Predigt · EFG Wiesbaden

Gottesdienst

Christopher Nork
Prediger
Christopher Nork
Datum
31. Mai 2026
Bibelstelle
Gebet für den Iran
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Transkript

Es ist so, dass ich unter der Woche immer wieder durch die Nachrichten scrolle. Ich hole mein Handy raus, öffne die Nachrichten-App und dann lese ich erstmal die Headlines. Und dann beginnt es schon. Ein Film spielt sich in meinem Kopf ab. Und das sind oft düstere Szenarien. Du liest vom Krieg in der Ukraine, von den endlosen Spannungen in Russland oder mit Russland und dann schaust du über den Atlantik und da ist die USA und man denkt sich: Was passiert da gerade eigentlich drüben? Wie reagieren die? Was ist da eigentlich los? Das wirkt für mich so seltsam und auch unberechenbar. Und das sind ja nur die Konflikte, die wir ganz nah an uns heranlassen, weil sie unmittelbar mit unserer Wirtschaft zu tun haben, mit unseren Energiepreisen, und auch mit unserem Wohlstand. Und daneben laufen die Kriege, die wir fast schon übersehen, weil sie weiter weg sind. Im Sudan, in anderen Teilen von Afrika. Und es hört einfach nicht auf. Und das Schlimmste daran ist diese lähmende Unmacht. Du sitzt hier im sicheren Deutschland, liest die Berichte, siehst die Bilder von zerstörten Städten und du musst einfach zusehen. Du kannst abwarten.

Und dann gibt es dieses Buch, das ich lese. Es geht darin um einen totalen Blackout. Also ein totaler Stromausfall. Von einer Sekunde auf die andere geht dann nichts mehr. Kein Licht, kein Internet, keine Logistik, kein Supermarkt, der noch funktioniert. Alles, was modern ist, bricht zusammen. Man hat das ja vor kurzem auch erst nur im Kleinen gesehen in Berlin, als in einem Stadtteil für längere Zeit der Strom weg war. Da merkt man plötzlich, wie verletzlich man eigentlich ist.

Und während ich dieses Buch lese, merke ich, wie mein inneres Alarmsystem anspringt. Ich fange an nachzudenken: Wie überlebensfähig wäre ich eigentlich, wenn sowas eintritt? Wie gut bin ich auf so etwas vorbereitet? Und plötzlich schaltet mein Gehirn in den Absicherungsmodus. Ich erwische mich bei den Gedanken, eigentlich bräuchte ich einen solarbetriebenen Generator im Keller, den ich dann bei Bedarf rausholen kann. Ich müsste Vorräte horten, am besten in Konserven. Du musst dich irgendwie absichern.

Aber warum mache ich das? Warum flüchten wir uns in solche Strategien? Ich denke, weil dahinter ein tiefes Gefühl der Hilflosigkeit liegt. Wir merken, dass wir die ganz großen Dinge nicht im Griff haben. Und dann versuchen wir, krampfhaft uns mit kleinen Dingen zu beschäftigen, eine kleine Festung zu bauen und irgendwie die Kontrolle zu behalten.

Aber dieses Gefühl ist ja nicht neu. Wir müssen dafür gar nicht auf die große weltpolitischen Zusammenhänge schauen. Wir haben das ja vor ein paar Jahren ganz real erlebt, als Corona kam. Und ich weiß noch, wie ich in der Gemeinde versucht habe, Dinge zu gestalten, Gottesdienste zu planen, Gemeinschaften möglich zu machen. Und jedes Mal, wenn ich dachte: Man hat einen Plan – kamen die nächsten Verordnungen und alles musste wieder neu überdacht werden. Und irgendwann war die Luft raus. Dieses ständig reagieren müssen, dieses Gefühl, eigentlich immer nur zu reagieren und hinterherzulaufen. Und das war unheimlich anstrengend. Und es hat mich phasenweise echt an den Rand der Verzweiflung gebracht, weil ich merkte: Eigentlich möchte ich gerne steuern, aber ich kann es nicht.

Und dann gibt es die Momente, in denen bricht die Unmacht noch viel privater in unser Leben hinein. Wenn du mitbekommen musst, wie der eigene Großvater an Demenz erkrankt und immer mehr abbaut: Geistig und körperlich schwindet und du stehst daneben und kannst absolut nichts tun. Oder mein Onkel, den ich erst letzte Woche gesehen habe – er hat einen Hirntumor. Und zu erleben, wie ein Mensch, den man eigentlich kennt und lieb hat, der so rapide abbaut: Das hinterlässt irgendwie ein unbehagliches Gefühl. Und da gibt es keinen Notfallplan. Da hilft kein Generator im Keller. Da ist einfach nur diese nackte, harte Realität.

Die Welt wankt. Krankheiten brechen ein, Familien geraten in Krisen und wir merken: Wie verdammt wenig wir eigentlich kontrollieren können. Und ich glaube, ich bin mit diesen Sorgen und mit diesen Gefühlen, auch mit diesen Erfahrungen heute Morgen nicht ganz alleine. Wir alle teilen diese Momente, in denen uns die Kontrolle entgleitet.

Vielleicht ist bei dir gerade nicht der weltpolitische Frieden, der dir schlaflose Nächte bereitet. Sondern die ganz persönliche Diagnose. Vielleicht ist es die Angst vor dem Altern, das Zerbrechen einer Beziehung oder einfach diese chronische Erschöpfung, weil das Leben sich seit Monaten anfühlt wie ein einziger Krisenmodus.

Wir alle versuchen, das irgendwie dann zu managen. Wir bauen uns unsere eigenen kleinen Sicherheitsburgen durch Versicherung, durch Konsum. Durch Arbeit oder indem wir die Sorgen einfach irgendwie versuchen, beiseite zu schieben und zu tun, als wäre nichts. Wir versuchen krampfhaft stark zu sein, das System am Laufen zu halten, die Zähne zusammenzubeißen. Wir wollen den Halt nicht verlieren.

Aber tief drin spüren wir: Der Boden, auf dem wir stehen, ist gar nicht so sicher, wie wir dachten. Wir sehen uns nach einem Ort, der bleibt, wenn alles andere wegbricht.

Und genau in diese Situation hinein spricht ein uralter Text aus der Bibel. Es ist ein Lied von Menschen, die genau wussten, wie es sich anfühlt, wenn die Welt aus dem Fugen gerät. Ich lese die Verse aus dem Psalm 46 mal vor:

„Gott ist unsere Zuflucht und Stärke, ein bewährter Helfer in Zeiten der Not. Darum fürchten wir uns nicht.

Selbst wenn die Erde bebt und die Berge ins Meer stürzen, wenn die Meereswogen toben und schäumen und die Berge vor ihrem Übermut zittern.

Ein Strom mit seinen Bächen erfreut die Stadt Gottes, das Heiligtum, in dem der Höchste wohnt. Gott ist in ihrer Mitte, darum wird sie niemals wanken. Gott hilft ihr, wenn der neue Tag anbricht.

Völker toben, Königreiche wanken. Doch all...

Als er seine Stimme erschallen ließ, schmolz die Erde. Der Herr, der Allmächtige, ist mit uns. Der Gott Jakobs ist unsere sichere Burg.

Kommt und seht die Taten des Herrn, der auf der Erde ein solches Entsetzen auslöst. Er macht den Krieg überall auf der Erde ein Ende. Er zerbricht die Bogen, zerschlägt die Speere und verbrennt die Kriegswagen im Feuer.

Seid stille und erkennt, dass ich Gott bin.“

Ich finde, wenn man diesen Text liest, dann merkt man sofort: Da steckt kein billiger Trost drin. Da soll kein frömmelndes Pflaster irgendwie auf eine klaffende Wunde geklebt werden.

Der Beter dieses Psalm ignoriert die Katastrophen dieser Welt nämlich nicht. Er redet nichts schön. Er zeichnet Bilder, die fast schon vielleicht auch apokalyptisch sind: Die Erde bebt, die Berge stürzen ins Meer, die Völker toben, Königreiche wanken.

Das hebräische Wort für das tobende Meer meint hier: Das Urchaos, das Lebensfeindliche, alles, was unsere Ordnung bedroht. Und der Psalmist sagt im Grunde: Ja, das Chaos ist real. Die Kriege sind real und auch das Gefühl der Unmacht. Es ist real.

Aber – und das ist der entscheidende Wendepunkt – das Chaos hat nicht das letzte Wort.

Und schauen wir uns das mal genauer an, wie dieser Text das erlebbar macht für uns, und hoffentlich dann auch für unseren Alltag.

Der Psalmist beginnt mit den Worten: „Gott ist unsere Zuflucht und Stärke.“ Und auch hier im Hebräischen steht ein ganz besonderes Wort: Machse. Das – was ist das eigentlich für ein Wort?

Machse war für die Menschen damals wirklich etwas ganz Konkretes. Es war eine hochgelegene Felsenburg. Wenn ein Unwetter über das Land zog oder vielleicht auch feindliche Heere anrückten, dann war das der Ort, zu dem man flüchtete.

Das bedeutet für uns: Gott ist hier nicht irgendwie etwas Abstraktes, was wir uns irgendwie im Kopf vorstellen können oder einsortieren müssen. Gott ist ein Raum, ein realer Schutzraum, den wir betreten können.

Und wir dürfen das nicht vergessen: Wer diesem Psalm auch mitsingt? In unserer Mitte sitzen ja auch Geschwister, die genau das, wovon der Psalm hier redet, am eigenen Leib erlebt haben. Menschen, die aus dem Iran oder anderen Teilen der Welt fliehen mussten, weil Völker tobten und Unrechtssysteme das Leben unerträglich machten.

Und sie wissen: Was es bedeutet, wenn die eigene Heimat wankt und man alles verliert. Sie wissen, wie sich echte Kriegsunmacht anfühlt.

Und gerade für sie – und auch für uns alle – hält der Text fest: Gott verspricht uns nicht, dass er uns vor jedem Sturm bewahrt. Er verspricht uns, dass er unsere Zuflucht im Sturm ist. Er hält das Erdbeben nicht auf. Aber er hält dich fest, während die Erde bebt.

Du musst nicht selbst die Festung sein. Du musst nicht der unerschütterliche Krisenmanager sein, der für alles eine Lösung parat hat. Du darfst dich in die Burg flüchten.

Und dann kommt der Vers 5. Der ist wunderschön, finde ich. Aber auch irgendwie zeichnet er da ein Kontrast oder ein paradoxes Bild: „Ein Strom mit seinen Wächen erfreut die Stadt Gottes.“ Gott ist in der Stadt Gottes. In ihrer Mitte. Darum wird sie niemals wanken.

Stellt euch diesen Kontrast vor: Draußen tobt das riesige, lautosende Weltmeer. Also das Chaos brüllt. Da ist Angst. Da ist Überforderung. Aber im Inneren der Stadt Gottes gibt es keinen reißenden Ozean. Keine großen Wellen. Da fließt ein Strom: Ein ruhiger, stetiger, lebensspendender Fluss.

Und das ist die Art und Weise, wie Gott auch in unser Leben wirkt. Gottes Frieden kommt meistens nicht mit dem großen, lauten Paukenschlag daher, der die Weltpolitik mit einmal gerade rückt. Er kommt oft als dieser leise, beständige Strom, der unsere Seelen vom Inneren heraus versorgt.

Und während draußen der Sturm tobt – gibt es einen Ort der Ruhe. Weil Gott in der Mitte ist.

Und wenn du in dieser Burg bist: Dann verändert sich nicht sofort das Wetter da draußen. Wir erleben es ja jetzt auch gerade: Es tobt ein wenig draußen. Aber es verändert sich deine Position im Sturm. Du stehst nicht mehr schutzlos im Regen. Du sitzt am sicheren Ufer dieses Lebensstromes.

Und dann steuert der Psalm auf diesen einen Satz zu aus Vers 11: „Seid stille und erkennt, dass ich Gott bin.“

Und vielleicht klingt das jetzt erst mal seltsam für euch in euren Ohren. Vielleicht klingt es auch eher wie ein Appell. Einige von uns sind ja vielleicht auch so erzogen worden, so mit dem moralischen Zeilen: „Sei jetzt endlich still.“ Aber das ist damit nicht gemeint.

Hier ist nicht irgendwie sowas gemeint: Halt endlich den Mund und nimm dein Schicksal klaglos an. Auch hier ist wieder ein wunderschönes Wort im Hebräischen. Und das heißt Hapu. Und Hapu bedeutet etwas völlig anderes. Das heißt: Lass einfach ab. Lass die Hände sinken oder lass los.

Und das soll auch kein freundlicher Wellness-Trip für gestresste Seelen sein. Das ist ein Seelsinn. Das ist ein seelsorgliches Machtwort Gottes an unsere inneren Alarmsysteme.

Gott spricht dieses Wort mitten in eine Kriegsszene hinein. Direkt davor heißt es, dass er die Bögen zerbricht und die Kriegswagen verbrennen will. Und Hapu ist eigentlich ein Abrüstungsbefehl. Gott sagt zu den tobenden Mächten – aber auch zu uns: „Hapu! Lass die Hände endlich sinken. Leg die Waffen deiner Hände. Lass deine Eigenmacht nieder.“

Hör auf, krampfhaft zu versuchen, alles aus eigener Kraft zu tun, als würde die Rettung der Welt von deiner chronischen Überforderung abhängen.

Lass deine Kontrollwahn los. Lass deine Unmacht los. Und erkenne: Dass ich Gott bin. Nicht du bist Gott. Ich habe das Regiment. Ich sitze auf dem Thron, auch wenn Königreiche wanken.

Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott.

Und das Hapu, dieses Sinken lassen der Hände, ist keine Einladung zur Passivität. Es ist der strategische Boxenstopp für unsere Seelen. Es geht um die richtige Reihenfolge: Wenn wir versuchen, die Welt zu verändern, ohne vorher vor Gott still geworden zu sein – dann brennen wir aus. Dann handeln wir aus Angst und Druck statt aus Gottes Freiheit.

Wir lassen heute Morgen also nicht die Hände sinken, um danach gar nichts mehr zu tun. Wir lassen die Hände sinken, damit Gott unsere Hände, unsere verkrampften Hände mit etwas Neuem füllen kann.

Erst wenn wir anerkennen: Dass Gott die Welt hält – können wir danach völlig angstfrei und vollmächtig aufstehen und anpacken. Wir treten einen Schritt zurück, lassen Gott Gott sein und danach als gesunde Täter seines Wortes wieder anpacken.

Und jetzt wird dieser Psalm, ich hoffe, ganz praktisch für dich und auch für mich: Wenn wir das heute hören – dieses Hapu, dieses Lass die Hände sinken – dann stellt sich die Frage: Wo betrifft dich das jetzt ganz persönlich?

Was ist das, was du heute Morgen hierher mitgebracht hast? Wo merkst du: Ich halte es krampfhaft für dich? Wo versuchst du gerade, dich verzweifelt selbst abzusichern?

Vielleicht in deiner Familie – wo du versuchst, eine Situation zu kontrollieren, die du längst nicht mehr steuern kannst. Vielleicht bei der Arbeit – wo du dich aufreibst, weil du denkst: Ohne dich bricht auch alles zusammen.

Vielleicht ist es die Angst vor der Zukunft, die dich nachts nicht schlafen lässt, weil dein Verstand ständig Katastrophenszenarien durchspielt. Oder vielleicht ist es diese tiefe Trauer oder Unmacht angesichts von Krankheit, Verlust – aber auch Kriege, die du mit ansehen musst.

Gott lädt dich heute ein: Dieses Hapu ganz real zu tun, die Hände sinken zu lassen. Wir wollen gleich als Gemeinde einen Moment der Stille haben. Und wir wollen diesen Text nicht nur theoretisch im Kopf behalten – sondern wir wollen ihn spürbar machen.

Und ihr seht es schon: Wir haben hier zwei Gefäße, zwei Tische. Auf diesen Tischen sind Stifte und Zettel. Und wenn ihr einen kurzen Augenblick inne haltet und sagt: Was ist eigentlich das, was sich Gott noch gar nicht abgegeben hat? Was ist das, was ich eigentlich krampfhaft festhalte?

Dann seid ihr dazu eingeladen, euch einen Stift zu nehmen, einen Zettel und da einfach eure Sache, euer Thema draufzuschreiben. Und dann dürft ihr das gerne – wie ihr wollt – in ein Gefäß hier vorne oder da hinten rein tun. Ihr dürft es auch zerknüllen und da reinschmeißen und sagen: „Gott, ich gebe dir diese Last, diese Sorge ab.“

Und diesen Augenblick einfach dann symbolisch für euch mal durchzuschreiben.

Um das nicht nur irgendwie im Kopf zu machen – sondern wirklich ganz praktisch mal loszulassen. Das hilft uns, wenn wir es auch physisch mal tun: Das auch innerlich wirklich loszulassen.

Ansonsten gehen wir vielleicht zu Jesus und nehmen unser Gepäck eigentlich wieder mit. Und das wollen wir nicht. Wir wollen unser Gepäck loslassen. Wir haben das jetzt vor Gott gebracht – also die Lasten, die Unmacht, die verkrampften Hände.

Und wir dürfen wissen: Wir gehen gleich nicht alleine zurück in unseren Alltag. Die Welt da draußen wird morgen wahrscheinlich immer noch dieselben Nachrichten bereithalten. Da sind die Krisen, die nicht einfach verschwinden. Die Sorgen werden vielleicht wieder anklopfen.

Aber wir gehen als veränderndes Leben, wir gehen als veränderte Menschen. Wir gehen als Menschen, die wissen: Wir müssen nicht selbst die Festung sein.

Der Herr, der Allmächtige ist mit uns. Der Gott Jakobs ist unsere sichere Burg. Er ist unser Marseille. Er ist der leise Strom in unserer Mitte. Und wir dürfen die Hände sinken lassen – weil wir in seinen Händen auch geborgen sind.

Und als diese Gemeinde, als Menschen, die aus dieser tiefen Ruhe leben dürfen: Dürfen wir hineingehen in diese Woche. Getragen von dem Frieden, der höher ist als alle Vernunft.

Amen.