Im ersten Johannesbrief eins steht Folgendes, ab Vers eins: „Es war von Anfang an da. Wir haben es gehört und mit eigenen Augen gesehen. Wir haben es angeschaut und mit den Händen berührt. Das Wort des Lebens.“ Ja, das Leben ist erschienen. Das können wir bezeugen. „Wir haben es gesehen und verkündigen es euch: Das ewige Leben, das beim Vater war und bei uns sichtbar geworden ist. Und was wir selbst gesehen und gehört haben, verkündigen wir auch euch. Denn wir möchten, dass ihr mit uns verbunden seid. Und die Gemeinschaft, die uns verbindet, ist zugleich Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Wir schreiben euch das, damit unsere gemeinsame Freude vollkommen wird.“
Wenn ich in mein Umfeld schaue, sehe ich eine Welt, die es unglaublich vernetzt miteinander ist. Wir haben alle oder die meisten von uns ein rechteckiges Gerät in unserer Tasche oder irgendwo liegen. Und wir gucken da immer wieder drauf und wir schreiben Menschen, wir schicken Fotos, wir telefonieren. Das ist eine unheimlich große Möglichkeit, einfach über große Entfernungen, ja, irgendwie beieinander zu bleiben. So schickt ihr vielleicht euren Enkelkindern Fotos von euch vom Weihnachtsfest oder umgekehrt: Eure Enkelkinder oder andere Familienmitglieder schicken euch Fotos, wie sie Weihnachten verbracht haben oder vom letzten Urlaub und so weiter. Und in diesem Augenblick fühlt man sich diesen Menschen natürlich sehr nah. Es entsteht der Eindruck, dass man ja mit den anderen sehr verbunden ist. Die Technik gibt uns das Gefühl, auch dazu zu gehören und wir sind damit hineingenommen.
Und so haben wir halt, wie gesagt, unsere WhatsApp-Gruppen; wir sind vielleicht auf Facebook, Instagram, TikTok. Also ich sehe, hier sind ganz viele alte Gruppen unterwegs und der ein oder andere hat vielleicht das eine oder andere Medium. Und da will man zu seiner Community sprechen – also seiner Hörerschaft, seine Hörergemeinde.
Und wenn man Menschen mit denen man eigentlich sonst im normalen Alltag nichts zu tun hat, sondern denen einfach nur folgt, dann zeigen die Bilder aus ihrem Alltag, nehmen uns mit in ihren Alltag hinein. Und wir haben den Eindruck: Wir sind Teil von dessen Leben.
In diesen sozialen Medien zeigen wir uns dann vielleicht auch oft von der besten Seite oder diese Menschen zeigen sich von der besten Seite. Und da bleibt das eine oder andere mal liegen. Man zeigt ja nicht unbedingt die Bilder, wo man weint. Man zeigt nicht unbedingt die Bilder, in denen man richtig frustriert oder wütend ist; sondern es sind eher die hellen Momente, die man zeigt.
Also frage ich mich: Zeichnet das wirkliche Gemeinschaft aus, wenn wir uns nur Bilder hin und her schicken? Wenn wir in unserer WhatsApp-Gruppe mal hin und her schicken, was gerade bei uns aktuell los ist – ohne dass wir Gesicht zu Gesicht irgendwie uns mal sehen?
Es ist ein „nice to have“, vor allem dann, wenn Familien weit weg wohnen. Ich habe Familie in Berlin, in Lübeck. Meins ist nicht so weit weg, aber ich habe auch. Und das ist toll, wenn man da miteinander vernetzt ist.
Jetzt vor dem Fernsehgottesdienst habe ich ganz viele Bilder auf Instagram gepostet und da haben ganz viele dann darauf reagiert und geantwortet. Aber auch Menschen, von denen ich jahrelang nichts gehört habe: Alte Schulkameraden, die ich das letzte Mal vor 20 Jahren gesehen habe.
Und es ist schön, wenn die sich melden und man fühlt sich im ersten Augenblick mit denen wieder verbunden. Aber diese Verbundenheit hat eine Grenze. Und man ist doch nicht wirklich da.
Ich glaube, dass es uns vielleicht auch ganz ähnlich geht, wenn wir am Ende des Jahres mal zurückblicken: Vielleicht wart ihr dieses Jahr oft unter Leute, ihr wart vielleicht auf einer Feier, ihr wart im Büro, ihr wart vielleicht sogar regelmäßig hier in dem Gottesdienst. Ihr wart mit eurer Familie unterwegs.
Aber wie oft hattet ihr das Gefühl, dass ihr wirklich gemeint seid? Wie oft habt ihr euch gefühlt: Ihr seid wirklich im Hier und Jetzt und bei den Leuten?
Wir haben im vergangenen Jahr gelernt, die Fragen nach unserem Befinden mit einem kurzen „alles bestens“ abzubügeln. Also wenn dich einer fragt: Wie geht es dir? Geht schon, alles gut. Man kommt über die Runden.
Wir funktionieren vielleicht einfach. Wir nehmen Teil an dieser großen Gemeinschaft, die sich Gesellschaft nennt oder auch Gemeinde. Wir sind Teil von Vereinen, von Chatgruppen – trotzdem bleibt oft da eine Lücke. Man hat Angst, dass nicht alles wegfällt; sondern man hat eigentlich Angst, dass alles wegfällt, wenn man sich nicht daran beteiligt.
Aber trotzdem sind da vielleicht manchmal die Zweifel: Werde ich wirklich wahrgenommen? Oder vielleicht hat man sich auch selbst so weit distanziert und sagt: Ich möchte gar nicht das Preis geben.
Wir stehen in einer Zeit, die äußerst paradox ist. Wir sind wirklich erreichbar – fast 24 Stunden – und es gibt Momente, da fühlen wir uns doch vielleicht so einsam wie nie zuvor. Obwohl wir mit Menschen unterwegs sind, obwohl wir erreichbar sind – da fehlt irgendwas; da fehlt Substanz, da fehlt ein Fundament, das wirklich hält.
Der Apostel Johannes, ich habe es eben vorgelesen, schreibt in seinem ersten Brief über etwas, das völlig anders ist. Er fängt seinen Brief nicht mit netten Grüßen an, er kommt direkt zur Sache. Er redet von dem, was am Anfang schon da war. Er schreibt über das, was sie gehört haben. Er schreibt über das, was sie mit eigenen Augen gesehen haben. Sie haben es sogar mit den Händen angefasst – und es geht um Jesus: Das Wort des Lebens.
Johannes will hier keine Theorien irgendwie an die Leute verkaufen; sondern er will sagen: Hey, das, was ich hier erzähle, das habe ich erlebt. Das konnte ich sogar anfassen, ich konnte es berühren. Jesus ist keine Theorie – er ist Wirklichkeit. Also er ist für Johannes wirklich das wahre Leben und dieses wahre Leben ist beim Vater; er ist aber auch dem Menschen erschienen.
Und jetzt kommt das entscheidende Wort, was er auch hier benutzt: Koinonia. Habe ich jetzt nicht vorgelesen – aber es ist das griechische Wort, was für Gemeinschaft hier steht. Koinonia und das beschreibt, dass man nicht nur einfach irgendwie miteinander da ist – so wie wir jetzt hier vielleicht einfach nur ich hier vorne, ihr sitzt in der Sitzreihe; sondern es meint eine ganz andere Gemeinschaft: Eine Gemeinschaft, die die Dinge miteinander teilt. Das bedeutet Teilhabe. Es ist wie eine Schicksalsgemeinschaft. Es ist wie ein – vielleicht auch ein gemeinsames Konto, auf das alle einzahlen und von dem alle dann auch leben.
Und Johannes sagt, dass wir diese Gemeinschaft mit ihm haben sollen. Und unsere Gemeinschaft ist wiederum mit dem Vater und mit dem Sohn Jesus Christus verbunden. Und das ist der Kern, den Johannes ganz am Anfang seines Briefes auftun möchte: Wir sind keine Gemeinschaft, weil wir die gleichen Hobbys haben. Wir sind keine Gemeinschaft, weil wir irgendwie dasselbe tun oder machen; sondern wir sind Gemeinschaft, weil wir dieselbe Quelle haben – weil wir an derselben Quelle hängen.
Johannes meint damit nicht, dass wir uns einfach nur nett zusammensetzen. Er meint nicht, dass wir uns beim Kirchencafé nach dem Gottesdienst gegenseitig dann auch Honig ums Maul schmieren – natürliches Kaffee trinken, etwas Nettes und Schönes. Und wir können uns da auch unterhalten, auch über den letzten Urlaub.
Aber Johannes würde uns wahrscheinlich angrinsen und sagen: Das ist nicht das, was ich meine. Er meint eine Gemeinschaft, die im Licht lebt – wo man ehrlich wird, wo man die Wahrheit sagt; weil Jesus die Wahrheit ist. Echte Koinonia bedeutet, dass ich mein Leben mit dir teile, weil Gott sein Leben mit uns geteilt hat. Und das ist in Jesus Christus ja Mensch geworden: Er ist anfassbar geworden. Er ist nicht auf Distanz geblieben; sondern er hat diese aufgehoben.
Und deshalb können wir auch untereinander die Distanz aufgeben. Wir müssen nicht mehr so tun, als wäre alles super. Wir haben Teil an dem ewigen Leben. Und das ist das Fundament, das nicht wackelt. Diese Gemeinschaft ist die Antwort vielleicht auf diese Einsamkeit, die man ab und zu mal verspürt.
Hier geht es dann nicht um irgendwelche Daumen hoch, Likes oder so. Hier geht es um Liebe, die sich dann auch hingibt. Hier geht es um eine Verbindung, die über den Tod hinausgeht.
Johannes schreibt: Dass alles damit unsere Freude dann auch vollkommen sei. Freude entsteht nämlich da, wo wir nicht mehr alleine sind mit unserer Schuld, unserer Angst. Freude entsteht da, wo wir merken, dass wir in Gott geborgen sind. Das ist die radikale Botschaft.
Gott lädt uns ein, in seinen inneren Kreis zu kommen. Er will uns an sein Leben teilhaben lassen.
Gut – aber was bedeutet das jetzt ganz persönlich? Vielleicht auch an diesem letzten Sonntag in diesem Jahr für uns?
Vielleicht hast du heute die Wahl: Du kannst nachher nach diesem Gottesdienst nach Hause gehen, weiter einfach dein Leben so weiterführen. Vielleicht auch nur die netten und die schönen Seiten deines Lebens weitergeben. Du kannst weiterhin so tun, als hättest du alles im Griff.
Aber wir könnten auch untereinander anfangen, nach dieser Koinonia zu suchen. Du könntest anfangen, Gott beim Wort zu nehmen – so wie Johannes es beschrieben hat. Denn er fordert uns heraus, aus dieser Anonymität herauszutreten. Und das ist manchmal vielleicht auch für einen selbst ganz schön gruselig und kostet viel Mut.
Es ist nämlich viel einfacher, sich hinter einem Bildschirm zu verstecken. Es ist viel sicherer, nur über Belangloses zu reden. Aber wir verpassen dabei etwas: Das eigentliche Leben in der Gemeinschaft untereinander und mit Gott.
Das Jahr geht zu Ende. Und vielleicht ist das der Moment, in den du mal ehrlich Bilanz ziehst: Wo hast du Gott dieses Jahr gespürt? Wo war er anfassbar für dich?
Echte Gemeinschaft mit Gott passiert oft genau da, wo Brüche in unserem Leben sind. Es ist da, wo wir am Ende sind. Es ist da, wo unsere Kraft nicht mehr reicht.
Wenn wir uns ihm gegenüber öffnen – fängt das Leben an zu fließen. Und dann können wir uns auch den anderen gegenüber öffnen.
Du darfst dir jemanden suchen, dem du vertraust. Du darfst anfangen, die Wahrheit zu sagen: Wie es in dir wirklich drin aussieht. Und das ist der Weg aus dieser Oberflächlichkeit.
Wir sind hier nicht in einer Dauerwerbesendung für ein perfektes Leben. Wir sind hier als Menschen, die alle auch Hilfe brauchen. Wir sind alle bedürftig nach dieser Gnade – von der Johannes auch schreibt.
Und ich möchte dich ermutigen: Heute nicht nur Zuschauer zu sein. Sei kein Follower von Jesus; sondern sei sein Freund. Lass dich auf diese Gemeinschaft ein, die keine Bedingungen stellt.
Gott hat schon längst „gefällt mir“ zu dir gesagt – noch bevor du überhaupt irgendetwas geleistet hast. Sein Kreuz ist der Beweis für diese tiefe Verbindung: Er hat alles gegeben, um dich in diese Koinonia hineinzuziehen.
Nimm das für dich an; trau dich, die Maske ein Stück weit abzuheben.
Wir als Gemeinde stehen jetzt gemeinsam an dieser Schwelle zu diesem neuen Jahr. Wir sind zusammen unterwegs gewesen. Wir haben das Privileg, dass wir diese Gemeinschaft nicht selbst erfinden müssen: Sie ist uns geschenkt durch das, was Johannes auch bezeugt hat. Wir sind Zeugen einer Realität, die größer ist als unsere Probleme.
Wenn wir jetzt gleich in einen Zeugnis teilgehen – dann ist das genau diese Koinonia in Aktion. Sie wird real. Wir erzählen uns gegenseitig, was wir mit Gott erlebt haben: Wie wir vielleicht aus einem Tief Kraft gewonnen haben. Wir teilen unser Leben. Wir machen das Licht an in unseren dunklen Ecken.
Da wird es dann plötzlich sehr real. Da ist es dann nicht mehr nur ein alter Text aus der Bibel. Da wird das Wort wirklich Fleisch in unseren Geschichten.
Wir haben dieses Jahr Dinge erlebt, die uns herausgefordert haben – wahrscheinlich. Wir haben Momente gehabt, in denen Gott uns vielleicht überrascht hat. Und das alles gehört zu unserer gemeinsamen Geschichte mit ihm.
Wir wollen eine Gemeinschaft sein, in der man nicht perfekt sein muss. Wir wollen ein Ort sein, an dem die Realität Gottes sichtbar wird. Und das passiert, wenn wir ehrlich teilen, was gewesen ist. Das passiert, wenn wir gegenseitig zuhören – ohne sofort zu urteilen.
Johannes hat geschrieben: Damit unsere Freude vollkommen wird. Diese Freude wird dann vollkommen, wenn wir merken, dass wir nicht alleine sind. Gott ist mitten unter uns. Und er ist der Grund, warum wir hier sind. Er ist der Grund, warum wir mutig nach vorne schauen können.
Das neue Jahr wird kommen mit all seinen Fragen. Aber wir gehen nicht als einsame Kräfte hinein. Wir gehen als Teil einer großen Gemeinschaft – der Kinder Gottes. Wir haben das Leben gesehen. Wir haben es gehört. Wir haben es erfahren. Und genau das wollen wir jetzt miteinander teilen.
Lasst uns da wirklich diese Oberflächlichkeit hinter uns lassen. Lasst uns in die Tiefe gehen, wo das wahre Leben auch pulsiert. Gott ist hier. Er wartet darauf, dass wir ihm und dass wir einander begegnen. Das ist das schönste Geschenk, dass wir uns zum Jahresende auch nochmal gegenseitig machen können.
Wir wollen jetzt Raum nach dem nächsten Lied – was wir gleich hören oder gemeinsam singen – diesen Raum öffnen für eure Erlebnisse: Wie gesagt, Johannes hat davon gesprochen, was er gesehen und gehört hat. Und genau das dürft ihr jetzt auch tun:
Wenn ihr in diesem Jahr einen Moment hattet, in dem ihr für euch Gott gespürt habt – dann dürft ihr das teilen. Vielleicht war es ein kleiner Augenblick im Alltag. Vielleicht war es eine große Bewahrung in einer Krise.
Eure Geschichten sind Teil unserer gemeinsamen Koinonia. Und wer möchte, darf gleich den Anfang machen. Aber zunächst singen wir das Lied.