Ist ja ganz naheliegend: Wer ist denn mein Nächster? Der Bibeltext in Lukas 10 schaut aber ein bisschen tiefer und fragt nach den Motiven des Gesetzeslehrers. Bei der ersten grundlegenden Frage nach dem ewigen Leben wird das Motiv genannt, da stand ein Gesetzeslehrer auf, um Jesus auf die Probe zu stellen. Andere übersetzen: „um ihn zu versuchen“ oder „um ihm eine Falle zu stellen“. Der fromme Mann hatte also ganz unfromme Motive. Auch die scheinbar so naheliegende Frage „Wer ist denn mein Nächster?“ hatte ein ganz schwieriges Motiv. Lukas erläutert: „Der aber wollte sich rechtfertigen.“ Zusätzlich zu diesem fragwürdigen Motiv, dass der Gesetzeslehrer die Antwort schon wusste. Denn in der Schrift stand doch: „Du sollst nicht Rache üben noch Groll behalten gegen deine Volksgenossen; sondern du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Also waren die Nächsten in erster Linie die Volksgenossen, die denselben Glauben hatten und dasselbe Gesetz hielten.
Nun: Wie reagiert Jesus auf diese fragwürdigen Motive des Gesetzeslehrers? Er konfrontiert ihn nicht mit seinen Motiven. Er weist ihn auch nicht darauf hin, dass die Wahrheit der Schrift breiter ist. Denn auch im Alten Testament steht schon: „Wie einen Einheimischen sollt ihr den Fremdling ansehen, der bei euch wohnt.“ Und durch die Wahrheit der Schrift.
Ich habe überlegt: Geht Jesus nicht im Grunde genommen mit uns oft ganz ähnlich um? Seine Worte, seine Gleichnisse – sie malen uns bis heute mit seinem Verhalten die Wahrheit vor Augen. Dann hat er uns seinen Heiligen Geist gegeben, und der flüstert uns dann auch noch die Breite der Schrift zu. Und die Worte, die jeweils für uns entscheidend sind.
Sind wir nicht ein bisschen ähnlich wie der Gesetzlehrer? Dass wir manchmal gerne Fragen stellen, wo wir eigentlich die richtigen Antworten schon kennen? Oder genießen wir es nicht so ein bisschen, wenn wir wissen: „Ja, ich habe Recht und bald wird sich zeigen, dass der andere Unrecht hat.“ Und sind nicht auch bei uns oft die Motive, die uns antreiben, viel weniger fromm als das, was wir mit unseren Worten sagen oder mit unserem äußeren Verhalten zeigen?
Jesus erzählt dem Gesetzeslehrer einfach nur eine Geschichte – eine Parabel. Und er erzählt sie uns genauso bis heute.
Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter die Räuber. Die zogen ihn aus, schlugen ihn, machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen. Zufällig kam ein Priester jenen Weg – sah ihn und ging auf der ihm entgegengesetzten Seite vorbei. Auch ein Levit, der an den Ort kam, sah ihn und ging auf der ihm entgegengesetzten Seite vorbei.
Ein Samaritaner aber kam vorbei, sah ihn und fühlte Mitleid. Er ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn in ein Wirtshaus und sorgte für ihn. Am Morgen zog er zwei Denare hervor und gab sie dem Wirt: „Sorge für ihn! Was es dich mehr kostet, will ich dir bei meiner Rückkehr erstatten.“
Wer von diesen dreien scheint dir nun der Nächste dessen geworden zu sein, der unter die Räuber fiel?
Der Gesetzeslehrer sagte: „Derjenige, der Barmherzigkeit an ihm geübt hat.“
Ganz offensichtlich: Der Samaritaner wurde dem, der unter die Räuber fiel, der Nächste.
Ist euch aufgefallen, wie Jesus die Ursprungsfrage des Gesetzeslehrers abwandelt? Aus „Wer ist denn mein Nächster?“ macht Jesus: „Wer von diesen dreien scheint dir nun der Nächste dessen geworden zu sein, der unter die Räuber fiel?“
Was verändert sich durch die Abwandlung der Frage durch Jesus?
Egal, oder macht es einen Unterschied?
Bei der Frage von Jesus muss man viel mehr nachdenken. Ja, stimmt – die hat schon eine eigenwillige Form. Man muss ein bisschen grübeln.
„Wer ist denn mein Nächster?“ Ist klar: Das ist – ach erstmal – Theorie. Und da kann ich ja ganz viele theoretische Überlegungen starten, die ich ganz subjektiv, so wie dieser Satz ist, bei mir beginne.
Hier im Gottesdienst sitzen heute durchs lange Wochenende ein bisschen weniger Leute; ich sage mal: 110. Seid ihr alle meine Nächsten? Und wenn ja – was ist denn die Konsequenz daraus? Und wie soll ich denn eigentlich mit Hunderten von Nächsten leben? Denn ihr seid ja nicht die einzigen. Es gibt noch die ganzen in meiner Verwandtschaft und bei meinen Kindern und alle möglichen aus meiner Lebensgeschichte und alle, die mir – so wie heute Morgen erzählt – irgendwo bei irgendwelchen Gelegenheiten begegnen.
Wer sollen wir denn der Nächste sein? Alle zwei, dreihundert, die sich da ergeben?
Und wenn es so ist, dass ihr alle meine Nächsten seid: Dann bin ich doch der Nächste. Dann bin ich doch heillos überfordert. Denn da bin ich ganz schön beschäftigt – allein euch 110 irgendwie als Nächste zu lieben und die anderen 190 auch noch dazu.
Und eigentlich kann da nur so was wie permanente Überforderung oder vielleicht sogar Resignation rauskommen.
Jesus steigt nicht in die Theorie-Diskussion ein, sondern er lenkt den Blick auf die ganze Welt – den Blick auf die konkret erkennbare Not eines Menschen und wie drei verschiedene Leute darauf reagieren. Also: Wer ist denn jetzt eigentlich dem in der Not der Nächste geworden?
Gestern sah ich so mittendrin in der Predigtvorbereitung einen Ausschnitt aus der Dokumentation „Dancing in Jaffa“. Ganz kurz.
Ein international bekannter Tanzlehrer kehrt in seinen Geburtsstaat Jaffa zurück und er initiiert ein Schulprojekt, bei dem palästinensische und jüdische Kinder miteinander Gesellschaftstanz lernen. Und in dieser Dokumentation gibt es eine Sequenz von einem palästinensischen Mädchen, das in der Schule immer wieder heftigste Wutausbrüche an den Mitschülerinnen auslässt.
Später sieht man dieses Mädchen mit seiner Mutter am Grab des Vaters sitzen und wirklich herzerweichend weinen. Das berührte mich ganz intensiv – weil ich dachte: Dieses Mädchen ist wirklich unter die Räuber gefallen. Den Verlust ihres Vaters wird nicht erzählt, wie und was.
Auch in dieser ganzen Situation von Jahrtausenden eingebrannter Vorurteile, Meinungen über die jeweils andere Volksgruppe, Verhaltensnormen, Vorurteile – die alle natürlich bei diesem Tanzprojekt zum Vorschein kamen und alle diese Kinder geknechtet haben mit dem, was man darf und nicht darf: Mit dem anderen, der jüdisch ist oder dem anderen, der Palästinenser ist.
Und was passiert? Weil ein Mensch – dieser Tanzlehrer – diese Not sieht und dieser Not mit seiner speziellen Fähigkeit begegnet, öffnet er diesen Kindern, die alle so elf, zwölf, dreizehn sind, den Weg, dass sie einander als Nächste wahrnehmen. Und das erste Mal einen Juden berühren beim Tanzen oder einen Palästinenser.
Und sie werden – das zeigt der Fortlauf der Geschichte – einander zu Nächsten; Freundschaften entstehen, weil ein Mensch ihre Not gesehen hat und der mit seiner Begabung begegnet ist.
Wenn wir nochmal einen Blick in diese Parabel Jesu werfen: Der Priester und der Levit sie sehen den Überfallenen – und sie gehen, wenn man es korrekt übersetzt, wie die Elberfelder – sie gehen auf der ihm entgegengesetzten Seite vorbei. Der Samaritaner sieht ihn, fühlt Mitleid mit ihm, und geht zu ihm hin und hilft ihm.
Was haben der Priester und der Levit eigentlich gesehen? Sie sahen anscheinend keinen Menschen in Not – sondern sie sahen etwas, was in ihren frommen Kategorien schwer einzuordnen war: weil weder schwarz noch weiß – nämlich halbtot. Von Jesus sehr klug ausgewählt.
Denn erkennbar tot wäre für die beiden eine ganz einfache Kategorie gewesen:
Tot = gleich unrein = gleich den Tempeldienst gefährden = gleich nicht berühren, vorbeigehen.
Wäre der Überfallene erkennbar am Leben gewesen – indem er zum Beispiel um Hilfe gerufen hätte – auch dann wäre die Sache klar gewesen: Denn dann hätten sie in der Zusammenschau der Aussagen der Schrift sich zur Hilfe verpflichtet gesehen. Aber ein halbtoter Mensch war ein Dilemma für sie.
Denn es stellte sie vor die eigene Entscheidung. Und die beiden entscheiden sich für das richtige religiöse Verhalten und die Pflicht – und gegen die Not, die dort lag.
Ich habe mich gefragt: Warum ich mich so sehr für die Heiligen und die Heiligen nicht interessiere?
Ich habe mich gefragt bei der Predigtvorbereitung: Wie ist das eigentlich bei uns? Wie ist es bei mir, wie ist es bei euch – wenn wir andere Menschen sehen? Sehen wir die mit Augen, wo wir die Not wahrnehmen, mit Augen der Liebe? Oder sehen wir die oft durch den Filter unserer Enttäuschungen und Verletzungen, im Urteil unserer Erfahrungen, Begründungen, durch die Not?
Mit der Brille dessen, was für uns leicht, selbstverständlich oder bequem ist? Oder mit dem Maßstab unserer Erwartungen, Prägungen und unserer Frömmigkeit?
Ich fand es erschreckend: Wie oft wir – glaube ich – Menschen mit irgendetwas aus diesem Segment sehen. Und ich fürchte: Wie selten wir sie mit Augen der Liebe sehen, wie Jesus das tat. Oder wie Gott das tut.
Nachdenkenswert – und ich habe es ehrlich gesagt noch selten gehört:
Auch der Samaritaner kannte ja Reinheitsvorschriften. Und in der samaritanischen Fassung der fünf Bücher Mose war es genauso: dass die Berührung eines Toten sieben Tage unrein machte.
Aber der Samaritaner – der in der Samaritaner-Fassung in der Bibel steht – lässt sich von der Not des Ausgeraubten mehr leiden als der Angst vor Unreinheit. Er sah ihn und fühlte Mitleid.
Das griechische Wort für „Mitleid, fühlen“ beschreibt eine innere, fast körperliche Reaktion: so ob sich Magen und Gedärme beim Anblick von Elend zusammenziehen.
Und genau das – was er in der Bibel beschreibt – ist das, was er in den Evangelien mehrfach von Jesus berichtet:
Er sieht Menschen und ihre unterschiedliche Not. Und seine Eingeweide drehen sich voll Erbarmen. Und er handelt: er heilt, er befreit, er lehrt.
Jesus hebt den Samaritaner also auf eine Stufe mit sich. Das Mitleid des Samaritaners – das ist das, was er in der Bibel beschreibt – entspricht dem Mitleid Jesu, wenn er die Not von Menschen sah und deswegen lehrte, heilte, befreite.
Der Gesetzeslehrer definiert Nächstenliebe als Glaubenspflicht. Und er begrenzt die Schar der Nächsten mit einer Regel: Es sind mein Volk – die Juden – die so glauben wie ich. Und daher kommt dann auch die Frage: „Wer ist denn eigentlich mein Nächster?“
Der Samaritaner im Gegensatz lässt sich wie Jesus von der konkret sichtbaren Not eines Menschen innerlich betreffen. Und er wurde damit dem Überfallenen ein Nächster.
Nächster werde ich also nicht durch theoretische Beschreibungen, durch Abgrenzungen oder durch die Erfüllung gemäßer Maßstäbe. Nächster werde ich durch ein Herz, das die Not eines Menschen sieht und sich dann – wie das bei Jesus war – von Gott bewegen lässt zu einem barmherzigen Handeln.
Und wie schon in der Einleitung gesagt: Die Not wird nicht immer so eine riesige sein wie bei dem Überfallenen. Denn Gott sieht auch das verborgene Elend, was nicht nach außen dringt. Aber er kann uns genauso bei der kleinen Not, beim verborgenen Elend berühren und uns aufmerksam machen auf einen Menschen.
Wenn ich das der Predigtreihe entlang buchstabiere:
Nächster werde ich – wenn ich wie Jesus mit dem Gebet und dem Hören auf Gott beginne und dann erfasse: Was und wen hat Gott auf dem Herzen?
Nächster werde ich – wenn ich wie Jesus erst höre und zuhöre, den anderen wahrnehme, sehe, aufnehme, was er auf dem Herzen hat – und dann erst rede oder handle.
Und nächster werde ich heute – wenn ich mich dem konkret zuwende: Was ich sehe an Not oder was Gott mir aufs Herz legt an verborgener Not eines Menschen.
Jesus gibt uns – den Priester und den Levit zum Nachdenken, den Menschen unter den Räubern und den Samaritaner wie eine Anleitung zur Nächstenliebe. Und in der Geschichte verbunden mit der Frage der Gottesliebe und dem ewigen Leben am Anfang.
Und er macht es uns nicht leicht. Er grenzt uns das Nicht-Schön ab – und macht Fall A, B, C und C1 und so weiter. Er stellt uns wie den Pharisäer vor eigene Entscheidungen. Er stellt uns die Frage: „Wem, der unter die Räuber gefallen ist, kannst du der Nächste werden?“ Egal, ob es was Offensichtliches oder was Kleines, Verborgenes ist.
Nicht immer wird es so sein wie in der Parabel. Aber Jesus war ein Freund – Dinge deutlich zu sagen. Und er weist auf die konkrete Not als einen entscheidenden Ansatz: Wer mein Nächster ist.
Und was macht Jesus am Schluss des Ganzen? Er geht dann, macht es so – wie der Samaritaner:
„Dann geh und handle du genauso wie der Samaritaner.“
Und damit überlässt er uns und schickt uns in die Eigenverantwortung. Nicht einfach schwarz-weiß abzugrenzen – sondern von Gott zu.
