Ja, im Namen Jesu begrüße ich euch zur Predigt. Heute über einen kurzen, herausfordernden Text aus dem Johannesevangelium. Ein Vers aus diesem Text hat den Predigtitel inspiriert und den habt ihr heute auch schon mehrfach gehört: „Wer mir dienen will, folge mir nach. Wo ich bin, wird auch mein Diener sein.“
Wir alle haben Bilder und Vorstellungen von Jesus in unserem Herzen und unserem Kopf. Geformt von unserem Leben und von allem, was sich so im Lauf des Lebens rings um uns getummelt hat: Die Christen, denen wir begegnet sind; die Kirchen und Gemeinden, in denen wir waren; die Geschichten und Worte Jesu aus den Evangelien, die wir gehört haben – Advent, Weihnacht, Fastenzeit, Ostern, Pfingsten. Dann kommen noch die konfessionellen Lehren, in denen wir so aufgewachsen sind oder auch nicht. Bibelauslegungen, Zeitgeist und dazu kommen doch wir selber: Unser Charakter, unsere Geschichte, unsere geistlichen Erfahrungen.
Ja, wie war er wohl, Jesus? War er der milde Gottessohn, hier so mehr im Hintergrund, oder war er mehr so der grimmige Gottesrebell – was dem, der dieses Bild gestaltet hat, wohl eher vor Augen stand?
So oder so: Paulus sagt, dass wir auserwählt sind, dem Bild Jesu, des Gottessohnes, gleich zu werden. Und Jesus sagt zu uns: „Amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben liebt, verliert es. Wer sein Leben in dieser Welt hasst, wird es bewahren ins ewige Leben. Wer mir dienen will, folge mir nach. Wo ich bin, wird auch mein Diener sein.“ Amen.
Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren.
So, Johannes 12, 24 bis 26. Jesus macht nicht nur hier, sondern auch in anderen Worten deutlich, dass es in seiner Nähe – und wenn wir ihm nachfolgen – um Leben gewinnen oder Leben verlieren geht: Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Und wer aber sein Leben verliert, um meinetwillen, der wird es finden.
So bei Matthäus und Lukas. Markus ergänzt: „Wer sein Leben verliert, um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es finden.“ In Matthäus verbindet Jesus ganz ähnlich wie unser heutiger Bibeltext inhaltlich Nachfolge, Selbstverleugnung und das Aufnehmen des Kreuzes. Er sagt dort: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“
Mit all diesen Worten – egal ob dem Predigtext heute oder den ganz ähnlichen Passagen in den anderen Evangelien – sind wir nicht irgendwo auf einem Nebengleis, sondern im Zentrum der Verkündigung Jesu.
Jetzt unser kleiner Text mal Vers für Vers: „Wer sein Leben liebt, verliert es. Wer sein Leben in dieser Welt hasst, wird es bewahren ins ewige Leben.“
Todes- oder Lebensoptionen hat so ein Getreidekorn. Also ein Weizen- oder Gerstenkorn bleibt unter normalen Bedingungen etwa drei bis zehn Jahre keimfähig. Wenn es sehr trocken oder kalt gelagert wird, bleibt so ein Korn auch mal über ein paar Jahrzehnte keimfähig. Dann aber verliert der Kern des Korns – der sozusagen das eigentlich Lebendige ist – nach und nach durch chemische Prozesse, durch Zellzerfall und auch durch DNA-Veränderungen seine Keimfähigkeit: Das Weizenkorn stirbt.
Alternativ könnte so ein Weizenkorn nicht ausgesät werden, sondern gefressen oder gegessen werden. Es stirbt und spendet dabei etwas Leben – für einen Menschen oder für ein Tier. Wenn ein Korn in die Erde fällt oder es bewusst gesät wird, auch dann stirbt es – aber es produziert dabei überraschend viel Frucht.
Ein Weizenkorn treibt unter normalen Anbaubedingungen und auch je nach Sorte natürlich etwa drei bis fünf Halme mit Ähren. Jede Ähre trägt in einer Durchschnittsernte heutzutage etwa 40 Körner. Das heißt, aus einem Weizenkorn können unter normalen Bedingungen 120 bis 200 Körner Frucht entstehen. Und wenn ein Weizenkorn ganz optimale Bedingungen hätte, dann kann es sogar 30 bis 40 Halme treiben und auch 60 oder 80 Körner tragen – das sind etwa 1.500 bis 2.000 Körner.
Daraus ergibt sich eine proportionale Vermehrung, die ist unvorstellbar.
So, was bedeutet das für uns? Jesus überträgt diese Fruchtmenge – die ja wirklich für ein Korn unter normalen Bedingungen schon mal gewaltig ist – auf unser Leben und unsere Nachfolge. Und er beschreibt den Weg zu dieser vielfachen Frucht: „Wer sein Leben liebt, verliert es. Wer sein Leben in dieser Welt hasst, wird es bewahren ins ewige Leben.“
Wenn diese Worte nicht von Jesus stammten, ihr hättet sie noch nie gehört und würdet sie heute erstmalig aus meinem Mund als Predigt hören.
So etwa: Wenn ihr euer Leben liebt, verliert ihr es. Wenn ihr euer Leben hasst, werdet ihr es ins ewige Leben retten.
So, wenn ihr das heute zum ersten Mal von mir hörtet, dann würden viele sagen, dass ich viel zu vereinfacht schwarz-weiß predige und viel zu viel Druck mache würde. Und man soll sein Leben doch lieben, weil Gott die Liebe ist – und es nicht hassen.
So, jetzt war Jesus kein diplomatischer Prediger, sondern er formuliert hier schwarz-weiß eine Alternative, die so deutlich, so krass ist, dass sie uns zwingt, innezuhalten und drüber nachzudenken: Was ist denn eigentlich mein Leben? Was ist das Leben, was Jesus schenken will?
Also daher: Was ist denn dein Leben, das du liebst?
Im Griechischen steht hier die ersten beiden Male im Vers der Begriff „Psyche“. Der umfasst im Neuen Testament unsere irdische Existenz, unser inneres Wesen mit allen Emotionen, Empfindungen. Er umfasst unser Bewusstsein – das sich in unserem Charakter widerspiegelt.
Und Jesus kontrastiert das mit dem ewigen Leben. Und das ist eigentlich wie eine Doppelung: Denn das Wort, was er dort wählt, „Zoe“, das ist in sich schon das Wort, das immer verwandt wird, wenn es um ewiges Leben oder Leben von Gott geht. Also eigentlich ist das, wie wenn er sagen würde: „Ich schenke euch ewiges, ewiges Leben – oder ewiges Leben, wie es bei Gott ist.“
Dieses Wort „Zoe“, was sozusagen der Kontrast zu meinem, deinem Leben ist („Psyche“), umfasst göttliche, ewige Lebensqualität. Das ist das Leben, das Jesus schenkt. Das ist das, was Gott uns schon jetzt in der Gegenwart gibt: Wenn wir Jesus kennenlernen – wenn wir ihn kennenlernen – und ihm sein Leben geben, dann beginnen diese Veränderungsprozesse in uns.
Diese „Zoe“ kommt von Gott, kommt durch Jesus, beginnt jetzt – und es hat die Qualität, wie Leben bei Gott ist. Und an vielen Stellen, wo Jesus Auftritt hatte, an denen Jesus Aussagen über sich selber trifft, gebraucht er dieses Wort: „Ich bin die Auferstehung“, weil ich das Wort „Zoe“ – das Gott-Leben – verkörpere.
„Ich bin gekommen, damit sie dieses Zoe-Leben und volle Genüge haben.“
Dazu im Kontrast steht oft, was wir lieben – was wir für unverzichtbar für unser Psyche-Leben halten – auf was wir ein Recht meinen vor Gott. Und das ist das, was wir für uns lieben: Was wir für uns lieben, um Gott und Menschen zu haben.
Also: Was ist dein Psyche-Leben in diesem Sinn? Dass du liebst, dass du für unverzichtbar hältst – vor Gott und vor Menschen?
Haben wir zum Beispiel ein Recht, unsere kleinen und großen Grolle zu pflegen? Haben wir ein Recht, Vergebung nicht zu suchen oder unsere inneren Verletzungen zu pflegen – vor Gott zu pflegen? Gott zu verstecken?
Haben wir ein Recht auf beziehungszerstörende Haltungen wie verletzten Stolz, gekränkten Rückzug, Bitterkeit, Streitlust, Eifersucht, Neid, Wutausbrüche, Rechthaberei, Egoismus?
Haben wir ein Recht auf Ersatzgötter wie Erfolg, Geld, Anerkennung oder die verschiedenen Formen von Flucht in Rausch?
Haben wir ein Recht zu sagen: Alles soll so bleiben oder werden, wie ich es liebe – und ich vor allen Dingen will so bleiben, wie ich bin?
Dieses Recht können wir uns nehmen und herausfordern. Das ist, was hier mit diesem „Mein-Leben“ gemeint ist.
Aber es wird immer zerstörerisch wirken.
Wir haben ein anderes Recht: Wir haben das Geschenk, die Gnade – sogar das Recht, Jesus immer ähnlicher zu werden. Immer mehr so zu werden, wie er in diesem „Zu-e-Leben“ ist – diesem Leben mit Qualität von Gott. Wir haben ein Recht, erfüllt zu werden von dieser Art des Lebens: So wie er sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge.“
Nun geht Jesus einen Schritt weiter. Er sagt: „Wer mir dienen will, folge mir nach. Wo ich bin, wird auch mein Diener sein.“
Wo Jesus so überall war, lässt sich anhand der Evangelien erahnen.
Jesus lebte, lehrte und wirkte in religiösen Kontexten wie Synagogen, Tempel, den großen Festen und Feiertagen. Genauso lehrte und wirkte er im Alltag – bei sich zu Hause, in seinem eigenen Haus, in den Häusern von Freunden, von Fremden, von Fragenden – mit Diskussionen oder Essen an Tischen.
Egal, ob er unterwegs war: auf der Straße, in Dörfern, in Städten, auf den Märkten, in der Natur, auf den Bergen, am See oder im Boot. Jesus lehrte, verkündigte das Evangelium, hatte Gemeinschaft mit seinen Jüngern – wandte sich sozialen Randgruppen zu: indem er heilte, Dämonen austrieb, Wunder wirkte, Sünde vergab, Hoffnung und neues Leben spendete.
Und dabei war es egal, ob das Alltagsräume wie Hochzeiten und Feiern oder Grenzsituationen – wie Konflikte, Anfeindungen, Krankheit, Besessenheit, Trauer oder Tod waren. Jesus war, vereinfacht gesagt, in allen wichtigen Lebensräumen seiner Zeit präsent.
Er war aber da nicht nur einfach da, anwesend irgendwie, sondern er füllte diese Lebensräume durch seine Gegenwart mit Gottes Erlebnis, Erkenntnis und mit Gottes Realität. Was passierte da?
In diesen Räumen – egal wo sie waren – wurde Glaube offenbar oder Unglaube. Die einen vertrauten ihm, die anderen verhärteten ihr Herz.
Jesus machte sichtbar, was im Herzen von Menschen war: Herzen wurden durch seine Verkündigung des Evangeliums und durch seine vollmächtige Lehre getroffen. Menschen spürten: Gott redet jetzt zu mir. Sünde wurde aufgedeckt – es passierte Vergebung.
Menschen wurden in eine neue Beziehung zu Gott gerückt. Und das waren Alltagsmenschen, Ausgestoßene, Zöllner, Sünder, Aussätzige. Alle wurden, die ihm begegneten und wollten, von ihm in Gottes Nähe gerückt.
Und dabei hat er Grenzen gesprengt: „Ich bin eben nicht gekommen – ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder.“
Menschen wurden körperlich und seelisch geheilt. Dämonische Bindungen wurden gebrochen. Menschen wurden in die Nachfolge Jesu gerufen.
Für die Leute, wo immer Jesus war – und wo immer sie um ihn waren – wurde erlebbar: Gottes Reich ist nahe und erlebbar. Jesus zu begegnen war nicht nur ein Erlebnis für Bewunderer. Es führte Menschen in ein neues Leben und auf einen neuen Lebensweg: Als Kinder Gottes und als Nachfolger.
Das ist Evangelium ganz, ganz kurz zusammengefasst – wo Jesus war und wie er dort war.
So, jetzt sagen wir ja als Christen: „Jesus Christus, derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit.“ So in Hebräer 13, 8. Hebräer 13, 8. Hebräer 13, 8.
Unser Text heute – damit fordert uns Jesus heraus: „Wer mir dienen will, folge mir nach. Wo ich bin, wird auch mein Diener sein.“
Wenn Jesus in den Lebensräumen seiner Zeit Gottes Sündenerkenntnis, Selbsterkenntnis, Betroffenheit, Buße, Umkehr, Vergebung, Befreiung, Heilung, Glaube, Nachfolge gewirkt hat – wenn Jesus heute noch derselbe ist: Will Jesus denn heute etwas anderes? Hat er sich auf einmal auf die frommen Räume und Gebäude zurückgezogen?
Was meint ihr? Ich denke, nein.
Wenn Jesus derselbe ist, dann will er heute in unserer Zeit – in unserer Gesellschaft – in unseren Lebensräumen genauso breit und umfassend wie möglich präsent sein mit dem, wie er ist: Gottes Erkenntnis, Sünden, Selbsterkenntnis, Betroffenheit, Buße – alles, was da draußen steht.
Und wenn wir das glauben, dann lade ich euch ein: Lasst uns doch nochmal bewusst und intensiv anschauen, wie Jesus sich in den Räumen des Lebens damals bewegt hat – was er dort gewirkt hat. Und lasst uns neu erfassen: Okay, wie möchte Jesus das heute bei uns?
Es gibt ja einen soliden Grundauftrag, den Jesus uns gegeben hat und dem wir folgen können: „Er geht hin in alle Welt und verkündigt die Heilsbotschaft der ganzen Schöpfung.“ Markus 16.
Damit können wir doch neu anfangen – ob das direkt in unserem Lebensumfeld um uns herum ist (Freunde, Bekannte, Nachbarn, Lebensfelder, in denen wir privat sind) oder ob das hier in unseren Gemeinderäumen ist. Und wir können uns doch dabei Schritt für Schritt zeigen lassen: durch Gottes Wort, durch Gebet, durch Hören – in welchen Lebensräumen in Wiesbaden und Umgebung will Jesus heute sein? Welche will er erobern?
So wie der Paulus das gemacht hat: Der ist diesem soliden Grundauftrag einfach gefolgt. Und ist auf seine Missionsreisen gegangen.
Aber er hat sich auch immer wieder von Gottes Geist zeigen lassen, wenn Jesus ihn an einem bestimmten Ort oder zu bestimmten Menschen haben wollte. Gott zeigte ihm dann durch Gesicht: „Hier ein Mann aus Mazedonien – komm herüber! Komm nach Griechenland und hilf uns.“ Also er ist dem Grundauftrag gefolgt.
Aber er hat auch immer gehört, was das war, was Gott – was Jesus konkret als nächsten Schritt oder als nächstes Feld seines Wirkens hatte.
Zum Schluss lässt es sich oder lohnt es sich: Das nicht von Jesus geprägte Leben zu verlieren. Um das neue von Jesus geprägte Leben zu erringen, sich schenken zu lassen und zu verstehen – was und wo und wie will Jesus heute sein?
Jesus gibt selber einen Kommentar dazu: Ob es sich lohnt, sein Leben – mein Leben – dieses, was sich Gott widerborstig widersetzt – zu verlassen und nach seinem zu schauen. Er sagt: „Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren.“
Und das glaube ich, ist auf alle Fälle lohnenswert.
Sich neu mit dem Widerspenstigen in uns – was Jesus widerstrebt – auseinanderzusetzen und nach dem „Zu-eh-Leben“ zu streben. Das ist das, was Gott uns zum ersten Mal gesagt hat.