Predigt · EFG Wiesbaden

Gottesdienst

Hartmut John
Prediger
Hartmut John
Datum
22. März 2026
Bibelstelle
Joh. 13, 1-17 Dienen in Demut
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Transkript

Ich lese den Predigtext aus Johannes 13, die Verse 1 bis 15.

Das Passafest stand nun unmittelbar bevor. Jesus wusste, dass die Zeit für ihn gekommen war, diese Welt zu verlassen und zum Vater zu gehen. Darum gab er denen, die in der Welt zu ihm gehörten und die er immer geliebt hatte, jetzt den vollkommensten Beweis seiner Liebe.

Er war mit seinen Jüngern beim Abendessen. Der Teufel hatte Judas, dem Sohn von Simon Iskariot, bereits den Gedanken ins Herz gegeben, Jesus zu verraten. Jesus aber wusste, dass der Vater ihm Macht über alles gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und wieder zu Gott ging.

Er stand vom Tisch auf, zog sein Obergewand aus und band sich ein Leinen, dann goss er Wasser in eine Waschschüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Tuch abzutrocknen, das er sich umgebunden hatte.

Simon Petrus jedoch wehrte sich, als die Reihe an ihn kam. „Herr, du willst mir die Füße waschen“, sagte er. Jesus gab ihm zur Antwort: „Was ich tue, verstehst du jetzt nicht, aber später wirst du es begreifen.“

„Nie und nimmer wäscht du meine Füße!“ entgegnete Petrus.

Jesus erwiderte: „Wenn ich sie dir nicht wasche, hast du keine Gemeinschaft mit mir.“

Da rief Simon Petrus: „Herr, dann wasch mir nicht nur die Füße, wasch mir auch die Hände und den Kopf!“

Jesus erwiderte: „Wer ein Bad genommen hat, ist ganz rein. Er braucht sich später nur noch die Füße zu waschen. Auch ihr seid rein, allerdings nicht alle.“

Jesus wusste, wer ihn verraten würde. Das war der Grund, warum er sagte: „Ihr seid nicht alle rein.“

Nachdem Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen hatte, zog er sein Obergewand wieder an und kehrte an seinen Platz am Tisch zurück.

„Versteht ihr, was ich eben getan habe, als ich euch die Füße wusch?“, fragte er sie. „Ihr nennt mich Meister und Herr und das mit Recht, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und der Meister, euch die Füße gewaschen habe, sollt auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“

Der Läufer geht an den Start, erst ruhig und gefasst. Jahrelang hat er sich auf diesen Augenblick vorbereitet. Nun ist seine große Stunde gekommen, auf die er hingelebt hat: Sieg zu erlangen.

Alles ist für den Wettkampf bereit. Auf den Rängen des Olympiastadions sitzen die Zuschauer und warten gespannt darauf, dass es losgeht. Der Läufer nimmt die Startposition ein. Jetzt muss nur noch das Startsignal gegeben werden und der Lauf kann beginnen.

Jesus befindet sich hier in einer ähnlichen Situation wie der Läufer am Start: Alles ist bereit für den Höhepunkt seines Lebens, auf den sein ganzes Handeln und Reden zugelaufen war. Alles ist bereit für seinen Weg ans Kreuz.

Der offizielle Beschluss, ihn umzubringen, ist von den Hohen Priestern und Schriftgelehrten gefasst worden. Jeder, der weiß, wo er sich aufhält, soll dies sofort melden. Und Judas hat sich schon mit den Mitgliedern des Hohen Rates abgesprochen, dass er ihnen genau diese Informationen geben wird.

Trotz all dieser Gefahren ist Jesus nach Jerusalem gekommen, mitten in die Höhle des Löwen. Heimlich hat er sich nun mit seinen Jüngern in einem Haus versammelt, um mit ihnen das Passamal zu essen. Es ist alles bereit. Alle Beteiligten – die Hohenpriester und Pharisäer, Judas, die anderen Jünger und Jesus selbst – haben ihre Position eingenommen.

Es bedarf der Stimme. Es bedarf nur noch des Startschusses. Und die Ereignisse können ihren Lauf nehmen.

Dieser Moment ist nun gekommen. Jesus erkannte, so berichtet Johannes, dass seine Stunde gekommen war. Mehrfach hatten die Menschen versucht, ihn zu verhaften und ihn umzubringen, aber sie hatten es nicht geschafft, denn seine Stunde war noch nicht gekommen. Nun aber ist es soweit: Nun ist seine Stunde da und das große Finale seines Lebens kann beginnen.

Jesus wird nicht von den Ereignissen überrollt. Er ist nicht ein Opfer ungünstiger Umstände. Nein, er ist souverän. Er ist absoluter Herr der Lage. Er wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte, berichtet Johannes: Über alles hatte der Vater.

Der Vater hat dem Sohn die Macht gegeben, aus sich selbst heraus Leben zu haben. Das heißt, er ist die Quelle des Lebens. Alles, was lebt, hat seine Existenz durch ihn. Und der Vater hat dem Sohn die Vollmacht gegeben, Gericht zu halten, sagt Jesus: Jeder wird sich vor ihm verantworten müssen – die Kleinen und Unbedeutenden, aber auch die Könige, Kaiser, Diktatoren und Herrscher dieser Welt.

Vor etwa 1700 Jahren, nämlich im Jahr 325, trat in Nikaia (in der heutigen Türkei) ein Konzil von Bischöfen aus der gesamten Christenheit zusammen. Es ging um die Frage: Wer ist Jesus? Ist er Gott? Ist er Mensch? Wie ist das eigentlich?

Und schließlich wurde ein Bekenntnis formuliert, das neben dem apostolischen Glaubensbekenntnis für alle christlichen Kirchen verbindlich ist.

Zur Person von Jesus heißt es dort:

„Wir glauben an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit. Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen.“

Man merkt an den Formulierungen, wie die Bischöfe darum gerungen haben, die Hoheit und Herrlichkeit Jesu in Worte zu fassen.

Aber genau dieses Wissen um sich selbst steht Jesus nun vor Augen: Der Vater hat ihm alle Macht gegeben. Und im vollen Bewusstsein seiner Größe und Erhabenheit steht Jesus vom Tisch auf, zieht sein Obergewand aus und bindet sich ein leinendes Tuch um.

Dann gießt er Wasser in eine Waschschüssel und beginnt den Jüngern die Füße zu waschen. Größer könnte der Kontrast doch nicht sein, als er sich hier vollzieht: Jesus, der alle Macht in Händen hält, wäscht seinen Jüngern die Füße.

Habt ihr schon mal jemanden die Füße gewaschen? Wir machen das eigentlich nicht so gerne. Vielleicht waren die Füße der Jünger damals auch nicht so schwitzig wie bei uns, die ja unsere Füße immer in Schuhen und Strümpfen stecken. Aber schmutzig vom Staub und vom Dreck der Straße waren sie auf jeden Fall.

Jesus übernimmt hier die Arbeit eines Sklaven und durchbricht damit alle kulturellen Konventionen. Für die Jünger kam dies völlig überraschend. Das passte so gar nicht in ihr Weltbild. Aber warum? Weil sie nicht in die Welt des Dienens waren.

Warum tut Jesus das? Warum verhält er sich hier auf solch eine ungewöhnliche Weise?

Die Fußwaschung ist ein Zeichen für das Sterben Jesu. Jesus will seine Jünger vorbereiten auf das, was bald geschehen würde. Sie hatten ihn als den Messias, als den von Gott geschickten Retter erkannt. Aber ihr Bild von einem Messias unterschied sich grundlegend von dem, wie Jesus seine Befreiung verstand.

Sie rechneten mit einem politischen Befreier, mit einem strahlenden und siegreichen Anführer, der in der Kraft Gottes das Reich aufrichten würde. Aber für einen Messias, der leiden und sterben würde, gab es in ihrer Vorstellung keinen Platz.

Als Jesus einmal von seinem Tod am Kreuz gesprochen hatte, hatte Petrus ihm entsetzt geantwortet: „Herr, das sollte auf keinen Fall geschehen!“ Aber Jesus wusste, dass er nicht auf keinen Fall geschehen sollte. Und dass das die Jünger völlig aus der Bahn werfen würde.

Darum will er ihnen nun gleichsam ein Modell geben, eine Handlung, die dem Wesen nach das vorweg nimmt, was er in seinem Leiden und Sterben für die Menschen tun würde.

So berichtet Johannes, dass Jesus sein Obergewand ablegt. Und dabei verwendet er dasselbe Wort, das Jesus gebraucht, als er sagt: „Der gute Hirte legt sein Leben für die Schafe nieder.“

Jesus legt sein Obergewand ab, so wie er bald sein Leben niederlegen würde.

Jesus legt sein Obergewand, seine Würde, seine Hoheit, sein Leben nieder, um den Menschen zu dienen und sie zu retten. Nur wenige Stunden später werden ihm die Soldaten vor seiner Kreuzigung die Kleider vom Leib reißen und unter sich aufteilen.

Jesus sagt: „Ich gebe mein Leben freiwillig her.“

So leuchtet in dem Dienst, dass Jesus die Füße seiner Jünger wäscht, seine Hingabe am Kreuz für alle Menschen auf. Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, sagt Jesus, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.

Was motiviert Jesus dazu, nicht nur sein Obergewand, sondern auch sein Leben für die Jünger niederzulegen? Johannes weist sehr deutlich darauf hin: „So liebte er sie bis ans Ende.“

„Bis ans Ende“ – das kann zweierlei bedeuten:

Zum einen bis zum Ende seines irdischen Lebens.

Zum anderen er liebte sie bis zum Äußersten.

Jesus liebt die, die zu ihm gehören, auch wenn es ihm das Letzte abverlangt. Zeitlich gesehen und auch im Hinblick auf die Intensität ist seine Liebe, die er in der Welt verliebt hat, in seiner Liebe zu uns grenzenlos.

In seiner Liebe ist er bereit, seinen Jüngern die Füße zu waschen. Und so ist die Fußwaschung ein Zeichen, ein Hinweis für den Weg, den Jesus ans Kreuz für uns gehen wird.

Aber sie ist mehr als das: Sie ist auch ein Beispiel für demütiges Dienen. Jesus selbst weist darauf hin:

„Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.“

Wir sollen so handeln, wie Jesus an seinen Jüngern gehandelt hat.

Manche meinen, dass Jesus mit diesen Worten ein christliches Ritual eingesetzt hat – nämlich, dass wir einander regelmäßig die Füße waschen sollten. Aber viel wahrscheinlicher ist, dass Jesus seine Jünger hier dazu aufruft, grundsätzlich dazu bereit zu sein, anderen zu dienen.

Eine solche Haltung des Dienens, wie sie Jesus hier zeigte, nennen wir Demut.

Was heißt das aber, demütig zu sein? Gucken wir uns mal das Gegenteil erst an:

Im 17. und 18. Jahrhundert herrschte in Frankreich König Ludwig der Vierzehnte. Er bezeichnete sich selbst als Sonnenkönig. Denn er war davon überzeugt, so wie sich die Planeten um die Sonne bewegen, so drehe sich alles um ihn.

Er baute sich ein riesiges Schloss – das Schloss Versailles (vielleicht wart ihr da schon mal). Mit seinen 1300 Zimmern war es eines der größten Schlösser der Welt. Im Zentrum des Schlosses befand sich nicht etwa eine Kirche, sondern das Schlafzimmer des Königs.

Die Hofhaltung des Königs und seine Kriege verschlangen Unsummen an Geld. Und darum: Als er starb, stand Frankreich kurz vor dem Staatsbankrott.

Es wird berichtet, als die Nachricht von seinem Tod bekannt wurde, haben Leute in Paris getanzt. Die Sonne des Sonnenkönigs war endgültig untergegangen.

Und einige Jahrzehnte später wurde in Frankreich die Monarchie ganz abgeschafft.

Ludwig der Vierzehnte war wohl ein mächtiger Herrscher. Aber dass er sich als Sonnenkönig bezeichnete, war doch eher ein Ausdruck von Selbstüberschätzung und Hochmut.

Der Hochmütige aber belügt sich selbst. Und was er tut, ist darum am Ende immer zum Scheitern verurteilt.

So heißt es schon in Sprüche 16, Vers 18: „Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall.“

Von Natur aus sind wir alle kleine Sonnenkönige. Wir meinen, dass sich alles um uns dreht.

Unsere Perspektiven sind nicht nur die, die uns schützen, sondern auch die, die uns schützen. Unsere Perspektive halten wir für maßgeblich. Unsere Probleme erscheinen uns am drängendsten. Unser Wohlergehen ist doch das Wichtigste.

Aber das ist eine Illusion. Und damit überschätzen wir unsere Wichtigkeit maßlos.

Der Einzige, der mit Recht von sich behaupten konnte, dass sich alles um ihn dreht, ist Jesus: Ihm gehört alle Macht im Himmel und auf der Erde.

Und darum war es auch nicht ein Ausdruck von Hochmut, von Arroganz oder Überheblichkeit, als Jesus bei jenem Passamal daran dachte, dass er von Gott gekommen war und dass er wieder zu Gott ging – und dass der Vater ihm alles in seine Hände gegeben hatte. Denn das entsprach genau den Tatsachen.

Jesus hatte einmal von sich selbst gesagt: „Ich bin von Herzen demütig.“ Und genau das zeigte er hier:

Denn demütig zu sein, ist nicht nur, wenn man sich von sich selbst denkt, sondern auch, wenn man sich von sich selbst denkt, wie es den Tatsachen entspricht.

Der Demütige ist Realist.

Was heißt das aber für uns?

Wir sollen uns nicht einerseits für die Kings halten – für die Sonnenkönige, für den Mittelpunkt der Welt – denn das sind wir nicht. Andererseits sollen wir uns aber auch nicht klein machen und in Minderwertigkeitsgefühle verfallen, denn ein schlechtes Selbstbild hat nur sehr bedingt etwas mit uns zu tun.

Es hat nur sehr bedingt etwas mit der Wirklichkeit zu tun.

Jesus wusste, dass er von Gott gekommen war und wieder zu Gott ging. Als dem ewigen Sohn Gottes galt das für ihn in einzigartiger Weise. Aber in gewisser Hinsicht stimmt das doch auch für uns: Wir kommen von Gott. Wir sind von ihm geschaffen. Er hat uns zu seinem Ebenbild gemacht.

Und damit besitzt jeder Mensch eine Würde, denn er trägt etwas von dem Wesen Gottes in sich. Jeder ist mit einer besonderen Begabung ausgestattet.

Zugleich bedeutet das aber auch: Wir sind nicht Gott. Wir sind seine Geschöpfe. Wir sind nicht die Macher, die alles in der Hand haben. Wir sind abhängig von Gott und von anderen Menschen. Und außerdem sind wir nicht vollkommen – wir sind fehlerhaft und sündig. Und wir sind endlich: und müssen sterben.

So dürfen wir uns über unsere Stärken freuen und sollen uns zugleich unserer Schwächen und unserer Begrenztheit bewusst sein.

Diese ausgewogene, demütige Sichtweise bewahrt uns davor, in Selbstüberhöhung den Boden unter den Füßen zu verlieren. Andererseits schützt sie uns davor, in einer Haltung der Selbstablehnung und Unterwürfigkeit abzurutschen.

Der Demütige steht auf dem Boden der Tatsachen. Das ist entscheidend. Denn nur wer aufrecht steht, kann sich auch hinabbeugen zu dem Hilfsbedürftigen. Nur wer sich seiner Würde bewusst ist, kann sich selbst erniedrigen – um dem anderen zu dienen und ihm die Füße zu waschen.

Der wahrhaft Demütige ist bereit zu diesem Dienst, denn er weiß: dass nicht nur er selbst eine von Gott verliehene Würde besitzt, sondern dass auch der andere, nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, ist.

Dieses Wissen um die eigene Würde und die des anderen ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass wir dem anderen wirklich dienen können. Wenn wir nämlich aus einem Gefühl der Minderwertigkeit einem Menschen unsere Hilfe anbieten – dann geht es uns wahrscheinlich vielmehr darum, für uns selbst Bestätigung und Anerkennung zu erfahren – und nicht so sehr darum, dem anderen zu dienen.

Solch ein Mensch ist letztlich auf sich selbst fixiert. Wie ein kleiner Sonnenkönig dreht er sich um sich selbst – auch wenn man das auf den ersten Blick gar nicht merkt.

Nun ist es ja so: Wir alle wollen gesehen werden, wir wollen gelobt werden, wir wollen vielleicht auch mal im Mittelpunkt stehen, wir wollen wichtig sein. Und diese Bedürfnisse sind ja auch durchaus berechtigt. Aber als Motivation zum Dienen und zum Helfen taugen sie nicht.

Wenn wir dem Beispiel Jesu folgen wollen, dann brauchen wir ein demütiges Herz.

Romano Guardini, ein italienischer Theologe, spricht in diesem Zusammenhang von drei Stufen der Demut:

Ihre erste Stufe ist Bescheidenheit – welche sagt: „Andere sind auch noch da und sind vielleicht besser als ich.“

Der Bescheidene schätzt andere hoch, ist aber auch von seinem eigenen Wert überzeugt. Er hat es nicht nötig, sich auf Kosten anderer vorzudrängen und zu profilieren. Er versucht auch die Fähigkeiten seiner Mitmenschen zu sehen und zu fördern.

Die zweite Stufe der Demut ist Selbstvergessenheit: Der Demütige nimmt die eigene Person nicht mehr so wichtig. Er kann von sich selbst, von seinen Stimmungen, von seinen eigenen Interessen absehen. Er vergisst sich selbst und wendet sich so seinen Mitmenschen und ihren Bedürfnissen zu.

Und die dritte Stufe ist die Liebe: So sagt er, die jene heilige Bewegung mitvollzieht, in welche der große Gott sich ins Kleine hinabgeworfen hat.

„Ein Beispiel habe ich euch gegeben“, sagt Jesus. Ein Beispiel von dienender Demut und liebender Hingabe.

Von Anfang an sind Christen diesem Beispiel gefolgt: Sie kümmerten sich um die Armen, versorgten Witwen und Waisen. Sie pflegten Kranke – auch wenn sie nicht zu ihrer eigenen Familie gehörten. Sie besuchten Menschen im Gefängnis.

Ihren römischen Zeitgenossen war solch ein Verhalten völlig unbekannt. Sie konnten das überhaupt nicht verstehen: Die Sorge für die Armen und Bedürftigen beschränkte sich weitgehend darauf, dass der Kaiser oder hohe römische Beamte ihnen Getreidespenden zukommen ließ – das geschah aber nicht aus Nächstenliebe heraus, sondern aus rein politischem Kalkül. Man wollte Wählerstimmen gewinnen und möglichen Volksaufständen vorbeugen.

Das soziale Engagement der Christen damals hatte eine große Ausstrahlungskraft und trug wesentlich zur Verbreitung des christlichen Glaubens bei – bis es ja dann unter Kaiser Konstantin staatlich gefördert wurde. Sein Nachfolger jedoch, der Kaiser Julian Apostata, wollte im 4. Jahrhundert die Christianisierung des römischen Reiches rückgängig machen.

Und um dies zu erreichen, forderte er nun die heidnischen Priester auf: Es den Christen gleichzutun und sich für die Bedürftigen in der Gesellschaft einzusetzen. Sein Reformversuch scheiterte kläglich an dem Unverständnis und der Gleichgültigkeit der heidnischen Elite.

Es fehlte ihnen das Wissen um die Würde auch des Schwächsten. Und es fehlte ihnen das Beispiel eines Gottes, der sich niederkniete, um seinen Jüngern die Füße zu waschen – der sich erniedrigte, um am Kreuz für sie zu sterben.

Ein, wie ich finde, recht extremes, modernes Beispiel für Demut ist Henri Nouwen. Er war ein Theologie-Professor an der Universität Neumarkt. Durch seine zahlreichen Bücher hatte er Berühmtheit erlangt und aufgrund seiner Vortragsreisen war er ein anerkannter Redner.

Aber im Alter von 54 Jahren gab er seine Karriere auf: Er zog nach Kanada und schloss sich einer christlichen Lebensgemeinschaft an. Dort kümmerte er sich zehn Jahre lang um einen schwerstbehinderten jungen Mann – Adam hieß der Mann. Zu seinen Aufgaben gehörte es, Adam beim Aufstehen, Waschen und Frühstücken zu helfen.

Zuerst fühlte sich der Theologe überfordert, aber dann sagte er: „Adam wurde mein Lehrer.“ Während ich mich damit beschäftige, was man über mich sprach oder schrieb, sagte mir Adam ruhig, dass Gottes Liebe wichtiger ist als das Lob der Menschen.

In Demut war Nouwen bereit zu dienen. Und in seiner Demut erkannte er, dass nicht er der hochgebildete Professor, sondern sein behinderter Freund der eigentliche Lehrer war.

Die Fußwaschung – ein Zeichen für den Weg Jesu ans Kreuz. Die Fußwaschung – ein Beispiel für demütiges Dienen. Die Fußwaschung – wie ich finde – eine echte Herausforderung: In wahrer Demut zu dienen, wie Jesus es vorgemacht hat.

Als er seinen Jüngern die Füße wusch – das ist eine echte Herausforderung.

Vielleicht kommt es uns so vor wie ein 500-Euro-Schein. Wir wissen, dass es ihn gibt. Aber in unserem eigenen Portemonnaie befindet sich nur Kleingeld. Vielleicht sogar nur ein paar Kupfermünzen.

Ja, wir wollen dem Beispiel Jesu folgen – der aufstand und seinen Jüngern die Füße wusch. Aber da stellen wir schon fest: dass es uns überhaupt schon mal schwerfällt, aufzustehen und den bequemen Platz am Tisch zu verlassen.

Und dabei geht es beim Dienen doch so um ganz alltägliche Dinge:

Wer räumt die Küche auf? Wer bringt den Müll raus? Wer putzt das Klo? Wer übernimmt den Fahrdienst? Wer besucht einen Kranken? Wer hilft einem Schüler beim Lernen?

Der Fragenkatalog kann noch unbegrenzt fortgesetzt werden.

Ja, und wenn es denn dazu kommt – dass wir aufstehen, dass wir bereit sind, zu dienen – dann merken wir schnell: dass es gar nicht so einfach ist, das in einer demütigen Haltung zu tun. Denn Demut ist eine flüchtige Sache:

Entweder überlegen wir der Gefahr der Selbstüberschätzung und meinen: Wenn wir schon dem anderen dienen, dann haben wir doch wohl ein Recht auf Anerkennung und Lob.

Oder wir denken zu klein und niedrig von uns – und versuchen durch unseren Dienst das Wohlwollen der anderen zu gewinnen. Und schon wird unsere Motivationslage schief.

Was kann einem da doch so alles durch den Kopf gehen?

Es wäre doch schon schön, wenn andere mitbekommen, wie ich mich hier so einsetze.

Was nützt die ganze Demut und Bescheidenheit, wenn es niemand mitkriegt? Einen Dank wird man doch wohl mal erwarten können. Und ehe man sich's versieht – ist es mit der ganzen Demut schon vorbei.

Und das Schlimme ist: diese Gedanken lassen sich gar nicht so leicht verscheuchen. Sie sind oft auch nur so unterschwellig vorhanden, dass wir sie kaum merken.

Aber was können wir tun? Sollen wir jetzt dagegen ankämpfen?

Wir werden es kaum schaffen. Wir können ja eigentlich nichts anderes tun, als uns selbst mit unserer verzerrten Selbsteinschätzung – mit unseren nicht so edlen Motiven – immer wieder Jesus hinzuhalten.

Denn in der Fußwaschung begegnet uns Herr Jesus zum Glück nicht nur als der Lehrer, der uns ein Beispiel gibt, dass wir nachahmen sollten. Da kommen wir schnell an unsere Grenzen und sind hilflos überfordert. Sondern er zeigt sich ja hier auch als der Erlöser, der sein Leben für uns niederlegt – um uns von innen her zu erneuern.

Denn gerade in der Fußwaschung macht uns Herr Jesus sehr deutlich: wer wir wirklich sind. Denn er wäscht seinen Jüngern die Füße, weil sie eben nicht perfekt sind, weil sie nicht alles im Griff haben – weil sie Reinigung dringend nötig haben.

Aber indem er vor seinen Jüngern kniet, zeigt er ihnen eine hohe Wertschätzung und er zeigt ihnen seine Liebe – und verleiht ihnen damit eine besondere Würde.

Halten wir also unsere Herzen Jesus hin. Setzen wir uns seiner Liebe aus – immer und immer wieder, unser ganzes Leben lang. Und wenn wir so immer mehr von der Liebe Jesu beschienen werden, dann kann – und wenn wir merken, dass Jesus uns liebt und wertschätzt – dann kann wahre Demut in uns wachsen: in einem lebenslangen Prozess.

Denken wir an jenen Abend zurück, als Jesus mit seinen Jüngern das Passamal feierte. Jesus befand sich in der Startposition, wie ein Olympia-Läufer vor seinem Wettkampf. Da stand er auf, legte sein Obergewand ab und wusch seinen Jüngern die Füße.

Wir laufen nicht den großen Olympia-Wettlauf wie Jesus. Wir treten nicht an, die Welt zu erlösen. Aber lasst uns ihm hinterherlaufen – und seinem Beispiel der Demut und des Dienens folgen.

Dieser Lauf kann heute für dich beginnen. Der Zeitpunkt ist da: An den Start zu gehen. Jetzt geht es los.

Amen.