Hölzernes Fischerboot vom Ufer abgestoßen, Bug zum offenen tiefen Wasser.
Predigt · EFG Wiesbaden

Gottesdienst

Christopher Nork
Prediger
Christopher Nork
Datum
12. Juli 2026
Bibelstelle
Tiefgänger: Der Ruf in die Tiefe
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Transkript

Und bis dahin wird es, glaube ich, noch recht spannend. Ich weiß von einigen, die mitten in der Nacht aufstehen, um drei Uhr morgens noch Fußballspiele zu gucken. Das mache ich nicht, aber es gibt Menschen, die tun das, weil halt die Zeitverschiebung so ist. Und da geht es heiß her. Man weiß wirklich nicht mehr, wer ins Finale kommt. Am Ende werden es zwei Mannschaften sein, die da auf dem Platz stehen. Und Millionen Menschen werden dann zuschauen. Und am Ende wird der Kapitän der Siegermannschaft diesen goldenen Pokal in die Höhe, also in den Himmel strecken. Für diesen einen Moment haben diese Spieler jahrelang alles gegeben, darauf hingearbeitet. Es ist der absolute Hauptgewinn für ihre Karriere.

Wir haben in unserer letzten Predigtreihe genau dieses. Frage gestellt, was ist eigentlich der wahre Gewinn des Lebens? Was ist eigentlich unser Pokal? Und wir haben gesehen, der wahre Gewinn ist keine Trophäe. Es ist keine Karriere und kein volles Bankkonto. Der absolute Hauptgewinn des Lebens ist Jesus Christus. Es ist die wiederhergestellte Beziehung zu Gott. Und wenn ich hier durch die Reihen auch dann so schaue, dann weiß ich, viele von uns haben diesen Hauptgewinn längst gezogen. Du bist bereits in der Mannschaft Jesu. Du bist gerettet. Aber, und hier müssen wir heute Morgen ganz ehrlich miteinander werden, was kommt danach? Was kommt jetzt? Vielleicht kennst du dieses seltsame Gefühl.

Du bist in der Mannschaft, aber du hast das Gefühl, seit Jahren nur aus... auf der Auswechselbank zu sitzen. Du liest zwar deine Bibel, du kommst in den Gottesdienst, du singst die Lieder mit, aber in deinem Inneren bewegt sich kaum noch etwas. Du bist auf dem Weg von leidenschaftlicher Nachfolge zu einem passiven Zuschauer geworden. Nicht aus böser Absicht. Nicht, weil du plötzlich ein reiner Konsument sein wolltest, sondern oft einfach, aus Unmacht. Weil dir vielleicht nie jemand gezeigt hat, wie der nächste Schritt aussieht. Weil wir als Gemeinde vielleicht auch es versäumt haben, verpasst haben, und vielmehr immer das Was zu erklären, also was wir glauben, anstelle von, wie wir dieses Leben mit Jesus in unserem Alltag eigentlich konkret dann auch leben.

Und das Ergebnis ist, ist geistliche Stagnation. Wir stehen auf der Stelle, wir glauben zwar, aber unser Charakter verändert sich nicht mehr wirklich. Wir arrangieren uns mit unseren Ängsten, mit unseren Bitterkeiten, unseren Routinen. Aber unsere Beziehung zu Gott geht nicht weiter in die Tiefe. Das wäre so, als wärst du Mitglied in einem Fitnessstudio. Du bezahlst jeden Monat treu deinen Beitrag, aber du gehst nicht hin, um zu trainieren. Du hast die Karte im Portemonnaie, aber der Körper verändert sich nicht, weil du nicht hingehst. Und wenn du dieses Gefühl der Stagnation kennst, dann ist die heutige Geschichte aus der Bibel genau für dich. Wir starten heute auch eine neue Predigtreihe, so wie es Gelinda gesagt hat.

Die heißt Tiefgänger. Und wir schauen uns Männer an, die genau sagen, die genau da feststeckten, wo du vielleicht gerade feststeckst. Bis Jesus an ihren Arbeitsplatz kam. Wir schlagen unsere Bibel mal auf Lukas 5 auf. Jesus steht am See Genezareth. Die Massen drängen sich am Ufer, um ihn predigen zu hören. Und es ist voll. Und es ist laut. Das Ufer ist der Ort der Zuschauer. Und hier, ist man sicher, hier kann man zuhören, ohne dass das eigene Leben sofort auch auf den Kopf gestellt wird. Jesus aber schaut über die Menge hinweg. Er sieht zwei Boote am Ufer liegen. Und er sieht Männer, die ihre Netze waschen. Simon Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes. Alles Fischer. Um zu verstehen, was hier gleich passiert, müssen wir uns einen Moment Zeit nehmen, und uns in die damalige Zeit noch mal hinein zu versetzen.

Uns wird oft in der das Bild suggeriert gezeigt, dass die Jünger ganz einfache arme Menschen, Männer gewesen sind, ungebildete Tagelöhner. Aber das stimmt so nicht ganz. Das galileische, die galileische Fischerei war richtig hart, aber ein sehr, sehr lukratives Geschäft. Und trotzdem trugen diese Männer in sich so eine Art unsichtbaren Schmerz, ein Stempel des Scheiterns. Und warum? Weil das jüdische Bildungssystem damals knallhart gewesen ist. Jeder jüdische Junge durchlief die sogenannte Thora-Schule. Schon mal gehört? So ein, zwei. Es gab da drei, drei Stufen und eine vierte in Klammern. Die erste Stufe ist, dass man das Haus des Buches besuchte. So hieß das. Und da lernten fast alle Kinder die ersten fünf Bücher Mose, die Bücher aus der Bibel auswendig.

Und dann kam der zweite Schrift, wer nämlich so richtig begabt war, der durfte weiter. Alle anderen, die das nicht so gut konnten, die mussten dann raus aus der Schule. Jetzt kam die zweite Stufe, die Bet Talmun hieß das, Haus des Lernens. Also wer richtig begabt war, kam dahin. Und da lernte man die Propheten und die Schriften zu studieren. Und dann kam die absolute Elite. Die Besten der Besten. Die schafften es dann, in die Bibel zu gehen. Und dann kam es dann in die höchste Stufe, die Bet Mitrasch, Haus des Studiums. Und da wurde wirklich dann richtig studiert, erklärt. Da wurden die rabbinischen Schriften herangezogen. Erklärungen für gewisse Zustände wurden dort erörtert und so weiter.

Und das konnte jeder jüdische Junge durchlaufen, wenn er gut genug war. Und dann, außerhalb dieses Systems, kam noch mal die allerhöchste Stufe. Denn die, die die letzte Schulstufe durchschritten haben, durften sich bei einem bekannten Rabbi bewerben. Und dieser Rabbi prüfte dann dich mit ganz vielen Fragen. Er hat gesagt, kannst du das auswendig, kannst du das auswendig, was bedeutet dies und jenes und so weiter. Und nur, wenn er absolutes Potenzial in dir sah, sprach er die Einladung aus. Komm, folge mir nach. Alle anderen fielen durchs Raster. Sie wurden aussortiert, verließen die Schule und mussten dann das Handwerk ihres Vaters lernen. Und das erinnert mich ein bisschen an den Sportunterricht in der Schule.

Wenn Mannschaften gebildet werden sollten, dann mussten zwei Kapitäne ihre Mannschaft immer wählen. Und bei uns wurde Jan, Jan wurde immer als Erster gewählt, weil der war wirklich die Elite. Der war der Top-Sportler bei uns. Aber dann blieben am Ende immer so zwei, drei über. Am liebsten hätten die Kapitäne keinen von ihnen in die Mannschaft aufgenommen, weil sie einfach zu schlecht waren. Und manchmal haben mich diese Leute einfach auch leid getan. Und ich denke, dass sie auch nicht immer, dass sie immer kalt gelassen hat. Vielleicht hatten sie das Gefühl, dass sie sich nicht mehr so gut fühlen, vielleicht hatten sie das Gefühl, ich reiche nicht, ich bin nicht gut genug. Die anderen sind besser, nur ich gehöre zum Rest.

Und genau das Gefühl hatten die Fischer jeden Tag, wenn sie die Schriftgelehrten sahen, wenn sie die Pharisäer sahen. Dass Simon Petrus, Andreas, Jakobus und auch Johannes dort am See saßen und Fische fingen, ist eigentlich der historische Beweis dafür, sie waren aussortiert. Sie hatten es nicht geschafft. Das religiöse System hatte sie gewogen und für zu leicht befunden. Könnt ihr euch vorstellen, wie das prägt? Sie saßen in ihren Booten und dachten, die echte geistliche Tiefe, also einem Rabbi zu folgen, echte Jüngerschaft mitzuerleben, das ist etwas für die, die gut genug sind, die, die zur Elite gehören, für die ausgebildeten Theologen, für die super frommen. Und wir normalen Leute haben davon keine Ahnung.

Wir waschen unsere Netze hier am Ufer, wir machen unseren Job, aber wir stecken fest. Und wir werden niemals, niemals in eine nähere Gottesbeziehung kommen. Und genau diese Männer sitzen jetzt da. Sie haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Sie sind frustriert, müde und leer. Und was macht Jesus? Er macht etwas völlig Unerhörtes. Er wartet nicht in den Elitenschulen auf die Besten der Besten. Er wartet nicht in den Elitenschulen auf die Besten der Besten. Er geht direkt an den staubigen, nach Fisch stinkenden Arbeitsplatz der Gescheiterten. Er steigt in das Boot von Simon Petrus. Er predigt kurz vom Wasser aus und dann dreht er sich zu Simon um und gibt ihm ein Befehl, der alles auf den Kopf gestellt hat.

Im Vers 4, im Kapitel 5 heißt es, fahr hinaus in die Tiefe und lasst eure Netze zu einem Fang hinab. Lass uns noch mal kurz innehalten. Simon, Simon ist doch der Fischer, oder? Simon ist der Profi auf diesem See. Jesus ist Zimmermann aus den Bergen. Und das wäre heute so, als würde ein Bäcker einem ITler erklären, wie er etwas zu programmieren hätte. Und Simon weiß, am helllichten Tag im tiefen Wasser, da fängt man mit diesem Netz gerade gar nichts. Das ist völlig absurd. Und deshalb wehrt er im ersten Moment ab. Simon sagt im Vers 5, Meister, wir haben die ganze Nacht hart gearbeitet und nichts gefangen. Und das Wort, das Lukas hier für Meister aufschreibt, im griechischen Epistates, ist extrem spannend.

Es bedeutet so viel wie Chef, mein Vorgesetzter. Simon zollt Jesus zwar Respekt. Er sieht ihn als einen gebildeten Mann und betitelt ihn dann als Chef. Aber er kennt ihn noch nicht wirklich. Und es ist da eine Distanz zwischen ihnen. Vielleicht kennst du diesen Satz von Simon. Meister, ich habe es schon so oft probiert. Ich habe in meiner Ehe schon alles versucht. Ich habe versucht, diese Sucht loszuwerden. Ich habe die ganze Nacht gearbeitet. Ich habe die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Es ändert sich doch eh nichts mehr. Aber Simon stoppt an diesem Punkt nicht. Er spricht diesen einen Satz aus, der einen festgefahrenen Zuschauer zu einem Tiefgänger macht. Aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.

Er gibt seine eigene Kompetenz ab. Er kapituliert vor der unlogischen Anweisung Jesu. Und das Wunder, dass dann geschieht, dass die Netze, die vor lauter Fischen beinahe reißen, das geschieht nicht am sichtbaren Ufer oder am sicheren Ufer. Es geschieht draußen. Es geschieht in der Tiefe. Dort, wo man keinen Boden mehr unter den Füßen hat. Als Simon diese Vollmacht Jesu sieht, passiert etwas Gewaltiges mit ihm. Er bricht im Boot zusammen. Er fällt auf die Knie und ruft, geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch. Achten wir mal darauf, wie Simon ihn jetzt nennt. Vorhin war es noch Meister, Chef. Jetzt plötzlich nennt er ihn Herr, Kyrios. Ein Titel für die Welt. Für göttliche Souveränität.

In der tiefsten Tiefe, angesichts dieses Wunders, erkennt Simon, wer da wirklich in seinem Boot sitzt oder steht. Und er spürt im Licht dieser Heiligkeit plötzlich seine ganze eigene Unzulänglichkeit, seine Fehler und auch seine Scham. Aber Jesus geht nicht weg. Wer der Heiligkeit Gottes begegnet, den stößt Gott nicht ab. Jesus heilt ihn in diesem Moment. Und er sagt zu ihm, fürchte dich nicht. Und dann folgt die Berufung. Von nun an wirst du Menschen fangen. Was tut Jesus hier? Er holt die Aussortierten in seine Schule. Er ruft sie in die Lehrlingschaft. Die Fischer, die eigentlich nicht noch tief sind, die eigentlich nicht noch tiefer in den Glauben mit hineingenommen wurden, weil sie als nicht qualifiziert genug befunden wurden, werden doch noch berufen.

Und das ist für uns heute so entscheidend zu wissen. Jesus bericht hier nicht nur eine alte Tradition. Er zeigt uns damit, wie Nachfolge für jeden von uns funktioniert. Wenn wir nämlich verstehen, wie dieses antike Ausbildungssystem damals ablief, begreifen wir erst, was Jesus heute ganz real mit unser Leben auch vorhat. Was war damals das Ziel, wenn man dann doch einen jüdischen Rabbi gefunden hatte, der einen als Lehrling aufgenommen hat? Es ging dabei nie um die Frage, was ist das, was wir tun? Es ging dabei nie nur um eine Wissensvermittlung, wenn du als Lehrling aufgenommen wurdest. Man durchlief sozusagen drei Schritte. Das erste war als erstes nur mit dem Meister zusammen zu sein, nur mit dem Rabbi zusammen zu sein.

Der Schüler verbrachte Tag und Nacht mit dem Rabbi. Er lief so dicht hinter ihm, dass es damals hieß, er müsse sich sprichwörtlich mit Staub seines Rabbis verbringen. Er ließ den Staub seines Rabbis einpudern. Also für uns heute wahrscheinlich unangenehm, wenn einer nur ein paar Zentimeter hinter dir läuft. Aber die haben das wirklich gemacht. Die waren so nah bei ihm, dass der Staub, den der Rabbi aufwirbelte, den Lehrling, den Jünger dann einpuderte. Der zweite Schritt ist dann, wenn man den beobachtet hat, wenn man die ganze Zeit beim Meister gewesen ist, so zu werden wie der Meister. Der Schüler studierte nicht nur die Worte, sondern auch das, was er tat und guckte nach seinem Charakter.

Wie betet der Meister? Wie behandelt er Menschen? Und das Ziel war die komplette charakterliche Umstellung, bis der Schüler ein genaues Abbild, also ein Imago, ein Abbild seines Meisters wurde. Und hier geschieht dann bei den Schülern, und wenn wir es jetzt auch auf Jesus überleiten oder da den Transfer leisten, hier geschieht eigentlich emotionale Heilung und Seelenheilung und Reifung. Und der dritte Schritt, das letzte ist dann, wenn man das alles gelernt hat, auch das zu tun, also zu handeln wie der Meister. Und erst aus diesem veränderten Charakter heraus kann der Schüler den Auftrag, den der Meister gegeben hat, weiterführen. Und genau diesen Auftrag gibt Jesus ihnen jetzt. Von nun an wirst du Menschen fangeln.

Das griechische Wort, das Lukas hier benutzt, heißt Zogreo. Und das ist sehr faszinierend. Es bedeutet wörtlich lebendig fangen oder vom Tod retten. Beim normalen Fischen holst du die Fische ja aus dem lebensrettenden Wasser heraus, damit er stirbt und man ihn dann verspeisen kann. Beim geistlichen Fangen, also beim Zogreo, machst du das genau Gegenteil. Du ziehst den Menschen aus dem Finsterlicht. Den tödlichen Tiefen dieser Welt heraus, um ihnen das wahre Leben zu schenken. Du wirst zu einem Rettungsschwimmer für das Reich Gottes. Und das ist der Preis, der uns durch die Lappen geht, wenn wir Jesus nicht in die Tiefe folgen. Wir verpassen die eigene charakterliche Heilung. Wir bleiben im Staub unserer Routine stecken.

Und wir verpassen das Abenteuer, Gottes Werkzeug zu sein, um andere Menschen zum echten Leben zu befreien. Die ersten Jünger reagierten radikal. Sie ließen ihre Boote und ihre erfolgreichen Geschäfte zurück und folgten ihm nach. Heute Morgen steht Jesus hier an unserem Ufer. Er schaut dich an. Vielleicht sitzt du hier und sagst, ich tauge nichts für die Tiefe. Mein Boot ist leer. Meine Netze sind zerrissen. Ich stagniere schon lange vor mich hin. Ich drehe mich im Kreis. Ich komme nicht voran. Lass dir heute von dieser Geschichte sagen, Jesus sucht keinen perfekten Theologen. Er sucht keine perfekten Voraussetzungen. Er sucht keine Heiligen. Er sucht ganz normale Menschen. Sein Ruf, fahr hinaus in die Tiefe, gilt genau auch dir.

Niemand ist von der Jüngerschaft ausgeschlossen. Wir wollen als Gemeinde in den nächsten Wochen lernen, was es ganz praktisch heißt, ein Tiefgänger zu werden. Wir wollen gemeinsam in die Lehre dieses Rabbis gehen. Wir wollen lernen, wie Charakterheilung funktioniert und wie wir ihm auch ähnlicher werden. Wir wollen raus aus dem Fahrwasser der Unverbindlichkeit. Ja, das Finale der WM kommt. Aber der eigentliche Pokal, der Hauptgewinn, der steht schon in unserem Schrank. Du hast das Leben bereits gewonnen. Aber jetzt ist es an der Zeit, von der Auswechselbank aufzustehen und sich mit dem Meister auf die tiefen Wasser zu wagen. Meine Frage an dich, bist du bereit? Denn Jesus wartet bereits in deinem Boot des Lebens auf dich.

Amen.