Ihr kennt diesen Moment im Alltag vielleicht auch, in dem man tief in seinem Inneren genau weiß, was eigentlich pädagogisch oder zwischenmenschlich auch das Richtige gerade wäre. Und man macht trotzdem genau das Gegenteil. Bei mir ist das oft so in der Küche. Wenn es auf den Mittag oder auch auf den Abend zugeht, dann muss das Essen auf den Tisch und die Zeit drängt. Und die theoretisch richtige Herangehensweise wäre jetzt, ich rufe die Kinder zusammen, wir schnippeln gemeinsam das Gemüse, ich erkläre ihnen in Ruhe, wie man eine Soße oder etwas anderes zubereitet. Und wir haben... Wir haben eine wertvolle Zeit zusammen. Die Realität sieht oft anders aus und die Motivation der Kinder hält sich meist auch sehr in Grenzen.
Und das Ganze würde nicht 20 Minuten dauern, sondern eher vielleicht eine Stunde. Das Gemüse wäre vermutlich eher grob gehackt und nicht so fein gewürfelt. Und die Küche sähe danach aus, eher wie ein Schlachtfeld und ich hätte mehr aufzuräumen. Also greift dieser innere Reflex. Ich mache das mal. Eben schnell selbst. So, wer von den Eltern kennt das? Ich bin nicht allein, danke. Also das geht dann ruckzuck, spart Diskussionen und schont dann auch die Nerven. Und das funktioniert im Moment dann auch so wunderbar. Aber irgendwann fällt es einem auf die Füße. Spätestens dann, wenn die Kinder größer werden und man feststellt, sie wissen immer noch nicht, in welcher Schublade der Schneebesen liegt.
Und eine Mahlzeit für sich selbst zubereiten wird zu einer echten Herausforderung. Der kurzfristige Zeitgewinn von heute ist der Verlust von Selbstständigkeit morgen. Nun ist unsere Gemeinde ja kein Erziehungscamp und es geht hier heute Morgen nicht um Küchenarbeit. Aber ich erzähle das, weil dieses Prinzip, dieser innere Reflex, ich mache es lieber selbst, uns auch durch das ganze Leben begleitet. Und er hat auch massive Auswirkungen darauf, wie wir unseren Glauben leben und wie wir als Gemeinde auch unterwegs sind. Wir starten heute in eine neue fünfteilige Predigtreihe. Und sie basiert auf einem Buch des amerikanischen Pastors Dave Ferguson. Das Buch, der Titel, der heißt Hero Maker. Auf Deutsch Heldenmacher.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber wenn ich Heldenmacher oder Hero Maker höre, klingt das erstmal in meinen Ohren ziemlich amerikanisch, hochgetrabt, sehr nach Hollywood oder auch nach großer Bühne. Aber wenn wir das Ganze mal entstauben und in unseren normalen Alltag übersetzen, geht es um etwas zutiefst biblisches. Es geht darum, ein Wegbegleiter zu sein, Menschen etwas zuzutrauen und ihnen auch Raum zu eröffnen. Wenn wir von Helden sprechen, denken wir im deutschsprachigen Raum vielleicht schnell an Selbstdarstellung oder Menschen, die unbedingt im Rampenlicht stehen wollen. Aber die Realität bei uns in der Gemeinde ist ja nicht, dass hier lauter Selbstdarsteller oder Narzissen herumlaufen und die eigene Bühne für sich suchen.
Unser Problem sieht vielleicht ganz anders aus. Wenn wir Dinge lieber alleine machen, hat das meistens sehr ehrliche und auch nachvollziehbare Gründe. Zum Beispiel Erschöpfung und auch der Zeitmangel. Jemanden in eine neue Aufgabe mitzunehmen, sei es im Beruf, im Hauskreis oder in irgendeine Gemeindearbeit, kostet am Anfang unglaublich viel Kraft und auch Zeit. Und beides haben wir oft einfach nicht. Oder der Qualitätsanspruch, den wir haben. Wir wollen, dass die Dinge gut gemacht werden. Ich habe das in früheren Gemeinden. Ich habe das in früheren Gemeinden oft so erlebt, gerade wenn es darum ging, Jugendliche zum Beispiel in den Hauptgottesdiensten mit einzubinden. Da hieß es schnell, vor allem wenn es um Musik ging, die treffen den Ton nicht oder es klang nicht so schön und die waren noch unsicher.
Der Takt wurde nicht gehalten und und und und. Und weil wir Sorgen haben, dass der Standard dadurch sinkt oder sich jemand verspielt, lassen wir sie gar nicht erst mitmachen. Aber so können sie es natürlich auch nicht lernen. Oder wir haben auch die Dienstleisterfalle. Das ist ein schleichendes Gift. Wir haben uns oft daran gewöhnt, dass Glaube und Gemeinde wie ein Service funktioniert. Man erwartet, dass die Hauptamtlichen oder die erfahrene Mitarbeiter das schon machen. Dafür sind sie ja da. Oder die Sorge vor Überforderung. Wir wollen andere keine Lasten. Also sagen wir aus lauter Fürsorge, lass mal, ich mache es schon. Und was ich auch noch gefunden habe, ist die Isolationsfalle. Manchmal haben wir uns in eine Aufgabe so vertieft und eingerichtet und dass sie zu einem eigenen kleinen Königreich geworden ist.
Da brennt jemand für seine Sache und merkt gar nicht. Und das ist das, was wir tun. Wir wollen, dass wir den Raum so komplett ausfüllen, dass für jemand anderen gar kein Platz mehr bleibt. Die leise Folge davon ist, die wenigen Aktiven rennen am Limit und brennen irgendwann aus. Oder sie werden älter, müssen aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten oder vielleicht ziehen auch Menschen weg. Und plötzlich steht ein Dienst komplett leer, weil niemand da ist, der diese Lücke, ausfüllt oder der da hineinspringen kann. Und gleichzeitig bleiben die Gaben, die Leidenschaft und das Potenzial so vieler anderer ungenutzt auf der Strecke. Und bevor wir jetzt aber in die Praxis schauen, müssen wir einen Schritt zurücktreten.
Wozu reden wir in den nächsten Wochen überhaupt darüber? Geht es hier um ein neues kirchliches Management Tool? Wollen wir einfach nur die Gemeindebilanz verschönern und die Lasten besser verteilen? Und ganz ehrlich, wenn es nur darum ginge, können wir direkt nach Hause gehen. Wir sind alle müde genug von ständigen To-Do-Listen, aber hier geht es um etwas viel Größeres. Wir haben gerade eine ganze Predigtreihe über das Thema Nachfolge hinter uns. Wir haben uns angeschaut, was es bedeutet, an der Hand von Jesus zu gehen, und von ihm zu lernen. Das war, denke ich, intensiv und für den einen oder anderen auch sehr persönlich. Aber wir tappen oft in die Falle, unseren Glauben als reine Privatsache zu betrachten.
So nach dem Motto, ich und Jesus, wir zwei kommen super klar. Ich hole mir sonntags meine Kraft und gut ist. Doch Jesus hat nie eine nur für mich Nachfolge gewollt. Was bei dir ankommt, ist von Gott nie als Endstation gedacht. Es ist wie mit einer Quelle. Wenn das frische Wasser in ein Becken fließt, aber nirgends abfließen kann, wird es irgendwann brakig und stirbt. Leben entsteht erst, wenn es überfließt. Und was soll überfließen? Es ist die Liebe von Jesus, die du selbst empfangen hast. Es ist die Barmherzigkeit, die Geduld, die dich verändert. Es ist das Reich Gottes, das mitten in unserem Alltag auch sichtbar wird. Eine Kerze verliert doch nichts von seiner Helligkeit, wenn sie eine andere Kerze entzündet.
Der Raum wird einfach nur heller. Und Gott ist so ein Multiplikator. Sein ganzer Plan für diese Welt basiert auf einer Kettenreaktion der Liebe. Jesus wollte keine steinernen Monden, sondern er wollte nur die Menschen, die sich in der Welt verlieben, die irgendwann verstauben. Er hat eine lebendige Bewegung in Gang gesetzt. Und der Grund, warum wir zu Wegbegleitern werden sollen, ist nicht, damit der Gemeindebetrieb läuft, sondern weil es das Großartigste ist, Teil dieser weltweiten Bewegung Gottes zu sein. Und genau das sehen wir auch in der Bibel. Wir können uns vorstellen, wir stehen jetzt mit den Aposteln in der Apostelgeschichte am Ölberg, kurz vor der Himmelfahrt Jesu. Drei Jahre lang war Jesus derjenige, der die Wundertat, der lehrte, der voranging.
Er war der Macher. Und jetzt, kurz bevor er geht, fragen ihn seine Jünger in der Apostelgeschichte 1, Vers 6 her, richtest du jetzt das Reich für Israel wieder auf? Und was für eine typische Möglichkeit, ist das für eine menschliche Frage. Sie wollen Stabilität. Sie wollen Sicherheit für ihre Zukunft. Was sie fragen, ist eigentlich, Jesus, gibst du uns jetzt ein fertiges System? Machst du das jetzt für uns klar, was du eigentlich die ganze Zeit versprochen hast? Aber Jesus gibt ihm nicht einfach diese bequeme Sicherheit und einen fertigen Businessplan. In Vers 8 sagt er den entscheidenden Satz, er sagt, ihr werdet, die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird und werdet meine Zeugen sein.
Also Jesus zieht sich nicht einfach zurück, weil er müde ist. Er geht, weil sein Plan von Anfang an die stetige Weitergabe des Lebens war. Er traut dieser bunten und auch unperfekten Truppe, wie wir sie in den vergangenen Predigten immer wieder gehört haben, die ja von zweifelnden Fischern, von Zöllnern bestand. Er traut ihnen die Zukunft seiner Sache zu. Und warum? Weil Jesus weiß, Gottes Geist wird nicht nur in ihm wirken, sondern genauso in ihnen. Und dieses Denken in Generationen ist im Kern ein Akt des Vertrauens in den Heiligen Geist. Und wenn ich alles selbst mache, mache ich mich unbewusst zum Nadelöhr für das, was Gottes Geist eigentlich durch andere Menschen tun möchte. Ich werde dann zu einer Blockade, weil alles nur durch meine Hände, meine Zeit, meine Vorstellungen fließen kann.
Und Gott möchte aber durch viele, viele verschiedene Menschen wirken. Und wenn ich nicht abgeben kann, bremse ich sein Handeln bei den anderen aus. Und wie ging das weiter? Hat Petrus dann einfach alles alleine gemacht? Nein. Wir können uns die Kettenreaktion der frühen Kirche mal anschauen. Da ist ein junger Mann namens Saulus, der spätere Paulus, ein ehemaliger Christenverfolger. Als er Christ wird, haben alle Angst vor ihm. Keiner traut ihm über den Weg. Obwohl er sich bekehrt hat. Alle dachten, vielleicht ist das ein Trick. Aber wer tritt dann auf die Bühne? Ein Mann namens Barnabas. Und sein Name bedeutet übersetzt Sohn der Ermutigung. Barnabas nimmt Paulus an die Hand. Er birgt sich für ihn.
Er holt ihn mit in den Dienst. Und Barnabas macht Paulus groß. Und irgendwann heißt es in der Bibel nicht mehr, Barnabas und Paulus, sondern Paulus und Barnabas. Barnabas hatte überhaupt kein Problem damit, in die zweite Reihe zu treten, weil er sah, wie Paulus aufblühte. Und Paulus, der behält das nicht für sich. Er nimmt später den jungen Timotheus an die Hand. Er investiert alles in ihn. Und in seinem letzten Brief schreibt Paulus an Timotheus den berühmten Satz, im zweiten Timotheusbrief, 2, Vers 2. Und was du von mir gehört hast, das vertraue treuen Menschen an, die fähig sein werden, auch andere zu lehren. Das sind vier Generationen in einem einzigen Satz. Paulus, Timotheus, treue Menschen und wieder andere.
Das Christentum hat nicht die Welt verändert, weil es ein paar geniale Solisten gab, sondern weil ganz gewöhnliche Menschen das Leben, das sie von Gott empfangen haben, an den Nächsten weitergegeben haben. Nun, was bedeutet das jetzt für uns ganz konkret? Wie werden wir vom Selbermachern zu Wegbegleitern? Und es beginnt heute nicht mit der Frage, wie wir das tun. Es beginnt heute nicht mit, einem großen Fünf-Punkte-Plan, den ich euch hier darstelle. Es beginnt mit einem einzigen Blickwechsel in unserem Kopf. Es ist der Wechsel von der alten Frage, wie kriege ich heute meine Aufgaben erledigt, hin zu der neuen Frage, wen kann ich heute eigentlich mitnehmen? Wen kann ich stärken? Und wo findet das statt?
Überall. In der Gemeinde. Wir fragen nicht mehr primär, wer füllt diese Lücke im Dienstplan, sondern wo kann ich mein Wissen teilen und jemanden Schritt für Schritt anleiten, damit er eigenständig hineinwachsen und etwas übernehmen kann. Und wir haben dafür auch so einen kleinen Jargon in unserer Christenwelt. Wir wollen sie zu mündigen Menschen zu mündigen Christen machen. Aber wir haben auch andere Stellen am Arbeitsplatz. Das funktioniert genauso. Es funktioniert genauso zu Hause mit der Familie und auch bei der Nachbarschaft. Du musst nicht immer der sein, der dann auch die Lösung parat hat. Vielleicht kannst du einfach einen jüngeren Kollegen ermutigen oder vielleicht auch einen Nachbarn Raum geben, dann auch aufzublühen.
Und lass mich auch ein Punkt besonders für uns als Gemeinde betonen, gerade für die, die vielleicht denken, ach, ich bin vielleicht schon ein bisschen älter. Ich bin weit über 50 oder 60. Die jungen Leute wollen von mir doch gar nichts mehr wissen. Und da sage ich euch, das ist eine Lüge. Eine aktuelle Schrift, die wir als Gemeinde betonen, ist eine Lüge. Wir wollen nicht mehr wissen, was wir Studie aus dem Fuller Youth Institut zur sogenannten Generation Alpha, also den Kindern und Jugendlichen von heute, die hier eben alle saßen, hat Erstaunliches herausgefunden. Nämlich 40 Prozent der heutigen Teenager wünschen sich ausdrücklich eine erwachsene Bezugsperson, mit der sie regelmäßig über Lebens- und Glaubensfragen sprechen können.
Ihr könnt euch das nochmal anhören. 40 Prozent. Die Jugend sucht keine perfekten, hippen Kumpels. Sie sucht verlässliche Menschen mit Lebenserfahrung. Menschen, die zuhören. Und dabei musst du nicht cool sein, du musst nur einen Stuhl an deinem Küchentisch freihalten für einen jungen Menschen. Nimm jemanden mit in das, was du ohnehin schon tust. Wenn du betest, wenn du im Garten arbeitest, wenn du einen Kuchen bäckst, dann halte einen Stuhl frei und komm mit dem Menschen ins Gespräch. Na gut, vielleicht fragst du dich jetzt, und wie soll das ganz, ganz praktisch aussehen? Ich habe es jetzt nur angedeutet. Wie mache ich das, ohne mich und andere zu überfordern? Und genau darum wird es eigentlich in den nächsten vier Wochen gehen.
Wir werden uns Schritt für Schritt anschauen, wie wir anderen echtes Zutrauen schenken. Wie wir im Alltag gemeinsam unterwegs sein können. Wie wir Gaben bei anderen entdecken und auch freisetzen und fördern. Und wie wir gemeinsam einen Blick auf das weite Reich Gottes auch richten. Aber heute, heute beginnt es mit diesem einen Klick im Kopf. Stell dir eine Gemeinde vor, in der niemand mehr die Last alleine tragen muss. Stell dir vor, wir legen unsere Erschöpfung ab, lassen die Sorgen vor Überlastung hinter uns und freuen uns stattdessen von Herzen daran, wie andere durch unsere Begleitung aufblühen und wachsen. Bob Bufford, ich hoffe, ich spreche ihn richtig aus, hat das einmal so schön in einem Buch ausgedrückt.
Echter geistlicher Erfolg zeigt sich nicht darin, wie viel an deinem eigenen Baum wächst, sondern ob deine Frucht an den Bäumen anderer wächst. Mama, echter geistlicher Erfolg zeigt sich nicht darin, wie viel an deinem eigenen Baum wächst, sondern ob deine Frucht an den Bäumen anderer wächst. Du musst nicht der Held sein, der alles irgendwie zusammenhält. Gott hat seinen Geist nicht nur in dich gelegt, sondern auch in die Menschen um dich herum. Könnt ihr euch einmal umschauen hier, so, ne? Keiner macht's, ihr dürft es wirklich machen. Schaut mal neben euch. So wer da eigentlich sitzt. Auch die besitzen den Geist Gottes. Trau ihnen etwas zu. Werde zu einem Wegbegleiter. Und dann staune darüber, was Gott tun wird mit euch und durch die Menschen um euch herum.
Amen.
