Leidenschaft. Leidenschaft macht uns Menschen wunderbar unvernünftig. Wenn jemand für eine Sache brennt, investiert er Zeit, Geld und Energie in einem Maß, das für Außenstehende manchmal völlig verrückt wirkt.
Stellt euch mal einen Mann vor, der nach einem langen Arbeitstag im Büro abends in seinem Keller geht. Er hat ein Hobby: Er baut Tiffany-Lampen – so Lampen aus Glassteinchen, die man dann zusammensetzt. Für sein größtes Meisterwerk schneidet er 2000 Flügel – 500 einzelne kleine Glasstücke von Hand aus. Er schleift die Kanten, umwickelt jedes einzelne Stück mit Kupferfolie und lötet am Ende alles von Hand zusammen. Für nur vier dieser winzigen Teile braucht er vier Stunden. Insgesamt investiert er also 625 Stunden Arbeit – für die Kupferfolie allein. Für diese eine einzige Lampe verteilt über drei Jahre.
Und das ist pure Leidenschaft.
Ich hatte auch einen Freund, dessen Vater auf dem Dachboden eine Modelleisenbahn hatte. Auf dem ganzen Dachboden. Da hat er auch Jahre investiert und immer neue Details eingebaut. Hat er aus Pappmaché hergestellt, Spanplatten zugesägt und so weiter. Bis dieses Meisterwerk auf dem ganzen Dachboden von Raum zu Raum verteilt gewesen ist.
Aber wir können auch an Sport denken: Marathonläufer. Eine Marathonläuferin. Ich weiß nicht, ob ihr euch das freiwillig antun würdet. Aber so eine Person, die sich auf einen Marathon vorbereitet, trainiert monatelang. Steht morgens auf – vielleicht um vier Uhr, noch im Dunkeln. Und selbst bei Regen fängt sie an zu trainieren. Marathonlaufen ist eine Tortur für den Körper. Und wer sich das antut, der muss doch ein inneres Feuer für diese Sache haben: Einen inneren Antrieb.
Im Englischen gibt es für diese Art der Extremität, Streben und Hingabe das Wort „Passion“. Wer eine Passion hat – für etwas –, hat einen absoluten Fokus auf diese eine Sache. Wir befinden uns ja auch aktuell in der Passionszeit. Und im Deutschen verbinden wir das Wort „Passion“ (was im Englischen „passion“ ausgesprochen wird) zuerst mit der Leidensgeschichte Jesu – und zwar mit seiner Beziehung zu Jesus.
Tatsächlich aber hängen beide Bedeutungen untrennbar zusammen. Jesu Weg ans Kreuz ist nur zu verstehen, wenn wir auch diese Leidenschaft für uns Menschen begreifen: Er hatte eine Passion – eine grenzenlose Liebe zu jedem Einzelnen von uns – und diesen stärksten Antrieb, der ihn dazu bewegte, sich auf den Weg nach Jerusalem zu machen. Und aus genau dieser unvernünftigen und aufopferungsvollen Hingabe heraus ruft er nun Menschen an seine Seite.
Und auf diesem Weg begegnet Jesus drei Männern. In diesen drei kurzen Begegnungen, die uns überliefert sind, werden drei ganz typische menschliche Ausweichmanöver sichtbar – innere Konflikte, die viele von uns vielleicht auch kennen.
Je nachdem, in welcher Lebensphase wir gerade stecken, welchen Charakter wir haben und was uns geprägt hat, entdecken wir in diesen Begegnungen vielleicht Fragen oder Hürden aus unserem eigenen Leben wieder. Hören wir uns die erste Begegnung einmal an:
Ich lese aus dem Lukas-Evangelium im 9. Kapitel die Verse 57 und 58 zuerst.
„Und als sie auf den Weg dahin zogen, also nach Jerusalem, sagte einer zu ihm: ‚Ich werde dir folgen, wo immer du hingehst.’ Und Jesus sagte zu ihm: ‚Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester. Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann.’”
Die Initiative geht hier voll und ganz von diesem Mann aus. Er sprüht vor Begeisterung. Er will sofort mitkommen – vielleicht träumt er von einem aufregenden Leben an der Seite eines bewunderten Meisters. Er sieht wahrscheinlich die Wunder und jubelnden Menschenmassen vor seinem Haus, die Wunder vor seinem inneren Auge.
Möglicherweise hat er die Speisung der 5000 miterlebt – die ganz am Anfang im Kapitel 9 steht. Vielleicht war er auch dabei, als Jesus vor kurzem noch ein Kind geheilt hatte – auch ein paar Verse vor diesem Ereignis.
Jesus holt ihn jedoch sofort auf den harten Boden der Tatsachen zurück: Er macht unmissverständlich klar, wie sein Alltag dann auch funktioniert – wie sein Alltag wirklich aussieht. Er hat seine Heimat in Nazareth längst aufgegeben. Er ist auf dieser Erde völlig heimatlos. Sogar die Tiere in der freien Natur haben mehr Sicherheit und einen festen Wohnsitz als er.
Der einzige Ort, an dem Jesus am Ende seinen Haupt wirklich niederlegen wird, ist der Holzbalken am Kreuz.
Vielleicht kennst du auch so eine anfängliche Begeisterung für den Glauben aus deinem eigenen Leben. Da ist Euphorie da – nach einem tollen Gottesdienst oder einem besonderen Ereignis. Du warst auf einer Konferenz, auf einem Lobpreisabend, Gebetsabend oder irgendetwas anderem. Und du sprühst nun vor Energie.
Aber gleichzeitig lieben viele von uns auch die Bequemlichkeit: Wir richten uns gerne in unseren persönlichen Fuchsbau ein. Oft wünschen wir uns eine Spiritualität – also ein geistliches Leben, das sich anfühlt wie ein warmes Vogelnest. Eine Religion, die uns vor den Stürmen der Welt abschirmt und uns ansonsten mehr oder weniger in Ruhe lässt.
Und dieser Fuchsbau ist eigentlich ein starkes Symbol für unser zutiefst menschliches Bedürfnis nach absoluter Sicherheit: Wir bauen uns moderne Höhlen durch Bausparverträge, lückenlose Versicherungen und festgefahrene Routinen in unserem Leben. Wir wollen genau wissen, was morgen passiert – und jedes Risiko dann auch ausschließen.
Und dieser Wunsch nach Gemütlichkeit und Planbarkeit hält uns oft in unseren bequemen Wänden gefangen.
Jesus durchbricht diese Illusion der totalen Sicherheit: Er lädt uns ein, auf das unberechenbare Abenteuer des Vertrauens einzugehen – und das Kontrolldenken auch Stück für Stück loszulassen. Wer im Fuchsbau bleibt, verpasst nämlich das eigentliche Leben.
Oft pflegen wir uns in der Zeit, wo wir unsere Ängste vor Veränderungen klammern uns an das, woran wir uns eigentlich gewöhnt haben. Das zeigt sich ganz konkret im Alltag: Jemand bleibt lieber in einem Beruf, der ihn krank macht – aus Angst vor einem Neuanfang. Ein anderer drückt sich vor einem klärenden Konfliktgespräch – vielleicht in der Familie oder in der Gemeinde – weil es bequemer ist, den Frieden nur oberflächlich zu wahren.
Oder wir ziehen uns in eine zynische Zuschauerhaltung zurück: Wir sitzen dann quasi auf dem Sofa, kritisieren die Gemeinde, die Gesellschaft, die Politik – halten uns aber selbst vor jeder aktiven Mitarbeit fern.
Leidenschaft für Jesus bedeutet, aufzustehen und mutig aus diesem Nest zu klettern. Wir gehen weiter.
Schauen wir uns die zweite Begegnung an: Die steht im Vers 49 und 60.
„Er sagte aber zu einem anderen: ‚Folge mir nach.’ Der aber sagte: ‚Herr, gestatte mir zuvor hinzugehen, um meinen Vater zu begraben.’ Er aber sagte zu ihm: ‚Lass die Toten ihre Toten begraben. Du aber geh hin und verkündige die Herrschaft Gottes.’”
Diesmal ergreift Jesus selbst die Initiative und ruft den Mann in seine direkte Nachfolge.
Die Antwort des Mannes klingt für unsere Ohren vielleicht einleuchtend und auch vernünftig: Im damaligen Judentum war die Bestattung der eigenen Eltern die allerhöchste religiöse Verpflichtung. Es war die religiöse Pflicht, die man als Kind hatte.
Diese Pflicht war so wichtig, dass sie einen Menschen von allen anderen religiösen Gesetzen entbante: Wenn es irgendwelche Pilgerreisen anstand – irgendwelche großen Feste oder so was – aber ein Elternteil verstorben ist, musste man diese Reisen nicht antreten. Wer sich um ein Begräbnis kümmerte, der musste die Gebetszeiten nicht mehr einhalten und durfte das Thora-Studium auch unterbrechen.
Der Mann beruft sich also auf das stärkste Argument, das seine Kultur zu bieten hatte.
Und dann schockiert Jesu Antwort: „Lass die Toten ihre Toten begraben.”
Aber Jesus ist hier nicht pietätlos. Er formuliert eine gewaltige theologische Zusage an diesen Mann:
Im Alten Testament gab es nämlich eine einzige Ausnahme von diesen strengen Begräbnispflichten – und die galt auch nur für einen einzigen Menschen im Volk Israel, nämlich für den Hohen Priester.
Der Hohen Priester durfte sich unter keinen Umständen an einem Toten verunreinigen – nicht einmal bei seinem eigenen Vater oder seiner Mutter. Diese eine einzige Person musste immer alle Regeln befolgen. Alle anderen durften das Begräbnis voranstellen: Seine Aufgabe galt nämlich ausschließlich dem Heiligtum und dem Leben.
Jesus sagt diesem Mann durch die Blume: „Du gehörst ab heute zu meinem neuen, lebendigen Priestervolk. Du bist berufen, das ewige Leben und die Herrschaft Gottes zu verkündigen.” Das hat nun die absolute Priorität.
Und in diesem zweiten Mann spiegelt sich ein weiterer innerer Konflikt wieder: Es ist die Macht der Konvention und der Erwartung anderer. Der Mann im Text war gebunden an das, was sein Umfeld in dieser Situation dann auch von ihm verlangte und erwartete.
Und manchmal ertappen wir uns bei ähnlichen Gedanken: Wenn irgendwas ansteht oder wenn eine Idee kommt – dann sagen wir: „Herr, ich will dir nachfolgen, aber lass mich zuerst noch dieses oder jenes klären.”
Wir warten auf den perfekten Moment, um unseren Glauben dann auch wirklich voll auszudrücken – um auszuleben. Ein Moment, in dem die Kinder vielleicht aus dem Gröbsten heraus sind, die berufliche Karriere gesichert ist und unser Leben aufgeräumt wirkt.
Oft ist es schlicht der Drang, normal zu bleiben und bloß nicht aus der Reihe zu tanzen: Wir passen uns lieber den gesellschaftlichen Spielregeln an – als durch eine konsequente Entscheidung für Jesus als Sonderbar dann auch zu gelten. Und dahinter steckt die Angst vor der Meinung anderer:
Was denken meine Arbeitskollegen, wenn ich plötzlich christliche Werte in meinem Büro auch lebe? Halten mich meine Verwandten für verrückt?
Aber Glaube ist doch kein Projekt für später – wenn alles andere erledigt ist. Es ist nicht in Konkurrenz zu deinem Alltag.
Jesus lädt dich eigentlich ein, deinen Glauben genau jetzt in deiner unperfekten Lebensrealität zu integrieren: Du bist mitten in deinem Beruf, mitten in deiner Familie dazu berufen – als Priesterin oder als Priester Hoffnung und Leben zu verbreiten. Das ist dein Auftrag.
Gehen wir in die dritte Begegnung hinein: Der letzte Konflikt.
Ich lese die Verse 61 und 62:
„Es sagte aber auch ein anderer: ‚Ich werde dir folgen, Herr, zuvor aber gestatte mir Abschied zu nehmen von denen zu Hause.’ Jesus aber sagte zu ihm: ‚Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, ist tauglich für die Herrschaft Gottes.’”
Jesus sagt: Dieser dritte Mann hat ein sehr bescheidenes Anliegen – im Gegensatz vielleicht zu den anderen. Er möchte nur noch einmal kurz nach Hause laufen und seine Familie lebewohl sagen.
Die Menschen damals dachten bei dieser Szene sofort an eine Erzählung aus dem Alten Testament: Der Prophet Elia hatte seinen Nachfolger Elisa bei der Arbeit auf dem Feld berufen. Da kam Elia vorbei – da hat er den Eindruck gehabt, das ist jetzt mein Nachfolger. Elisa bat um exakt denselben Abschied von seinen Eltern – und Elia gestattete es ihm.
Jesus stellt sich mit seiner Antwort ganz klar: Er ist ganz bewusst über Elia informiert. Er fordert eine absolute Entschlossenheit – und er wählt ein Bild eines Pflügers, eines Mannes, der das Feld umpflügt.
Und der palästinensische Pflug damals war ein sehr leichtes Werkzeug – also sehr leicht aufgebaut. Ich habe euch ein Bild mitgebracht aus dem Lexikon: Und der Bauer führte den Pflug mit der linken Hand. Und mit der rechten Hand hielt er den Stock, um da auch die stürrischen Ochsen anzutreiben.
Und er musste hochkonzentriert zwischen den Tieren hindurch auf das Ziel schauen: Ein einziger Blick zurück über die Schulter riss den Pflug sofort aus der Bahn. Und die Pfurche wurde dadurch schief.
Vielleicht bemerkst du diesen Konflikt manchmal auch bei dir selbst – es ist die Neigung, in die Vergangenheit zu blicken: nostalgisch zu werden. Wir brechen innerlich zwar auf – hängen aber mit unseren Gedanken und unserem Herzen in der Vergangenheit. Wir trauern alten Zeiten hinterher.
Das heißt nicht, dass die alten Zeiten schlecht waren. Die waren auch gut. In der Gemeinde fällt dann oft der Satz: „Das haben wir schon immer so gemacht.” Ein ständiger Blick in den Rückspiegel – blockiert jedoch das Vorankommen. Ein Auto lässt sich nur lenken, wenn es auch fährt.
Und Jesus fordert uns auf, den Blick konsequent nach vorne in die Zukunft Gottes zu richten: Die Arbeit am Pflug steht für unseren ganz normalen, oft unspektakulären Alltag. Die wahre Kraft entfaltet sich in dieser stetigen Ausrichtung – auch nach vorne.
Und du erlebst diese Kraft zum Beispiel, wenn du eine alte Kränkung endlich hinter dir lässt: Solange du dich ständig umdrehst und die Fehler der anderen aus der Vergangenheit aufzählst, bleibst du innerlich gelähmt. Sobald du den Blick fest auf Jesus richtest und entschlossen nach vorne schaust, gewinnst du wieder deine Handlungsfähigkeit zurück.
Du findest die nötige Energie für einen mutigen ersten Schritt auf den anderen zu: Dein ganzes Handeln konzentriert sich aber jetzt auf die Versöhnung im Hier und Jetzt. Das wäre ein Beispiel.
Wenn wir diese drei Begegnungen auf uns wirken lassen, dann kann das sehr herausfordernd sein – und das klingt auch sehr herausfordernd:
Bequemlichkeit aufgeben, Erwartungen anderer enttäuschen, die Vergangenheit loslassen. Und aus eigener Kraft stoßen wir schnell an unsere Grenzen.
Und genau hier setzt die Zusage des heutigen Sonntags an: Julia hat es in ihrer Einleitung schon angesprochen – wir feiern heute den Sonntag Okuli. Und das Wort stammt aus der lateinischen Übersetzung vom Psalm 55 und bedeutet „meine Augen”. Der vollständige Satz lautet: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn.”
Und hier liegt die befreiende gute Nachricht – das Evangelium für heute:
Du musst die Last dieser Perfektion nicht tragen. Richte deine Augen einfach auf Jesus.
Er ist der Einzige, der diesen radikalen Weg der Nachfolge bis zum bitteren Ende auch gegangen ist: Er gibt jede irdische Heimat auf. Er ordnet jede familiäre Konvention dem Willen Gottes unter. Er legt seine Hand an den Pflug und blickt auf seinen Weg zum Kreuz nicht ein einziges Mal zurück.
Jesus geht diesen extremen Weg für dich – seine Hingabe befreit dich davon, dir deine Erlösung durch krampfhafte eigene Anstrengungen verdienen zu müssen. Dein Glaube wächst aus dem tiefen Vertrauen auf seine vollbrachte Arbeit.
Und wir dürfen mit all unseren Schwächen und Ausreden zu ihm kommen: Glaube bedeutet nämlich nicht, dass du morgen deinen Beruf kündigen musst oder deine Familie verlassen musst. Das Reich Gottes wird genau dort gebaut – wo du gerade auch bist und stehst.
Lass dich von der Passion, von der grenzenlosen Leidenschaft Jesu für dich anstecken: Diese Leidenschaft, die ihn in seine eigene Passion am Kreuz geführt hat, gilt nämlich ganz persönlich dir. Richte deine Augen auf ihn – und dann geh mutig den nächsten Schritt aus deinem Fuchsbau heraus.
Amen. Amen.