Start der Allianzgebetswoche: Stille und produktive Einsamkeit
Predigt

Start der Allianzgebetswoche: Stille und produktive Einsamkeit

Sonntag, 11. Januar 2026 · 10:00 Uhr
Mt.3,16 - 4 3 und 1.Sam.3,1-9
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Transkript

Zum Mitlesen oder gezielten Springen zu Passagen.

Die heutige Sonntag steht unter einer wunderschönen Verheißung. Braucht man das noch? Nein, nein, geht so. Steht unter einer wunderschönen Verheißung, habe ich heute Morgen beim Aufstehen in der Losung gelesen. Und dieser Vers, der hat mich auf dem ganzen Weg hierher begleitet und der ist mir eben nochmal eingefallen bei dem schönen Lied, das wir gesungen haben. Aus Psalm 50: "Gott, der Herr der Mächtige, redet und ruft der Welt zu, vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang." Und das hat mich heute Morgen begeistert, nicht nur, weil die Sonne aufgeht, weil ich mich immer an der Sonne erfreue. Ich bin so ein Sonnentyp, sondern weil Gott hier oder der Psalmist nochmal deutlich sagt, dass es Gott ein Anliegen ist, sich uns mitzuteilen. Er redet vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang – also die ganze Zeit ist es Gottes Anliegen, zu uns zu reden, sich mitzuteilen. Unser Problem ist nur, dass wir manchmal schlecht hören. Und deshalb ist dieser Vers heute Morgen vielleicht auch so ein kleiner Impuls für uns, für diesen Gottesdienst: unsere Ohren aufzustellen, uns einzustellen, unser Herz zu öffnen, um das Reden Gottes zu hören. Die erste Verheißung hat er ja schon erfüllt mit dem Aufgang der Sonne und die zweite – die wird sich hoffentlich im Laufe des Gottesdienstes noch einstellen. Ich bin gebeten worden, ein paar Sätze zu mir zu sagen, damit Sie auch wissen, wer heute Morgen hier steht. So ein völlig unbekanntes Gesicht, könnte ja jeder kommen. Also: Mein Name ist Harald Ort. Ich bin schon ziemlich alt. Seit 10 Jahren – 2015 – bin ich Pastor der FWG Wiesbaden, nicht weit von hier, und seit sechs Jahren auch der FWG in Taunusstein. Wir haben vor siebeneinhalb Jahren begonnen, mit einer Tochtergemeindegründung in Taunusstein. Das war damals mit ganz bescheidenen Anfängen: mit Gebetsspaziergängen, die wir sonntags nachmittags gemacht haben – und da ist inzwischen auch eine Gemeinde daraus entstanden. Und jetzt habe ich den, sage ich mal, herausfordernden Job, dass ich zwei halbe Stellen habe, die ich irgendwie bedienen kann und soll: Ich bin zur Hälfte eben noch Seniorpastor in Wiesbaden und zur anderen Hälfte in Taunusstein. Ja, das zu meinem Dienst. Privat: Ich bin seit 32 Jahren glücklich verheiratet mit der besten Frau der Welt – sage ich immer wieder. Und wir haben fünf Kinder und mittlerweile anderthalb Enkelkinder. Also: Eine ist schon da und die andere, auch ein Mädchen, wird im März das Licht der Welt erblicken. Auch eine ganz schöne Sache, Opa zu sein. Das ist nochmal ein ganz neues Gefühl, mit Kindern umzugehen. Wenn sie Stress machen, geben wir sie ab – dann ist das die Verantwortung des Papas. Und wenn sie lieb sind, dann können sie immer gerne zu uns kommen. So machen wir das. Ja, soweit mal ganz kurz zu mir. Wer noch Fragen hat, der kann mich gerne nach dem Gottesdienst ansprechen. Ich möchte vor der Predigt mit uns beten – noch einmal um Gott, um seine Weisung bitten: Herr, wir haben diesen Vers gerade gehört, den du über diesen Tag stellst. Es ist dir ein Anliegen zu uns zu reden. Du tust das vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang, teilst du dich uns mit. Es ist dir ein Bedürfnis, dass wir dich hören – dass du uns hörst. Und es ist wunderbar, dass die Allianz Gebetswoche heute mit dieser Zusage beginnt. Danke, dass der Gottesdienst auch genau unter diesem Wort steht und dass wir fest darauf vertrauen, Gott, dass du redest: In unseren Alltag hinein, in unser Leben, in unser Herz – jedes Einzelne, der hier ist. Danke dafür. Amen. Ich habe zum Einstieg meiner Predigt heute Morgen etwas aus unserer ganz alten Spielekiste mitgebracht. Die haben wir jetzt noch mal aufgemacht: Ein Spiel, das heutzutage gar nicht mehr oder nur noch ganz selten benutzt wird – nämlich ein sogenanntes Geduldsspiel. Ihr könnt vielleicht hinter mir gleich in der PowerPoint einige sehen. Ich habe ein paar mitgebracht. Ein Geduldsspiel, das es in vielen, vielen verschiedenen Varianten gibt. Ja, da seht ihr die: Das sind so kleine Plastikkistchen mit Kugeln, die man in verschiedene kleine Löcher irgendwie einfügen muss. Ein Spiel, das es noch in vielen anderen Varianten gibt – aus Holz, es gibt es aus Metall, es gibt es zum Ziehen, zum Stecken, was auch immer – gibt es ganz viele. Wichtige Gemeinsamkeit dieser Geduldsspiele: deshalb heißen sie auch so. Man braucht etwas Zeit dafür. Man braucht so ein bisschen Fingerspitzengefühl und eben – na ja – man darf sich nicht gleich entmutigen lassen, wenn es beim ersten Mal nicht klappt. Dann muss man es nochmal und nochmal und nochmal. Man braucht eben Geduld – deshalb heißen diese Spiele so. Ich persönlich habe zu diesen Spielen eine – na ja, wie soll ich sagen – eine etwas differenzierte Einstellung: Weil meine liebe Mutter mir früher als Kind ganz häufig diese Spiele in die Hand gedrückt hatte, wenn ich Langeweile hatte. Sonntagnachmittag – das war für uns damals der langweiligste Tag der ganzen Woche. Wir durften kein Fußball spielen, weil ja Sonntag war: Da machte man das nicht. Und der Fernseher blieb auch aus – war ja Sonntag. Und was macht dann so ein Kerl einen ganzen Sonntagnachmittag? Das war ganz furchtbar langweilig. Und dann genau kam meine liebe Mutter und drückte mir so ein Spiel in die Hand und sagte: "Vielleicht kannst du ja damit deine Langeweile etwas verkürzen." Langeweile – das ist wieder so ein Stichwort, bei dem sich heutzutage vieles, vieles verändert hat. Denn die wenigsten Kinder und Jugendlichen kennen Langeweile noch aus ihrem Alltag, aus ihrem Leben. Nach einer repräsentativen Umfrage, die ich vergangene Woche gelesen habe – unter dieser Altersgruppe der Jugendlichen und Kinder – geben 77% aller Teenager an, beim ersten Gefühl von Langeweile sofort zum Handy zu greifen. Und die meisten Erwachsenen machen es ganz genauso: Ihr könnt es ja mal testen. Alle Momente oder die meisten Momente, bei denen man sonst Langeweile – sprich freie Zeit hätte oder Wartezeit hätte – werden heute mit dem Handy ausgefüllt. Und das ist kein Vorwurf an die junge Generation, denn wir Erwachsenen, wir Alten machen es ja ganz genauso. Ich war neulich beim Arzt und habe das mal beobachtet: Da saßen mit mir noch sechs andere Patienten im Wartezimmer. Und alle sechs – nach zehn Minuten auch der siebte – hatten ihr Handy in der Hand und waren in ihrer digitalen Welt verschwunden. Langeweile, selbst im Wartezimmer möchte keiner mehr haben. Ich möchte uns heute morgen gleich einen bekannten Bibeltext aus dem Matthäus-Evangelium vorlesen, in dem Zeit eine wichtige Rolle spielt. Es heißt "Viel Zeit". Wir würden diese "Viele Zeit" vielleicht als Langeweile bezeichnen – als eine Zeit, die man ja noch viel besser nutzen könnte. Aber wir werden in diesem Text feststellen, dass es das Gegenteil davon ist: Und dass in dieser Zeit etwas geschieht, was sonst in der hektischen, in der aufgeladenen Zeit nicht geschehen wäre. Wir lesen gemeinsam aus dem Matthäus-Evangelium Kapitel 3, ab Vers 16 bis 4, Vers 3 – und vielleicht könnt ihr mitlesen: "Und als Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich für ihn der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabschweben und über sich kommen. Und siehe – eine Stimme aus dem Himmel, die sprach: 'Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich wohlgefallen habe.' Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, um vom Teufel versucht zu werden. Und als er 40 Tage und 40 Nächte – das meine ich mit der Zeit – und als er 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, war er hungrig. Da trat der Versucher zu ihm und sagte: 'Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.' Jesus aber antwortete: 'Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.'" Was Jesus hier erlebt in diesem Text – bezeichnet man landläufig als Abstieg, als einen ganz gewaltigen Abstieg von oben nach unten, vom Himmel in die Wüste. Als einen Abstieg von göttlicher Gemeinschaft hin zum Teufel: steht ja da. Jesu Dienst beginnt mit seiner Taufe – wunderschön – und die war so gewaltig, die war ein so wichtiges, ein so schwerwiegendes Ereignis, dass sich dabei der Himmel öffnete und Gottes Geist in Form einer Taube auf ihn herabschwebte. Wow – kann ich da nur sagen: Das hätte ich gerne bei meiner Taufe auch gehabt. Und als ob das nicht schon genug der demonstrativen geistlichen Kraft gewesen wäre, gibt es jetzt noch eine akustische Bestätigung – in dem Gott aus dem Himmel redet und Jesus für alle anwesenden Ohren als seinen lieben Sohn bestätigt. Zum zweiten Mal: wow – das war ein geistlicher Höhepunkt, ein Berg, eine Gipfelerfahrung, die es so nur selten in der Bibel gibt. Und dann ging es bergab. Sofort danach geht es für Jesus steil bergab – in die tiefsten Niederungen menschlicher Existenz, in die Wüste: 40 Tage Einsamkeit, sechs Wochen alleine und abgeschieden von jeglicher Zivilisation – um danach vom Satan versucht zu werden. Deutlicher, krasser kann ein Abstieg nicht sein: vom geöffneten Himmel und göttlicher Proklamation hinab in die Klauen des Teufels, von geistlicher Fülle hinab zu Dürre und Einsamkeit. Genau so wird dieser Text oft ausgelegt – und genau so habe ich ihn auch viele, viele Jahre verstanden. Das ist aber falsch. Das ist grundverkehrt. Das, was Jesus hier erlebt, der Weg, den er geht – den wir vom Himmel in die Hölle bezeichnen: das war für ihn kein Abstieg, das war für ihn kein Droch, das war für ihn kein Verlust – sondern genau das Gegenteil. Das war ein Aufstieg. Einsamkeit, Wüstenzeit war für Jesus tiefste Gemeinschaft mit dem Vater, die er immer wieder gesucht hat, immer wieder selbst gesucht hat: Rückzug aus der Welt, aus dem Trubel, aus dem Lärm des Alltags – war für Jesus grundlegend wichtig, um beim Vater Kraft zu tanken. Und wie stark, wie enorm diese Kraft war, sehen wir ja dann an dem, was er dem Satan antwortet. Habt ihr euch das mal auf der Zunge zergehen lassen? Der dachte natürlich – genau wie wir: 40 Tage nichts gegessen. Das ist mein Moment: Jetzt ist er schwach, jetzt kriege ich ihn. Pustekuchen. 40 Tage in der Gemeinschaft Gottes – das war geistliches Krafttraining für Jesus. Wie er es sonst nirgendswo bekommt. 40 Tage in der Gemeinschaft, in der Einsamkeit mit Gott: Das war Power pur. Das hat ihn so stark gemacht, dass er dann nach dem Satan wieder stehen konnte und sagte: "Hau mir ab mit deinem Brot. Ich hab was viel Besseres." Nach 40 Tagen Fasten würden wir wahrscheinlich den Dreck aus dem Boden kratzen, um überhaupt was zu essen zu haben. Jesus war so stark in dieser Einsamkeit, in dieser Nähe mit Gott – dass er selbst dem wieder stehen konnte. Stille und Einsamkeit ist eine geistliche Disziplin des Lassens. Es gibt auch Disziplinen des Tuns: Bibel lesen ist eine solche oder beten – alles können wir tun. Es gibt aber auch Disziplinen des Lassens – dazu gehört zum Beispiel Fasten, dazu gehört aber eben auch Stille und Einsamkeit. Wir verlassen den Lärm, wir verlassen den Alltag, wir verlassen die Gemeinschaft mit anderen Menschen – um in der Stille und in der Einsamkeit Gemeinschaft mit Gott zu haben. Wie erfüllend, wie starkmachend, wie ausfüllend diese Einsamkeit ist: zeigt eben nicht nur dieser Text, sondern viele, viele andere Texte auch, auf die wir gleich noch zu sprechen kommen. Vier kurze Gedanken habe ich euch mitgebracht zu diesem Thema: Erstens: Den Wert der Stille neu entdecken. Wir spielen gerne in unserer Familie Gesellschaftsspiele. Wenn alle da sind – sind wir elf Leute und das muss ja irgendwie gestaltet werden. Wir spielen gerne Gesellschaftsspiele. Zu Silvester haben wir ein Frage-Antwort-Spiel gespielt. Dazu lagen verschiedene Fragekarten verdeckt auf dem Tisch, die man dann nacheinander aufsägt: Man liest sich die Frage durch und gibt dann die Karte demjenigen, von dem man meint: Der muss sie jetzt beantworten. Man kennt ja die Leute so ein bisschen am Tisch – man kennt ja seine Familie und weiß: Bei wem könnte das jetzt so für einen kleinen peinlichen Moment sorgen. Ich habe das Spiel zum ersten Mal gespielt – und dann waren viele tolle Fragen. Und dann kam eine Frage, die war die interessanteste für mich aus dem ganzen Spiel. Und die Frage lautet – die war so toll, die habe ich euch auch mitgebracht: Ihr könnt sie nachlesen: "Worüber hast du zum letzten Mal deine Meinung geändert und warum?" Nehmt das doch mal mit an den Mittagstisch, nachher beim Mittagessen. "Worüber hast du zum letzten Mal deine Meinung geändert und warum?" Zu welchem Thema? Zu welcher Person? Zu welcher Sache – was auch immer. "Gorüber hast du zum letzten Mal deine Meinung geändert und warum?" Ganz spannend: Wir brauchten keine anderen Fragen mehr. Wir haben über zwei Stunden über diese Frage geredet. Das ist das klassische Gebiet der Verhaltensforscher: Was bewegt die Menschen dazu, ihr Verhalten zu ändern – was sie vielleicht schon seit vielen Jahren an den Tag legen? Was muss geschehen, damit ein Mensch sein bisheriges Denken und Handeln verlässt und etwas ganz anders macht? Dazu gibt es die bekannten klassischen Antworten wie Druck von außen, Druck von innen, Überzeugungsarbeit oder Befehl und Gehorsam. Ganz viele Antworten – allesamt ein bisschen wahr, aber wirklich nachhaltig und überzeugend sind die nicht. Eine ganz andere Antwort, die wir auch in der Bibel finden, hat etwas mit Wertigkeit zu tun: Zum Beispiel im Gleichnis vom Schatz im Acker, Matthäus 13. Da wird uns ein Mann vorgestellt – der vielleicht schon seit Jahren, vielleicht auch schon seit Jahrzehnten an einem Acker vorbeigeht. An einem huntsgewöhnlichen Stück Acker, dem er bislang nicht einen einzigen Blickes gewürdigt hat: Das war ein ganz normaler Acker. Ich habe euch schon ein Bild mitgebracht – wie es ihn damals zu Tausenden an jeder Straßenecke gab. Was interessiert mich dieser blöde Acker? Aber genau dieses Desinteresse änderte sich in dem Moment schlagartig um 180 Grad, indem der Mann erfuhr – wodurch auch immer – dass in diesem Acker ein Schatz vergraben ist. Ein ganz wertvoller Schatz. Ganz plötzlich war ihm dieses Stück Land auf einmal so wichtig – so steht es im Text – dass er alles verkaufte, was er hatte: dass er die letzte Socke dafür hergab, um genug Geld zu haben, um sich dieses Stückchen Land zu kaufen. Der neu entdeckte Wert des Ackers hatte zur Änderung seines Denkens und Handelns geführt – ganz einfach. Das musste ihm überhaupt niemand sagen. Und genau das ist der Punkt, der bei uns Christen des 21. Jahrhunderts zum Thema Stille und Einsamkeit geschehen muss, bevor sich was verändert: Wir sind doch alle so aufgewachsen unter dem Motto "Zeit ist Geld", koste die Zeit aus. Leerzeiten, Langeweilezeiten – sind schlechte Zeiten, sind vergeudete Zeiten: die du besser füllen kannst, wo du aktiver werden kannst, wo du was machen kannst. Und auch ich kenne diesen Gedanken sehr wohl und muss mir immer wieder sagen: Welch ein Schwachsinn. In der Bibel beginnen die meisten großen und nachhaltigen Veränderungen immer mit einer Zeit der Langeweile – eine Zeit, in der Menschen eine Langeweile-Gemeinschaft mit Gott hatten. Merkt ihr was? Man kann das auch ganz anders sehen: Eine Zeit, in der Menschen eine Langeweile mit Gott zusammen waren und Kraft geschöpft haben, Impulse bekommen haben, einen neuen Horizont sich eröffnet hat – und vieles, vieles mehr, was in der Hektik des Alltags gar nicht geht. Deshalb ist Jesus 40 Tage in die Wüste gegangen. Woanders ging das nicht. Von Daniel heißt es, dem Propheten in Kapitel 10: könnt ihr mal nachlesen – dass er sich drei Wochen zurückzog in die Stille, um auf Gottes Reden zu warten. Jeder hätte gesagt: "Daniel, was machst du denn da? Drei Wochen warten? Du kannst doch mal den Hof fegen oder die Spüle ausräumen oder was weiß ich." Nee – drei Wochen Wartezeit, bis Gott geredet hat und dann ging es aber auch los. Jakob hat 14 Jahre auf seine Geliebte gewartet. Wow. Mose war 40 Jahre in der Wüste. Abraham, Noah, Gideon, Paulus: für viele, viele andere scheinbare Glaubenshelden waren Wartezeiten gesegnete Zeiten. Die gehörten dazu – weil da etwas geschah, was in der Hektik des Alltags niemals geschehen wäre. Diesen Wert – den müssen wir mal neu entdecken: Wartezeit. Wenn ihr einen Vorsatz fürs neue Jahr treffen wollt – vielleicht habt ihr es schon gemacht, vielleicht habt ihr ihn ja auch schon wieder überholt. Kann ja sein. Wenn ihr einen Vorsatz fürs neue Jahr treffen wollt: dann nehmt den der bewussten und regelmäßigen Stille und Einsamkeit mit Gott. Zieht euch mal ganz bewusst zurück – schaltet das Handy aus, bitte lasst es irgendwo liegen – um auf Gott zu warten. Dann geschieht etwas, was sonst nicht geschieht. Zweiter Gedanke: Das Abschalten nicht vergessen. Es gibt in Berlin – habe ich gelesen – eine neue Bewegung unter dem Namen "Offline Club". Es gibt da wohl ganz viele Offline Clubs, aber die haben alle diesen einen Namen. Zum Offline Club gehören Menschen, die sich einmal im Monat für eine Stunde zum Spazieren treffen: in irgendeinem Park, in irgendeinem Waldstück von Berlin – völlig egal. Und für diese eine Stunde ihr Handy zu Hause lassen. Das ist die einzige Voraussetzung zur Teilnahme am Club. Alles andere ist egal, jeder kann kommen. Einzige Bedingung: Du musst das Handy zu Hause lassen. Warum machen die das? Weil sie sich sagen – und erstaunlicherweise sind viele junge Leute dabei: Warum machen die das? Weil sie sich sagen: "Wir wollen diese eine Stunde im Monat, ist ja nicht viel. Wir wollen diese eine Stunde wirklich ganz und möglichst ohne Ablenkung da sein. Wir wollen gegenwärtig sein – wir wollen uns dem Austausch widmen, wir wollen uns dem Dialog mit den anderen Teilnehmenden voll und ganz widmen." Es soll nicht dauernd das Handy in der Hosentasche klingeln – wir wollen nicht dauernd mit dem Daumen hier diese Bewegung machen und irgendwelche Nachrichten lesen. Wir wollen da sein, voll und ganz. Und das finde ich eine – mich hat das begeistert: Eine ganz starke Botschaft, die wir an vielen, vielen anderen Stellen des Alltags genauso bräuchten. Ich überlege seitdem auch, einen Offline-Club zu gründen – mal gucken, was daraus wird. Es ist ein wunderschönes Bild, man kann auch sagen: Ein Vorbild dafür, wie Stille und Einsamkeit mit Gott zu einer heiligen Zeit werden kann. Geht doch mal in eurer Seele – die meisten von uns sind doch umgetrieben, manche sogar belastet mit einem Wust von Gedanken, von Eindrücken, von Sorgen, von Erfahrungen, von Bitterkeiten, von Verletzungen: allesamt Dinge, die wir mit uns rumtragen, die wir mit ins Gebet nehmen und dann auf die Knie gehen und sagen: "Gott – also: Erstens, das müsstest du ändern. Zweitens, da hätte ich noch was – und drittens und viertens – und wie lange die Liste ist." Das kann man machen. Aber echte Stille sieht anders aus. Wie war es bei Daniel? Drei Wochen warten. Das Wort, das uns im Text in Matthäus 4 mit Wüste übersetzt wird – Jesus ging ja in die Wüste, er wurde in die Wüste geführt – heißt im kritischen Grundtext "Eremos". Daher kommen die Eremiten: Das sind ja die, die sich dann in die Wüste zurückgezogen haben. Eremos bedeutet aber viel mehr als nur Sand und Hitze und Trockenheit. Eremos steht für einen Ort, an dem ich empfangsbereit bin – ein Platz, an dem ich frei von Störungen und Ablenkungen bin: wie die Teilnehmer des Offline Clubs. Deshalb, genau deshalb wünschte sich Salomo, als Gott ihm die Erfüllung eines Wunsches anbietet: Was wünscht er sich? Ein hörendes Herz. Ein empfangsbereites Herz. Ein Herz, das die Fähigkeit besitzt und bewahrt, ab und zu mal nach außen offline zu gehen – um nach innen, nach oben empfangsbereiter zu sein. Ein solches Herz wünscht sich Salomo. Alles andere, sagt er, brauche ich nicht. Und dazu muss man nicht unbedingt in die Wüste gehen: Im Raum Wiesbaden sowieso nicht so ganz einfach – das geht auch zu Hause, das geht im Keller, das geht auf dem Dachboden oder sonst wo. Ganz ähnlich, wie wir das vergangene Woche gezwungenermaßen in Taunusstein erlebt haben. Wir wohnen privat in Taunusstein. Vergangene Woche Donnerstag hatten wir in Taunusstein abends Stromausfall – zum ersten Mal seit zehn Jahren, seit wir da wohnen. Ganz Taunusstein war betroffen – aber wir in Neuhof (ich wohne in Neuhof) nochmal besonders: Da war für ca. zwei Stunden wirklich alles stockfinster. Abends um acht ging nichts mehr: Alle Straßenlaternen waren aus, alle Häuser waren dunkel – das war schon ein bisschen gespenstisch. Und auch bei uns zu Hause war es genauso: Alles aus, kein Strom mehr. Wir hatten im ganzen Haus noch zwei Lichter: Das eine war das Feuer im Ofen, was ich kurz vorher angezündet hatte – und das andere war eine Kerze auf dem Küchentisch. Und ohne dass wir uns groß absprechen mussten, gingen alle automatisch zu diesen beiden Lichtern. Alle anderen Räume im Haus – und es sind ziemlich viele – waren offline: Will ja keiner ins Dunkel. Selbst mein berühmtes Arbeitszimmer, der Schreibtisch, wo ich so gerne sitze und lese und studiere – wollte ich nicht hin. Ich wollte auch dahin, wo es hell ist, ans Licht. Die ganze Aufmerksamkeit konzentrierte sich währenddessen auf die zwei Lichter. Genau das meint Eremos: Die vielen Räume in meinem Kopf bewusst für eine gewisse Zeit ausschalten – denen den Stecker ziehen. Sodass ich meine Aufmerksamkeit voll und ganz auf das eine wahre Licht, Jesus Christus, konzentriert – so wie wir es eben in dem einen schönen Lied gesungen haben. Wunderschönes Lied. Im Lukasevangelium macht Jesus das genau neunmal. Neunmal in diesen 24 Kapiteln schaltet er ganz bewusst alle anderen Räume aus: Lässt sogar – spannender Text – lässt sogar seine Jünger mal links liegen. Die kommen und haben so viele Ansprüche: Da sind noch Menschen, da ist noch was zu tun, da ist noch Not. Die suchen dich, die brauchen dich, du bist wichtig. Jesus zieht überall den Stecker und sagt: "Ihr könnt mich mal" – und geht in die Stille. Geht zu seinem Licht, weil er weiß: Da kann ich Kraft tanken und dann morgen vielleicht wieder den vielen Menschen zu helfen, die meine Hilfe brauchen. Dritter Gedanke: Die Botschaft nicht unterschätzen. Die Bibel berichtet von einigen Möglichkeiten, wie du mit Gott in Kontakt treten kannst – wie du ihm etwas mitteilen kannst, was dir wichtig ist. Zuerst natürlich das Gebet alleine oder in der Gruppe: mit Dank, mit Bitte, mit Fürbitte – Allianz-Gebetswoche, ganz wichtig. Dann gibt es den Gesang, den Lobpreis, die Anbetung: Die Psalmen sind ein bestes Beispiel für diese Art der Kontaktaufnahme. Da gibt es aber – ich habe es eben schon erwähnt – einige passive Möglichkeiten, zum Beispiel das Fasten. Fasten teilt Gott etwas mit. Müssen wir mal nachlesen. Und genau in dieser Rubrik gehört eben auch unser Thema Stille und Einsamkeit: Der Mose ist nicht nur Rückzug aus der Geschäftigkeit, ist nicht nur Abschalten von Stress und Alltag, ist nicht nur zur Ruhe kommen – sondern sendet auch eine ganz wichtige Botschaft nach oben. Und das habe auch ich neu im Arbeiten an diesem Thema entdeckt: Psalm 62 – meine Hausaufgabe für euch: Bitte Psalm 62 lesen. Und wenn wir jetzt im Unterricht, würde ich sagen: auswendig lernen – aber gut. Psalm 62 – der stille Psalm überhaupt. Da heißt es: "Ihr habt den Text – meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft." Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz – das ich nicht wanken werde. Dann kommen einige Verse – und dann, als wollte David sich selbst nochmal ermutigen, sich selbst nochmal zurückpfeifen (weil seine Gedanken wahrscheinlich wieder woanders waren), sagt er zu seiner eigenen Seele. Ganz spannend: "Sei nur still zu Gott, liebe Seele, denn er ist meine Hoffnung." Merkt ihr was? Stille und Einsamkeit sendet die Botschaft an Gott: Mein lieber Herr und Gott – ich vertraue dir jetzt mehr als mir selbst. Merkst du das? Mein lieber Gott – ich vertraue dir und deiner Weisheit, deiner Kraft mehr, als wenn ich das Problem jetzt selbst in die Hand nehmen würde. Das ist für so einen aktiven Menschen wie mich ganz schwer: Ich nehme immer gerne selbst etwas in die Hand, wenn ich sehe: Da gibt es etwas zu tun – dann mache ich das. David bremst mich hier zurück und sagt: "Bleib mal ruhig – es gibt jemanden, der kann die Probleme viel besser lösen als du." Und indem du in die Stille gehst, in die Einsamkeit, sendest du genau diese Botschaft des Vertrauens an deinen Herrn: Herr, wie Daniel: "Ich warte auf dein Eingreifen – ich warte darauf, dass du es besser machst als ich." Ich schalte alle Räume aus, um zu signalisieren: Gott, du bist meine Hoffnung. Und genau das lässt unseren Herrn und Gott nicht kalt. Die Bibel ist voller Beispiele, dass Gott das in seinem Herzen bewegt. Und ein vierter – und letzter Gedanke (ich überziehe etwas, noch zwei Minuten – Entschuldigung) – den Lerneffekt nicht übergehen: In den alten Lutherbibeln – ihr seid ja alle Bibelleser – in den alten Lutherbibeln kommen in manchen Psalmen immer wieder mal das Wörtchen "sela" vor. Jetzt hast du ja schon mal aufgefallen: "Sela", steht da einfach so, "sela", genau so. Was bedeutet dieses Wort? Nun, für die Musiker war "sela" ein Pausenzeichen – die Psalmen waren ja ursprünglich Lieder. Pausenzeichen, die es heute in der Musik ja auch noch gibt: Viertelpause, halbe Pause, ganze Pause. Und für die Beter oder den Maskil (das war der Vorleser) war "sela" ein Stoppschild: "Halt mal an – bleib mal stehen. Nimm dir das, was du gerade gelesen hast, nochmal zu Herzen: Lies es nochmal, wiederhol es nochmal." Gönn dir selbst diesen wichtigen Moment der Stille und lass das nachwirken, was du da gerade gelesen und gebetet hast – das ist wichtig. Geh nicht zu schnell drüber weg: "Sela". In 39 von 150 Psalmen finden wir "sela". Und in manchen Psalmen kommt es auch mehrmals vor. Es gibt Ausleger, die sagen: Das sind dann die wichtigsten Psalmen. Psalm 32 zum Beispiel ist einer – in dem kommt "sela" viermal vor: Vier Stoppschilder. Viermal werden wir aufgefordert, Pause zu machen, das Gelesene nochmal nachzulesen, nachwirken zu lassen – mir Momente der Stille zu gönnen mit diesem Psalm, damit da was wirkt, um geistig zu lernen, um zu wachsen, um in Staunen zu geraten über die vielen Schätze im Wort Gottes – und mich vielleicht auch zu fragen: Herr, ist das eine Botschaft an mich? Ja, für die anderen kann man ja immer hören: "Der müsste mal" und "die", hahaha. Nee – "Sela" heißt auch: "Herr, willst du mir was sagen?" Ganz wichtiges Vers. Stille und Einsamkeit hat auch etwas mit "sela" zu tun: Mit Nachklingen, mit Nachdenken, mit Nacharbeiten – wie ein Protokoll, das man schreibt, um die wichtigsten Beschlüsse einer Sitzung festzuhalten und gegebenenfalls noch mal darauf zurückzugreifen. Bei uns im Ältestenkreis ist das immer so: Dann kommt ein Thema und ach – das hatten wir doch schon mal: Wer hat ein Protokoll geschrieben? Dann liest man nach. Auch dazu dient Stille und Einsamkeit. Und ich möchte jetzt am Schluss meiner Predigt einen Bibeltext vorlesen, der genau dieser Stilleffekt, dieser Aha-Effekt, diese wunderschöne Betroffenheit so deutlich zutage tritt wie bei keinem anderen im Neuen Testament. Und daran anschließend gönnen wir uns bitte eine Minute der Stille: "Sela", Pause. Und du sagst während dieser Minute immer wieder mal in Gedanken zu Gott den Satz des jungen Samuel: "Rede, Herr – denn dein Knecht hört." "Sela". Wir lesen gemeinsam diesen Text und ihr könnt ihn wieder mitlesen: Am Abend des selben Tages sprach Jesus zu ihnen: "Lasst uns ans andere Ufer fahren." Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war – und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Wirbelwind und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. Aber er lag hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sagten: "Meister – kümmert es dich nicht, dass wir absaufen?" Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zum Meer: "Schweig! Stille! Verstumme!" Und der Wind legte sich und es entstand eine große Stille. Selah. Amen.