Oder Schmerz darüber, dass eigene Kinder oder Freunde ihren Glauben heute ganz anders leben oder sich völlig entfernt haben. Und dann ist da die stille Herausforderung, wenn neue, andere Menschen zu uns stoßen. Menschen mit Geschichten, die nicht in unser vertrautes Muster passen. Wie leicht passiert es da, und ich glaube, es ist meist eher unbewusst, dass unsere Empathie da an Grenzen stößt. Dass wir uns fragen, kann ich diesen Menschen wirklich verstehen oder liebe ich eigentlich nur die, die so denken und fühlen wie ich? Wir alle tragen so ein inneres Traumbild davon mit. Mit uns herum, wie Liebe, Harmonie und Unterstützung in unserer Gemeinde, in einer Gemeinde auszusehen hat. Und jedes Mal, wenn die Realität an diesem Ideal kratzt, dann tut es auch weh.
Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat einmal diesen tiefen Satz geschrieben. Wer sein Wunschbild einer christlichen Gemeinschaft mehr liebt als die christliche Gemeinschaft selbst, der wird jede christliche Gemeinschaft zerstören. Noch mal, wer sein Wunschbild einer christlichen Gemeinschaft mehr liebt als die christliche Gemeinschaft selbst, der wird jede christliche Gemeinschaft zerstören. Warum? Weil ein bloßes Wunschbild uns anspruchsvoll gegenüber anderen macht. Wir fordern vom anderen, dass er so wird, wie wir ihn gerne hätten. Jesus aber führt uns weg von der Gemeinschaft. Er führt uns weg von der Traumgemeinde hinein in eine reale Gemeinde. Und dieses Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Neue Testament.
Und es beschränkt sich nicht auf ein einziges Kapitel oder eine isolierte Geschichte in der Bibel. Überall dort, wo Gott Menschen beruft, stellt er sie in Beziehung zu anderen. Und der Evangelist Markus beschreibt im Kapitel 3 seines Evangeliums diesen Weg ganz praktisch, wie dieser Anfang beginnt. Und das wollen wir einmal lesen bzw. hören. Klappt das? Und er stieg auf einen Berg und rief zu sich, welche er wollte, und die gingen hin zu ihm. Und er setzte zwölf ein, die er auch Apostel nannte, dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen und dass sie Vollmacht hätten, die Dämonen auszutreiben. Und er setzte die zwölf ein. Simon, dem gab er den Namen Petrus, Jakobus, den Sohn des Zephedeus, und Johannes, den Bruder des Jakobus, und er gab ihnen den Namen Boanerges, das heißt Donnersöhne, und Andreas und Philippus, und Bartholomeus und Matthäus, und Thomas und Jakobus, den Sohn des Alpheus, und Thaddeus, und Simon Kananeus, und Judas Iskariot.
Der ihn dann verriet. Und so hat es angefangen mit den Jüngern, mit den Aposteln. Wenn wir heute Apostel hören, denken wir vielleicht an das Endprodukt, wie wir sie in der Apostelgeschichte oft sehen, sehr souverän, sehr allmächtig, oder, na, was heißt allmächtig, aber sehr souverän, und sie haben Macht, sie haben Autorität, und sie haben Weisungsbefugnis. Aber dieser goldene Schein um den Kopf dieser Apostel, der ist nur in unserem Kopf. Tritt man einen Schritt zurück und schaut auf die historische Realität dieser Truppe, zeichnet sich ein ganz anderes Bild ab. Wer saß? Wer saßen da eigentlich zusammen am Lagerfeuer, im Zelt oder in der Hütte? Da ist auf der einen Seite Matthäus, ein Zöllner.
Ein Mann, der mit der römischen Besatzungsmacht zusammengearbeitet hat und von den eigenen Landsleuten als Vaterlandsverräter betrachtet wurde. Und wer sitzt nur wenige Plätze weiter? Wer? Simon, der Kananeer. Wir lesen dann weiter, dass er auch der Zylot genannt wurde. Und die Zyloten waren radikale, teils bewaffnete Widerstandskämpfer, die Römer und römische Kollaborateure aus tiefster Seele hassten. Alle, die mit den Römern zusammenarbeiten, die wurden gehasst. Und in der Normalität... In der normalen Gesellschaft des ersten Jahrhunderts hätten diese beiden Männer kein Wort, nicht ein einziges Wort, miteinander gewechselt. Und wenn sie vielleicht nachts in einer Gasse sich begegnet wären, wäre Blut geflossen.
Und Jesus? Er beruft sie beide. Er setzt den ehemaligen Zöllner und den Untergrundkämpfer an denselben Tisch. Und dazu kommen Fischer wie Petrus, und Johannes, Männer mit einer ganz rauen Sprache und aufbrausendem Temperament. Jesus gab Johannes und seinen Bruder Jakobus nicht ohne Grund den Beinamen Donnersöhne. Ich denke, sie waren keine sanftmütigen Leisetreter, die so rumschlichen. Diese zwölf Männer waren keine harmonische Zweck-WG und schon gar kein homogener Freundeskreis. Sie passten menschlich von ihrer Herkunft und Prägung überhaupt nicht zusammen. Und warum hat Jesus sie genau so zusammengestellt? Markus nennt zwei entscheidende Motive. Er berief sie erstens, damit sie bei ihm seien und zweitens, damit er sie aussende.
Das erste ist das Fundament. Sie sind nicht zusammen, weil sie sich gegenseitig gesucht und gefunden hätten. Sie sind zusammen, weil Jesus sie gerufen hat. Und die Mitte dieser Gruppe ist nicht eine gemeinsame politische Haltung, nicht dieselbe soziale Schicht und auch keine natürliche Sympathie. Die Mitte ist einzig und allein die Person Jesus Christus. Und das ist das Fundament. Und was geschieht, wenn Jesus diese völlig unperfekte Truppe drei Jahre lang Tag und Nacht mit in einen intensiven Alltag hinein nimmt? Jesus führt sie oder führt seine Jünger immer wieder an Punkte, an denen sie merken, dass sie es alleine nicht schaffen können. Als Jesus die 5000 Menschen versorgt, was in Markus 6 wir lesen, stehen sie vor einer riesigen Menge und haben fast nichts.
Jesus fordert sie auf, den Leuten zu essen zu geben. Und da haben die gar nicht miteinander gestritten. Das war einfach nur viel zu viel für sie. Unser Glaube wächst nicht, wenn wir alles im Griff haben. Das ist das Entscheidende, glaube ich, an dieser Geschichte. Er wächst genau dann, wenn wir alles im Griff haben. Wenn wir spüren, wie wenig wir aus eigener Kraft eigentlich bewirken können und wie sehr wir darauf angewiesen sind, dass Gott in diesen Situationen handelt. Die Zwölf haben auch gemerkt, wie schnell ihr Mitgefühl an Grenzen stößt. Als die Mütter ihre Kinder zu Jesus brachten oder als ein Dorf Jesus nicht aufnehmen wollte, da wollten die Jünger sofort dicht machen und haben hart durchgegriffen.
Jesus nutzt diesen Moment aber nicht, um sie irgendwie fertig zu machen, um irgendwie sie mit dem Daumen irgendwie niederzustrecken oder irgendwie mit dem moralischen Zeigefinger auf sie zu zeigen. Jesus nutzt sie, nutzt diese Situation, um ihr Herz weit zu machen. Er zeigt ihnen eine Liebe, die viel weiter geht als ihre eigene Sympathie. Kurz vor seinem Tod geht Jesus noch einen Schritt weiter. weiter. Er kniet nieder und wäscht ihnen allen die Füße. Er dient genau den Männern, die ihn wenig später in Stich lassen werden. Denn am Ende erleben die Jünger ihren tiefsten Punkt und versagen völlig. Im Garten geht's ehemalig, schlafen sie ein und bei der Verhaftung laufen sie weg. Sie wollten eigentlich mutig sein, aber sie hatten keine Kraft dafür.
Als Jesus dem Petrus nach Ostern am See wieder begegnet, bringt er ihm nicht bei, wie man Konflikte löst, sondern Petrus spürt am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, wenn man gescheitert ist und trotzdem von Jesus geliebt und neu gebraucht wird. Und hier wird sichtbar, was die Schreiber des Neuen Testamentes meinen, wenn sie von geistlichem Wachstum und auch von Veränderung sprechen. Es geht nicht um ein krampfhaftes aus eigener Kraft besser werden. Es geht darum, dass das Wesen Jesu, also seine Barmherzigkeit, seine Geduld, seine Bereitschaft zu dienen, in unserem konkreten Handeln auch Raum gewinnt. Die Gemeinschaft der Jünger war sozusagen der Schulungsraum, in dem die Jünger sich in der Gemeinschaft verhalten haben.
Und die Gemeinschaft der Jünger war in dem dieser Charakter eingeübt wurde. Und genau diese Erfahrung gaben die Apostel später auch an die erste Gemeinden oder an den ersten Gemeinden weiter. Der Apostel Paulus greift diesen Gedankengang im Epheserbrief auf, wenn er die Gemeinde ermahnt. Er tragt einander in Liebe. Bemüht euch darum, die Einheit zu wahren, die der Geist Gottes euch gegeben hat. Paulus verwendet hier bewusst Begriffe, die auch Anstrengung und Hingabe signalisieren. Man muss das Miteinander ertragen, was auch ungemütlich ist. Man muss sich um Einheit bemühen, weil Unterschiede da sind und Reibung ganz natürlich entstehen dadurch. Und die neutestermächtige Gemeinde, die ist kein Ort, an dem alles mühelos von selbst läuft, sondern der Ort, an dem wir lernen, Vergebung zu wagen, Lasten mitzutragen und einander auch aufzuerbauen.
Nun, was bedeutet das ganz konkret für uns hier, in unserer Gemeinde? Erstmal eine ganz ehrliche Entlastung. Wir können und müssen die damalige Situation nicht eins zu eins in unser heutiges Gemeindeleben übertragen. Der Kreis der Zwölf hatte eine ganz spezifische Aufgabe in der Geschichte Gottes. Unsere Gruppen, Teams und Treffen heute sind kein historisches Eins-zu-eins-Abbild dieser Zwölf. Aber all die Räume, die wir haben, das Gespräch bei einer Tasse Kaffee nach dem Gottesdienst, also von mir aus rechts die zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn zehn Die entscheidende Frage ist, mit welcher Haltung gehe ich eigentlich in diese Begegnung hinein?
Gehe ich hinein wie in ein Kaufhaus mit dieser Konsumfrage, was bringt mir das? Entspricht das Angebot meinen Vorlieben? Oder gehe ich hinein mit der Haltung eines Jüngers und dem Gebet, Jesus, wo kann dein Charakter heute in mir wachsen? Und wie sieht das praktisch aus, wenn wir lernen, einander mit den Augen Jesu dann zu sehen? Es fängt vielleicht beim aktiven Zuhören an. Wenn wir jemanden in der Gemeinde begegnen, der vielleicht eine völlig andere Sicht auf ein Thema hat oder dessen Art mich auch herausfordert, könnte der Impuls sein, sofort dagegen zu halten oder mich abzuwenden. Aber Empathie? Die Einübung heißt hier, ich halte erstmal inne, ich frage nach, statt zu urteilen. Ich sage vielleicht, erzähl mir doch mal mehr, wie du zu dieser Haltung gekommen bist.
Was hat diese Haltung eigentlich geprägt? Ich höre zu, um den Menschen zu verstehen, nicht um die Debatte dann zu gewinnen. Oder es zeigt sich im praktischen Wahrnehmen des Anderen. Empathie bedeutet auch, mich in die Lage des Anderen hineinzuversetzen. Zu spüren, vielleicht reagiert der Bruder oder die Schwester gerade so scharf, weil er sie beruflich unter enormem Druck steht. Vielleicht zieht sich die Schwester zurück oder der Bruder zurück. Nicht, weil sie unfreundlich ist, sondern weil sie sich beziehungssatt oder auch einsam fühlt und nicht weiß, wie sie anderen begegnen soll. Und das ist das, was wir in der Gemeinde tun. Paulus entfaltet im Epheserbrief das Bild eines lebendigen Organismus.
Er erklärt, dass Gott jedem Einzelnen unterschiedliche Gaben geschenkt hat, damit der ganze Leib wachsen kann. Und das bedeutet, wenn wir uns zurückziehen, fehlt der Gemeinde etwas. Gott hat jedem von uns so gedacht, dass wir einander auch ergänzen. Je nachdem, wo du heute stehst. Sieht die Herausforderung ganz unterschiedlich aus. Wenn du eher, sag ich mal, harmoniebedürftig, vielleicht auch konfliktscheu bist, so wie ich. Die Einladung ist, nicht Auseinandersetzungen dann konfrontativ zu suchen. Die Einladung ist, auch nicht innerlich zu kündigen, wenn es erstmal unangenehm ist. Die Einladung ist, dran zu bleiben, dabei zu bleiben. Beziehungen nicht vorschnell abzubrechen, sondern das Gespräch auch in Güte zu suchen.
Aber wenn du beziehungsmüde oder auch beziehungssatt bist, die Einladung ist, die Erwartung an eine perfekte Gemeinde auch loszulassen. Und Jesus Schritt für Schritt zu erlauben, dein Herz wieder für die Reale, auch die unperfekten Menschen zu öffnen, die heute hier sind. Und wenn du denkst, ich brauche die anderen nicht wirklich, mein Glaube ist Privatsache. Die Einladung ist, zu entdecken, dass Gott dich als Teil eines Ganzen geschaffen hat. Er hat dir Gaben anvertraut, die deine Geschwister brauchen. Und er hat den anderen Gaben gegeben, die du brauchst, damit dein Glaube nicht austrocknet. Und wenn es dir schwerfällt, hilfst du ihm. Und wenn es dir schwerfällt, hilfst du ihm. Und wenn es dir schwerfällt, hilfst du ihm.
Und wenn es dir schwerfällt, hilfst du ihm. Und wenn wir einander ertragen, einander ermutigen, Vergebung auch praktisch leben und gemeinsam reifen, dann bleibt diese Liebe nicht in unseren Räumen stecken. Sie strahlt ganz von alleine aus. In unsere Familie hinein, am Arbeitsplatz, in unsere Nachbarschaft. Also wir müssen als Gemeinde nicht perfekt sein. Und auch nicht perfekt werden. Die Zwölf um Jesus waren niemals eine fehlerfreie Elite-Truppe. Sie waren schwach, sprunghaft und voller Gegensätze. Und ihre Stärke lag einzig und allein darin, dass sie sich von Jesus zusammenstellen und von ihm formen ließen. Wenn wir heute auf unsere Gemeinde blicken, auf all die bunten Angebote, auf das schöne Miteinander, aber auch auf das, was manchmal anstrengend ist, was man nicht so oft sieht, dann dürfen wir gewiss sein, Jesus ist hier.
Er ist mitten unter uns. Er ruft uns nicht in eine Wunschbildgemeinde. Er stellt uns genau jetzt, genau hier zusammen. Gemeinde ist deshalb nicht der Ort, an dem nur Leute zusammensitzen, die sowieso gleich ticken. Sie ist der Ort, an dem wir das Leben teilen. Hier begegnen wir der Trauer von jemandem, an dem wir sonst einfach vorbeigegangen wären. Hier lernen wir, wie wir vorsichtig mit den Schwächen des Anderen umgehen, weil wir wissen, wie oft wir selbst nicht weiter wissen. Und ja, wir halten auch Unterschiede aus. Nicht, weil wir uns abarbeiten wollen, sondern weil Jesus genau durch diese Begegnung Stück für Stück so formt wie sein eigenes. Lassen wir uns darauf ein, im Vertrauen darauf, dass er der Meister ist, der uns formt, trägt und Schritt für Schritt verändert.
Amen. Amen. Amen. Amen. Amen. Amen. Amen. Keiner ist nur immer schwach und keiner hat für alles Kraft. Jeder kann mit Gottes Gaben das tun, was kein anderer schafft. Keiner, der nur alles braucht und keiner, der schon alles hat. Jeder liebt von allen anderen. Jeder macht die Arbeit. Jeder ist von allen anderen satt. Gut, dass wir einander haben. Gut, dass wir einander sehen. Sorgen, Freude, Kräfte teilen und auf einem Wege gehen. Gut, dass wir nicht uns nur haben, dass der Kreis sich niemals schließt und dass Gott von dem, von dem wir reden, hier in unserer Mitte ist. Amen.
