In den letzten Tagen haben Marion und ich miteinander die fünfte Staffel der Jesus-Serie *The Chosen* angeschaut. Dabei wurde mir wie selten zuvor klar, wie verwirrt die Jünger Jesu über Jesu Worte oft gewesen sein müssen. Von seinen Andeutungen, dass der Menschensohn erhöht werden muss – wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat – oder dass die Stunde des Gerichts kommt, dass der Herrscher dieser Welt vertrieben wird, Jesus aber erhöht wird von der Erde und alle zu sich ziehen wird. Selbst wenn Jesus klar von Leiden, Tod und Auferstehung sprach, drang das nicht in die Herzen und Köpfe der Jünger.
Wenn wir wie die Jünger heute an Karfreitag nur die Perspektive von Jesu Leiden und Tod hätten, wären wir wie die Jünger hoffnungslos irritiert und verwirrt. Denn wie wir es heute im Laufe dieses Gottesdienstes schon gehört haben: Von außen beobachtet, kann die Geschichte von Jesus von Anfang bis zum Ende völlig absurd wirken. Ein Gott, der in Jesus in die Welt kommt, Befreiung, Heilung, Hoffnung, Vergebung, Gottes Reich und Gottes Kindschaft bringt – lebt und verkündet – und am Ende an einem Kreuz grausam hingerichtet wird.
Jünger, die drei Jahre hören, lernen, zeichnen und beobachten, Wunder sehen – und am Ende doch scheinbar nicht verstehen. Sie fliehen, Jesus verleugnen und sogar verraten. Hatte Gott keinen anderen Weg zur Erlösung und Vergebung als den Weg von Geiselung, Spott, Leiden, Dornenkrone, Nägeln und Kreuz?
Wir können natürlich versuchen, Jesus zu leiden und zu sterben – aber Gottes Erlösungsweg von dieser schwierigen Frage aus zu verstehen. Gab es keinen anderen Weg? Aber das wäre ein wenig, als ob wir uns für den Weg zu einer Bergspitze die schwierigste Klettertour auswählen würden.
Wir können als Zugang zu Jesu Leiden und Tod aber auch die Antworten nutzen, die Gott und auch Jesus selbst uns gegeben haben. Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab – damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Größere Liebe hat niemand als der, der sein Leben für seine Freunde hingibt.
Nun kann man einwenden: An diesem Punkt ob die Fragen zu Jesu Leiden und Sterben durch die Aussagen von Gottes, Jesu und Jesu Liebe wirklich weniger werden? Ein berechtigter Einwand. Aber für mich ist die Erklärung des Weges Jesu durch Liebe wie ein Wegweiser, der mir hilft, mich in der verwirrenden Vielzahl der Fragen von Glauben und Leben und offenen Fragen zurechtzufinden.
Ich war nur einmal in meinem Leben in einer wirklich großen Stadt. Einmal in Buenos Aires – ein paar Tage. Ich kann euch sagen: Selbst die Einheimischen verfuhren und verirrten sich in dieser Stadt, besonders nachts. Und alleine wäre ich in dieser riesigen Stadt mit ihren damals 15 Millionen Einwohnern hoffnungslos verloren gewesen.
So wie wir uns im Dunkeln einer solchen gigantischen Stadt verirren können – so können wir uns auch in unserem Leben verirren. Gottes Antwort in Johannes 3,16 reicht sogar noch weiter: Er deutet an, dass wir in unserem Leben und darüber hinaus verloren gehen können – wie nachts im Labyrinth einer riesigen Stadt.
Gott aber will, dass unser Leben nicht von Verlorenheit, sondern von der Perspektive Atmung geprägt ist. Und dass die Atmosphäre und Realität der Ewigkeit geprägt ist.
Was ist Ewigkeit? Ewigkeit bei Gott ist nicht endlose Zeit oder gar keine Zeit. Ewig ist alles, was wie Gott ist: Seinem Wesen und Willen entspricht – von seiner Kraft, Weisheit, Gerechtigkeit, Gnade, Liebe inspiriert, angetrieben und getragen wird.
Und das ist die Ewigkeit.
Erleben wir aber wie die Jünger um Jesus, dass wir und unsere Welt von allen möglichen destruktiven Motiven und Kräften hin- und hergerissen werden. Und wir selbst zwischen Gottes Ebenbildlichkeit und der Gefahr, verloren zu gehen – versuchen, unseren Weg zu finden.
Die Jünger Jesu haben letztlich ihren Weg gefunden, weil sie selbst in all ihrer Widersprüchlichkeit an und um Jesus geblieben sind. Und sie immer wieder um sich gesammelt und ihn Orientierung durch sein Wort und seine beispielhafte Liebe geschenkt hat.
Unser Leben mag manchmal verwirrend sein. Und die Realität des Bösen irritierend und verschwindend. Und die Realität des Bösen ist sehr störend – wie es die Jünger vor und in der Kreuzigung erlebt haben.
Aber Jesus lädt uns ein: Schaut zuerst nicht auf das Verwirrende und Irritierende, schaut nicht auf das Böse in euch und in der Welt. Schaut zuerst auf mich – für euch, meine Freunde, jeden, der mir nachfolgt, jeden, der mich zum Zentrum seines Lebens macht: Habe ich mein Leben gegeben.
Schaut nicht zuerst auf das Verwirrende und Irritierende, schaut nicht auf das Böse in euch und der Welt. Schaut auf die Liebe des Vaters, der nicht will, dass ihr verloren geht – sondern sein Leben, ewiges Leben teilt.
Jesus gibt seinen Jüngern und damit auch uns einen klaren Hinweis, was uns auf den Weg zu Gott bringt und bei ihm hält: Gelebte Liebe. So wie Jesus für uns – so wir für ihn, für Gott, füreinander.
Liebt einander, wie ich euch geliebt habe – das ist mein Gebot. Oder wie Jesus die schwierige Frage nach dem wichtigsten Gebot einfach macht:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken – und deinen Nächsten wie dich selbst.“
Die Liebe, die von Gott kommt und die von ihm inspiriert ist, ist wie ein innerer Wegweiser durch alle Herausforderungen und Chancen unseres Lebens, unseres Glaubens, unserer Beziehungen und unseres Handelns. Trotz aller offenen Fragen. Trotz allem Leid und Bösen. Trotz aller erlebten Widerstände.