Wenn Gott größer ist als unsere Bilder
Predigt

Wenn Gott größer ist als unsere Bilder

Christopher NorkChristopher Nork
Sonntag, 25. Januar 2026 · 10:00 Uhr
Jesaja 42,14 -16 – Aus technischen Gründen, fehlen die ersten vier Minuten.
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Transkript

Zum Mitlesen oder gezielten Springen zu Passagen.

Wir stehen hier am Anfang eines neuen Jahres. Keiner von uns weiß, was die nächsten Monate bringen wird. Und genau in den Momenten, wo das Leben nicht nach Plan läuft, merken wir oft, dass unsere alten Vorstellungen dann auch an ihre Grenzen stoßen. Der nette Opa auf der Wolke ist zwar gemütlich, aber hilft er mir wirklich, wenn ich eine Nachricht bekomme, die mir den Boden unter den Füßen wegzieht? Der strenge Polizist sorgt vielleicht für Ordnung, aber tröstet er mich, wenn ich mich nachts einsam fühle und nicht weiß, wie es weitergeht? Irgendwie merken wir dann: Unser Bild von Gott ist zu klein. Sie sind wie alte Landkarten, die in der neuen Umgebung nicht mehr stimmen. Wir versuchen Gott in diese vertrauten Schablonen zu pressen, aber die Realität sprengt an den Rahmen. Wir haben oft so feste Vorstellungen davon, wie Gott sein muss und wie er zu handeln hat. Aber was, wenn Gott viel größer ist als unsere Bilder? Was, wenn er sich ganz anders zeigt, als wir das auch erwarten? Und genau darum geht es heute. Und damit starten wir auch in unsere neue Predigtreihe "Gottes neue Wege". Wir wollen entdecken, was passiert, wenn wir die alten Schablonen mal beiseite legen, wenn wir uns trauen, neu auf Gott zu schauen. Denn es gibt da einen Text in der Bibel beim Propheten Jesaja und der ist uralt, aber er räumt radikal mit solchen Klischees auf. Wir müssen uns mal ganz kurz in die Lage der Leute versetzen, die das damals als allererstes Mal gehört haben. Es war das Volk Israel. Und die sitzen gerade im Exil – also sie sind nicht in ihrem Heimatland, sondern weit weg in Babylonien. Sie sitzen dort fest, wurden verschleppt. Und zwar nicht erst ein paar Wochen sind sie dort, sondern schon seit Jahrzehnten. Für die war die Sache eigentlich ganz klar: Sie hatten eine klare Vorstellung von dem Gott, den ihre Vorfahren damals angebetet haben. Unser Gott – also der Gott Israels – hat verloren. Die Götter vom Babylon sind stärker, sie sind lauter, sie sind mächtiger. Unser Gott scheint hier im Exil absolut nichts mehr zu melden zu haben. Er schweigt, er ist weit weg. Wahrscheinlich hat er uns vergessen oder er kann einfach nichts mehr tun. Der Tempel in Israel ist zerstört – da wo Gott eigentlich anwesend gewesen ist. Und dieser Tempel liegt brach. Er ist zerstört in Trümmern. Ein Zeichen dafür: Gott hat verloren. Und jetzt im Exil, dort wo sie im Babylon sind, da gibt es große Veranstaltungen. Beim Gott Marduk – da gibt es große Prozessionen, wo große Märsche veranstaltet worden sind. Und das sehen sie. Wo ist da unser Gott? Das war ihr Gottesbild: Ein Verlierergott, ein Schweigengott. Und dann lesen wir den Text davor und denken: Okay, jetzt greift Gott ein. In den Versen – vor unseren vielleicht die Bibelfersen, die ich ausgewählt habe – da wird Gott als ein mächtiger Krieger beschrieben. Also einer, der laut brüllt, der in die Schlacht nun ziehen will. Und da denkt der Hörer: Na endlich! Endlich ist er aufgewacht, endlich hört er, endlich bewegt er sich. Jetzt haut er mal drauf, jetzt zeigt er mal den Babylonern, wo es lang geht. Aber dann kommt dieser Vers 14. Da macht Gott einen Cut – der, glaube ich, die Sicht auf ihn erst mal alles verändert. Es ist auch ein totaler Stilbruch. Da heißt es: „Ich habe lange geschwiegen, ich habe mich zurückgehalten. Aber jetzt schreie ich wie eine gebärende Frau, ich ringe nach Luft, ich atme schwer.“ Das müsst ihr mal wirklich an euch ranlassen. In einer Welt, wo alle dachten, Gott ist tot oder er ist schwach, sagt er: „Ich bin gerade dabei, etwas Neues zu schaffen. Ich bin dabei, Neues zu gebären. Ich bin nicht am Ende, ich fange gerade erst an.“ Und das mit Anstrengungen verbunden. Gott ist hier voller Leidenschaft – fast schon körperlich spürbar. Er setzt alles ein, damit neues Leben in diese totenlose Situation, in die trostlose Situation hineinkommt. Aber Geburt ist ja nur der erste Schritt. Wenn das neue Leben da ist, braucht es Platz. Und das erklärt dieser seltsame Vers 15 dann – der erst mal ziemlich brutal klingt. Da sagt Gott: „Ich verwüste Berge und Hügel, ich lasse das Gras vertrocknen, ich mache Flüsse zu Inseln.“ Und auf den ersten Blick denkt man: Häh? Was soll das jetzt? Warum macht er jetzt alles kaputt? Eben war noch Geburt – jetzt wieder Zerstörung. Aber schauen wir mal genauer hin. Damals war die Natur oft wilde und durchdringliche Wildnis, also Chaos. Da kam man nicht durch. Wenn Gott hier sagt: „Ich mache die Berge platt, legt die Flüsse trocken“, dann meint er damit: Ich schaffe Ordnung im Chaos. Ich räume die Hindernisse weg, ich dränge die Wildnis zurück, ich planiere das Gelände – nicht, um es kaputt zu machen, sondern um eine Bahn für euch zu bauen. Er schafft einen Weg, wo vorher nur Gestrüpp und Felsen waren. Er bereitet den Boden vor, damit man überhaupt, überhaupt erst laufen kann. Und genau das ist die Brücke zu uns – und zu Vers 16. Weil Gott die Bahn frei macht, kann er dann sagen: „Und jetzt hole ich die Blinden und führe sie.“ Er nimmt die Leute, die keine Hoffnung mehr haben, die den Weg vor lauter Chaos nicht mehr sehen. Zu denen sagt er: „Komm mit. Ich habe den Weg für euch frei geräumt.“ Er führt sie auf Faden, die sie vorher noch nicht kannten. Warum kannten sie die nicht? Weil sie vorher gar nicht da waren. Gott hat sie gerade erst neu geschaffen. Das ist die Botschaft an die Leute damals im Babylon – und auch an uns: Euer Gott ist nicht zu schwach. Er ist dabei, mitten in eurem Chaos eine Schneise zu schlagen. Er macht aus der Dunkelheit vor euch Licht und aus den holprigen Strecken einen ebenen Weg. Er sagt: „Ihr müsst den Weg nicht bauen. Das mache ich. Ihr müsst ihn nur mit mir gehen, an meiner Hand.“ Aber was heißt das jetzt für uns heute – am 25. Januar, mitten in unserem ganz normalen Leben? Wir haben gesehen: Gott räumt auf. Er schafft den Weg. Aber der entscheidende Punkt in diesem Text ist nicht der Zustand derer, die den Weg gehen. Er nennt sie blinde. Und wenn wir ehrlich sind, sträubt da vielleicht alles in uns. Wir wollen nicht blind sein. Wir leben in einer Zeit, in der wir alles wissen wollen. Wir wollen die Diagnose sofort. Wir wollen den Rentenbescheid schwarz auf weiß. Wir wollen, dass Gott uns den Masterplan vielleicht für dieses Jahr – also für das Jahr 2026 als PDF jetzt schon schickt, damit wir ihn abheften, abhaken können und schon wissen, was alles auf uns zukommt. Aber wir verwechseln oft Glauben mit Wissen. Wir denken: Starker Glaube heißt, dass ich genau weiß, was Gott vorhat. Aber Jesaja sagt uns heute etwas viel Tieferes: Glaube heißt nicht, den Weg zu kennen. Glaube heißt, den Führer zu kennen – also Gott zu kennen, den, der Neues schafft, der sich hier als der Gebärende vorstellt. Es ist da ein wunderbares Bild von Henry Nouwen, das diesen Moment der Blindheit auch beschreibt. Er hat sich mal lange mit Trapezkünstlern im Zirkus unterhalten – und einer der Artisten sagte in einem Satz, der für ihn dann plötzlich die Sicht verändert hat: „Das Geheimnis ist: Der Flieger tut nichts. Der Flieger muss loslassen und die Hände ausstrecken – aber er darf nie versuchen, den Fänger zu fangen. Der Fänger fängt ihn.“ Wenn der Flieger versucht, den Fänger zu greifen, brechen sich beide die Handgelenke. Das ist dieser Moment zwischen den Trapezern: Du hast das Alte losgelassen, du hast das Neue noch nicht. Du hängst mehr oder weniger in der Luft – du siehst nichts, du hast keinen Halt unter den Füßen. Das ist genau dieser Weg, den die Leute nicht kennen, die Israeliten, von dem Jesaja hier auch spricht. Und die tiefe geistliche Übung für uns ist in diesem Moment: Nicht wild um uns zu schlagen – nicht krampfhaft versuchen, selbst neue Wege zu zimmern oder Gott zu spielen. Sondern die Hände auszustrecken und darauf zu vertrauen, dass da drüben einer ist, der uns dann auffängt. Vielleicht streckst du gerade genau in so einer Schwebephase – vielleicht ist eine Beziehung zerbrochen, vielleicht ist im Job die alte Sicherheit weg. Also: Berge wurden verwüstet. Vielleicht fühlst du dich geistlich gerade blind. Dann ist die Botschaft von heute nicht: „Reiß dich endlich zusammen und such den Weg.“ Die Botschaft ist: Deine Blindheit, deine Ungewissheit über die Zukunft ist kein Fehler im System – sie ist der Moment, wo Gott übernehmen kann. Gott sagt: „Ich mache das Dunkel hell.“ Aber eben nicht, indem ich dir einen Scheinwerfer gebe, damit du alles kontrollieren kannst – sondern indem ich selbst das Licht bin. Ich suche oft nach Sicherheit; wir suchen oft nach Sicherheit. Gott bietet uns etwas Besseres an – er bietet uns Geborgenheit an. Sicherheit heißt: Ich habe sozusagen die Karte und habe alles unter Kontrolle. Aber Geborgenheit heißt: Jemand hält meine Hand fest. Stellt euch mal vor, was passieren würde, wenn wir das als Gemeinde auch wirklich leben – wenn wir aufhören so zu tun, als hätten wir auf alles eine Antwort; wenn wir aufhören, Gott in unseren kleinen, frommen Boxen zu sperren, nur damit wir uns sicher fühlen. Stattdessen werden wir eine Gemeinde der Mutigen. Wir werden Menschen, die sagen: „Okay, Gott – ich sehe den Weg noch nicht, ich sehe nur Chaos, ich sehe verwüstete Hügel – aber ich weiß, wer du bist.“ Du bist der, der schreit und kämpft, um Neues zu gebären. Du bist der Fänger am Trapez. Und dieses Gebären, von dem Jesaja spricht, das ist ja nicht nur ein altes Bild. Das hat Gott ultimativ in Jesus Christus ja wahrgemacht: Durch Jesus hat Gott neues Leben in die Welt gepresst – durch den Schmerz am Kreuz, durch die Dunkelheit bis zum neuen Morgen der Auferstehung. Da ist der Weg entstanden – der Weg ins Leben. Und Taufe bedeutet ja nichts anderes, als dass ein Mensch sagt: „Genau dieses neue Leben, das Gott geboren hat, das will ich.“ Ich lasse mein altes Leben, meine alten Bilder, meine Versuche, es selbst zu schaffen – ich lasse es los. Ich lasse mich in Gottes Hände fallen. Und wir haben das Vorrecht, dass wir heute nicht nur theoretisch darüber reden: Wir haben jemand unter uns, der genau an diesem Punkt steht. Jemand, der sagt: „Ich habe mich auf diesen neuen Weg eingelassen.“ Und bevor wir dieses Taufzeugnis gleich hören, nehmen wir noch diesen Satz aus Vers 16 mit – der wie ein Fels in der Brandung steht: „Das alles werde ich tun und nicht davon lassen. Das alles werde ich tun und nicht davon lassen.“ Er zieht nicht zurück und er lässt auch nicht los. Er will dich fangen. Amen.