Wolken, da ist das Leben besser, da ist das perfekte Leben, da glänzt alles und da ist der Erfolg, da ist die Anerkennung. Und viele Menschen glauben auch: Da ganz weit oben, da ist Gott. Also klettern sie – bei den Kindern heißt es vielleicht so: „Ich muss lieb sein oder ich muss gute Noten in der Schule schreiben, ich muss mein Zimmer aufräumen und ich muss irgendwie Mama und Papa glücklich machen.“ Sprosse für Sprosse, klettern die dann immer höher. Ja – wir Erwachsenen machen das auch weiter. Wir haben wahrscheinlich eine wesentlich größere Leiter mit uns und wir klettern auch: „Wir müssen perfekt sein, wir müssen gut funktionieren, ich muss erfolgreich sein, ich muss ein guter Mensch sein, ich darf keine Fehler machen.“ Und manchmal – manchmal denken wir Christen auch: „Ich muss besonders fromm sein, damit Gott mich liebt …“ Puh! Wenn man das den ganzen Tag macht, ist das ganz schön anstrengend. Klettern, klettern, klettern – und umso höher man kommt, umso mehr ist die Gefahr vielleicht auch abzurutschen und tief zu fallen. Vielleicht sitzt ihr hier und seid eigentlich ziemlich ausgepowert, weil das Klettern müde macht: Weil man auf so einer Leiter ständig Angst hat abzurutschen. Man krampft, man hält sich fest, schaut nach oben zu den Sternen und denkt dann: „Die sind immer noch ganz schön weit weg – da komme ich vielleicht nie an.“ Ich bin nicht gut genug für den Himmel. Aber genau da, in dieser Erschöpfung hinein, in dieses endlose Klettern platzt heute Abend die Weihnachtsgeschichte. Und sie macht genau das, was unser Baum hier zu meiner Rechten tut: Sie stellt alles auf den Kopf! Gott schaut sich unsere Kletterei an und sagt: „Lass gut sein – komm runter! Du musst nicht zu mir herauf klettern, das schaffst du gar nicht. Ich komme zu dir runter.“ Weihnachten ist der Moment, wo der Himmel die Erde berührt. Und der Baum hier macht das ganz deutlich: Er scheint nicht in der Erde zu wurzeln – sondern im Himmel festgemacht zu sein. Er wächst quasi von oben nach unten und kommt dann auch herab. Weihnachten ist ein Angriff auf das Herkömmliche! Gott hält sich nicht an unsere Spielregeln von unten und oben, er dreht den Spieß einfach um. Stellt euch vor: Gott hatte den besten Platz im Universum – die Bibel sagt: Er war im Himmel. Er hatte alle Macht, allen Glanz, er war der König über alles. Und wenn wir von so einem König reden, dann erwarten wir doch: Da sind Paläste, da sind rote Teppiche, wir denken an Gold, vielleicht an Diener, die jeden Wunsch von den Lippen ablesen – wir erwarten jemanden, der ganz oben vielleicht auf dieser Leiter steht und herunterschaut. Aber Gott? Gott macht einen Handstand. Den mache ich jetzt nicht – ich kann nämlich keinen. Aber wenn ihr wollt: Dürft ihr gleich einen machen! Aber er klettert von dieser Leiter runter. Er klettert sie ganz weit runter, ganz nach unten. Er verlässt den Thron im Himmel und kommt auf die Erde. Er landet im Stroh – er taucht nicht im Palast auf, sondern er tauscht diesen Palast gegen den Stall. Er kommt nicht als Superheld, der alles plötzlich aufräumt: Er macht sich ganz klein – als Kind. Schaut nochmal auf unseren Baum: Die Spitze, die zeigt nach unten! Der Stern ist unten – der Stern vom Bethlehem hängt nicht unerreichbar fern im Weltall. Der Stern ist gelandet – er ist auf Augenhöhe, er ist da, wo wir sind, im Staub, in unserem Alltag, vielleicht da, wo das Leben auch schwer fällt. Und wie sieht dieser Stern aus, wenn er unten ankommt? Wenn das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegt? Gott kommt nicht ehrfurchtsgebietend, erhaben ins Samt und Seide mit Insignien und Macht und der Überlegenheit. Er kommt in der Uniform des kleinen Mannes – in Windeln. Das ist die Amtstracht derer, die nicht immer ganz dicht sein müssen: Windeln – das ist das Kleidungsstück für Anfänger. Damit hat Gott ein ganz ungewöhnliches Erkennungszeichen ausgewählt. Wer ihn finden will, lässt er durch die Engel uns sagen: „Wer Jesus sucht, der muss einen Blick für das Unscheinbare und Banale, das Allzuweltliche haben.“ Wer Jesus finden will, der muss wissen, was eine Windel ist. Eine Windel brauchen aber nur die, die wissen, dass uns nicht alles gelingt – dass auch ab und zu mal etwas in die Hose geht: In der Schule, daheim, bei der Arbeit, in der Partnerschaft – überall und jederzeit. Niemand von uns ist immer nur stark und groß und sicher. Umso wichtiger ist es, dass wir in Gott, dass wir in Jesus, einem Gott begegnen, der weiß, was eine Windel ist. So klein ist er, so wehrlos, so angewiesen auf Hilfe und Zuwendung – auf Pflege und Zärtlichkeit. Windeln als Erkennungszeichen für das Christkind in der Krippe: Die Möbelstücke für Stallgenossen. Kleider machen Leute – die Windel liegt am Heiligen Abend voll im Trend, heute ist sie salonfähig. Man kann vielleicht damit keinen Start machen – aber einen Start ins Leben mit Gott allemal! Und wer das nicht glaubt, ist schiefgewickelt. Was für ein Kleidungsstück: Eine Windel für Anfänger! Gott schlüpft in das Kleidungsstück für kleine Menschen und das stellt mein Gottesbild auf den Kopf. Er kommt nicht als der Große – er kommt nicht als Boss – und er kommt nicht als der König, vor dem ich zittern muss. Vor einem Gott mit goldener Rüstung: Da würde ich wahrscheinlich zittern, ich würde Angst haben. Da würde ich mich verstecken, weil ich weiß, was ich alles falsch gemacht habe. Aber vor einem Gott in Windeln? Da muss niemand Angst haben! Den kann man in den Arm nehmen – der macht sich verletzlich, der macht sich nahbar. Und das ist ein Gott, der sagen will: „Ich bin wirklich ganz unten angekommen. Ich bin mir für nichts zu schade. Ich bin bei dir – auch wenn dein Leben gerade nicht nach Hochglanz aussieht, sondern eher so, als ob etwas in die Hose gegangen ist.“ Gerade dann ist er da, weil er weiß, wie das ist und wie es sich anfühlt: Klein zu sein. Aber was heißt das für uns? Was nehmen wir heute Abend mit nach Hause? Ich glaube, es gibt für Weihnachten – für heute Abend eine Formel. Und sie ist ganz einfach: Sie lautet: „Mach's wie Gott.“ Wenn Gott nicht mehr oben auf der Leiter sitzt, sondern unten in der Krippe liegt, dann darfst du aufhören zu klettern. Du darfst die Leiter weglegen. Du musst heute Abend nicht perfekt sein – du musst kein frommes Programm abliefern, um irgendwie den Himmel zu berühren. Der Himmel hat dich bereits berührt! Jesus wurde Mensch und Mensch werden: Das heißt zulassen, dass man nicht alles im Griff hat. Mensch werden heißt ehrlich sein, statt eine Show abzuziehen. Weihnachten passiert nicht dann, wenn alles perfekt dekoriert ist und der Braten pünktlich auf dem Tisch steht. Das ist schön – aber letztendlich nur Dekoration. Das echte Weihnachten passiert in unseren Herzen – und das passiert ganz oft leise, still, unscheinbar. Immer dann, wenn wir vielleicht aufhören, nach den Sternen zu greifen, und anfangen das Licht unten zu suchen: Dann wird es Weihnachten! Jedes Mal, wenn zwei Menschen einander verzeihen – statt Recht haben zu wollen: Da wird der Himmel geerdet. Jedes Mal, wenn ihr Verständnis zeigt – vielleicht auch heute Abend – für eure Kinder, wenn es vielleicht gerade stressig ist oder sehr laut: Wenn ihr da Verständnis zeigt, ist Weihnachten! Jedes Mal, wenn ihr einen anderen Menschen helft, ohne zu fragen, was ihr davon habt: Dann ist Weihnachten. Jedes Mal, wenn ihr beschließt, ehrlich zu leben und keine Maske zu tragen – wenn ihr zugebt, dass ihr Hilfe braucht, so wie einer, der noch ganz am Anfang ist: Dann ist Weihnachten! Und jedes Mal, wenn ihr einander ansieht – nicht mit einem kritischen Blick, der taxiert oder bewertet, sondern mit den Augen des Herzens: Dann ist Weihnachten. Wir müssen also nicht groß werden und groß sein, um wertvoll zu werden oder zu sein. Wir müssen nicht stark sein, um geliebt zu werden. Schaut noch einmal ganz am Schluss zu unserem Baum. Ihr seht die Spitze – sie zeigt nach unten! Der Stern: Der ist nicht oben – sondern direkt vor euch, genau da, wo ihr jetzt seid! Egal, was du mitgebracht hast heute Abend – egal, ob du fröhlich bist oder traurig, egal, ob du dich stark fühlst oder schwach: Der Stern ist vor dir. Gott hat sein Ziel erreicht. Er ist angekommen. Er ist bei dir. Also greif nicht verzweifelt nach den Sternen oben im Himmel – da musst du nicht hin! Der Stern liegt schon vor dir, in Windeln, in der Krippe: Öffne einfach deine Hände und nimm dieses Geschenk an! Amen.