Liebe Gemeinde,
schön, dass ich mal wieder bei euch sein darf und euch von Angesicht zu Angesicht sprechen kann. Wir hatten gestern einen intensiven Tag mit der Mitarbeiterschaft, und heute darf ich das Wort Gottes predigen. Das Thema klingt vielleicht etwas ungewöhnlich: „Der andere Abend – Glaube“. Um es besser verständlich zu machen, habe ich den Untertitel „überwinden in der Kraft Gottes“ hinzugefügt.
Ich lese aus 2. Korintherbrief Kapitel 4, Vers 7 bis 10:
„Wir haben diesen Schatz aber in Gefäßen von Lehm, damit die überragende Kraft von Gott und nicht von uns kommt. Wir werden ständig bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht; uns ist bange, aber wir verzagen nicht; wir leiden Verfolgung, aber wir sind nicht verlassen; wir werden niedergeworfen, aber wir kommen nicht um. Wir erleben zu jeder Zeit des Sterbens das Sterben Jesu am Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird.“
Das ist die Übersetzung nach Luther.
Ihr Lieben, wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit. Mit unserem Verstand können wir gar nicht fassen, was da alles auf uns einstürmt. Kein Mensch kann das verkraften. Der äußere Druck wird in vielen Alltagsangelegenheiten immer stärker: Forderungen, Widerstände, Vorwürfe – ob im Kleinen oder Großen. Und dazu kommt noch viel Ignoranz. Viele Menschen in unserer Zeit, auch wenn nicht gerade hier, wo wir leben, haben es sehr schwer; sie erleiden Verfolgung. Die Zahl wird inzwischen auf über 300 Millionen beziffert. Und davon spricht ja Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth. Das ist eine große Herausforderung: Wir werden bedrängt – ja, wir auch. Ich glaube, da kann jeder einstimmen.
Und jetzt kommt das erste „Aber“:
„Wir werden nicht erdrückt.“
„Wir sind ratlos – aber nicht verzweifelt.“
Ihr merkt schon, wo es hingeht. Diese Worte tragen eine Kraft, die nicht menschlich ist; sie zeugen von einer übernatürlichen Standhaftigkeit, die nicht aus unserem Willen herauskommt, sondern aus Gottes Kraft.
Wir haben einen Schatz in diesem Gefäß – in diesem Körper. Was besteht unser Körper eigentlich aus? Hauptsächlich aus Wasser und ein paar anderen Stoffen. Was ist der Wert dieses Körpers? Vor vielen Jahren wurde einmal der chemische Wert berechnet, und die Summe betrug damals 3,45 D-Mark. Ich habe keine Ahnung, wie viel das heute wäre – da müsste man nachschauen.
Wenn Kinder hier wären, könnte ich mit ihnen über Schatzsuche sprechen, so beliebt in der Jungschar auf Freizeiten. Wir müssen auch auf Schatzsuche gehen: nicht nur suchen, sondern uns des Schatzes vergewissern, der in uns lebt. Das ist ein erstaunliches Bild. Ich nehme an, fast jeder hat zu Hause Gefäße aus Ton. Ein solches Gefäß kostet heute für ein paar Euro – es ist nicht wertvoll. Und das als Vergleich mit unserem Körper: Stimmt das? Sind wir da einverstanden?
Genau darin liegt die Frage: Was machen wir hier eigentlich? Genau darin liegt dieser wunderbare, große, herrliche, glänzende Schatz – aber in einem Gefäß aus Ton. Wenn man dieses Gefäß irgendwo anschlägt oder gar fallen lässt, zerbricht es in viele Scherben. Und der Vergleich zu uns stimmt: Wir sind auch sehr zerbrechlich, besonders unsere Seele ist das Empfindlichste.
Ich begleite im Libanon einen jungen Mann von 20 Jahren, der die Glasknochenkrankheit hat – eine sehr seltene Erkrankung. Ich fragte ihn einmal: „Wann hast du zum ersten Mal einen Bruch erlitten?“ Und er sagte: „Bei meiner Geburt.“ Ich verzichte darauf, seine Geschichte jetzt zu erzählen, obwohl ich es gerne würde.
Ihr Lieben, in uns tragen wir einen Schatz – die Kraft des auferstandenen Jesus Christus. Das ist nur möglich durch den Heiligen Geist. Entscheidend ist nicht die Stabilität: Wie viele Operationen wir schon hinter uns haben oder wie viel künstliche Gelenke wir inzwischen im Körper haben. Entscheidend ist, dass in der Schwachheit unseres Seins die Kraft sich offenbart – die göttliche Kraft.
Ihr Lieben, und das ist kein Geheimnis: Ich spreche hier nicht von unmöglichen Dingen; ich spreche über das, was das Wort Gottes uns sagt. Gott offenbart seine Kraft nicht trotz unserer Schwachheit, sondern durch sie hindurch. Das ist ein geistliches Paradoxon: Je bewusster wir unsere Schwäche annehmen, desto mehr Raum haben wir für die Kraft des Geistes – dass sie sich entfalten kann.
Ich kenne Menschen, die sagen: „Ich bin nicht geistig.“ Ich kenne Menschen, die sehr körperlich schwach sind und gesundheitliche Probleme haben. Aber aus ihren Augen strahlt etwas von dem Leben, vom Licht Jesu Christi – das ist möglich. Und das ist es, was Jesus will.
Ich möchte diese Gegensätze ein bisschen beleuchten: Bedrängnis und Hoffnung. Paulus beschreibt vier Gegensatzpaare:
- Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber nicht erdrückt;
- wir sind ratlos, aber nicht verzweifelt;
- verfolgt, aber nicht von Gott verlassen;
- niedergeworfen, aber nicht vernichtet.
Ich spreche hier gerne von den „vier großen Aber“. Was für ein schlichtes Wort – die Realität gelebten Glaubens: Bedrängnis und Hoffnung, Leiden und Leben, Kreuz und Auferstehung. Immer beides zugleich; beides gehört zusammen. Wer nur auf die Leidensseite, das Schwere, das Bedrückende oder Überfordernde schaut, der wird nicht zurechtkommen im Leben – er wird sich durchquälen. Wir brauchen immer den Gegenpart, und dieser ist immer positiv, weil er von Gott kommt: das Leben aus Gott, das uns diese unendlich schöne, lebendige Hoffnung in unser Herz pflanzt.
Seid ihr mit mir? Der Apostel Paulus verklärt das Leiden nicht – er leugnet es aber auch nicht. Er setzt dieses göttliche „Aber“ dahinter: Die Not ist real, die Nöte in dieser Welt. Aber sie haben nicht das letzte Wort. Und das müssen wir uns selber bewusst machen – egal welchen Namen die Nöte tragen: Kriege, Erdbeben, all das Schreckliche, was wir tagtäglich über die Medien mitkriegen. Sie haben nie das letzte Wort. Kein Mr. Putin, nicht der chinesische Präsident und auch nicht Mr. Trump – sie haben nicht das letzte Wort. Das hat Gott; er regiert. „He reigns.“ Habe ich vielen meiner Geschwister in unseren Partnerländern gesagt: „He is in control. And he reigns.“ Auch wenn es im Moment überhaupt nicht danach aussieht. Aber die Gegenwart, der Moment, das Heute ist nicht alles – es geht weiter und weiter und weiter.
Ich möchte ein Beispiel erzählen: Im Oktober war ich wieder zwei Wochen mit einem Medizinerteam in Libanon, Beta-Krankenschwestern, die hauptsächlich syrische Flüchtlinge und verarmte Libanesen behandeln. Und jetzt komme ich zu Abed el Karim – dem Jungen aus Syrien, aus Idlib im Norden, mit der Glasknochenkrankheit. Er war vor vier Jahren bei unserem Kinderarzt 1,10 Meter groß; ich glaube, inzwischen ist er kleiner geworden oder sagen wir: kürzer geworden – jetzt ist er 20 Jahre alt und schwerstbehindert.
Im Oktober kam er zu uns, und ich fragte Abed: „Zu welchem Arzt willst du?“ Er sagte: „Ich will zu keinem Arzt; ich will zu dir.“
„Okay. Was erwartest du von mir?“
Und dann kam es: „Ich will genauso gerade Arme und Beine wie du oder wie ihr alle.“
Ich sagte Abed: „Ganz ehrlich, den Glauben habe ich nicht, dass Gott dieses Wunder tun wird. Ich kenne auch keine Geschichte in der Bibel, wo so ein Wunder geschehen ist.“ Aber ich musste ein „Aber“ dahinter setzen: „Du hast einen cleveren Verstand, einen gesunden Kopf und gesunde Hände – du kannst nur liegen; du kannst nicht mehr sitzen. Wir haben dir vor vier Jahren einen Spezial-Rollstuhl anfertigen lassen, wo der Kopf erhöht ist, damit du nicht immer getragen werden musst.“
Was ist denn das für ein Lebensgefühl für einen Teenager? Wir haben ihm ein Handy geschenkt – damit hat er das Fenster zur Welt geöffnet. Und jetzt haben wir ihm auch einen Laptop geschenkt. Er sagte: „Ich will unabhängig werden von meinen Eltern; die werden immer älter, und irgendwann sind sie nicht mehr da. Ich möchte mein eigenes Geld verdienen können.“
„Das wirst du schaffen“, sagte ich. „Du bist intelligent. Wir schenken dir einen Laptop.“
Er hat nie eine Schule besuchen können – das ist unmöglich. Aber er kann lesen und schreiben, inzwischen auch Englisch. Wir kommunizieren fast jede Woche über WhatsApp auf Englisch: „Was möchtest du werden?“
„Programmierer“, sagte er.
„Gibt es hier jemanden, der ihm Nachhilfe geben könnte oder Unterstützung? Wäre fantastisch – ich wäre ganz stolz auf euch.“ Also meine ich das ernst; ihr könnt mich nachher ansprechen.
Ich habe das „Aber“ in sein Leben hineingesprochen: „Du bist intelligent. Du bist nicht ausgeliefert an deine Glasknochenkrankheit.“ Ich gebe ihm Hoffnung – ungefähr einmal pro Woche eine kurze Message über WhatsApp. Wir interviewen ihn und schreiben gerade seine Geschichte; im Mai hoffentlich unser erstes Buch herausgeben.
„Aber da ist doch noch was möglich“, sage ich immer wieder. „Da gibt es doch noch Luft nach oben.“
„Da ist doch Entwicklungspotenzial.“ Das ist die Frage unserer Blickrichtung: Wenn ich auf die Krankheit, auf die Behinderung sehe und sage: „Ach, das tut mir aber wirklich leid“ – dann steckt da keine Hoffnung für den anderen. Es braucht mehr; es braucht ein bisschen Nachdenken.
Ihr Lieben, der Fokus entscheidet – die Blickrichtung. Weg vom Chaos hin zum Kreuz: Wo ist es denn? Habt ihr kein Kreuz? Hinter der Leinwand? Okay, einverstanden. Was gibt einem Menschen in Krisen, in ausweglosen Situationen, in Erschöpfung Halt? Nicht nur, dass wir uns in der Krise befinden – auch, dass wir uns in der Krise befinden. Nicht das Image oder das große Wissen ist ein Anker; es gibt uns keinen Halt. Auch nicht unsere Stärke und unsere wunderbaren Überlebensstrategien, die wir gelernt haben. Wir haben so viele Tools, die wir anwenden können – meine Güte, wir sind überinformiert! Wir wissen gar nicht mehr, in welche Schublade wir greifen sollen; es gibt zu viele Optionen.
Halt finden wir in Jesus Christus und am Kreuz. Seid ihr mit mir? Oh, ich sehe Zweifel in euren Augen. Halt – den Halt in jeder Lebenssituation, in jeder Krise – gibt uns nur Jesus, denn er ist allein zuverlässig und treu; er bleibt an unserer Seite selbst, wenn Menschen einen mal verlassen.
Petrus, der Vorlaute, wurde von Jesus eingeladen: „Komm zu mir auf dem Wasser.“ Solange Petrus auf Jesus schaute, konnte er laufen – was man nicht kann. Und dann guckte er nach unten und blubberte ins Wasser. Die Blickrichtung entscheidet; die Fokussierung. Wer auf Jesus schaut, verliert Angst: vor jemandem, vor einer Aufgabe oder der Zukunft. Der Blick auf Jesus verwandelt unser Denken, unser Fühlen, unsere Erwartungen – die Perspektive ist entscheidend.
Überwinden – damit komme ich zum letzten Punkt: „Überwinden in der Kraft Gottes“. Ich erinnere mich an ein Lied aus den 60er Jahren, das wir damals in der Jugend geschmettert haben ohne Ende:
„We shall overcome. We shall overcome. Someday.“
Oh, deep in my heart I do believe – we shall overcome someday. Amen dazu. Ihr wisst, wo das herkommt: Der Rassismus damals in Amerika.
Wir Christen sind Überwinder; wir Jesusmenschen sind Überwinder. Das ist das Training für jeden Tag. „Überwinden“ ist ein starkes Wort – im Neuen Testament ist es kein Triumphzug, sondern gelebte Treue: auch im Leiden, auch in der Verfolgung. In der Offenbarung Jesu heißt es: „Wer überwindet, dem will ich geben von dem Wasser des Lebens, umsonst hingehen und trinken.“
Herr Jesus, ich danke dir für das lebendige Wasser, dass du mir gibst – das mich satt macht. Ich danke dir für die Kraft, die du mir heute, jetzt gibst, für die Aufgabe, obwohl ich mich so schlecht fühle. Kennen wir das? Anwenden: Heute Nachmittag, morgen früh, Dienstagmorgen, jeden Tag aufs Neue.
Wir überwinden nicht, weil wir stark sind – sondern wir überwinden, weil Christus in uns diese überwindende Kraft sein will. Überwinden bedeutet dranbleiben, treu sein und nicht aufgeben – selbst wenn alles dagegen spricht. Es gibt Situationen, wo einer nach dem anderen aufgibt; du stehst wie eine Säule und sagst: „Ich gebe nicht auf.“ Never give up – never, never, ever.
Mich hat mal jemand gefragt: „Du bist ja jetzt schon über 50 Jahre im Dienst – wie hast du das geschafft?“ Bei mir war es auch so; ich habe mich in der Zeit der Neugier auch so gefühlt. Die Wellen machen das Leben dynamisch.
Dienst im Reich Gottes ist nicht immer Freude pur; manchmal ist es einfach nur treu durchhalten. Ihr an eurem Platz – ihr müsst durchhalten. Und wenn ich gar nichts fühle von deiner Macht, dann führst du mich doch zum Ziel – du führst mich aber zum Ziel. „Doch“ und „aber“ sind verwandt miteinander, auch durch die Nacht. Da klingt etwas von Jahrzehnten unseres Glaubens; hoffentlich haben wir das nicht nur gesungen, sondern auch geglaubt und gelebt.
Dieses Wort habe ich unendliche Male mir selber gesagt: „Ich vermag alles, durch den, der mich mächtig macht – Christus.“ Wenn Paulus von den irdenen Gefäßen spricht, dann meint er nicht nur unsere Begrenzung, sondern eben auch unsere Zerbrechlichkeit. Jeder kennt Bruchstellen in seinem Leben: Enttäuschungen, Verletzungen, Verluste. Aber gerade da, wo die Risse sind – wenn man das Gefäß entsprechend hinstellt – scheint das Licht durch.
Heute gibt es ja eine neue Kunst: Wunderschöne Gefäße mit Rissen werden mit Gold ausgefüllt; danach sind sie schöner als vorher. Ich denke, ihr kennt solche Bilder auch. Manchmal führt Gott uns in Situationen, wo wir nichts mehr festhalten können – damit wir erfahren, dass er uns hält.
Ich lade euch ein, dieses Überwindersein zu leben: „Ich will ein Überwinder sein.“ Ich will das trainieren, jeden Tag neu. Schau nicht alleine auf dich selbst und deine Umstände; schau auf den Gekreuzigten – schau auf den Überwinder und nicht auf den Widerstand. Und dann überwinde in der Kraft des auferstandenen Christus, in der Kraft des Heiligen Geistes.
Jesus sagt einmal: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, seid getröstet – ich habe diese Welt überwunden.“
Und das Schönste kommt noch. Amen.