Gottes neue Wege: Neu anfangen, wo du nicht sein wolltest.
Jer. 29, 414
Predigt

Gottes neue Wege: Neu anfangen, wo du nicht sein wolltest. Jer. 29, 414

Christopher NorkChristopher Nork
Sonntag, 22. Februar 2026 · 10:00 Uhr
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Transkript

Zum Mitlesen oder gezielten Springen zu Passagen.

Hier vorne haben wir Koffer stehen, und der eine oder andere hat sich vielleicht schon gefragt: Warum stehen hier Koffer? Koffer sind eigentlich symbolisch gesehen ein starkes Symbol und bedeuten so viel wie „Ich bin auf dem Sprung“. Ich bin nicht wirklich hier. Ich warte eigentlich nur auf die nächste Gelegenheit, um abzuhauen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich kenne diesen inneren Zustand total gut: Das Gefühl, an einem Ort oder in einer Situation festzustecken, wo ich absolut nicht sein möchte. Das kann der endlose Stau auf der Autobahn sein, das kann das Wartezimmer beim Arzt sein – wo die Heizung auch noch super hochgedreht ist und es stickige Luft gibt. Aber das passiert mir genauso in anderen Lebensbereichen, auch auf der Arbeit: Da fehlt mir manchmal die Kraft oder es kostet mich viel Kraft. Oder es gibt Streit in der Familie – und das ist nicht einfach so zu lösen. Oder eine Herausforderung, die mir den letzten Nerv raubt. Und mein allerletzter, vielleicht auch der erste Reflex in solchen Momenten ist immer derselbe: Flucht. Eigentlich möchte ich weg hier. Ich will den Ausgang finden. Am liebsten würde ich meine Sachen packen und sagen: „Leute, macht euren Kram doch alleine! Ich bin jetzt hier raus.“ Und in solchen Momenten lebe ich symbolisch gesehen aus dem Koffer. Ich richte mich gar nicht erst richtig ein. Ich investiere mich nicht. Ich warte eigentlich nur darauf, dass die unangenehme Phase endlich vorbeigeht und das Richtige, das gute Leben wieder anfängt. Und ich glaube: Da bin ich nicht der Einzige. Wir alle haben solche Koffer in unserem Leben. Wir alle kennen Situationen, die wir uns niemals so ausgesucht hätten. Aber das betrifft nicht nur uns privat – es betrifft uns auch ganz massiv als Gemeinde. Wir sind heute am Ende unserer Predigtreihe „Gottes neue Wege“. Wir haben viel über Aufbrüche gesprochen, darüber, dass Gott Dinge bewegt. Und wir spüren das vielleicht hier und da in unserer Gemeinde: Es passiert gerade etwas. Neue Dinge brechen auf an unterschiedlichen Stellen. Dinge verändern sich. Aber Veränderungen sind gleichzeitig auch anstrengend. Und wenn wir ehrlich sind, reagieren wir als Gemeinde manchmal genau wie jemand, der mit gepackten Koffern am Bahnhof steht und eigentlich nur weg möchte: Wir trauern der Vergangenheit hinterher. Wir denken: Früher war die Gemeinde voller. Da war alles vertrauter. Da lief alles in den gewohnten Bahnen. Oder wir sind unsicher wegen der Zukunft. Wir sehen die neuen Schritte, die wir gehen müssen, und denken: „Mal schauen, ob das was wird.“ Ich halte mich da erstmal vornehm zurück. Wir sitzen quasi mit Mantel und Hut in der Bank und haben den Koffer neben uns schon stehen. Wir sind physisch zwar anwesend – aber innerlich haben wir schon halb ausgecheckt. Wir konsumieren vielleicht noch, aber wir gestalten nicht mehr mit. Wir warten ab. Und genau da spricht Gott heute zu uns: Er redet in eine Situation hinein, in der Menschen den größten Fluchtreflex aller Zeiten hatten. Wir reisen zusammen in das Jahr 597 vor Christus – so ein gewaltiger Zeitsprung! Eine absolute Katastrophe war das. Was ist über das Volk Israel hereingebrochen? Der babylonische König Nebukadnezar hat Jerusalem gerade erobert. Er hat die ganze Elite des Landes, also Handwerker, Politiker und die Priester aus ihrer Heimat gerissen und über 1000 Kilometer weit nach Babylon verschleppt. Stellt euch das mal vor: Die Menschen haben alles verloren – ihre Freiheit, ihre Heimat, ihren Tempel, wo Gott anwesend gewesen ist. Sie sitzen jetzt in Babylon, der Stadt ihrer Feinde – einer Stadt voller fremder Götter, einer fremden Sprache, ganz anderer Kultur. Und sie sind traumatisiert. Ihre Reaktion ist verständlich: Sie sitzen auf gepackten Koffern. Sie wollen einfach nur weg. Sie träumen davon, dass Gott dieses Drama sofort beendet. Und es gibt… Es gibt tatsächlich Leute, die ihnen genau das erzählen. Da laufen sogenannte Propheten herum – Leute wie Hanania. Und sie rufen laut: „Haltet durch! In zwei Jahren ist der Spuk hier vorbei. Dann bricht Babylon zusammen und wir gehen alle wieder nach Hause.“ Und das ist Balsam für die Seele. Das ist genau das, was die Leute hören wollen: Schnelle Lösung. Aber dann passiert etwas Unerwartetes: Da kommt eine Delegation aus Jerusalem. Und sie reist nach Babylon. Und in ihrem Gepäck haben sie einen Brief – der Absender ist ein anderer Prophet: Jeremia. Und was Jeremia in diesem Brief im Auftrag Gottes schreibt, war für die Exilanten ein absoluter Schock. Es war eine totale Zumutung. Und ich lese Jeremia, das Kapitel 29 – zunächst erstmal die Verse 4 bis 6: „So spricht der Herr Zebaroth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnet darin. Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte. Nehmt euch Frauen und zeugt Söhne. Nehmt für eure Söhne Frauen und gebt euren Töchtern Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären. Mehret euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.“ Boom! Das sah es erstmal so richtig für die Israeliten aus: Gott sagt durch Jeremia: „Leute, das wird dauern. Eure falschen Propheten lügen euch an. Es wird keine zwei Jahre dauern – es werden siebzig Jahre sein. Und dann kommt die eigentliche Pflanzzeit.“ Packt eure Koffer aus! Hört auf, im Wartezustand zu leben. Baut Häuser. Das bedeutet Schlagwurzeln. Pflanzt Gärten – und ein Garten braucht Zeit, bis er Früchte trägt. Das ist eine langfristige Investition. Heiratet! Gründet Familien. Gott sagt ihnen: Der neue Weg beginnt nicht damit, dass ich euch hier raushole. Der neue Weg beginnt damit, dass ihr anfangt, genau in dieser Situation zu leben. Und jetzt kann man sich fragen: War das nur so ein schöner religiöser Text von Jeremia? Oder haben die das damals in Babylon wirklich gemacht? Haben sie ihre Koffer ausgepackt? Die Antwort ist: Ja, sie haben. Archäologen haben im heutigen Irak weit über 100 kleine Tontafeln gefunden – die sogenannten Al-Jahudu-Tafeln. Und das sind keine Lieder, also keine frommen Lieder, und auch keine theologischen Texte. Das sind ganz normale Quittungen, Pachtverträge, Heiratsurkunden und so weiter – von Juden, von den verbannten Juden. Glauben hieß für sie in der Fremde eben keine Flucht aus der Welt. Glauben zeigt sich durch eine Unterschrift unter einem handfesten Mietvertrag. Und diese Tontafeln sind der Beweis: Das Volk Gottes hat mitten im feindlichen Babylon angefangen, Felder zu pachten, Datteln anzubauen und ganz normale Geschäfte zu machen. Gott zu dienen hieß für sie plötzlich: In Babylon gute Landschaft zu betreiben und den Alltag zu heiligen. Aber Jeremia setzt noch mal einen drauf. Wir gehen weiter – Vers 7 ist wahrscheinlich einer der radikalsten Sätze im ganzen Alten Testament. Und er schreibt: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe weggeführt. Betet für sie zum Herrn. Denn wenn es ihr wohl geht, so geht es euch auch wohl.“ Sie sollen für Babylon beten – für ihre Feinde! Für die Leute, die ihr Leben zerstört haben. Sie sollen das Wohl dieser fremden Stadt suchen. Und im hebräischen Original steht da das Wort „Shalom“. Shalom meint einen allumfassenden Zustand von Frieden, von Gerechtigkeit und vom Wohlergehen. Gott verknüpft ihr Schicksal untrennbar mit dem Schicksal ihrer Umgebung: Er sagt – euer Heil findet ihr, indem ihr zum Heil eurer Nachbarn beitragt. Zieht euch nicht in eine fromme Blase zurück. Werdet aktiv! Gestaltet diese Stadt. Gebt Gott mit. Warum mutet Gott ihnen das zu? Weil er sie vielleicht hasst? Weil er sie bestrafen will? Ich glaube nicht: Gott möchte ihnen eine völlig neue Perspektive geben. Er will ihnen zeigen, dass er nicht an den Tempel in Jerusalem gebunden ist – und er ist auch nicht im Exil. Er ist nämlich im Exil da! Und dann formuliert Jeremia den berühmtesten Vers dieses Briefes – Verse, die viele von uns vielleicht am Kühlschrank oder irgendwo an der Wand hängen haben. Aber man versteht diese Verse erst richtig, wenn man diesen harten Hintergrund kennt. Gehen wir mal weiter ab Vers 11: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe“, spricht der Herr. „Gedanken des Friedens und nicht des Leides – dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten. Und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden, denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchet, werde ich mich finden lassen. Wir hängen – wie gesagt – diesen Vers manchmal an unseren Kühlschrank. Aber wie hängt jetzt nun dieses Wohlergehen und das Wohl der Stadt zusammen? Oft spricht man in so einer Auferbauungsliteratur, christlichen Auferbauungsliteratur, von dem sogenannten 7-11-Prinzip. Der Vers 11 – den kennen wir ja alle: Viele haben ihn, wie gesagt, nicht mehr am Kühlschrank hängen. Man sagt: „Ich gebe euch Zukunft und Hoffnung.“ Den Segen wollen wir alle haben. Aber Gott macht in diesem Brief klar: Der Weg zu Vers 11 führt über Vers 7. Du findest deine gute Zukunft niemals, indem du dich von der Welt isolierst. Du findest sie, indem du das Wohl der Stadt suchst. Dein eigener Schalom, dein eigener Friede ist fest an den Schalom deines Umfelds geknüpft. Wer egoistisch nur seinen eigenen Segen sucht, wird ihn am Ende verlieren. Wer aber anfängt, den Segen für die Menschen um sich herum zu suchen – der wird ihn genau dort auch finden. Gott hat den Plan nicht verloren. Er ist nicht irritiert, wie Herr Ruhler gesagt hat: Er hat den Plan nicht verloren. Er hat Zukunft und Hoffnung für sein Volk. Aber dieser Plan entfaltet sich genau dort, wo sie gerade sind. Gott ist mittendrin im Exil. Er wartet darauf, dass sie ihre Koffer auspacken, den Spaten in die Hand nehmen und anfangen, mit ihm zusammen etwas Neues wachsen zu lassen. Was heißt das jetzt für uns? Erst mal ganz persönlich: Was bedeutet das für uns? Vielleicht steckst du gerade in deinem eigenen kleinen Babylon – in einer Lebenssituation, die schwer ist. Du wartest auf das Wunder. Du wartest auf den Ausgang. Und ich möchte dir heute Mut machen: Hör auf, auf den gepackten Koffern zu sitzen! Gott ist schon längst bei dir in dieser Situation. Er hat Gedanken des Friedens über dein Leben – er will, dass du anfängst, Gärten zu pflanzen. Auch wenn der Boden gerade hart und trocken wirkt: Wo kannst du heute genau in deinem Umfeld Verantwortung übernehmen? Wo kannst du auch Frieden stiften? Und jetzt schauen wir noch mal auf uns als Gemeinde. Ich habe vorhin gesagt, wir spüren Aufbrüche – wir sind aufgewachsen. Wir sind auf einem Weg. Jeremia 29 ist ein Weckruf an uns alle: Wir können uns entscheiden. Wir können uns hinstellen, die Arme so ein bisschen verschränken und sagen: „Früher war alles besser.“ Ich warte mal ab, was die Leitung da vorne so macht. Wenn es mir nicht passt, habe ich meinen Koffer ja schnell gegriffen. Oder wir fangen an, diesen Ort hier aktiv zu gestalten – und wir fangen an, diesen Ort hier aktiv zu gestalten – und wir fangen an, diesen Ort hier aktiv zu gestalten. Gott ruft uns zu: Packt die Koffer aus! Richtet euch ein! Werdet Teil von dem, was hier geschieht. Ein neuer Weg bedeutet Arbeit. Ein Haus bauen baut sich nicht von selbst. Ein Garten pflanzt sich nicht durch Zuschauen – da macht man sich die Hände schmutzig. Wo kannst du dich einbringen? Wo ist dein Platz, um den Schalom zu machen? Wo ist dein Platz, um den Schalom in dieser Gemeinde zu fördern? Vielleicht bedeutet das, in einer Kleingruppe Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht heißt es: Bei den Kids unten mitzuarbeiten. Vielleicht bedeutet es einfach mal auf jemanden zuzugehen, der neu ist – und Frieden und Willkommenskultur zu leben. Wir sind keine Wartehalle hier. Wir sind ein Ort, an dem Gott Zukunft und Hoffnung bauen möchte. Wir sind ein Ort, an dem Gott Zukunft und Hoffnung bauen möchte. Und dafür braucht er Leute, die bereit sind zu bleiben – auch wenn es mal anstrengend ist. Leute, die die Geduld der kleinen Schritte lernen: Echte Veränderungen brauchen nämlich Zeit. Wahre Aufbrüche passieren nicht einfach so über Nacht. Es braucht viel Zeit. Wir pflanzen heute vielleicht Bäume – in deren Schatten vielleicht erst die nächste Zeit, die nächste Generation sitzen wird. Stellt euch mal vor: Was passiert, wenn wir das wirklich begreifen? Stellt euch vor: Diese ganzen Koffer hier verschwinden aus unseren Köpfen. Wir als Gemeinde verabschieden uns von der Nostalgie – wir hören auf, Dingen hinterherzutrauern, die vorbei sind. Wir fangen an, die Realität zu umarmen, so wie sie eigentlich ist. Und dann schauen wir über unsere eigenen vier Wände hinaus: Gott sagt, sucht der Stadt Bestes! Er meint damit nicht nur unsere Gemeindeblase – er meint unsere Nachbarschaft. Er meint Wiesbaden. Er meint die Orte, an denen wir arbeiten und leben. Und wenn wir anfangen, unsere Koffer auszupacken, dann werden wir zu Leuten, die ihre Umgebung verändern: Wir meckern nicht mehr – wir beten für sie. Wir ziehen uns nicht zurück – wir mischen uns ein. Wir bringen Gottes Schalom, also Gottes Frieden, genau dorthin, wo Unfrieden herrscht. Haben wir als Gemeinde überhaupt die Kraft, eine Stadt wie Wiesbaden positiv zu prägen? Schauen wir mal auf die ersten Christen: Im Römischen Reich gab es damals furchtbare Pestepidemien – und was passiert? Die Heiden und sogar die Ärzte flohen panisch aus den Städten. Sie ließen ihre eigenen Verwandten zum Sterben zurück. Und die Christen, die machten genau das Gegenteil: Sie blieben. Sie packten ihre Koffer nämlich nicht – sie pflegten die Kranken. Sie kümmerten sich um ihre eigenen Leute, aber genauso um die heidnischen Nachbarn. Und das war eigentlich in der damaligen Gesellschaft Abwechslung: Das war absoluter Wahnsinn! Aber genau dadurch ist das Christentum extrem gewachsen. Die Antike wurde nicht durch schlaue theologische Argumente von Jesus überzeugt – sie wurde überzeugt, weil die Christen blieben und das Beste der Stadt suchten, als die Stadt im Sterben lag. Und genau diese Art von Dableiben und Anpacken brauchen wir auch heute: Genau das ist Gottes neuer Weg. Er holt uns nicht aus der Welt heraus – er stellt uns mitten hinein. Er macht uns zu Menschen, die Hoffnung ausstrahlen, weil wir wissen: Der Herr der Welt hat Gedanken des Friedens. Lasst uns diese Gemeinde zu einem blühenden Garten machen! Lasst uns zusammen Häuser bauen! Lasst uns den Spaten in die Hand nehmen – Gott ist da und er wartet auf uns.